Postschiffreise auf dem Yangtse 1984

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      Angeregt durch den Beitrag vom Schiffshebewerk hier mal ein kleiner Bericht von meiner Yangtsefahrt im Frühjahr 1984, kurz nachdem China sich für die westliche Welt öffnete.

      Wir begannen unsere Reise in Shanghai. Die Stadt war das düsterste was ich je erlebte, mehrspurige Strassen mit abertausenden Fahrrädern. Just in dieser Zeit wurde in China das erste private Auto verkauft, Personenwagen gab es nur für Parteimitglieder. So erlebten wir morgens einen totalen Verkehrszusammenbruch nur mit Fahrräder und Linienbussen. Die Fahrräder hatten auch kein Licht, da Licht verboten war, es könnte blenden. In den einfachen Läden hingen Glühbirnen von der Decke, die nicht mehr wie 20 Watt hatten. Lichtreklame gab es keine. Ich muss aber sagen - düsterer wie Shanghai war es nirgends, heute muss es ja fast eine Weltstadt sein.

      Wir flogen dann nach Wuhan, einem sehr schönen Städtchen ("Städchen heisst es hat nur 5 Millionen Einwohner und keine 10!), es war fast ein Kulturschock, hier gab es Licht und Leuchtreklame! Von Wuhan flogen wir nach Yichang, einem kleinen Ort (ca. 4 Millionen Einwohner) am Yangtse (chinesisch Chang-yang). Alleine der Flug war schon abenteuerlich - wir flogen mir einer uralten 4-motorigen Ilyuschin. Den Vordersitz musste man vorklappen um Platz zu nehmen, anderst kam man nicht auf seinen Sitz. Selbstredent war auf der Sitzlehne dann aber ein Häkeldeckchen. Die Stewardessen trugen derbe dunkelblaue Wollhosenanzüge, beim Service trugen sie dann rosa Schürzchen darüber. Aber eigentlich gab es keinen Service, es gab nur ein kleines Präsent von Air China, zuhause hatte ich Massenhaft kleine Sets mit Kämmchen, Haarbürstchen und Spiegelchen, alles in rosa. Bis heute habe ich nicht kapiert ob es für Menschen oder Puppen gedacht war. Ganz hinten - wo es in den uns bekannten Flugzeugen in eine Galley/Küche geht - gab es eine Tür und neugierig wie ich war öffnete ich unterwegs mal die Tür. Seit da weiss ich was "Holzklasse" bedeutet - rechts und links an der Wand entlang war eine Holzbank angebracht auf der Chinesen sassen und mich freundlich anlachten.

      In Yichang landeten wir auf einer Graspiste. Wir bekamen für den Rest des Nachmittags Hotelzimmer, in dem Hotel wurde auch zu Abend gegessen, ansonsten konnten wir im Örtchen spazieren gehen. Gegen Abend holte uns dann ein Bus ab zum Schiffsanleger. Es war schon dunkel und in der Anfahrtsstrasse zum Anleger (Hafen wäre eine schamlose Übertreibung) mussten erst die Tische einer Kneipe zur Seite geräumt werden, die mitten auf der Strasse standen - es gab ja keine Autos!

      Auf dem Schiff gab es zwei Klassen - die 2. Klasse und die 3. Klasse (erste Klasse war ein Kreuzfahrer der ganz neu gebaut wurde). Die 2. Klasse war für Parteifunktionäre reserviert und für Touristen, die aber im Falle dass es zuviel Funktionäre gab in die 3. ausgelagert wurden. Wir hatten Glück, wir durften in der 2. Klasse bleiben. Ich (Alleinreisend) hatte eine Kabine mit einer Engländerin (es war eine englische Reisegruppe - Chinareisen wurden damals noch nicht von deutschen Reiseveranstalter durchgeführt!), mit der ich die gesammte Reise das Zimmer teilte - Einzelzimmer waren unbekannt. Unsere Kabine hatte zwei Betten mit kleinem Nachttisch dazwischen, allerdings ohne Bad, es gab nur ein Waschbecken, das kleinste das ich in meinem Leben gesehen habe. Es gab zwei Duschen für die gesammte 2. Klasse, allerdings handelte es sich um einen Schlauch der aus einem verrosteten Wasserlauf in der Wand kam. Unsere Gruppe teilte sich in zwei Meinungen - die einen fanden es besser sich am Miniwaschbecken zu waschen, die anderen bevorzugten den Gartenschlauch. Die Kabine konnte man nicht zuschliessen, es gab keine Schlösser, wäre damals aber auch nicht nötig gewesen. Die 2. Klasse war am Bug, es gab es einen kleinen Salon mit Fenster - sozusagen ein Minipanoramasalon, den wir eifrig nutzten, da wir leider viel Regen hatten auf der Fahrt. Ausser unserer grossen Gruppe waren noch zwei Italienerinnen und drei chinesische Parteifunktionäre in der 2. Klasse. Zum Essen ging es in einen Speiseraum am Heck des Schiffes. Dazu mussten wir auf Aussendeck nach hinten, so konnten wir in die 3.Klass-Kabinen sehen, die auf Deck gingen - es waren jeweils 6 Pritschen, 3 + 3 übereinander plus ein Tisch. Hätten wir in die 3.Kl. gemusst hätten wir wenigstens nur zu zweien in so eine Kabine gemusst. Es gab auch Innenkabinen, deren Tür auf den Mittelgang gingen. Irgendwann öffnete ich dann mal die Tür zur 3.Kl. im Innenraum - und donnerte sie gleich wieder zu. Ich sah das Treppenhaus, in dem jede Menge Chinesen lagerten (sozusagen die Distansereisenden), mit dem netten Geruch von 100 feuchten ungewaschenen Socken sprich ähnlich wie im Tigergehege. Ich hielt es nicht aus, obwohl mich jede Menge Gesichter freundlich anlachten.

      Yichang liegt an einer Talsperre, heute unterhalb des 3-Schluchten-Dammes. Kurz nach Ablegen sollten wir Schleusen, dies verzögerte sich aber bis ca. 3 Uhr. Trotzdem - es war faszinierend! Und auch der weitere Weg - die Schiffe hatten keine Positionslichter, die ganze Nacht wurde der Schifffahrtsweg mit Scheinwerfer abgesucht, dazwischen tauchten unbeleuchtete Wohnboote auf.

      Unterwegs hielten wir in einem kleinen Örtchen - hatte nur 2 Millionen Einwohner - und da sorgten wir für einen Menschenauflauf, viele Leute hatten noch nie Langnasen gesehen. Am dritten Tag endete die Flussreise in Chonquing.

      Natürlich habe ich damals jede Menge Dias gemacht - irgendwann hoffe ich mal zumindest einen Teil digitalisieren zu können.
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    • Arctica wrote:

      Tigergehege

      "Pumakäfig" nannten wir eine Viermann-Kammer an Bord der "AUGSBURG" oder an Bord der "AMPHITRITE" von Clipper (6/8Mann/Frau).
      Interessanter Bericht. Aber ich glaube zwischen den Zeilen gelesen zu haben, dass Du heute nach 26 Jahren so eine Reise nicht noch einmal machen würdest???
      Ich jedenfalls nicht, hatte ja schon mal irgendwo geschrieben, dass mich das Asiatische irgendwie nicht so in den Bann zieht. Wäre ja auch schlimm, wenn wir alle an die selbe Stelle Fahren. Genügt ja, dass wir langsam anfangen, die HR zu übernehmen.
      Danke für den Bericht!
      Herzliche Grüße
      Ronald
    • Ronald wrote:

      Aber ich glaube zwischen den Zeilen gelesen zu haben, dass Du heute nach 26 Jahren so eine Reise nicht noch einmal machen würdest???

      Generell würde ich so eine Reise sofort wieder machen, das war hochinteressant. Allerdings würde es mich heute mit dem modernen Touristenschiff nicht so interessieren.

      Noch zwei Anmerkungen - ich hatte eine Reise nach Perú und Bolivien gebucht, die wurde kurzfristig abgesagt wegen politischer Schwierigkeiten. Es sollte sich herausstellen dass die Absage gut war, gab es doch genau in den drei Wochen einen Transportstreik in Perú und im öffentlichen Verkehr (Bus, Zug, Flugzeug) ging nichts mehr. So entschied ich mich kurzfristig für die Chinareise, mit dem Hintergedanken, entweder macht China wieder dicht oder es "verwestlicht", relativ urspünglich könnte ich es zu dieser Zeit noch erleben. In der Schweiz wurden damals noch keine China-Reisen angeboten, in Deutschland war es nur Neckermann, bei denen ich auch buchte, durchgeführt wurde es aber von einem englischen Veranstalter. Wir waren 22 Leute in der Gruppe, wovon ausser mir zwei Ehepaare aus Deutschland, der Rest waren Engländer. Reiseleiter war ein in England lebender Deutscher, ausserdem hatten wir noch einen chinesischen Reiseleiter und jeweils vor Ort einen örtlichen. Wir wurden erst bei Ankunft vom örtlichen Reiseleiter informiert in welches Hotel wir kamen, das wurde in Bejing erst festgelegt. In Chonquing - der Endstation unserer Schiffsreise - mussten wir drei Tage ausharren statt der urspünglich geplanten zwei, dies hatte man in Bejing so beschlossen. Chonquing war damals wohl das traurigsten und langweiligste (Millionen-)Kaff das ich je erlebte und ich hoffte nie wieder in dieses Ort zu müssen. Ganz anderst wie es wohl heute ist und wie es Jobo in seinem Reisebericht beschrieb!

      Noch eine kleine Annekdote am Rande - offensichtlich ist im grossen zentralen Reisebüro etwas schiefgelaufen, jedenfalls sollten wir von Bejing nach Guilin fliegen, aber der Bus brachte uns nicht zum grossen Bejinger Flugplatz, sondern irgendwo ausserhalb auf einen Militärflugplatz. Hier bekam unsere Reisegruppe einen eigenen Flieger (B727)! Böse Zungen sagten das liege sicher an der unglaublichen Menge Gepäck unserer Gruppe - war brachten es zum Schluss auf stolze 42 Koffer, die englischen Reisegefährten kauften ein wie wild!

      Wir konnten uns aber in allen Orten frei bewegen und auf eigene Besichtigungstouren gehen, so wir Zeit hatten. An jedem Ort musste aber irgendetwas besichtigt werden, meist etwas das mit Kultur zu tun hatte - eine Stickerei, Grossweberei, ein Malwerkstatt und ähnliches. Mal interessanter, mal weniger.
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    • Danke Arctica, aber
      Nee, also wirklich, mich reizt China überhaupt nicht - wie
      überhaupt Asien - und dann noch damals...aber alle Achtung vor
      Deinem Abenteuermut. Ich gucke mir zwar alles an Reportagen an,
      aus allen Teilen der Welt, alles hochinteressant. Aber manche "Gegenden"
      sind einfach nicht meine Welt 8|
      Gruß
      Renate
    • Renate - so richtig meine Welt ist es auch nicht, auch wenn ich sagen muss Japan möchte ich mal erleben. Aber was mich überhaupt nicht reizt sind Afrika, Neuseeland und Australien. Was ich aber noch sehen möchte - Südamerika und die arabischen Staaten. Unsere nächste grössere Reise nach der Antarktis wird wohl nach Ägypten gehen, ein langgehegter Wunsch meines Mannes, der sozusagen jeden Pharao beim Vornamen kennt. Und auch wenn ich mich nicht ganz so mit der Kultur befasste finde ich die Sache doch auch hochinteressant.
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    • trollfjord wrote:

      Wenn's da nur nicht so heiss waere

      Ist es ja nicht zu jeder Jahreszeit. Ich war zwei Mal beruflich in Ägypten, einmal im November und einmal im Februar. Ich war in Alexandria, Port Said, Izmailia (da habe ich in einem Sofitel direkt am See gewohnt) und Kairo. Das waren für mich, der ja ab 25° eingeht, angenehme Temperaturen. Interessant ist es zu Ramadan, da ist ab Sonnenuntergang die Hölle los. Wenn mein damaliger Geschäftsfreund nicht zwischenzeitlich verstorben wäre, wären Doris und ich garantiert auch mal eine Woche dort gewesen, wobei ich den Landstrich zwischen Alexandria und Izmailia unheimlich interessant gefunden habe, Kamelreiter und Eselskarren auf der falschen Seite der "Autobahn" unbeleuchtet. Was ein Glück, dass ich hinten gesessen habe

    • ja - ich verbrachte mal beruflich eine Nacht in Kairo (immerhin habe ich die Pyramiden bei Vollmond gesehen), wir fuhren in einem Privatwagen - das war der bisher einzige Ort den ich kenne wo ich sagte da bin ich froh dass ich nicht fahren muss :pinch:
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    • Arctica wrote:

      Pyramiden bei Vollmond


      Wieso? Bist Du Pyromanin?

      Wir sind da auch hin. Da kann man dann sehen, wie gut man mit einem Fotoapparat täuschen kann. Man denkt, die liegen mutterseelenallein, die Sphinx da und tappt mit ihrer Pfote in der Wüste - und schon ist man überrascht, wie dicht die an der Stadt/in der Stadt liegen.

      Sehenswert ist auf jeden Fall das Nationalmuseum in Kairo mit den ganzen Tuts und Amons und so.
    • Mittlerweile habe ich mal ein paar Dias gescannt


      seltsamerweise das einzige Foto das ich von Shanghai gefunden habe, irgendwo müssen noch mehr vergraben sein



      eines der Linienschiffe, mit so einem waren wir auch unterwegs. Sie hiessen alle "der Osten ist rot" plus eine Nummer



      Innenkabinen.......................................



      Fahrplanmässiger Halt...



      Irgendwo unterwegs hatten wir etwas Aufenthalt und durften uns das Ort ansehen.
      Auf dem Bild rechts sind in der Mitte ein paar Mitreisende in heller Kleidung zu erkennen -
      die Langnasen wurden von den Einwohnern bestaunt.



      Strassenszenen in Chongquing


      An jedem Ort den wir besuchten wurden wir in Fabriken, Werkstätten, Schulen etc. geführt. Alles mögliche war dabei - Seidenraupen-Spinnerei, Kalliegrafiewerkstatt usw. Manches war recht langweilig, anderes wieder interessant und so manches Kuriosum begegnete einem. So hat es mir die Schulglocke angetan, ebenso eine Werksfeuerwehr:

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