Mit Fahrrad und (Hurtigruten-) Schiff von Kirkenes nach Göteborg

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    • Mit Fahrrad und (Hurtigruten-) Schiff von Kirkenes nach Göteborg

      Nachdem ich jetzt alle Fotos gesichtet habe und die Erinnerungen noch frisch sind, werde ich mal mit meinem Reisebericht anfangen.
      Da es eine Art Reisetagebuch sein wird, kann es an der ein oder anderen Stelle etwas ausführlich werden. Wen das stört, der kann sich ja auf das Anschauen der Fotos beschränken ;) .
      Es kann allerdings etwas dauern, bis ich den Bericht abgeschlossen habe, es war ja schließlich eine etwas längere Reise :D


      21. August – Tag 1

      Erleichterung bei der Anreise

      Nach ungefähr einem halben Jahr Vorbereitungszeit und einer halbwegs schlaflosen Nacht packte ich kurz nach 7 Uhr meine 3 Gepäckstücke ins Auto.
      Das Fahrrad war gut verpackt (ein Foto gibt’s im Vorbericht), die Satteltaschen und meinem Rucksack hatte ich zusammen geschnürt und in eine stabile Plastiktüte verpackt (die erlaubten 23 kg habe ich ganz knapp verpasst), nur mein Fotorucksack blieb unverpackt.

      Am Flughafen in Düsseldorf angekommen landete mein Handgepäck auf dem Rücken. Schwer bepackt ging es dann durch die Schalterhalle, wobei ich bei möglichen Kollisionen mit anderen Passagieren einfach stehen blieb (ich hatte ja zum Glück Zeit genug). Da das Fahrrad die Richtung bestimmte (und der minimale Kurvenradius einen gefühlten Kilometer ergab) und mir das restliche Gepäck bei jedem Schritt an die Beine schlug, hatte ich auch schon ca. 10 Minuten später die 100 Meter zum Schalter zurückgelegt :arghs: .

      Eingecheckt hatte ich schon am Vorabend, daher ging ich direkt zum Drop-Off-Schalter. Dort konnte ich endlich die Hälfte meines Gepäcks loswerden und meine 30 Euro für das Fahrrad bezahlen – dachte ich 8| .
      Obwohl ich keine Chance hatte, mein Fahrrad online einzuchecken (als Beleg hatte ich extra eine Hardcopy von der Aufforderung mitgebracht, es später zu versuchen), musste ich am Schalter 60 Euro bezahlen verbunden mit der Aufforderung, nach der Reise bei SAS zu reklamieren :S .
      Außerdem musste ich mein komplettes Gepäck am Sperrgepäckschalter abgeben, da mein Rucksack nicht aufs Band passte. Der Haken daran war, dass ich natürlich ganz ans andere Ende der Halle musste. Keine halbe Stunde später war auch das geschafft… :wacko1: Zumindest konnte ich das Gepäck bis Kirkenes aufgeben – dachte ich, doch dazu später mehr.
      Danach brauchte ich erst einmal ein paar Minuten, bis ich meine Finger wieder normal bewegen konnte ;( .

      Das Einchecken und der Flug über Stockholm (mit 90 Minuten Umsteigezeit) nach Oslo verliefen problemlos.
      Dort kam ich als einer der letzten von Bord. Da noch ein Gepäckwagen am Flugzeug stand und ich über 2 Stunden bis zum Einstieg für den letzten Flug hatte, konnte ich in Ruhe dem restlichen Ausladen zuschauen. Der Gepäckwagen hatte nur einen Anhänger, auf dem ein unverpacktes Fahrrad lag, das meinem recht ähnlich war. Ich dachte, dass es da wohl noch einen Verrückten gibt, der in Norwegen Fahrrad fahren will. Als der Wagen unter mir durchfuhr (ich war noch im Gang zum Terminal), sah ich am Gepäckträger etwas Gelbes aufblitzen. Da ich mein Werkzeug in einer gelben Tüte auf dem Gepäckträger festgebunden hatte, wurde ich stutzig ?( . Ich lief schnell auf die andere Seite ans Fenster und sah gerade noch, dass das Rad die gleiche Marke hatte wie meins, bevor der Wagen im Terminal verschwand. Das konnte doch jetzt kein Zufall mehr sein …

      Auf dem Weg zum Anschlussflug wurde ich automatisch zur Gepäckausgabe geleitet. Ich wunderte mich ein wenig, dass nirgendwo ein Weg zu den Anschlussflügen ausgeschildert war, bis ich einen Hinweis sah, dass man erst durch den Zoll musste (und zwar mit allem Gepäck). So viel zum Thema durchgehende Gepäckaufgabe…
      Zumindest hatte diese Aktion den Vorteil, dass ich direkt klären konnte, ob ich wirklich mein Fahrrad gesehen habe. Leider war dem so; irgendein Depp hat unterwegs mein Fahrrad um seine Verpackung erleichtert :ireful: . Half ja alles nichts, zumindest konnte ich jetzt auf dem Weg zum Osloer Sperrgepäckschalter leichter rangieren… :whistle3:
      Und ich hatte noch Glück, dass der Gepäckanhänger nicht am Karton befestigt war, dann wäre ich wohl ohne Fahrrad in Oslo gelandet. Ich hatte gerade noch rechtzeitig dran gedacht, am Morgen einen Befestigungsgurt als Tragegriff am Fahrrad zu befestigen, an dem der Gepäckanhänger dann auch befestigt wurde :) .

      Beim Schalter angekommen wurde mir erst einmal gesagt, dass ich mein Fahrrad erst verpacken müsste ?( , so könne es nicht aufgegeben werden :nono: . Nach langer Diskussion (und Vorzeigen meines Flugtickets, aus dem hervorging, dass ich in Deutschland losgeflogen bin) glaubte mir die Dame bei der Gepäckaufgabe endlich, dass ich das Rad nicht in diesem Zustand eingecheckt hatte. Trotzdem wurde ich gezwungen, eine große Plastiktüte für NOK 50 zu kaufen :cursing: , die ich um das Hinterrad und die Kette machen sollte. Auf Nachfrage rückte sie dann auch Klebeband heraus. Nachdem sich das Band als reißfest entpuppt hat, zauberte sie sogar eine Schere aus einer Schublade, die sie aber nicht aus der Hand gab.

      Zumindest hatte sich die Wartezeit so auf 60 Minuten reduziert.

      Auch dieser Flug war pünktlich, so dass wir um 18 Uhr auf der Startbahn standen, der sich langsam ein Schauer näherte.

      Leider war es bewölkt, so dass erst wieder etwas zu sehen war, als wir zur Landung in Kirkenes ansetzten. Obwohl es so aussieht wie in der blauen Stunde, war es noch fast eine Stunde bis zum Sonnenuntergang. Aber den Neidenfjord mit der E6 konnte man trotzdem gut erkennen.

      In Kirkenes angekommen war es relativ frisch (8° C, dafür fast windstill und – zumindest von oben – trocken). Der Ausstieg fand über das Rollfeld statt, auf dem ein Weg zum Terminal abgespannt war.
      Dort angekommen wartete ich nervös, in welchem Zustand ich wohl mein Fahrrad entgegennehmen musste…

      Zuerst aber lief das Gepäckband an, und direkt das erste Gepäckstück war mein Rucksack. Schon mal eine Sorge weniger… Kurz danach wurde auch mein Fahrrad rausgestellt. Die Befestigungsstangen der Schutzbleche war an einigen Stellen eingedrückt, was ich aber ohne Probleme beheben konnte. Der Sattel war ebenfalls verstellt. Dank dem Werkzeug hatte ich das auch schnell wieder eingestellt. Nachdem ich meine Reifen aufgepumpt hatte, stellte ich fest, dass ich der letzte in der Halle war, so dass ich mein Gepäck in der Ecke stehen lassen und in der Ankunftshalle eine Proberunde drehen konnte.
      Da es mit Treten, Schalten und Bremsen keine Probleme gab, war erst einmal die Erleichterung groß. Ich packte mein Gepäck aufs Rad und fuhr eine Stunde nach der Landung gegen 21 Uhr endlich los…

      Eine halbe Stunde später erreichte ich Hesseng (7 km südlich von und auf halbem Weg vom Flughafen nach Kirkenes ), wo ich die norwegischen Geschäftsöffnungszeiten ausnutzte und erst einmal fürs Frühstück einkaufte und zusätzlich einen Liter Milch, der aber keine 5 Minuten später nicht mehr existierte. :cool:

      Dann hieß es weiter fahren und dabei Ausschau nach einem Platz für mein Zelt halten. Mit dem Verschwinden der blauen Stunde hatte ich um 22.20 Uhr am Bjørnevatn einen schönen Platz abseits der Straße gefunden. Schnell das Zelt aufbauen, Zähne putzen und dann nichts wie ab in den Schlafsack. Ich lag noch nicht richtig , da war ich auch schon eingeschlafen… || :sleeping:

      Fortsetzung folgt...
      Chor: Wir sind alle Individualisten :)
      Einzelstimme: Ich nicht :P


      Reiseberichte siehe Profil :lofoten2:


    • Hallo Noschwefi,

      da bin ich mal auf die Fortsetzungen gespannt. Wenn ich den Bericht deiner Anreise so lese, weiß ich warum ich es bislang vermieden habe, mein Rad irgendwelchen Fluggesellschaften anzuvertrauen. Da wird sich auch in Zukunft nix dran ändern. Lieber nehme ich eine um 2 Tage oder noch längere Anreise inkauf, bevor ich ohne oder noch schlimmer mit geschrotteten Fahrrad am Startort angekommen bin. So hochwertige Laufräder oder überhaupt Komponenten bekommt man in der norwegischen Botanik überhaupt nicht. Wenn Rahmen oder Gabel verzogen sind ist gleich Feierabend und das noch bevor die eigentliche Reise losgeht.
      Ich finde es wesentlich entspannter mein Rad ins Fahrradabteil eines Zuges ein- und auszuladen. Dabei habe ich mein ganzes Gepäck grundsätzlich am Rad, auch wenn auf der Fahrradkarte der Bahn was anderes steht. Ich Belade mein Rad aber nie so schwer, dass ich das vollbeladen nicht mehr handhaben könnte. Da geht dann das Ein- und Aussteigen wesentlich schneller, als wenn ich das Gepäck mit 4 Radtaschen und einem Rollsack extra nehmen würde.
      Noch leichter ist das auf Fähren und Hurtigrutenschiffen. Da rollt man einfach komplett auf Autodeck und nimmt nur die Sachen, welche man an Bord benötigt mit. Ich habe das immer in einer Radtasche, welche ich dann auch in einen Rucksack verwandeln kann und in dem Rollsack.
      Zum Glück ist bei deiner Anreise alles glatt gelaufen. Bin mal gespannt, wie es weitergeht und natürlich auch auf die Bilder.
      Gruß

      Jürgen

    • Ja, das ist ja die Krux mit Oslo - da Norge ja nicht zur EU gehört muss man das Gepäck wg. Zoll neu aufgeben, auch wenn am Anhänger das Endziel steht.
      Jan 2009 FM ~ Jan 2010 NL ~ Jan 2011 FRAM (Antarctica) ~ Apr 2011 NN ~ Mrz 2012 LO ~
      Jan 2013 LO (Alta) ~ Feb 2014 KH ~ Jan 2016 LO ~ Feb 2018 LO

      Reiseberichte siehe Profil!

    • 22. August – Tag 2

      Ignorieren oder improvisieren

      Gegen 5 Uhr wache ich auf, die Sonne ist schon lange aufgegangen und ich fühle mich ausgeschlafen. Ein Blick aus dem Zelt sagt: Es ist bedeckt, trocken und windstill – ideales Mückenwetter. =O
      Nachdem ich aus dem Zelt gekrabbelt bin, erwarte ich schon die ersten Attacken – die bleiben aber erstaunlicherweise aus. Auch nicht schlimm… :)

      Ich überlege, ob ich mir jetzt einen Tee zum Frühstück kochen oder lieber schnell losfahren soll. Nach einem kurzen Blick auf meine übersichtliche Ausrüstung :search: fällt mir aber schnell wieder ein, dass mein Kocher schon vor mir in Kirkenes angekommen ist und ich ihn ja erst noch abholen muss.
      Gut, dass ich noch Milch übrig habe. Damit schmecken die Brote auch. Ich bin die Preise zwar schon gewohnt, aber mir geht wieder durch den Kopf, dass ein Kilogramm Preiselbeermarmelade kaum mehr kostet als 1 Liter Milch (ca. 2 Euro) und ein Kilogramm Blaubeermarmelade kaum mehr als 700 g Brot (ca. 3 Euro) …

      Schnell das Zelt abgebaut, und los geht’s nach Kirkenes zur Post. Da ich meinen Benzinkocher nicht mit ins Flugzeug nehmen konnte und ich auch Schwierigkeiten gehabt hätte, mich auf 23 kg zu beschränken, habe ich mir postlagernd ein Vorratspaket geschickt. Dank der Sendungsverfolgung weiß ich ja schon, dass das Paket seit 3 Tagen auf mich wartet.
      Vorher halte ich aber noch an der ersten Tankstelle an, um meine Reifen auf 6 bar aufzupumpen – danach geht es gleich viel leichter voran. Leider habe ich meine Benzinflasche im Paket, so dass ich später noch einmal eine Tankstelle aufsuchen muss.

      Zum Glück ist es trocken, als ich um 8.15 Uhr aus der Post rauskomme, da ich ja mein komplettes Gepäck sortieren und auf meine Satteltaschen bzw. den Rucksack verteilen muss. Ich schnappe mir 4 Einkaufswagen (die Postfiliale befindet sich in einem Supermarkt) und fange an. Im ersten Wagen ist das Paket, in die anderen 3 Wagen verteile ich die Sachen nach Zielort (wobei ich ja zuerst alles auspacken muss, was da schon drin ist). Da ich ja schon ungefähr weiß, was wohin kommt, bin ich mit dem Verteilen in 20 Minuten fertig (davon brauche ich 5 Minuten, um die Wagen am Wegrollen zu hindern).

      Ich packe gerade die letzten Teile in die erste Satteltasche, da höre ich ein merkwürdiges Hupen, das ich erst einmal überhaupt nicht zuordnen kann ?( . Kurz darauf fällt mir ein, dass das Typhon der MS POLARLYS auf unserer Februar-Reise so ähnlich geklungen hat – aber das kann ja hier nicht sein, ich bin ja gar nicht am Meer, sondern in der Stadt :hmm: . Aber bin ich nicht eben an einem Laden für Fischereibedarf vorbeigekommen? Sollte ich etwa doch …? Ein Blick nach links lässt schnell aus der Frage eine Antwort werden:

      Die MS NORDLYS tuckert an mir vorbei. Ein Blick auf die Uhr: Kurz vor 9 – pünktliche Ankunft.

      Nachdem ich alles fertig gepackt und auf dem Fahrrad befestigt habe, überlege ich, ob ich noch zum Anleger fahren und aufs Schiff gehen soll. Da ich noch Geld, Benzin und Lebensmittel brauche, entscheide ich mich dagegen. Ich will ja schließlich endlich los – und das eine oder andere Hurtigrutenschiff würde ich ja unterwegs noch betreten. Ein Foto mit Fahrrad und Schiff muss aber dennoch sein:


      Nachdem ich alles besorgt habe, dürfte sich mein gesamtes Gepäck (einschließlich aller Vorräte, die ich für 2 Tage brauche) auf ca. 58 kg belaufen. Mal schauen, wann ich mich daran gewöhnt haben werde. Gegen 10.30 Uhr verlasse ich das Zentrum, wobei es leicht zu regnen anfängt. Der erste (obligatorische) Zwischenstopp lässt nicht lange auf sich warten:


      Dann fahre ich im Nieselregen auf einem Radweg gemütlich gen Süden. Dieser führt allerdings automatisch wieder nach Hesseng und damit nach Westen. Da will ich aber doch (noch) gar nicht hin ?( ! Also muss ich mir den Weg nach Osten ohne Ausschilderung suchen. Nach ein paar Minuten habe ich die richtige Straße gefunden – stehe allerdings auf der falschen Seite der Leitplanke… :huh: Nach 5 weiteren Umwegs-Minuten bin ich jetzt endlich auf dem Weg nach Osten Richtung Russland. Zumindest hat es jetzt aufgehört zu regnen.
      Bei Elvenes erreiche ich zum ersten Mal wieder das Meer (nachdem ich zwischenzeitlich auf über 100 Meter hochkraxeln musste, aber das wusste ich ja vorher schon):


      5 km weiter stehe ich – pünktlich zur Mittagspause – in Storskog am Grenzübergang nach Russland. Passenderweise gibt es dort auch einen kleinen Rastplatz direkt am See. Zwischenzeitlich zeigt sich auch ein wenig blauer Himmel :) , nur die Sonne versteckt sich noch.


      Bei der Rückkehr zu meinem Fahrrad (ich habe es an eine Bank auf dem Rastplatz gelehnt), sehe ich dass der Gepäckträger leicht schief ist :/ . Ich schaue mir das näher an und stelle fest, dass auf der rechten Seite die Befestigungsschraube, die den Gepäckträger an den Rahmen fixiert, fehlt. Wahrscheinlich hat sie sich beim Flug gelöst und hat sich dann in einem Schlagloch verabschiedet, aber darüber nachzudenken bringt nicht wirklich viel, um so mehr über die Frage: Was nun?
      Ich sehe 3 Möglichkeiten:
      - Ignorieren in der Hoffnung, dass es schon hält. Wenn die Aufhängung auf der anderen Seite aber auch noch kaputt gehen sollte, dann ist die Radtour zu Ende. Also fällt diese Option aus.
      - Nach Kirkenes zurück fahren, um dort einen Fahrradhändler zu suchen (wobei ich gar nicht weiß, ob es dort überhaupt einen gibt). So oder so wäre der Tag aber gelaufen und die Weiterfahrt gen Osten auch. Also ist diese Option auch nicht die Optimale.
      - Irgendetwas suchen, mit dem ich die fehlende Schraube provisorisch ersetzen kann. Das klingt am Besten – aber was nehmen und vor allem: woher? :S

      Ich entscheide mich also vorerst für die Improvisation. Was habe ich dabei? Einen kleinen und einen großen Befestigungsgurt. Es fehlt aber noch etwas, mit dem ich die Schraube ersetzen kann, dann könnte ich den Rest mit den Gurten erledigen. Am besten wäre ein schmales Stück Stahl. Das stabilste, was ich in dem Durchmesser dabei habe, sind Streichhölzer – nicht gerade ideal. Aber vor der Grenze, oberhalb des Rastplatzes, da habe ich doch eben ein Haus gesehen, um das herum aller möglicher Krempel liegt. Vielleicht sollte ich dort mal nachfragen, ob ich mir dort etwas nehmen kann. Gesagt – getan. Um das Haus herum sieht es bei näherer Betrachtung aus wie auf einer Müllhalde – ein Autowrack, ein seit Monaten nicht bewegter Anhänger, ein auseinander genommener Herd, diverse Elektrokabel, jede Menge Metallschrott – aber nichts in einem kleinen Durchmesser. Ich klopfe an der Tür – abgeschlossen und nichts rührt sich.
      Ich will schon aufgeben, da fällt mein Blick auf die Treppe vor der Tür. Dort liegen ca. 10 Stahlnägel. Ich nehme einen und versuche, ob ich ihn verbiegen kann – geht nicht. Das wäre genau das Richtige – zumindest zum Ausprobieren. Da ich nicht fragen kann, nehme ich mir 3 Nägel mit und gehe zurück zum Fahrrad. Nach einigem Probieren schaffe ich es tatsächlich, einen Nagel so einzusetzen, dass ich ihn mit dem Gurt im Rahmen verkanten kann und sich der Gepäckträger wieder unbeweglich dort befindet, wo er hingehört. Ich kann nur hoffen, dass durch diese Aktion das Gewinde nicht beschädigt wird…
      Nach einer halben Stunde ist alles erledigt, und ich verlasse den Rastplatz. Ein Blick zur Seite und ich sehe das Haus von ca. 30 Personen umlagert – jetzt erst fällt mir auf, dass es sich um den Souvenirshop handelt, der gerade für den Bus mit den Hurtigruten-Passagieren geöffnet hat … :|

      Ich fahre weiter. Nach den ersten Bodenwellen und Schlaglöchern halte ich jeweils an – aber das Provisorium hält. Für den Fall der Fälle habe ich ja noch 2 Ersatznägel.

      Kurz darauf erreiche ich den Jarfjord, den letzten Fjord auf dem Weg nach Grense Jakobselv – dort will ich heute hin.


      Als nächstes erreiche ich den Tamasjokkvatnet, immerhin 21 Meter hoch gelegen.


      Ein paar Kilometer weiter fahre ich am ca. 120 Meter hoch gelegenen Langvatnet entlang. Es ist inzwischen kurz vor 15 Uhr und ein Blick auf die Karte sagt mir, dass es noch ca. 25 km bis Grense Jakobselv sind und wieder 15 km zurück bis zu dem Platz, den ich mir zur Übernachtung herausgesucht habe. Das sind mit Foto- und anderen Pausen ca. 4 Stunden. Da ich im Urlaub bin möchte ich mir keinen Stress machen. Ich merke, dass ich noch ungefähr eine Stunde fahren und dann einen Platz zum Übernachten suchen möchte.


      Nachdem ich bei meiner Planung die Zeit zum Umpacken des Gepäcks in Kirkenes vergessen habe 8| und die Reparatur des Gepäckträgers auch Zeit gekostet hat, muss ich also erneut improvisieren. Da auf den letzten Kilometern ein Ferienhaus neben dem nächsten stand und damit kein guter Platz zum Zelten vorhanden ist, fahre ich zurück zum Tamasjokkvatnet, dem ich jetzt Richtung Norden folge.
      Und als ob ich es geahnt hätte kam nach 2 Kilometern eine wunderschöne Stelle direkt am Ufer :yeah: . Da zwischenzeitlich auch noch die Sonne herausgekommen ist, kann ich die nächsten Stunden die Stille am See genießen (zumal nur alle 20 Minuten mal ein Auto vorbei kommt). Mücken gibt es auch wieder keine.
      Um 19 Uhr verabschiedet sich dann die Sonne.


      Am Abend sitze ich noch lange vor dem Zelt, um die Stimmung zu genießen. Obwohl es keine 10° C warm ist, empfinde ich es als sehr angenehm, da es absolut windstill ist. Da jetzt keine Autos mehr vorbei kommen (ich bin wohl vorher in die Rushhour gekommen) kann man die Stille richtig hören… :pflaster:
      Im Westen, Richtung Kirkenes , hängen noch die Wolken über den Bergen , aber das stört mich nicht. Was ich allerdings nicht verstehe, warum sich auf einmal am gegenüberliegenden Ufer Nebel auf dem See bildet… :schiefguck:
      Chor: Wir sind alle Individualisten :)
      Einzelstimme: Ich nicht :P


      Reiseberichte siehe Profil :lofoten2:


    • Ich find's auch total spannend :sdanke: Du weißt Dir offensichtlich immer zu helfen, wenn mal was Unerwartetes passiert :thumbup:
      Ich musste mir auch mal mit Streichhölzern behelfen, als beim Rucksack (Marke Elite, Außengestell, eeeeewig her ;) ) einige Alustifte durchgescheuert sind, die den Rucksack am Gestell festhielten.... Bei 15 kg hält sowas, dass Du was Stärkeres brauchtest, merkt man schon beim Anschauen Deines Gepäcks :whistle3:

      Bitte bald weiter :thumbsup:
      Viele Grüsse, Albatross
      Reiseberichte im Profil
    • Vielen Dank für die schönen Rückmeldungen! :sdanke: :thank_you:

      Ich sehe schon, dass es doch Leute gibt, die nicht nur die Fotos gucken wollen :D

      Suheela schrieb:


      Auch wenn es jetzt so früh von deinem Reisebericht ist, würde es mich interessieren, ob du eigentlich viele Pannen mit dem Fahrrad?

      Ich hatte noch einen Ausfall am Fahrrad, den ich ja auch schon hier im Forum beschrieben habe. Deshalb verrate ich Dir das auch hier ^^

      Ansonsten musst Du Deine Neugier zügeln, es wird schon noch ein paar unvorhergesehe Ereignisse geben, die ich aber jetzt noch nicht verrate :nono:

      Viele Grüße
      Noschwefi
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    • 23. August – Tag 3

      Rentiere und skandinavische Meilen

      Heute wache ich spät auf – es ist schon fast halb sechs! Dann habe ich ja ziemlich genau 8 Stunden geschlafen :sleeping: – mehr als zu Hause. Die Sonne hat sich wieder hinter Wolken versteckt, aber es ist trocken und windstill. Passt doch.

      Aus-dem-Schlafsack-krabbeln – Waschen – Tee kochen – Frühstücken – Packen – Zelt abbauen – Fahrrad beladen – das wird sich die nächsten Tage noch öfters wiederholen (wenn auch in unterschiedlicher Geschwindigkeit :D ).

      Gegen 8 Uhr starte ich wieder, heute dominieren die Richtungen Süden und vor allem Westen. Ich bin überrascht, wie viele neue Perspektiven die gleiche Strecke bietet, wenn man sie in Gegenrichtung befährt. Das bemerke ich ganz konkret in Tårnet am Jarfjord, wo ich am Vortag anscheinend an einem Rentier vorbeigefahren bin, ohne es zu bemerken. :/


      Na ja, wenn es sich bewegt hätte, :dance3: wäre es mir sicher aufgefallen… :whistle3:

      Auch der Hökfjord bei Elvenes sieht ganz anders aus als gestern (am Ausgang des Fjords liegt übrigens Kirkenes ; die Häuser im Hintergrund gehören schon zur Stadt)


      Kurz darauf erreiche ich zum dritten Mal Hesseng, diesmal aber gewollt. Ich muss schließlich Vorräte einkaufen. Ein Blick in meine Tourenplanung sagt mir, dass ich die nächste Einkaufsgelegenheit (allerdings nur eine Tankstelle) frühestens am späten Nachmittag des Folgetages erreiche (Entfernung 120 km). Zum nächsten Supermarkt sind es sogar noch 50 km mehr. Jetzt heißt es abwägen, wie viel ich brauche, wie viel Platz zum Verstauen ich habe und was der Wetterbericht sagt (ich habe schließlich keine Lust, dass die Milch unterwegs sauer wird oder dass eine Packung platzt, weil es zu eng ist). :hmm:
      Da man aber in Nordnorwegen das Wasser aus den Bächen ohne Probleme trinken kann, werde ich wohl nicht verdursten. Und die Kalorien, die ich dadurch weniger erhalte, kann ich ja in Form von Schokolade und Gummibärchen zu mir nehmen, die ich „ganz überraschend“ in meinem Paket gefunden habe. Und je mehr ich davon esse, desto weniger Gewicht muss bewegen…

      Ich entscheide mich für 4 Liter Milch und ein Brot, dann fahre ich weiter. Es geht erst einmal weitgehend bergab zum Langfjord, der ebenfalls in der Höhe von Kirkenes seinen Ausgang hat.


      Ab dem Fjord herrscht Fotografierverbot, da ein militärisches Sperrgebiet zu durchqueren ist. :nono: Der Flughafen, zu dem es wieder hinauf geht, liegt mitten drin.
      Kurz vor dem Krossfjord, der in Ost-West-Richtung verläuft und an beiden Seiten jeweils in einen anderen Fjord mündet, darf ich wieder fotografieren. Ganz langsam kommt auch wieder etwas blauer Himmel durch, so dass die Sonne den einen oder anderen Farbtupfer in die Landschaft setzen kann.


      Ich folge jetzt mehr oder weniger dem Ufer. Allerdings gibt es mal hier ein Haus und mal dort einen Felsen, dem ausgewichen werden muss. :S So verläuft die Straße „skandinavisch eben“ (d.h. im Prinzip auf gleicher Höhe, aber auf 10 km Strecke kommen ungefähr 100 Höhenmeter, die überwunden werden wollen :sdagegen: ). Bei Munkneset erreiche ich den Neidenfjord (den ich keine zwei Tage zuvor – ist das erst so kurz her? – beim Anflug auf Kirkenes von oben gesehen habe.


      Bald darauf weiß ich auch wieder, warum es die skandinavische Meile gibt.


      Es klingt doch viel besser, wenn es 105 Meilen nach Narvik sind statt 1050 km, besonders wenn man nicht mit dem Auto unterwegs ist. Zumindest kann ich ja schon froh sein, dass die nächste Großstadt und nicht das Ende der E6 angegeben ist (Trelleborg in Südschweden). :wacko1: Gut dass ich vorher im Internet alle Einkaufs- und Unterkunftsmöglichkeiten recherchiert habe, wenn es schon zum nächsten kleineren Ort 110 km sind.

      Vor dem letzten größeren Anstieg des Tages überquere ich den Munkelva. Anschließend geht es recht steil zu einem Aussichtspunkt oberhalb des Munkfjord (der wiederum in den Neidenfjord mündet).


      Am späten Nachmittag erreiche ich Neiden. Da ich die beiden Kirchen (eine alte russisch-orthodoxe und eine recht schöne im Drachenboot-Stil) schon kenne und das Wetter nicht dazu einlädt, sie erneut zu fotografieren, suche ich mir in der Nähe des Wasserfalls Skoltefossen am Neidenelva einen Platz für mein Zelt. Wenn ich eine Woche später hier gewesen wäre, hätte ich in der russisch-orthodoxen Kirche den jährlichen Gottesdienst besuchen können (immer am letzten Samstag im August), sicherlich mal ganz interessant. So aber beobachte ich lieber ein paar Amateur-Angler, die versuchen möglichst nahe an den Wasserfall heran zu kommen, ohne nass zu werden… :mosking:



      Fortsetzung folgt…
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    • 24. August – Tag 4 (Teil 1)

      Rentiere, Elche und eine unerwartete Steckdose

      Der morgendliche Blick aus dem Zelt ergibt heute: bedeckt, trocken und windstill. Wird ja langsam richtig langweilig, das Wetter… :rolleyes:

      Heute breche ich um 7.30 Uhr auf. Zum Warmfahren gibt es erst einmal einen Anstieg. Zwischendurch nutze ich die schöne Aussicht auf den Neidenelva zu einer kleinen Pause.


      Langsam zieht sich die Straße weiter den Berg hoch, bis das Ferdesmyra erreicht ist, ein Hochmoor in ca. 120 m Höhe. Die Hügel liegen schon in Finnland, das von hier aus gerade mal 7 km Luftlinie entfernt ist.


      Die Straße führt jetzt über eine Hochebene. Ab und zu gibt es interessante Felsen zu sehen, ansonsten weitgehend lichten Birkenwald. Die Bäume kennen hier nur 2 Zustände: Grün oder kahl. Von Herbst ist weit und breit nichts zu sehen :search: (ist wohl auch noch ein bisschen früh). Einmal sehe ich am Straßenrand ein Rentier. Bevor ich die Kamera schussbereit machen kann, ist es aber auch schon wieder verschwunden. :wacko:
      Obwohl die Gegend an Einsamkeit (nicht unbedingt Eintönigkeit) kaum zu überbieten ist, finden sich immer wieder kleine Siedlungen, allerdings meistens Ferienhäuser.


      Langsam geht es wieder bergab, hinunter nach Bugøyfjord am gleichnamigen Fjord. Kurz vor dem Ort sehe ich wieder ein Rentier am Straßenrand. Ich bremse ganz langsam herunter und bleibe ca. 50 Meter davor stehen. Zum Glück ist gerade kein Auto unterwegs :) . Ich hole vorsichtig meine Kamera hervor. Irgendetwas muss das Rentier wohl neugierig gemacht haben (vielleicht habe ich ja durch meinen Rucksack auf dem Fahrrad von vorne eine Ähnlichkeit mit einer Rentier-Silhouette ?( ), jedenfalls kommt es langsam näher. Dadurch kann ich jetzt eine richtige Serie machen.


      Weiter geht es am Bugøyfjord entlang, wo ich auch meinem ersten Elch der Reise begegne. :whistle3:


      Nach der kurzen Flachetappe kommt jetzt der anstrengendste Teil des heutigen Tages: Der Anstieg auf das Bugøynesfjell (460 m). Die Straße folgt zum Glück 2 Flüssen (einem rauf, einem runter), so dass ich „nur“ auf 200 m rauf muss. Die Strecke ist aber so abwechslungsreich, dass man sich von der Anstrengung gut ablenken lassen kann. :)


      Ca. 2 Meilen nach Bugøyfjord sehe ich zum ersten Mal den Varangerfjord . Am Horizont ist ganz rechts auf dem Foto schon Vadsø zu erahnen (Luftlinie 20 km, zu fahren fast 90 km). Dort will ich am nächsten Tag hin.


      Von nun an folge ich dem Varangerfjord gen Westen. Ganz langsam werden die Wolkenlücken größer, so dass sich immer wieder schöne Lichtspiele ergeben. :clapping:


      Fortsetzung folgt…

      Technisch bedingt folgt Teil 2 des Tages später (da das Wetter immer schöner wurde, gibt es mehr als 20 Fotos).
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      Einzelstimme: Ich nicht :P


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    • Geplant hatte ich mit 71 km pro Tag. Die Einzeletappen waren zwischen 50 und knapp 100 km (wie gesagt, das war die Planung).

      Was wirklich herausgekomen ist, wird erst im Fazit am Ende des Berichts verraten ;)

      Viele Grüße
      Noschwefi
      Chor: Wir sind alle Individualisten :)
      Einzelstimme: Ich nicht :P


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    • Wow, ich bin begeistert von den ersten Teilen Deines Reiseberichts. Liest sich super und ich bin schon auf die Fortsetzungen gespannt.

      Noschwefi schrieb:

      Da es eine Art Reisetagebuch sein wird, kann es an der ein oder anderen Stelle etwas ausführlich werden.


      Und mach Dir wegen der Länge des Berichts keine Gedanken, schließlich gibt's - wie schon die ersten Tage zeigen - von Deiner Tour mehr als genug zu berichten. Da liest man gerne mit...
      Grüße
      Jörn


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