MS Vesterålen 6. - 17. September 2004 - oder der Beginn einer (immer noch) kochenden Leidenschaft!

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    • MS Vesterålen 6. - 17. September 2004 - oder der Beginn einer (immer noch) kochenden Leidenschaft!

      So, wie schon vor ein paar Tagen angedro ... äh ... angekündigt, möchte ich nun meinen ersten Reisebericht in diesem Forum zum Besten geben. Er handelt von unserer ersten kompletten Hurtigruten-Reise vom 6. bis 17. September 2004 mit der "MS Vesterålen".

      Vorgeschichte:
      Nachdem bereits auf der - in meiner Foren-Vorstellung bereits erwähnten - ersten Norwegen-Bus-Pauschalreise im August 2002 unsere "Norwegen-Leidenschaft" so richtig geweckt wurde, und nachdem ich am Freitag, dem 13.Juni 2003 meine Frau Sabine geheiratet hatte, war es eine ausgemachte Sache, daß unsere Hochzeitsreise nach Norwegen gehen sollte. Es sollte unsere erste "eigene", d.h. selbst geplante und allein durchgeführte Norwegen-Tour sein, und sie war ursprünglich für den Spätsommer bzw. Frühherbst 2003 geplant. Aufgrund privater Umstände war diese Reise jedoch im Jahr 2003 leider nicht möglich, so daß wir sie ins Jahr 2004 schieben mußten. War aber kein Problem, so hatten wir noch mehr Zeit zum Planen - und trotz der Verspätung hat diese Reise heute noch den Status einer "verspäteten Hochzeitsreise"...

      In diese Reise wollten wir "so viel Norwegen wie möglich" reinpacken, weshalb wir sie auch gleich auf eine Dauer von 4 Wochen anlegten. Im Landesinneren sollte es von Oslo über Trondheim rauf bis nach Bodø und Narvik gehen, anschließend wieder runter nach Røros, und über Kristiansand und Stavanger nach Bergen . Jeweils ein bis zwei Übernachtungen an den verschiedenen Zwischenstationen, und zwischendrin (mit "Scan-Rail-Ticket") jede Menge Eisenbahn (neben Hurtigruten mein zweites Steckenpferd) sowie NOR-WAY Busekspress. Als Gepäck hatte jeder von uns seinen Rucksack auf dem Rücken, der am Anfang der Reise noch jeweils 16 Kilo, am Ende aber jeweils an die 19 Kilo wog ("Souvenirs Souvenirs...").




      Für diese Art zu reisen erschien uns ein Rucksack geeigneter als das Tragen oder Schleppen von Koffern, was sich dann auch tatsächlich so bestätigt hatte. Nach Ende der "Inlandstour" sollte es - als abschließende "Krönung" - in Bergen an Bord der "MS Vesterålen" gehen.

      Schon die zweiwöchige "Inlands-Tour" wäre einen eigenen Reisebericht wert, Norwegen mit Bahn und Bus zu durchqueren ist auch absolut traumhaft. Immerhin hatten wir in diesen zwei Wochen große Teile des norwegischen Eisenbahnnetzes abgefahren und so ziemlich jede Art des inländischen öffentlichen Personenverkehrs genutzt. Da es hier allerdings um das Thema "Hurtigruten" geht, möchte ich mich hier auf die zweite Hälfte unserer damaligen Reise beschränken. Und die bestand eben aus der Hurtigruten-Tour mit der "MS Vesterålen"...



      Vorausschicken möchte ich noch, daß es sich bei dem folgenden Text zu großen Teilen um einen in den Monaten nach der damaligen Reise verfaßten Reisebericht handelt, den ich für´s Forum etwas adaptiert und ergänzt habe. Die Erinnerungen an die Reise waren zum Zeitpunkt der Erstellung also noch ziemlich vielfältig und "frisch", andererseits war mir aber auch zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts manches, was mir heute zu Norwegen und Hurtigrute längst bekannt ist, noch nicht so geläufig. Damals war halt irgendwie alles neu für uns, und alles war irgendwie aufregend und faszinierend. Und da ich beim Reisebericht- bzw. -tagebuchschreiben - leider oder Gott sei Dank? - die Marotte habe, jede Beobachtung, jeden Gedanken, jede Erinnerung, jede Emotion zu Papier bringen zu wollen, ist dabei halt ziemlich viel Text rausgekommen.
      Es war halt zu der Zeit als dieser Bericht entstand nicht damit zu rechnen, daß wir nach dieser ersten Tour in den kommenden Jahren noch so viele weitere Touren machen würden, deshalb wollte ich es hier "etwas ausführlicher" machen. Ich hoffe trotzdem, Ihr habt einigermaßen Spaß beim Lesen!


      Los geht´s also am ...


      Hurtigruten-Tag 1: Freitag, 6. September 2004.

      16.00 Uhr: Im Schnellboot nach Bergen
      Nach zwei Wochen Inlandsreise kreuz und quer durch Norwegen sind wir nun an Bord des „Flaggruten“-Schnellbootes „Draupner“ im „Anflug“ auf Bergen . Der große Passagierraum dieses Katamarans hat mit seinen Sitzreihen aus Flugzeugsesseln irgendwie den Charme eines Großflugzeugs.



      Vor sechs Stunden sind wir in Stavanger in dieses Boot eingestiegen und durch die Inselwelt zwischen Stavanger und Bergen gestürmt. Wäre sicher eine schöne und aussichtsreiche Fahrt geworden, wenn wir nur durch die salzwasserverkrusteten und verschmierten Scheiben etwas hätten sehen können. So ist die Aussicht trotz des sonnigen Wetters leider ziemlich dürftig, das Fahrgefühl allerdings umso eindrucksvoller. Es hat schon was, wenn man mit knapp 30 Knoten über´s Wasser fliegt, besonders wenn die See etwas bewegt ist. Und das war an einigen Stellen durchaus der Fall, besonders der offene Meeresabschnitt zwischen Haugesund und Mosterhamn hatte es da in sich. Ein erster, etwa 40minütiger Test unserer Seefestigkeit – diesen Test haben wir jedoch ohne Probleme bestanden. Einige der etwa 100 weiteren Mitreisenden an Bord hatten da ganz offensichtlich viel größere Probleme mit der "Bewegung im Schiff"…

      16.30 Uhr: Ankunft in Bergen - Fußmarsch zum Frieleneskaien
      Wir legen am Strandkaiterminalen an, Bergen ist erreicht. Mit unseren beiden Monster-Rucksäcken stehen wir nun am Kai, schauen hinüber auf die pittoresken Holzhäuser des "Hanseviertels" und atmen erstmal tief durch. Sonnenschein und blauer Himmel begrüßen uns am Ende unserer „Inlandstour“, die uns in den letzten 14 Tagen mit Zug und Bus fast durch das gesamte Landesinnere Norwegens geführt hat. Bergen ist sozusagen Endpunkt und zugleich auch Startpunkt. Irgendwie beginnt jetzt eine völlig neue Reise! Eine Reise, die sicherlich alles bisher erlebte in den Schatten stellen wird – jedenfalls empfinde ich es so, als wir sozusagen die „letzten paar Meter“ in Angriff nehmen, bis wir dann endlich an Bord „unseres“ Postdampfers steigen können. Bis es allerdings soweit ist, steht uns erstmal noch ein etwa 1,5 Kilometer langer Fußmarsch durch die Stadt bevor... Auf dem Stadtplan, den ich natürlich zur Hand habe, sieht das eigentlich ganz „harmlos“ aus, aber in der Realität... unsere zweimal 17 Kilo auf den Rücken lassen sich ganz schön schleppen!

      Durch teils schmale Gässchen führt uns unser Weg nun quer durch die ganze Halbinsel, auf der sich die Altstadt von Bergen ausbreitet.„Smørsgate”, ”Teatergate“, „Sydneskleiven“, "Dokkeveien" - lt. Stadtplan ist das der kürzeste Weg runter zum Frieleneskaien, der Anlegestelle der Hurtigruten-Schiffe. Erst geht´s ziemlich bergauf, dann ziemlich bergab. Schon sehen wir die Hafenbecken auf der anderen Stadtseite mit Lagerhallen, Kränen und Verladeanlagen. Die Spannung steigt immer mehr, bald muß doch unser Dampfer in Sichtweite sein! Immer schneller wird mein Schritt, Bine kommt mir kaum noch hinterher. Sie ist ganz nah, unsere „MS Vesterålen”, ich spür es ganz deutlich! Nur noch dort unten über die Schnellstraße, die zwischen den Hafenbecken entlang führt... und da ist sie !!!!

      Erst sind über den Lagerhallen am Kai nur ihre weißen Aufbauten erkennbar, aber bald schon sehen wir den Rest von ihr, den schwarzen Rumpf mit der breiten, roten Bauchbinde. „Wir haben´s geschafft, wir sind da!“ , ruf ich Bine laut entgegen, als sie mir mit etlichen Metern Abstand hinterher gehechelt kommt. „Mensch, Du bist schlimmer wie ein kleines Kind!“ ist Bine´s Antwort. Und ich kann´s nicht abstreiten, ich komm mir grad vor wie ein kleines Kind, so aufgeregt, gespannt, aber auch so unendlich glücklich bin ich! Vorfreude der extremsten Art, könnte man sagen. Der Augenblick, auf den ich in den letzten zwei Jahren immer sehnsüchtig gewartet habe, er steht kurz bevor: Zurück gehen jetzt meine Gedanken an jenen Abend im August 2002, als wir dieses Schiff in Molde zum ersten Mal sahen. Es war das erste Hurtigruten-Schiff, das wir damals überhaupt zu Gesicht bekamen, vorher hatten wir ja keine Vorstellung davon, wie diese Dinger überhaupt aussahen! Und wie gerne wäre ich damals schon auf diesen Dampfer gehüpft und gen Norden gefahren! Und heute ist es wirklich soweit! Wir werden dieses Schiff besteigen und in den kommenden elfeinhalb Tagen auf diesem Schiff zu Gast sein! Kann´s was schöneres geben? Für mich im Moment nicht ...

      17.30 Uhr: Nun geht´s an Bord!
      Langsam, bedächtig, ja beinahe ehrfürchtig legen wir nun die letzten Meter zurück, bis wir nun dicht vor der schwarz-roten Bordwand unseres „Traumschiffes“ stehen. Es ist kurz nach halb sechs, also eine halbe Stunde vor Beginn der offiziellen Einschiffung. Am Kai sind nur wenige Menschen zu sehen, außer einem einsamen hin- und herfahrenden Gabelstapler ist fast nichts los am Kai. Es hat irgendwie so gar nichts vom „Großer Reise“ hier! Aber das ist hier anscheinend normal, eine Hurtigruten-Abfahrt gibt´s hier jeden Tag, das ist so alltäglich wie anderswo eine Zugabfahrt. Man hat da als einer, der so eine Reise zum allerersten Mal macht, vielleicht falsche Vorstellungen...

      Nicht weit weg von uns steht ein Pärchen mit zwei „Trollis“, zwei Koffern auf Rädern. Sie unterhalten sich auf Deutsch... aha! Ein kleiner Hinweis darauf, daß wir hier an Bord viele unserer Landsleute treffen werden! Sie gehen langsam auf die kleine Gangway zu... wollen die wohl schon an Bord? Tatsächlich, obwohl´s erst kurz nach halb sechs ist. Was tun? Ihnen einfach hinterher marschieren? Warum eigentlich nicht, vielleicht haben wir Glück und kommen schon ein paar Minuten eher auf´s Schiff. Und mehr als zurückschicken können sie uns ja nicht ...

      Langsam steigen wir die steile, aus drei klappbaren Teilen bestehende, zwecks besserer Griffigkeit mit Bitumen-Splitt belegte Gangway hinauf... und schon sind wir an Bord! Genauer gesagt im Rezeptions- und Empfangsraum des Schiffes, die sich über die gesamte Schiffsbreite erstreckt. Nicht allzu groß, dieser Raum. Kein Vergleich zu der Empfangshalle der „MS Finnmarken“, die wir vor zwei Jahren gesehen hatten. Kein Prunk, kein Luxus, alles sachlich und nüchtern, aber doch einen Hauch von „Gemütlichkeit“ ausstrahlend. Kein wertvoller Teppich, kein Marmor, nur dunkles Holz und ein wenig Messing beherrscht die Szenerie, dazu noch die mit weißlackiertem Blechplanken verkleidete Decke mit darin eingelassenen runden Halogenstrahlern. Jetzt wird´s deutlich: Wir sind hier nicht auf einem Luxusdampfer vom Schlage einer „Finnmarken“, sondern vielmehr auf einem ganz „normalen“, kleinen und gemütlichem Passagier- und Frachtschiff....

      Das deutsche Pärchen mit den „Trollis“ steht bereits an der Rezeptionstheke, bereit zum Einchecken, wir halten derweil noch etwas Abstand zu den beiden. Eine junge Dame in dunkelblau-weißem Kostüm kümmert sich um die beiden, überreicht ihnen diverse Unterlagen, Prospekte und erzählt ihnen einiges auf Englisch. Nach 3 Minuten sind sie fertig, dann nähern wir uns der Theke. Unsere vom Reisebüro ausgestellten Fahrscheine habe ich bereits in der Hand und reiche es dem Mädel hin. Ein bisschen Geklapper auf einer Computertastatur, ein paar Blicke auf den Bildschirm, ein bestätigender Blick in unsere Richtung, und wir erhalten unsere „Eintrittskarte“ für dieses Schiff, die „Ombordstigningskort“, eine Karte, die uns in den nächsten elf Tagen so unverzichtbar wie unser eigener Geldbeutel sein wird. Dazu dann noch zwei Plastikkärtchen mit Löchern drin... unsere Kabinenschlüssel. Nicht nur in Hotels, auch auf der „MS Vesterålen” gibt´s also so was!

      „Ihre Kabine ist achtern, Deck E. Ab 18.30 Uhr können Sie im Speisesaal zu Abend essen. Bitte melden Sie sich beim Oberkellner wegen der Tischreservierung. Gute Fahrt und viel Spaß“ gibt uns das Rezeptionsmädel noch mit auf den Weg, als wir unsere Tickets in Empfang nehmen. Für´n Moment wissen wir nun alles Wichtige, jetzt geht´s auf in Richtung unserer Kabine. Erstmal Rucksäcke ablegen, und dann sofort raus an Deck, Schiff erkunden! Bis 18.30 Uhr ist´s noch eine gute halbe Stunde Zeit...

      Nun aber erstmal Kabine suchen. Ein kurzer Blick auf den Schiffsplan an der Wand – ah ja! Erst mal zwei Treppen hoch, dann raus auf´s offene Deck und nach achtern marschiert, vorbei an Rettungsbooten, Rettungsinseln und Ladekränen. Im hinteren Decksaufbau ist unsere Kabine gelegen. Noch sind wir ziemlich allein auf dem Schiff, außer einigen Matrosen in blauem Overall und zwei uniformierten Offizieren begegnen wir keinem Menschen. Der große Passagieransturm dürfte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen.

      Schnell haben wir unsere Kabine gefunden, Nummer 506. Sie ist im hinteren Decksaufbau gelegen, in dem Teil des Schiffes der 1988 erst hinzugefügt worden ist, um die Passagierkapazität zu erhöhen. Um 17.48 Uhr öffnen wir mit dem Lochkartenschlüssel die Tür unserer Kabine, stürmen hinein... und halten erstmal inne. Jetzt sind wir endgültig da! Wir sind am Ziel unserer Träume! In einer etwa 12 m² großen Kabine mit einem salzverkrusteten Fensterchen nach draußen, einem Bett und einem Klappsofa, einem Schreibtischchen mit Stuhl, einem Schränkchen und einer Duschkabine mit Klo. Jetzt bin ich da, wo wir uns seit zwei Jahren hingesehnt haben: Jetzt sind wir auf den schönsten 12 m² die es gibt - in einer Kabine eines Hurtigruten-Dampfers !!! Außenstehende werden es wohl schwer begreifen können, was dies in diesem Moment für uns bedeutet ...



      18.00 Uhr: Erste Erkundungen an Bord
      Lange will ich mich jetzt nicht in unserer Kabine aufhalten – ich will raus! Es sind zwar noch über zwei Stunden bis zur Abfahrt, aber ich will trotzdem so schnell wie möglich raus! Häuslich einrichten können wir uns später noch. Jetzt will ich erstmal raus an Deck, an der Reling stehen und von oben auf den Kai hinuntersehen und dieses wahnsinnige Gefühl genießen, vor der größten, interessantesten und schönsten Reise meines Lebens zu stehen. Ein Gefühl, wie es wohl nur Kinder haben können, wenn sie an Heiligabend auf die Bescherung warten. Für mich besteht diese Bescherung aus der ersten großen Seereise meines Lebens...

      Das Deck ist nicht weit von unserer Kabine, genauer gesagt ist es genau über uns. Zur Tür hinaus und gleich die eiserne Treppe hoch, und schon sind wir auf dem Sonnendeck, wo wir uns gerade nur in Gesellschaft von zwei Schornsteinen und einigen Decksstühlen befinden. Außer uns keine Menschenseele an Deck, aber unten am Kai wird´s jetzt doch etwas lebhafter. So langsam strömen die Passagiere herbei, mit Bussen, Taxis und auch zu Fuß, so wie wir vor einer halben Stunde. Herrlicher Sonnenschein, blauer Himmel, dazu diese Seeluft von Westen her..., schon jetzt fühl ich mich schon wie auf hoher See, obwohl wir noch im Hafen liegen...

      So etwa 10 Minuten streifen wir über alle Außendecks dieses Schiffes, bis wir uns dann wieder ins Innere begeben. Ab halb sieben Uhr können wir unsere Essenstische beim Oberkellner reservieren lassen, und das tun wir jetzt auch. Vor der Eingangstür zum Speiseraum hat er ein kleines Tischchen aufgestellt, an dem er unsere Reservierungswünsche entgegen nimmt. Ein nicht ganz unbedeutendes Ritual, immerhin wird jetzt festgelegt, mit welchen Personen wir in den nächsten elf Tagen abends am Essenstisch sitzen. Eigentlich sehr witzig, schließlich kennen wir doch noch niemanden von unseren Mitreisenden. Aber dieser Kellner – ein kleines Männchen von Anfang 50 – hat da sicher so eine Art „Fingerspitzengefühl“, wen er mit wem zusammensetzt. Also fragt er uns in einigermaßen verständlichem Deutsch „Macht es Ihnen was aus, mit einem jung verheirateten holländischen Paar am Tisch zu sitzen?“ Macht uns natürlich nichts aus, und so platziert er uns an einen Sechser-Tisch. Ein holländisches Pärchen sind unsere Tischnachbarn, wer die anderen zwei sein werden wird sich noch zeigen...

      18.30 Uhr: Das erste Abendessen an Bord
      Für heute abend allerdings ist freie Tischwahl, und es sind noch ziemlich viele Tische frei. Wir suchen uns natürlich einen Tisch am Fenster aus, mit Blick nach vorne. Aber wir haben kaum Platz genommen, kommt sofort eine junge Kellnerin – wohl Anfang 20 - quer durch den Saal an unseren Tisch gerannt: „Ähm, sorry, but you can´t sit here. This is the Captain´s table.” Tja äähhh…, gleich am Anfang voll ins Fettnäpfchen getappt, hihihi. Haben wir uns doch tatsächlich den Kapitänstisch ausgesucht! Tatsächlich, da steht ja ein kleines Pappschildchen auf dem Tisch „Captain & Crew only“. Haben wir übersehen, kann ja mal passieren! Und die Kellnerin nimmt´s uns auch nicht krumm, sie grinst uns verschmitzt an und führt uns zu einem anderen Tisch, direkt neben dem Buffet, wo wir dann auch Platz nehmen.

      Kaum haben wir uns hingesetzt, kommt das Mädel sofort wieder zu uns und fragt was wir trinken wollen. Wir wissen: Bier ist teuer, und so bestellen wir Mineralwasser. „Da hätte ich für Sie ein Angebot: Wir haben hier an Bord die Möglichkeit, mittels eines Karbonisators ein eigenes Mineralwasser herzustellen. Für 300 Kronen bekommen Sie von uns eine 1-Liter-Flasche, die Sie immer wieder auffüllen lassen können. Sie können diese Flasche überall hin mitnehmen und zu jeder Zeit neu auffüllen lassen.“ Klingt nicht schlecht, also nehmen wir das Angebot an. 300 Kronen = 37,50 € für 12 Tage Getränke für uns zwei, hört sich wirklich günstig an. Und das Wasser schmeckt wirklich gut, wie wir dann später auch feststellen werden.

      Nun aber geht´s ans Büffet – und was soll ich sagen? Hatte ich anfangs noch leichte Befürchtungen, daß es auf der Hurtigrute mehr Fisch als Fleisch geben würde, so werde ich hier eines besseren belehrt! Natürlich gibt´s Fisch in allen Variationen, Lachs, Dorsch und Seeteufel, dazu Krabben, Garnelen und Meeresfrüchte. Aber auch für Fleischliebhaber ist gesorgt: Lasagne al Forno, Rindersteak, Schweinefilet in Rahmsoße, dazu Pommes, Bratkartoffeln oder Kroketten. Ein Buffet vom feinsten, vergleichbar mit so manchem Abendbuffet in unseren Hotels aus dem Jahr 2002. Wir haben heute den ganzen Tag nicht viel gegessen, also hauen wir rein was geht! So ein Tag wie heute muß schließlich gleich mit einem anständigen Festmahl begonnen werden!

      19.30 Uhr: Warten auf die Abfahrt
      Kurz nach halb acht Uhr sind wir mit unserem Abendessen fertig, sind Lasagne und Rindersteak in meinem sowie Lachs und Garnelen in Bine´s Magen angekommen. Es geht nun so langsam auf die Abfahrtszeit zu, die Spannung steigt immer mehr. Mich zieht´s unwiderstehlich nach draußen an Deck, die letzten Minuten vor der Abfahrt muß ich einfach draußen erleben. Natürlich müssen wir von diesen Momenten unseren „Daheimgebliebenen“ erzählen, also ein kurzer Anruf mit dem Handy bei unseren Eltern in der Heimat: „Wir sind jetzt an Bord, wir stehen gerade bei herrlichstem Sonnenschein auf dem Sonnendeck und warten auf die Abfahrt. Den Bauch haben wir uns auch schon vollgeschlagen. Alles super, alles traumhaft! Und die Schiffsreise wird bestimmt auch traumhaft...“ Selten ein so überschwängliches Telefonat mit meiner Mutter geführt...

      Unser „Trolli-Pärchen“ sehen wir auch wieder, sie sitzen beide auf einer Bank und lassen sich die warme Abendsonne auf den Kopf scheinen. Auch sie scheinen uns wieder zu erkennen, sie lächeln, als sie uns sehen. „Na, das ist doch herrlich, oder?“ sag ich zu ihnen beim näherkommen. „Ja, wirklich herrlich!“ sagt sie. Und dann das übliche: „Woher kommt Ihr, wohin fahrt Ihr, wo wart Ihr schon überall etc.“. Dabei erfahren wir, daß die beiden aus der Gegend von Hannover sind und schon morgen früh in Ålesund wieder von Bord gehen, dort nehmen sie einen Mietwagen und fahren die Fjordküste entlang wieder zurück nach Süden. Fast bedauere ich es, daß wir unsere erste Bordbekanntschaft bereits so schnell wieder los sein werden, die beiden sind nämlich wirklich nett. Als wir dann von unserer bisherigen Tour erzählen und von der Tour die uns noch bevorsteht bekommen sie ganz leuchtende Augen...“Mensch, das ist ja wirklich eine Traumreise die Ihr da macht!“...

      20.00 Uhr: Leinen los !
      So langsam füllt sich das Deck immer mehr mit Leuten, die Plätze an der Reling sind dabei natürlich heißbegehrt. Meist ältere Herrschaften ab 50 aufwärts, aber doch auch einige junge Leute in unserer Altersklasse. Fast nur deutsche Laute dringen an mein Ohr, man könnte fast vergessen daß man 1000 Kilometer weit weg von daheim ist! Vor lauter Plauderei mit den beiden Hannoveranern bemerken wir gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht, schon dreiviertel acht! So langsam mehren sich die Anzeichen, daß es nun bald losgeht: Das leise Brummen und Vibrieren unter uns, das uns in den letzten Stunden ganz unauffällig begleitet hat, wird stärker, aus dem Schornstein neben uns quillt plötzlich schwarzer Qualm – die Hauptmaschine ist wohl gerade angeworfen worden! Ein lautes Hupen des Schiffshorns lässt uns zusammenzucken – noch fünf Minuten bis zur Abfahrt! „Wer noch mit will, soll sich gefälligst beeilen!“ soll damit wohl gesagt werden. Die große Ladeluke in der Seitenwand wird schon langsam geschlossen, und auch die Gangway klappt wie ein Zollstock zusammen und wird eingefahren. Das Achterdeck vibriert schon recht heftig, das Ventilationsgebläse am Schornstein macht einen Heidenkrawall, und aus der schwarzen Qualmwolke über dem Schornstein ist nun ein durchsichtiger, brauner Abgasschleier geworden, ein Zeichen dafür daß die Maschine nun wohl ihre Betriebstemperatur und Normaldrehzahl erreicht hat. Und jetzt ... die Haltetaue werden von den Pollern an der Kaimauer gelöst und eingefahren, das Schiff schwimmt jetzt frei, ohne Verbindung zum Land. Dreimal hintereinander tutet nun das Schiffshorn... jetzt geht´s los! Ja, jetzt geht´s endlich los !!!! Ein Kind an Weihnachten kann nicht glücklicher sein als ich es jetzt bin ...


      Der Spalt zwischen Kaimauer und Schiffswand wird immer größer....langsam gleiten wir rückwärts hinaus in den „Puddefjorden“. Etwa einen Kilometer geht´s rückwärts, dann erleben wir das erste seemännische Manöver auf dieser Tour, nämlich eine 180-Grad-Wende des Schiffes, um den Bug in Fahrtrichtung zu bekommen. Schon sind die Häuser der Stadt und die Hafengebäude ganz klein geworden. Mit „kleiner Fahrt“, jetzt aber Bug voraus, geht´s nun hinaus in Richtung Herdlefjord, der uns durch die Inselwelt vor Bergen hinaus an die Küste führt. Die Abenddämmerung bricht so langsam herein, eine abendliche Ruhe scheint über der Stadt und den Inseln drumherum zu liegen...



      Es ist nicht unbedingt das, was man sich vielleicht von einer Schiffsabfahrt vorstellt. Keine rührenden Winkszenen á la „Titanic“-Film, keine Blaskapelle am Kai, die das Schiff mit „Muß I denn ...“ verabschiedet. Nichts von alledem, nichts von dem ganzen Kitsch aus Film und Fernsehen. Ruhig und sachlich, fast „geschäftsmäßig“ läuft die Abfahrt ab, ohne große äußere Emotionen und Rührseligkeiten. Aber... wie´s innen in den Leuten hier am Achterdeck aussieht, das kann man sich wohl ganz gut ausmalen. Es ist eine andächtige, fast „feierliche“ Ruhe über dem Schiff, als wir nun mit vielleicht grad mal fünf Knoten langsam gen Küste streben. Wohl jeder hier an Bord ist sich gewiß, daß er hier am Beginn einer Traumreise steht. Wohl jeder ist sich darüber klar, daß uns etwas Großartiges bevorsteht.. Ob die Vorfreude bei den anderen genauso groß ist weiß ich natürlich nicht, für mich gibt´s im Moment jedenfalls kein größeres Glück auf Erden als hier und jetzt an Bord dieses Schiffes zu sein, ganz verträumt und andächtig an der Reling stehen zu können und diese Fahrt machen zu können. So ist das nun mal, wenn Träume in Erfüllung gehen ...

      Die Stadt, die Hafenkais mit dem vielen Schiffen, die Berge dahinter werden nun immer kleiner. Immer noch machen wir nur langsame Fahrt, immer noch hinterlassen wir fast kein Kielwasser hinter uns, die Schrauben drehen nur langsam und wühlen das Wasser nur leicht auf. Am liebsten würde ich jetzt hier an der Reling stehen bleiben bis es ganz dunkel ist, bis mir vielleicht an der Reling stehend wieder die Augen zufallen wie damals im August 2002 an Bord der „Peter Wessel“ auf der Fahrt von Frederikshavn nach Larvik. Einfach hier stehen und sich fahren lassen, alles still genießen, alles auf sich wirken lassen, zur Ruhe kommen, seinen Gedanken nachhängen...

      20.30 Uhr: Sicherheitsbelehrung
      „DING-DONG! – Mine Damer og Herrer ...” schallt es auf einmal aus dem Lautsprecher und reißt mich aus meinen Gedanken Eine Frauenstimme verkündet – zunächst auf Norwegisch, dann auf Englisch und schließlich auf Deutsch – daß alle Passagiere sich um 20.30 Uhr – also in zehn Minuten – zur „Allgemeinen Sicherheitsbelehrung“ zusammenfinden sollen. Die deutschsprachigen Passagiere in der Bar „Vesterålstuen” im achteren Bereich, die englischsprachigen in der Cafeteria mittschiffs.. „Schade, eigentlich will ich hier doch gar nicht weg!“, denk ich mir, aber was sein muß sei. Und so ganz unwichtig ist es ja auch nicht, daß man weiß wie man sich im Notfall verhalten muß. Und sicher gibt es auch noch einige andere Informationen, die wichtig sein könnten. Und so reiße ich mich eher widerwillig – meine Frau hilft dabei noch nach – los von der Reling und folge der Meute durch´s achtere Treppenhaus abwärts in die Bar, die sich zwei Decks unter den Sonnendeck befindet. Eine Theke in der Mitte des Raumes, drumherum braun-lederne Polstersessel und Sofas, umgeben von jeder Menge Grünzeug zwischen den Fenstern. Richtig gemütlich - die Bar hat nur einen Fehler: Sie ist geschlossen..., ein Vorhang verhüllt den Bereich hinter der Theke. Aber schließlich sollen wir ja jetzt nicht saufen, sondern den Ausführungen unserer Reiseleiterin lauschen...

      Jetzt sehen wir erst richtig, wie viele Landsleute bzw. sonstige Deutschsprachige hier mit an Bord sind, und wir sind richtig baff! So an die achtzig Leute sind´s, die sich nun auf die Sitzgarnituren verteilen, also wirklich `ne ganze Menge! Etwa drei viertel davon würde ich älter als 55 schätzen, aber so einige aus unserer Altersklasse sind auch dabei. Ein ziemliches Hallo in der Bar, bis sich dann eine dunkelblau uniformierte Dame von etwa Anfang 50 über Mikrofon Aufmerksamkeit verschafft. Sie stellt sich vor als „Else-Karin“, ist Reiseleiterin auf dieser Fahrt und somit Ansprechpartner in allen Fragen die während einer Hurtigruten-Fahrt so auftauchen. Sie spricht ein recht gutes Deutsch, die Zeiten wo Englisch so was wie die einzige "Verkehrssprache" war scheinen somit wohl vorbei zu sein. Sie klärt uns über die Essenszeiten an Bord auf, über die Landausflüge die man buchen kann und viele andere Dinge... bis wir dann zum lustigen Höhepunkt des Abends kommen, nämlich der „Sicherheitsbelehrung“. Diese sieht so aus, daß Else-Karin uns erklärt wo die Rettungsboote sind und wo die Fluchtwege verlaufen, und daß wir natürlich „nicht in Panik verfallen sollen“ und „die Anweisungen des Schiffspersonals beachten sollen“ usw... das übliche Blabla halt. Als „Highlight“ gibt´s dann noch eine kleine „Modenschau“, nämlich die Anprobe eines „Seenot-Rettungsanzuges“. Dafür sucht Else-Karin eine freiwilliges „Mannequin“, der sie diesen Anzug anziehen darf. Lange braucht sie nicht suchen, eine ältere Dame vom Nachbartisch ruft gleich mit rheinländischem Akzent „Das mach ich!“ und tritt kichernd – begleitet vom Applaus der Mitreisenden – nach vorne.


      Als sie dann nach einigen Schwierigkeiten endlich in diesem roten, unförmigen und nicht gerade kleidsamen Anzug steckt, gibt´s noch ein paar erklärende Hinweise von Else-Karin über die Funktionsweise so eines Rettungsanzuges. Und dann ist diese kurze Abendveranstaltung auch schon zu Ende. Gott sei Dank, denn ich will wieder raus an Deck!

      21.00 Uhr: Durch die Abenddämmerung...
      Wieder draußen an Deck, pfeift uns ein ganz schöner Fahrtwind um die Nase. Das Schiff hat mittlerweile seine normale Reisegeschwindigkeit erreicht, mit 15 Knoten fahren wir in der mittlerweile fortgeschrittenen Abenddämmerung durch den Hjeltefjord nach Norden. Es ist kurz nach 21 Uhr, also wirklich noch keine Zeit um sich in die Kabine zu verkriechen. Aber Bine zuliebe gehen wir dann doch wieder ins Schiffsinnere, ihr ist es draußen zu kalt. Also noch einen kleinen Rundgang durch´s Schiff, rauf in den Panorama-Salon, durch die Cafeteria und wieder zurück in die Kabine, wo sich Bine dann in ihre Koje legt. Im Moment versäumt sie ja nichts, draußen wird´s mittlerweile immer dunkler ...


      Ich aber muß einfach nochmal raus an Deck, Kälte und Dunkelheit hin oder her! Ich muß es einfach erleben, wie wir so durch die dunkle Nacht fahren, muß es erleben, wie mir jetzt die frische Seeluft um die Nase weht. Ich muß es erleben, wie unser hellerleuchtetes Schiff durch das dunkelgrau schimmernde Wasser pflügt, die Küste rechts und die Inseln links wie schwarze Schatten im Wasser. Dazu noch die vielen tausend Lichter an der Küste, Häuser, Straßenlaternen und über uns der dunkelblaue Himmel, der im Westen noch leicht rötlich schimmert, im Osten aber in ein immer dunkleres Schwarz übergeht. Es ist diese Stimmung, diese einzigartige Atmosphäre von Farbe, Licht und Dunkelheit, die ich jetzt erleben und genießen will. Und da passt es mir natürlich auch sehr gut, daß ich jetzt der einzige an Deck bin, den anderen war es wahrscheinlich auch zu kalt. So streife ich langsam über alle Decks dieses Schiffes, und sauge alles in mich ein, so intensiv wie es nur geht. Allein mit meinen Gedanken, allein mit meiner schier unendlichen Vorfreude auf das, was uns in den nächsten elf Tagen noch bevorsteht. Es sind dies Momente und Augenblicke, die einem wohl ewig im Gedächtnis bleiben werden, an die man vielleicht noch in vielen Jahren zurückdenken wird...



      Und so steh ich nun zu Beginn der ersten Nacht an der Reling auf dem Achterdeck und blicke zurück nach Süden. Das Kielwasser leuchtet als helle Spur aus dem dunkelgrauen, mittlerweile fast schwarzem Meer heraus. Mittlerweile ist es so dunkel, daß man selbst die Inseln im Westen und die Küste im Osten nicht mehr erkennen kann. Wie lange bin ich schon an Deck? Es ist halb elf Uhr, also über eine Stunde schon. Ein herrlicher Spätsommerabend ist zu Ende, die Nacht hat den Tag verdrängt. Obwohl so weit oben im Norden, kommt es mir noch ziemlich warm vor, sicher so an die 12 Grad. Dazu absolut ruhige See, das Schiff zieht schnureben seine Bahn. Kein Schaukeln, kein Schlingern, kein Rollen, und das obwohl wir mittlerweile volle Fahrt laufen. Schöner hätte es zum Auftakt doch gar nicht sein können! Sollten wir wohl trotz der ziemlich durchwachsenen Wettervorhersagen Glück mit dem Wetter haben? Es wäre zu schön..., aber bis nach Kirkenes sind´s noch über 2000 Kilometer! Da wird man sicher auch noch anderes Wetter erleben. Wer weiß, vielleicht erleben wir dort oben auch einige Herbststürme! Man muß es nehmen wie es kommt, und wir werden es nehmen wie es kommt ...

      Ich bin ganz allein auf dem Achterdeck, auf dieser etwa 30 auf 16 Meter großen Decksfläche, die an Backbord und Steuerbord von zwei Schornsteinen eingerahmt wird. Nur einer davon – der Steuerbord-Schornstein – ist richtig in Betrieb, der an Backbord ist nur eine Attrappe. Wohl um die Silhouette des Schiffes nach dem großen Umbau 1988 etwas „eleganter“ und gleichförmiger erscheinen zu lassen. Steht man neben dem „aktiven“ Schornstein, meint man neben dem lauten Rauschen der Ventilatoren und Entlüftungen auch das Brummen der Motoren aus dem „Keller“ des Schiffes ein paar Decks unter uns zu hören. Das leichte Vibrieren des Decks nehme ich mittlerweile gar nicht mehr wahr.

      In den kommenden Nachtstunden werden wir zwei Häfen anlaufen, Florø um 2.15 Uhr, Maløy um 4.30 Uhr. Ich habe mir ja eigentlich vorgenommen, so wenig wie möglich auf diesem Schiff zu schlafen. Ich will nichts versäumen, keinen Hafen, keinen Sturm, keinen Sonnenaufgang. Mal sehen wir weit ich das durchhalte.

      Florø ... da kommt doch wieder die Erinnerung an unsere Norwegen-Reise aus dem Jahr 2002 hoch. Mit der „MS Finnmarken“ sind wir damals bei herrlichstem Sonnenschein durch genau diese Gewässer nach Süden gefahren, die wir jetzt in stockdunkler Nacht nach Norden durchpflügen. Der Schärengarten, die Sognefjord-Mündung, der enge Steinsund mit den Sula-Inseln, der Felsklotz „Alden“ ... sie sind mir alle noch in Erinnerung von damals. Heute nacht fahre ich wieder an ihnen vorbei, diesmal werde ich allerdings nicht an Deck stehen wie damals... diesmal werde ich das alles in meiner Koje verschlafen. Denn so langsam – es ist nach 23 Uhr – werden meine Äuglein doch etwas schwer. Es war heute doch ein sehr bewegter, aufregender Tag – heute früh noch von Stavanger mit dem Schnellboot nach Bergen , dann die ganze Aufregung vor und nach der Abfahrt... der Körper holt sich halt sein Recht auf Schlaf! Und so geht´s dann für mich auch in die Kabine, wo Bine schon schön selig in ihrer Koje liegt und schläft...
    • Shiplover wrote:

      So, wie schon vor ein paar Tagen angedro ... äh ... angekündigt,
      So ähnlich habe ich auch schon mal einen Reisebericht eingeleitet... :laugh1:

      Goldfinch wrote:

      Wenn nicht jetzt, dann nie! Je nach Blickwinkel des Betrachters habe ich ja schon verschiedentlich einen Bericht meiner Herbstreise 'angedroht' oder 'versprochen'.
      Keine Angst, hier werden alle Reiseberichte gerne genommen. Aber das weißt Du ja schon. :thumbsup:

      Shiplover wrote:

      Schon die zweiwöchige "Inlands-Tour" wäre einen eigenen Reisebericht wert,
      Auch den nehmen wir gerne. :mosking: Halt Dich also nicht zurück, wenn Du uns mehr erzählen möchtest......... ;)

      Jetzt aber erst mal vielen lieben Dank für den Bericht Eurer Vesteralen-Reise. Schön, dass Du so viele Gedanken damals festgehalten und nun für's Forum toll adaptiert und ergänzt hast. Ich lese immer wieder gerne (auch ältere) Reiseberichte. Jeder von uns hat einen so eigenen Stil, "seine" Reise zu präsentieren, dass es mir immer wieder Spaß macht, neue (auch ältere) Berichte zu lesen. Und Dein Schreibstil gefällt mir ausgesprochen gut. Ich freue mich schon auf die Fortsezung. :sdanke: :sdafuer:
      Liebe Grüße, Goldfinch
      :ilhr:


      Links zu meinen Reiseberichten: siehe Profil ...
    • @shiplover
      Ich habe knapp fünf Jahre später, im Mai 2009, meine erste HR-Reise auf der MS Vesteralen gemacht. Ich kann alles, was Du beschrieben hast - die Aufregung, die unbändige Freude, dass es endlich losgeht, das "Aufsaugenwollen" jeder kleinsten Kleinigkeit etc. - absolut nachempfinden, denn genauso habe ich mich damals auch gefühlt.

      Das HR-Virus hat mich damals voll erwischt. Mittlerweile bin ich fünfmal mit diesem Schiff gefahren und werde jetzt im Frühjahr meine sechste Reise auf ihr antreten.

      Ich freue mich schon auf die Fortsetzung Deines Berichts. :)
    • Shiplover wrote:

      jetzt geht´s los! Ja, jetzt geht´s endlich los !!!! Ein Kind an Weihnachten kann nicht glücklicher sein als ich es jetzt bin ...


      Genau so fühlte ich mich im Mai 2012 auch. Es war einfach unbeschreiblich dies alles zu erleben :) ....auch heute noch denke ich oft an diese Reise zurück und kann diese Gefühle direkt wieder fühlen. Es war einfach wundervoll. :love:
      Liebe Grüsse Begeisterte :gr-smile:

      MS Nordlys 2012
    • Hallo Shiplover,

      sooo ein schööner Reisebericht !! Du beschreibst genau die Gefühle, die wohl fast jeden hier im Forum bei seiner ersten Reise bewegt haben. Zumindest ging es mir genau so, nur 5 Jahre später (im Juni 2009) aber auf dem gleichen schönen Schiff ! Unsere Anreise war leider etwas hektischer, aber als wir dann an Bord waren, habe ich mich auch wie ein kleines Kind an Weihnachten gefreut !!!! :thumbsup:

      Ich bin schon gespannt auf die Fortsetzung !!

      Viele Grüße aus Mittelfranken
      Viele Grüße
      Seemaus
    • @all:

      Vielen Dank für Eure netten Kommentare zu meinem "Erstlingswerk" hier im Forum. :sdanke: :blush: Hat mich wirklich sehr gefreut und ist auch ein Ansporn für mich weiterzumachen. Wobei das allerdings leider seine Zeit braucht... das eigene Nachlesen und "Nacherleben" des Ursprungsberichts nach so langer Zeit, das Anpassen und Kürzen sowie auch die Fotoauswahl macht zwar Spaß, nimmt mehr Zeit in Anspruch als ich dachte. Und unbegrenzt Zeit hab ich leider nicht... :ssorry: aber ich bleibe dran, versprochen!

      Bis zu unserer "Finnmarken-Tour" in zwei Wochen werde ich den Bericht allerdings nicht komplett fertig haben - dafür gibt´s auf jeden Fall einen Live-Bericht von der "Finnmarken" (so das W-LAN an Bord nicht spinnt ...)

      So, jetzt mach ich dann mal weiter mit überarbeiten - als nächstes geht´s nach Alesund und Geiranger ...
    • So, für die Freunde der "etwas ausführlicheren" Reiseberichte (hallo Albatross!) sowie für alle anderen die die Mühe auf sich nehmen sich durch seitenlangen Text zu kämpfen, habe ich eine erfreuliche Mitteilung: Es geht "weida" !

      Eine kurze Erklärung noch: Die im Bericht eingestreuten "Rückblenden" auf das Jahr 2002 beziehen sich auf unsere allererste Norwegen-Rundreise mit dem Bus aus dem August 2002, die uns u.a auch nach Geiranger und Molde führte. Dort sahen wir auch das erste Mal im Leben echte Hurtigruten-Schiffe, zuerst die "Vesterålen" in Molde sowie die "Nordkapp" im Geirangerfjord .

      Erstes Frühstück an Bord

      Halb sieben Uhr früh – der Wecker piept. Die erste Nacht an Bord ist rum, und sie ist ruhig verlaufen. Geschlafen hab ich wie ein Bär, und jetzt hüpf ich frisch und munter aus der Koje. Der Blick aus dem Kabinenfenster verheißt aber nichts gutes: Tiefhängende graue Wolken, Regentropfen auf der Scheibe, auf gut Norddeutsch: Schietwetter!!! Und das heute, wo wir den ganzen Tag durch Ålesund bummeln wollten! Kaum zu glauben, gestern noch so ein herrlicher Tag bis in die späten Abendstunden hinein, und heute dieser brutale Wetterumschwung! Aber das ist Norwegen, Wetterkapriolen sind da automatisch inklusive. Immerhin ist die See ruhig, und das obwohl wir gerade das berüchtigte " Stadhavet " durchfahren...

      Erste Tat des heutigen Tages: Duschen! Meine erste Dusche, die ich jemals auf hoher See genommen habe! Die Duschkabine ist zwar klein, die Armaturen nur aus Plastik, aber das Wasser ist warm! In dieser Hinsicht gibt´s also keine Probleme, und das ist gut zu wissen, immerhin brauchen wir diese Dusche noch in den nächsten elf Tagen! Jetzt, bei ruhigen Seegang, ist das Duschen nicht anders als an Land, bei richtigem Seegang mag das aber ganz anders aussehen! Aber es gibt Griffe zum Festhalten in der Dusche ...

      Nachdem Bine auch ihre Morgentoilette erledigt hat, geht´s dann gegen 7.30 Uhr zum Frühstück in den Speisesaal. Auch beim Frühstück herrscht freie Tischwahl. Wir sehen gerade unser „Trolli-Pärchen“ aus Hannover beim Frühstücken und setzen uns zu ihnen. Bisher sind sie ja sie einzigen, mit denen wir mehr als nur ein paar Worte gewechselt haben, und immerhin gehen sie ja in wenigen Stunden von Bord. Wirklich schade daß die beiden uns schon so früh verlassen, ich denke es hätte sich durchaus eine engere Bord-Kameradschaft entwickeln können...

      Bisher haben wir ja in Sachen „Frühstücksbuffet“ schon so einiges gesehen in den Hotels, in denen wir bisher zu Gast waren. Aber das, was wir hier an Bord der „Vesterålen” geboten bekommen, übertrifft an Menge und Auswahl wirklich alles! Mindestens zehn verschiedene Brot- und Brötchensorten (frisch gebacken!), Quark und Müsli in allen Variationen, schätzungsweise ein Dutzend verschiedene Marmeladensorten, Würstchen mit Bratkartoffeln, Omeletts, Spiegel- und Rühreier, Wurst, Schinken und Käse, daß einem das Herz aufgeht, und natürlich Fisch! Fisch über alles, auch beim Frühstück! Es versteht sich, daß Bine da voll zuschlägt, ich als „Fischliebhaber“ (wegen mir muß ja bekanntlich kein Fisch sterben!) halt mich stattdessen mehr an Rührei und Omeletts, gefolgt von Würstchen mit Bratkartoffeln. Echt ein Traum, so ein Frühstück!

      Während wir nun gerade so schlemmen und im Small-Talk mit unseren Tischnachbarn vertieft sind, legen wir gerade in Torvik ab. In der letzten halben Stunde war unser Schiff dort am Kai gelegen. Was ich während des Frühstücks so durch die Fenster sehe, sind wirklich nur ein paar Häuschen und grüne Kuhweiden bis zur Pier hin - unser Hurtigruten-Reiseführer lügt also nicht ...

      Ålesund – doch nur ein kurzer Zwischenstop

      Gegen halb neun Uhr – ich bin grad mit meiner allerletzten Portion Rührei beschäftigt – ertönt über Lautsprecher ein dezentes „Ding-Dong“, und die mittlerweile wohlbekannte Stimme unserer Reiseleiterin Else-Karin erklingt. Sie gibt bekannt, daß wie in etwa 20 Minuten in Ålesund einlaufen werden. Urplötzlich Aufbruchstimmung im Frühstückssaal, auch die beiden Hannoveraner machen sich fertig. Sie werden in Ålesund das Schiff verlassen und zu Lande weiterreisen. Und da auch wir vor haben, hier von Bord zu gehen, also machen wir uns auch auf den Weg in unsere Kabine, um uns entsprechend herzurichten. Rucksack packen, Regenjacke anziehen usw. Draußen an Deck kommen uns aber Zweifel, ob wir das wirklich wollen. Es schüttet gerade wie aus Kübeln, als wir auf Ålesund zulaufen, der Himmel ist grau in grau, es hat merklich abgekühlt, die Wolken hängen tief und verhüllen die Berge an der Küste. Wenig Aussicht, daß sich das Wetter in den nächsten Stunden bessert. Ob´s da wirklich Spaß macht zu Fuß durch Ålesund zu tigern? Zehn Stunden Regenschirm schleppen und dabei trotzdem naß werden?? Sich auf diese Weise vielleicht noch eine Erkältung holen oder die noch vorhandene Rest-Erkältung bei Bine wieder „auffrischen“? Kurzer Kriegsrat mit Bine, und die Entscheidung fällt schnell: Wir bleiben an Bord und fahren mit in den Geirangerfjord . So interessant und schön es in der „Jugendstil-Stadt“ Ålesund auch sein mag, aber das ist es nun wirklich nicht wert! Hier auf dem Schiff ist es trocken und gemütlich, man kann sich erholen und „faul sein“, und man sieht trotzdem etwas von der Welt. Und seien wir doch ehrlich: In den letzten Tagen und Wochen waren wir doch nur auf Achse, ob zu Fuß oder anderweitig. Wir sind weit gereist und haben viel gesehen, aber nach zwei solchen Wochen am Stück kommt doch mal ein Punkt, wo man sich mal nach Nichtstun, nach „Faul-Sein“ sehnt. Und wo kann man das besser als hier an Bord? Man kann sich faul auf´s Deck setzen oder man macht es sich bei einer Tasse Kaffee oder Kakao im Panorama-Salon gemütlich und sieht trotzdem was von der Landschaft. Nicht selber fahren, sondern „gefahren werden“ und dabei etwas zur Ruhe kommen, das ist es was wir gerade an einem solchen Tag wie heute ausprobieren können. Daß das Wetter dabei heute so schlecht ist, kann man hier an Bord sicher besser verkraften als mit Regenschirm und Regenjacke in Ålesund . Heute abend werden wir ja wieder hier sein und eine Stunde Zeit haben, wenigsten sein bisschen von der Stadt zu sehen, und vielleicht ist da auch das Wetter wieder besser ...

      Und so stehen wir beim Anlegen an der „Hurtigruten-Pier“ von Ålesund draußen an Deck unter den Rettungsbooten, die uns etwas Schutz vor dem Regen bieten, und verfolgen das Geschehen am Kai von oben. Ein Gabelstapler entlädt Paletten vom Schiff und lädt neue Paletten auf´s Schiff. Einige Hafenbedienstete und Ladearbeiter in orangen und neongelben Westen eilen geschäftig hin und her. Nur wenige Passagiere verlassen das Schiff, noch weniger steigen zu. Die meisten wollen sich anscheinend das Naturerlebnis Geirangerfjord nicht entgehen lassen. Unseren beiden „Trolli-Hannoveraner“ (von denen wir nicht mal die Namen wissen!) entgeht allerdings dieses Erlebnis. Wir sehen sie, wie sie zwischen den Lagerhallen am Kai Richtung Stadt marschieren. Hoffentlich klappt alles mit ihrem Mietwagen, hoffentlich haben sie noch eine gute Weiterreise!





      Für uns aber heißt es nun um 9.30 Uhr „Leinen los“. Es geht nun nach Geiranger – wie so oft schon in diesen Tagen eine Reise mit vielen Erinnerungen an das Jahr 2002. Damals war´s eine absolute Traumreise durch diesen Fjord, herrlichster Sonnenschein herrschte, schöner hätte es damals nicht sein können. Aber die Reise heute wird zu damals wohl einen brutalen Kontrast bilden, jedenfalls vom Wetter her gesehen: Die Landschaft ist die gleiche wie damals, aber heute wird sie sich wohl in einem anderen Licht präsentieren. Heute kann es sein, daß wir die Berge in Wolken verhüllt sehen, daß es an Deck kalt und windig sein wird, und daß es regnet. Auch jetzt, während wir Ålesund hinter uns lassen und wieder ein Stück nach Süden in Richtung Storfjord fahren, schüttet es gerade wieder was nur vom Himmel runter kann. Ein absolutes Kontrastprogramm steht uns bevor, aber mein Ärger darüber hält sich doch in Grenzen. Wir sitzen doch hier an Bord schön im Trockenen, und wenn wir doch mal raus an Deck wollen, dann warten dort auf uns auch ein paar regen- und windgeschützte Eckchen, wo man auch bei Regen die freie Aussicht von der Reling aus genießen kann. Und außerdem: Ist es nicht auch interessant zu erfahren, wie dieser wunderschöne Geirangerfjord bei solch schlechtem Wetter aussieht?

      Hinein in den Storfjord – der Regen als Begleiter

      Zusammen mit einigen anderen Passagieren stehen wir nun einigermaßen regengeschützt unter den Rettungsbooten auf dem E-Deck und lassen die unzähligen Inseln und dieses verwirrende Fjordsystem an der Küste vor Alesund an uns vorübergleiten. Obwohl es trüb und regnerisch ist, hängen die Wolken Gott sei Dank so hoch über der Erde, daß man die Landschaft, die Inseln und Berggipfel doch ganz gut sehen kann. Nur an den Richtung Landesinneren gelegenen Gipfeln hängen Wolkenfetzen, die sich dort abregnen. Jetzt, am Anfang unseres Trips nach Geiranger , sieht die Landschaft, sieht diese weite Wasserfläche mit den schier hunderten von Inseln ja noch vergleichsweise unspektakulär aus. Aber trotzdem will man sich dies alles vom freien Deck aus ansehen, es ist ja alles noch so neu, so gewaltig, so aufregend...

      Auch wenn unsere Planungen für den heutigen Tag ursprünglich anders ausgesehen hatten, ich bin dennoch keinesfalls unglücklich darüber, daß wir diese Tour nach Geiranger mitmachen. Es ist so was wie das erste „Highlight“ der gesamten elftägigen Fahrt, und das gleich am ersten Tag. Daß der Geirangerfjord weltberühmt ist, ja quasi das Aushängeschild ganz Norwegens ist, ist schließlich allgemein bekannt, und wir waren doch vor zwei Jahren schon total begeistert von dieser Landschaft hier. Und dennoch mutet es etwas sonderbar an, daß selbst die Hurtigruten-Schiffe auf ihrem Weg nach Kirkenes einen Abstecher hierher machen. Immerhin eine zusätzliche Fahrstrecke von etwa 250 Kilometern und etwa neun Stunden längere Fahrzeit. Aber die Hurtigruten-Manager haben mittlerweile erkannt, daß das Hauptgeschäft heute nicht mehr mit Fracht und Post, sondern mit den Touristen aus aller Welt gemacht wird, und denen muß natürlich etwas geboten werden! Was liegt daher näher, als die Hurtigrute als das eine Aushängeschild Norwegens mit dem Geirangerfjord als dem anderen Aushängeschild zu kombinieren? Die neun Stunden mehr an Fahrzeit werden da wohl als verschmerzbar angesehen. Seit dem Jahr 2000 machen die Hurtigruten-Schiffe in der Sommer-Saison nun diesen Abstecher ins Landesinnere nach Geiranger , und das Reisepublikum ist begeistert dabei und nimmt die von Geiranger aus angebotenen Ausflüge mit dem Bus gerne an. Ein genialer Schachzug der Hurtigruten-Macher!

      Schiffsrundgang

      Bis es nun in die „wirkliche“ Fjordwelt hineingeht, ist noch ziemlich viel Zeit. Also eine gute Gelegenheit, sich das Schiff nun mal wirklich bei Tag etwas genauer anzusehen. Die Außendecks habe ich ja gestern abend schon alle durchstreift und dabei auch so manchen „kuscheligen Winkel“ entdeckt, wie zum Beispiel diese Nische gleich unterhalb vom Aufgang zur Kommandobrücke. Man ist dort einigermaßen wind- und regengeschützt, von einem Lüftungsschacht kommt warme Luft aus dem Schiffsinneren und sorgt durch seinen warmen Luftzug auch im Freien für eine angenehme „Heizung“. Und doch ist man im Freien, hat freien Blick auf das Meer, kann die See und die Luft ungefiltert genießen. Und weil dieser Platz auch noch ziemlich abseits von den „Hauptwegen“ über die Außendecks liegt, verirrt sich nur selten ein andere Passagier hierher. Schon jetzt einer meiner „Lieblingsplätze“ an Deck, den ich sicherlich noch sehr oft aufsuchen werde ...

      Nachdem ich nun Bine über all diese Decks „geschleppt“ habe, die ich gestern abend schon ausgekundschaftet habe, wollen wir uns nun dem Schiffsinneren zuwenden. Den Speisesaal haben wir ja bereits kennen gelernt, und die kulinarische Leistungsfähigkeit der Bordküche haben wir ja bereits zur Genüge genießen dürfen. Wer eine kleine Zwischenmahlzeit zu sich nehmen will, z.B. Pizza oder Rindergeschnetzeltes ("Biffsnadder"), einen Kaffee mit Kuchen, ein Bier, ein Eis oder sonst irgendwas, der ist in der Cafeteria gut aufgehoben. Sie ist so etwas wie der Treffpunkt für alle Passagiere an Bord, bietet in gemütlichen Sitzgarnituren etwa 100 Leuten Platz. An der Theke wird man von einer jungen, netten Kellnerin bedient, und daneben an der Wand hängt eine Art „Schwarzes Brett“, an dem neben diversen anderen Infos auch die „Bordzeitung“ aushängt, die die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt in Englisch, Französisch und Deutsch zusammenfasst und verkündet. Und wer´s in bewegten Bildern haben will, der kann auf dem Fernseher oben an der Decke die Nachrichten von CNN verfolgen, die den ganzen Tag lang laufen. Somit ist diese Cafeteria auch ein Ort der Neuigkeiten, die man erfahren und austauschen kann. Sozusagen das kommunikative und informative Zentrum des Schiffes.

      Jetzt um diese Tageszeit ist die Cafeteria ganz gut besucht, etliche Passagiere lassen sich hier einen Kaffee oder einen Kakao als „zweites Frühstück“ schmecken, ratschen miteinander, schließen gerade Bekanntschaften mit anderen Mitreisenden. Ein Sprachengewirr von Englisch und Deutsch herrscht hier, nur eine Sprache kommt nicht vor: Norwegisch! Aber das ist ja auch ziemlich logisch, ein Norweger macht diesen Trip nach Geiranger auf der Hurtigrute doch nicht mit! Dieser Ausflug ist nur eine Touristenattraktion...

      Als nächstes begeben wir uns auf unserem Schiffsrundgang in den „Panorama-Salon“ ganz oben auf dem G-Deck. Höher hinaus geht´s nicht auf diesem Schiff! Dieser Raum, etwa 30 Meter lang und acht Meter breit, ist seitlich und nach oben von großen Panorama-Fenstern eingefasst, die natürlich einen Super-Ausblick nach draußen bieten. Und dabei sitzt man in gemütlichen Polsterstühlen ....

      Auch hier oben auf dem höchsten Deck des Schiffes haben sich doch einige Passagiere niedergelassen, aber hier geht´s doch um einiges ruhiger zu als unten in der Cafeteria. Hier oben ratscht man nicht mit seinen Mitreisenden, hier oben schaut man ruhig aus dem Fenster, liest ein Buch oder eine Zeitung, schreibt Postkarten oder auch ein Reisetagebuch. Und das tun auch fast alle Leute hier oben, nur eine ältere blonde Dame von Mitte 60 unterhält sich recht angeregt auf Englisch mit zwei anderen Damen, die den Redeschwall der Lady nahezu wortlos und gleichgültig über sich ergehen lassen. Diese Dame scheint sich für sehr wichtig zu halten... also eine typische Vertreterin der Art Menschen, von denen wir uns lieber fernhalten sollten....

      Auch hier oben kann man an einer kleinen Theke am hinteren Ende des Salons einen Kaffee, Tee oder Kakao bekommen, was wir nun auch tun. Nach einigem Suchen finden wir dann auch zwei Fensterplätze, wo wir uns niederlassen und nun während der nächsten Stunde einfach mal das machen, was alle anderen auch machen, nämlich in Ruhe etwas lesen oder einfach nur hinausgucken. Bine hat wieder ein dickes Buch dabei, das sie nun weiterliest, und auch ich lese etwas in diesem kleinen Hurtigruten-Reiseführer, der in unserer Kabine auslag und der jede einzelne Tagesetappe der elftägigen Reise ausführlich beschreibt. Auf diese Weise erfahre ich, was nun auf uns zukommt in den nächsten Tagen...

      Natürlich unterbreche ich mein Lesen immer wieder, um zum Fenster rauszusehen. Natürlich habe ich wieder meinen kleinen, selbstgemachten „Mini-Atlas“ dabei und kann somit ziemlich genau feststellen, wo wir gerade sind . Es ist mittlerweile 12.30 Uhr. Die Berge werden immer höher, die Fjorde immer enger. Es wird langsam „aufregend“ draußen. Und was noch schöner ist: Der Regen hat fast aufgehört. Auf den Dachfensterscheiben über uns kann man kaum noch Regentropfen sehen. Also doch eine gute Gelegenheit, wieder raus an Deck zu gehen. Und genau das tu ich auch, wenn auch vorerst allein. Bine sagt, sie kommt später nach ...

      Kurs Geirangerfjord

      Draußen hat sich die Szenerie mittlerweile doch ziemlich gewandelt. Die Gewässer in denen sich unser Schiff bewegt sind mittlerweile nicht mehr so weitläufig, die Berghänge rücken immer näher heran. Der Storfjord, den wir bisher durchfahren haben, ist mittlerweile zu Ende, er hat sich in die beiden Äste „Norddalsfjord“ und „Sunnylvsfjord“ verzweigt, diesen Sunnylvsfjord fahren wir nun weiter entlang.



      Etwa 90 Kilometer sind wir nun schön von der Küste entfernt, und so langsam bekommt man das typische „Fjord-Feeling“, das eigentlich jeden erfasst, wenn man sich in dieser Landschaft bewegt. Ein eigenartiges Gefühl von „Enge“ und „Beengtsein“ macht sich bei mir breit angesichts der Nähe, in der nun die Uferlinien des Fjordes an uns vorbei ziehen. Man meint, die kleinen Häuschen dort drüben am Ufer mit Händen greifen zu können, so nahe scheinen wir ihnen zu sein. Scheinen ..., denn tatsächlich hat der Fjord hier immer noch eine Breite etwa eineinhalb Kilometern, und wir sind hier in der Mitte des Fjordes etwa 700 Meter vom Ufer entfernt. Schon verrückt, wie die Perspektive hier täuschen kann angesichts von Bergen , die bis zu 1500 Meter hoch links und rechts am Ufer aufragen...

      Der Regen hat mittlerweile fast völlig aufgehört. Mittlerweile habe ich mich auf´s Achterdeck gewagt, wo man einfach den besten Überblick auf beide Seiten des Fjordes hat. Es ist doch schön, daß der Regengott wenigstens insoweit ein Einsehen hat, jetzt wo´s grad so richtig interessant und auch imposant wird. Und die Wolken sind auch weit genug nach oben gezogen, um den Blick auf die Berggipfel und bewaldeten Hänge am Ufer freizugeben. Wir sehen alles, wirklich alles! Jetzt beginnt diese Landschaft erst so richtig, ihre ganze majestätische Schönheit und Erhabenheit zu entfalten, und das scheinen mittlerweile auch viele der Mitreisenden bemerkt zu haben. Immer mehr von ihnen kommen heraus auf´s Deck, um sich das alles „live“ anzusehen und sich von dieser Szenerie verzaubern zu lassen. Und dafür braucht es gar nicht unbedingt schönes Wetter, ich finde sogar, daß dieses regnerisch-trübe Wetter heute das ganze noch um einiges imposanter, majestätischer und vielleicht auch „geheimnisvoller“ wirken lässt als es bei schönem Wetter der Fall wäre...

      Es geht mittlerweile auf 13 Uhr zu, bis zum Geirangerfjord dürfte es nun nicht mehr allzu weit sein. Trotz des vergleichsweise engen Fahrwassers im Sunnylvsfjord sind wir hier mit recht hoher Fahrt unterwegs. Beim Blick nach vorne sieht man an Backbord, wie hinter einer steilen Felsklippe ein Seitenfjord abzweigt... der Geirangerfjord ! Und schon merke ich, wie das Schiff seine bisher flotte Fahrt verlangsamt und zu einer ziemlich engen Linkskurve ansetzt, hinein in diesen Seitenfjord. Jetzt ist es endgültig soweit, jetzt stehen wir sozusagen vor der Haustür des schönsten Stücks Norwegen – wenn man den Reiseführern Glauben schenken will. Für diese Feststellung brauche ich allerdings keinen Reiseführer...

      Bine ist mittlerweile auch auf´s Achterdeck gekommen, zusammen stehen wir nun an der Reling und lassen diese ganze Szenerie wie einen Film an uns vorbeiziehen. Wir bewegen uns seit dem Einbiegen in den Fjord ja wieder in „bekannten Gefilden“. Damals im August 2002 sind wir hier an dieser Stelle an Bord einer Autofähre aus dem Geirangerfjord herausgefahren und nach links in Richtung Hellesylt abgebogen, heute fahren wir an Bord der Hurtigrute in den Fjord hinein. Und es lässt sich gar nicht vermeiden, daß man Vergleiche anstellt zwischen damals und heute...

      Geiranger und die Erinnerung an 2002

      Es sind nicht nur, aber natürlich vor allem die äußeren Gegebenheiten, an denen sich solche Erinnerungen und Vergleiche festmachen lassen. Natürlich, das Wetter war damals absolut traumhaft, blauer Himmel, weiße Schönwetterwolken, 20 Grad Wärme. Hellgrün leuchtete damals das Fjordwasser, braungrau leuchteten die Felsen, dunkelgrün leuchteten die Wälder an den Berghängen, weiß leuchtete der Schnee von den Berggipfeln. Bis heute war mir das Geiranger von 2002 als eine leuchtend-bunte Märchenwelt in Erinnerung geblieben, gegen die das Geiranger von 2004 sich eher trüb und trist ausnimmt in seinen Wolkendunst und grauem Nebel. Heute leuchtet rein gar nix, und doch zieht mich diese Landschaft heute mindestens genauso in ihren Bann wie damals! Diese grauen Wolken am Himmel und der vereinzelt aufsteigende Nebeldunst an den Berghängen verleiht dieser Szenerie etwas geheimnisvolles, fast mystisches. Auch eine Märchenwelt, aber keine bunt leuchtende wie damals.



      Mittlerweile hat unsere „MS Vesterålen” ihren 90-Grad-Schwenk hinein in den Geirangerfjord hinter sich gebracht, nun geht es wieder mit etwa 10 Knoten weiter. Die Berghänge mit den vielen kleinen Bauernhöfen fliegen nur so an uns vorbei, diese nahezu unzugänglichen Bauernhöfe, die neben den vielen Wasserfällen mit zur Bekanntheit dieses Fjordes beigetragen haben. Mit bloßem Auge kann man sie fast nicht erblicken, wie sie da hunderte von Metern über dem Fjord sich wie Adlerhorste an die Berghänge krallen. Heute, im Zeitalter wo der Mensch zum Mond fliegen kann, sind diese Höfe verlassen und nicht mehr bewirtschaftet. Aber damals vor 100 oder 200 Jahren, als der Mensch sich zum Fortbewegen nur auf seine eigenen Füße verlassen konnte, waren diese Höfe Existenzgrundlage für die Bauern, die vom Ertrag dieser Höfe leben mussten. Von der Milch, die die Ziegen täglich gaben, von dem bisschen Gemüse was dort oben vielleicht wuchs, und vielleicht von dem Fisch und Fleisch, daß man bei den vierteljährlichen Verkaufs- und Einkaufstouren im Tal als Erlös für den selbst hergestellten Ziegenkäse mit nach oben brachte. Was muß das damals für ein Leben gewesen sein! Sommers wie winters dort oben, keine Menschenseele die hier hoch zu Besuch kam, einsam und allein inmitten dieser in unseren Augen zwar großartigen, aber mitunter auch ziemlich lebensfeindlichen Natur. Man kann sich das irgendwie gar nicht so ausmalen, wie das damals für diese Bergbauern gewesen sein muß...

      Die ersten Bauernhöfe sind nun schon an uns vorbeigeflogen, jetzt kommen wir so langsam ins Reich der Wasserfälle von Geiranger . Gespannt bin ich ja, ob diese Wasserfälle heute genauso wenig Wasser führen wie damals im August 2002, als viele von ihnen ja eher wie kleine Rinnsale vom Berg in den Fjord plätscherten. Damals war´s August, die Schneeschmelze war vorbei. Heute ist September, und die Schneeschmelze ist auch vorbei. Also dürfte es heute wohl ähnlich wenig Wasser geben wie damals... und tatsächlich: Der erste große Wasserfall, der sich an Backbord über eine steile Felskante eigentlich zu Tal stürzen müsste, ist der „Brautschleier“ Aber... wo ist er eigentlich? Kein Wasserfall ist zu sehen, nur einige fadengroße Rinnsale, fast nicht zu erkennen. Dieser Wasserfall ist also ziemlich „ausgetrocknet“.





      Der nächste Wasserfall der ins Blickfeld rückt, ist an Steuerbord der „Freier“. Wenigstens er führt recht ordentlich Wasser und ist somit auch klar als Wasserfall erkennbar. Und wo der „Freier“ ist, sind bekanntlich die „ Sieben Schwestern “ nicht weit. Der Sage nach soll ja der „Freier“ am rechten Fjordufer die „ Sieben Schwestern “ am linken Ufer angebetet haben und um die Gunst der Schwestern gebuhlt haben, auf daß er wenigstens von einer von ihnen erwählt werde. Aber er freit heute noch von seinem Ufer aus, und die Schwestern plätschern heute noch auf ihrem Ufer ins Wasser, ohne den armen Kerl da drüben zu erhören. Plätschern..., das ist heute das richtige Wort! Mittlerweile fahren wir nämlich direkt unterhalb dieses berühmtesten Wasserfalls von Geiranger entlang. Eine senkrecht zum Fjord abfallende Felswand, über 200 Meter hoch... und darin ein paar fadendicke Rinnsale, die sich oben von der Felskante aus zu Tal stürzen. Fast könnte man etwas enttäuscht sein über diesen armseligen Anblick, den sie „Sju Søstre” heute bieten! Das ist ja wirklich gar nix im Vergleich zu dem, was man immer so in den Reiseführern und auf hunderten von Postkartenmotiven zu sehen bekommen hat. Und sogar noch weniger als damals im August 2002! Ein paar leise plätschernde Rinnsale anstelle einer rauschenden und schäumenden Wasserwand. Aber die gibt´s halt nur, wenn von oben von den Bergen genügend Wassernachschub kommt, bleibt der Nachschub aus, ist´s halt „Ebbe“ mit Wasserfall. Das ist nun mal der Lauf der Natur, wir sind halt eindeutig zu spät im Jahr hier. Das nächste Mal sollten wir vielleicht doch schon im Juni herkommen ...



      Aber trotz dieser ärmlichen Wasserfälle ist auch heute wieder eine einmalige Fahrt durch diesen Fjord. Ja, einmalig ist sie, obwohl wir diese Gegend doch schon kennen. Aber heute ist es doch etwas ganz anderes als 2002, nicht nur vom Wetter her. Damals waren wir ja an Bord dieser Auto- und Touristenfähre, die diesen Fjord in einer Stunde durchquert. Kämpfen musste man damals um einen freien Platz an der Reling, und man war die ganze Fahrt lang umringt von Touristen aus der ganzen Welt, die gackerten und schnatterten daß einem fast Hören und Sehen verging. Dazu dann noch die nervigen Lautsprecherdurchsagen in sechs Sprachen, die den Touris hier an Bord jeden einzelnen Bauernhof und jeden Wasserfall in der jeweils eigenen Landessprache beschreiben mussten. Von einem ruhigen und stillen Genießen dieser herrlichen Landschaft konnte damals wirklich keine Rede sein, ganz im Gegensatz zu heute. Heute kann man das ganze wirklich still genießen, kein Lärm und Radau an Deck, nur Ruhe um uns herum...

      Geiranger voraus!

      An steilen Felswänden entlang geht die Fahrt immer weiter. Immer noch laufen wir ziemlich große Fahrt, und das obwohl wir uns in derart engen Gewässern befinden. Etwa einen Kilometer ist der Fjord hier breit, und so ein großes Schiff wie unseres hat ja schließlich auch einen gewissen „Bremsweg“. Außerdem verkehren ja hier noch andere Schiffe, die uns eventuell in die Quere kommen könnten. Müssen wir daher wirklich so schnell fahren? Ist das nicht unvorsichtig und gefährlich? Solche und ähnliche Gedanken kommen für einige Sekunden in mir hoch.. aber ich beruhige mich dann selbst damit, daß dort vorne auf der Kommandobrücke ja schließlich erfahrene Profis stehen und mit Sicherheit wissen, was sie tun. Sie machen es ja schließlich nicht zum ersten Mal...



      An Steuerbord kommt jetzt eine besonders hohe Felswand in Sicht, die sich wie eine große Klippe in den Fjord hineinreckt. Um diese Klippe macht der Fjord wieder eine Biegung nach rechts. Es ist fünf Minuten vor halb zwei Uhr. Schräg vor uns, etwa einen Kilometer entfernt, durchpflügt eine dieser Autofähren den Ford. Eine dieser Fähren, die wir im August 2002 benutzt hatten. Unter uns meine ich zu bemerken, daß das Brummen und Vibrieren der Maschinen etwas nachgelassen hat, und unsere Geschwindigkeit scheint jetzt auch nicht mehr so hoch zu sein, als wir um diese besagte Felsklippe herumbiegen. Das Schiff bremst ab, ganz klar. Geiranger ist wohl nicht mehr weit ... und tatsächlich: Dort drüben am Nordhang sehe ich schon die Serpentinen der „ Adlerstraße “ ganz fein durch den Wald durchschimmern, am Ufersaum kommen die ersten Hotels und Ferienhäuser in Sicht... und dann liegt auf einmal Geiranger in seiner ganzen Pracht und Schönheit vor unseren Augen. Geiranger , das Aushängeschild des norwegischen Fremdenverkehrs, das Ziel in Norwegen, das man als Tourist unbedingt mal besucht haben sollte, weil „sonst war man nicht in Norwegen!“ (jedenfalls behaupten das die Reiseführer!) Geiranger , das kleine Dorf am Ende des Fjordes, das seinen Namen diesen Fjord gab und das in sämtlichen Prospekten, Bildbänden und Reiseführern auf bunten und leuchtenden Hochglanzfotos abgebildet ist. Auch damals im Jahr 2002 hat hier alles bunt im Sonnenlicht geleuchtet, heute aber leuchtet nichts. Wolken und Nebel hängen über dem Fjord und die Berge und verdecken den Blick auf die über 1500 Meter hohen Gipfel, die sich hinter dem Ort emporrecken. So bleibt zum Beispiel die berühmte „Dalsnibba“, ein 1476 Meter hoher Aussichtsberg, auf den man sogar mit dem eigenen Auto hinauffahren kann, unseren Blicken verborgen...

      Was aber als allererstes ins Auge fällt, während wir uns langsam Geiranger nähern, sind diese großen Kreuzfahrtschiffe, die hier im Fjord vor Anker liegen. Riesenpötte vor majestätischer Bergkulisse, weit weg vom großen, weiten Ozean.. auch ein Anblick, der so richtig typisch für die norwegische Fjordwelt ist. Auch so wie damals im August 2002, damals lagen hier gleich drei Kreuzfahrer vor Anker, aus Italien, Spanien und von den Bahamas . Heute sind es „nur“ zwei Schiffe, eines davon kennen wir bereits. Weißer Rumpf, eine futuristisch anmutende Silhouette, diese seltsamen blauen Schlangenlinien an der Seitenwand und dieser rote „Kussmund“ am Bug – das ist ganz eindeutig die „AIDA BLU“, dieses neumodische „Clubschiff“, das wir bereits vor zwei Wochen in Oslo gesehen hatten. Etwas näher zu uns gelegen zeigt uns ein weiteres – kleineres - Kreuzfahrtschiff seine schöne Rückansicht. Ein etwas älteres Schiff, wohl in den 70er Jahren gebaut, ein Schiff das in meinen Augen wenigstens wie ein Schiff aussieht und nicht wie so ein schwimmender Hotelklotz, wie sie heutzutage gebaut werden.



      „Alle Mann von Bord“ – aber nur, wer will ...

      Rings um diese beiden Schiffe herum schwimmen Rettungsboote auf dem Wasser. Seenot???? Nein, keineswegs! Mit diesen Rettungsbooten werden nur die Passagiere ans Ufer befördert, die dort einen Landgang machen wollen. Das Ufer ist zu seicht, deshalb müssen die größeren Schiffe weiter draußen im Fjord vor Anker gehen und ihre Passagiere eben mit den eigenen Booten an Land bringen. „Hmmm, wird das bei uns nun auch so sein? Müssen die Hurtigruten-Passagiere die hier an Land wollen jetzt auch in Rettungsboote steigen?“ Diese Frage stelle ich mir jetzt gerade, als wir nun langsam auf Geiranger zu treiben, bis nun mit lauten Gerassel und Geschepper der Anker geworfen wird. Vom Ufer und von Ort Geiranger sind wir sicherlich noch einen Kilometer entfernt. Aber meine Vermutungen bezüglich Rettungsbooten sind hinfällig, wie ich schnell bemerke. Zwischen diesen beiden anderen Kreuzfahrern kommt nämlich ein kleines Passagierboot mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu gefahren – ah ja! Das ist also der besondere Service für Hurtigruten-Fahrer: Sie werden abgeholt!

      Schnell hat dieses kleine „Sightseeing-Boot“, das wohl ansonsten für Rundfahrten auf dem Fjord verwendet wird, uns erreicht. An unserer Backbordseite geht es längsseits, wird mit ein paar Halteleinen gesichert, unsere Gangway klappt aus, und auf einmal strömen etwa hundert Passagiere von unserem Schiff auf diese kleine Barkasse. Ganz normal und ebenen Fußes, ohne Leitern, Treppen oder sonst was klettern zu müssen. Das ganze dauert nicht mal drei Minuten, dann werden die Leinen werden gelöst, und schon geht es wieder zurück nach Geiranger . Dort warten dann Omnibusse auf die Passagiere, die sie dann über diese bereits erwähnte „ Adlerstraße “ rauf zum „ Trollstigen “ und weiter über Åndalsnes nach Molde bringen, wo sie dann heute abend wieder auf´s Schiff steigen. Eine wirklich sehr schöne Tour, wie wir ja aus eigener Erfahrung wissen. 2002 sind wir nämlich diese etwa 150 Kilometer lange Tour mit unserem Buschauffeur Ernst gerade in entgegengesetzter Richtung gefahren, und es war sicherlich das eindrucksvollste Inlands-Teilstück unserer damaligen Busreise.

      Was mag nun drüben in Geiranger alles los sein? Von hier aus wirkt dieses Örtchen mit seinen paar Häusern und Hotels ja schön ruhig und beschaulich. Aber wir haben es ja 2002 selbst erlebt, wie es dann dort drüben zugeht – schlimmer als in der Großstadt! Hunderte, wenn nicht Tausende von Kreuzfahrt- und Hurtigrutenpassagieren drängen sich jetzt sicherlich dort drüben an den Kais, den Restaurants, Imbissbuden und Kiosken, sämtliche Sprachen der Welt sind jetzt dort drüben zu hören. Das ist der Preis, den Geiranger für seine Bekanntheit und Berühmtheit zu zahlen hat, von Beschaulichkeit bleibt da nicht viel übrig. Aber zum Glück ist dieser Rummel nur auf den Ort Geiranger selbst begrenzt, die Landschaft drumherum bleibt davon glücklicherweise meist unberührt ...

      Auf einmal zucke ich unwillkürlich zusammen: Unser Schiffshorn ertönt, und zwar in einer Weise die durch Mark und Bein geht! Hier in diesem engen Fjord klingt so eine Hornsirene ja um einiges intensiver als auf dem offenen Meer. Hier bricht sich der Schall an den Felswänden und wird als Echo wieder zurückgeworfen – ein akustischer „Ohrenschmauß“! Und natürlich das Zeichen dafür, daß es auch für uns jetzt wieder zurück geht. Wieder klappern vom Bug her die Ankerketten, als nun der Anker gelichtet wird – kaum fünf Minuten nachdem er geworfen wurde. Unter uns brummen wieder die Motoren, und wir machen sozusagen „auf dem Bierdeckel“ eine 180-Grad-Wendung, bis der Bug wieder in die entgegengesetzte Richtung zeigt und die Maschinen wieder voll aufdrehen. Es geht nun wieder zurück nach Ålesund , wir fahren nun die selbe Strecke und die selbe Richtung wie im Jahr 2002. Eine gute Stunde dauerte damals die Fahrt von Geiranger nach Hellesylt, und spätestens nach einer dreiviertel Stunde war ich damals traurig, daß diese Fahrt so schnell zu Ende gehen würde. Heute aber ist kein Grund zur Trauer, heute weiß ich, daß wir noch über zehn Tage auf diesem Schiff sein werden! Geiranger war erst der Anfang, trotz des durchwachsenen Wetter ein eindrucksvoller, vielversprechender Anfang ...



      Noch einmal geht es nun vorbei an die „ Sieben Schwestern “ und dem „Freier“, als dann auf einmal der Regen wieder voll loslegt. Jetzt wird´s ziemlich ungemütlich an Deck, und Bine zieht´s nach drinnen ins Warme. Und da wir hier draußen eh nichts neues mehr sehen werden, gehe ich mit, immerhin regt sich bei mir auch ein leichtes Hungergefühl ...

      Das erste Mittagessen an Bord

      Als wir nun durch die Gänge des Schiffes und die Cafeteria schlendern, sehen wir deutlich, daß wohl eine ziemlich große Anzahl von Passagieren hier in Geiranger von Bord gegangen sein muß. Umso besser, dann ist sicher auch im Speisesaal noch genügend Platz für uns zum Mittagessen, das wir nun gedenken einzunehmen. Und tatsächlich, nur etwa zwei Dutzend Leute sind im Speisesaal zu sehen. Wir setzen uns gleich mal an den 6er Tisch gleich neben dem Buffet, der uns gestern für das Abendessen von diesem freundlichen Oberkellner zugeteilt wurde. Das Buffet ist in etwa das gleiche wie gestern abend, wieder gibt´s Lasagne al forno, Rentiergeschnetzeltes mit Reis und Schweineschnitzel mit Bratkartoffeln, also gerade das richtige für meinereiner, um sich den Bauch schön voll schlagen zu können. Das ist halt der Vorteil von so einem Buffet, daß man hier essen kann soviel man will! Laut Menükarte, die draußen vor dem Speiseaal am „schwarzen Brett“ aushängt, gibt es heute abend nämlich nur Fisch – also weiß ich, daß ich heute abend hier wohl nicht viel essen werde. Da ist es dann gut, wenn der Magen schon vorher gut gefüllt ist, nur fürchte ich, daß ich auf diese Weise bei dem guten Mittagessen gewichtsmäßig wohl eher zu- als abnehmen werde ...

      Erster Besuch bei „Tante Else“

      Nach dem Mittagessen, während wir gerade durch den „Sunnylvsfjord“ wieder gen Küste schippern, machen wir uns Gedanken über die Landausflüge, die wir während der nächsten 10 Tage buchen wollen. Den Hurtigruten-Passagieren werden insgesamt 11 Landausflüge angeboten, die man allerdings vorher bei der Reiseleiterin buchen muß. Für uns ist natürlich klar, dass wir das Nordkap besuchen wollen, und auch der „Svartisen-Gletscher“ ist ein „Muß“. Dazu noch eine Stadtrundfahrt in Tromsø mit Eismeerkathedrale und „Polaria“. Der besondere „Gag“ am Nordkap ist, daß dorthin sogar zwei Ausflüge angeboten werden – einer nordgehend am Nachmittag und einer südgehend am Vormittag mit Busfahrt nach Hammerfest . Verrückt wie wir nun mal sind, wollen wir beide Ausflüge buchen. Wer weiß, ob - und wenn ja wann - wir mal wieder auf Hurtigruten-Tour sein werden! Also hin zur „Tante Else“, die gerade hinter ihrer Theke schwer beschäftigt ist irgendwelche Abrechnungen zu machen.

      „Hei, wir würden gerne unsere Landausflüge buchen“ unterbreche ich Else-Karin bei ihrer Tätigkeit. Und dann zählen wir auf: Svartisen-Gletscher, Tromsø , Nordkap nordgehend, Nordkap südgehend ... „Moment, wollen Sie wirklich beide Ausflüge zum Nordkap mitmachen????“ fragt mich Else-Karin ganz entgeistert. „Ja, so hatten wir´s eigentlich vor“ antworte ich ihr und wundere mich eigentlich darüber, daß sie sich darüber so wundert. Ist das denn wirklich so außergewöhnlich, daß jemand zweimal zum Nordkap will? Oder wundert sie sich, daß überhaupt jemand diesen „Früh-Ausflug“ zum Nordkap, der ja immerhin schon um sechs Uhr morgens losgeht, mitmachen will. Wie auch immer, sie notiert sich unsere Wünsche und teilt uns mit, daß wir die Ausflüge jeweils am Abend davor bezahlen müssen, wenn feststeht, ob sie je nach Teilnehmerzahl auch tatsächlich stattfinden....

      Auf dem Weg zurück nach Ålesund

      So, die Formalitäten für die nächsten Tage sind nun erledigt, „Tante Else“ hat unsere Ausflugswünsche für die nächsten Tage notiert. Jetzt können wir uns wieder auf das „wesentliche“ konzentrieren, und das ist nun mal das stille Genießen der Landschaft, die wir auf diesem Schiff durchqueren. Zunächst tun wir dies vom Panorama-Salon aus, der in den nächsten Tagen sicher einer unserer Hauptaufenthaltsorte sein wird. Bine schnappt sich ihr Buch, und ich beschäftige mich weiter mit dem Hurtigruten-Reiseführer...

      Mittlerweile geht es schon auf viertel vier Uhr zu, eineinhalb Stunden sind wir nun schon seit Geiranger wieder unterwegs. Kaum zu glauben, wie schnell über´m Mittagessen die Zeit hier an Bord vergangen ist. Mittlerweile haben wir den Sunnylvsfjord etwa zur Hälfte durchquert, und Regen und Nebel legen jetzt erst so richtig los, soweit ich das durch die Fensterscheiben beurteilen kann. Eine graue Masse umgibt uns auf einmal, von den Bergen ist nichts mehr zu sehen Trotzdem will ich raus an Deck, um mir das ganze – wenigstens für ein paar Minuten – von draußen ansehen zu können. Bine lässt mir meinen Willen – auch wenn sie mich sicherlich für verrückt hält. Aber das sagt sie natürlich nicht so deutlich...

      Draußen an Deck „beziehe ich sofort meine Position“ in der kleinen regengeschützten und beheizten Nische unterhalb der Kommandobrücke, die gestern Abend bereits entdeckt hatte.

      Jetzt ist wirklich alles in Nebel und Wolken gehüllt, die Berge am Ufer sind nur noch als schemenhafte Schattenrisse zu erkennen. Trüb und grau, geheimnisvoll, fast gespenstisch stellt sich diese Landschaft uns jetzt dar. So extrem wie jetzt war´s heute noch nicht. Kaum zu glauben, welche Stimmungen vom Wetter erzeugt werden können. Vor einer Stunde waren wir noch unterwegs in einer klar umrissenen Umgebung, Berge, Wasser und Himmel waren trotz Wolken und Regen klar unterscheidbar. Jetzt aber fährt man durch eine graue Suppe, alles verschwimmt irgendwie zu einer grauen Masse, durch die wir nun – Radar sei Dank - mit Höchstgeschwindigkeit durchpreschen. Kein Anblick für Schönwetter-touristen, wahrscheinlich bin ich ja deshalb auch der einzige an Deck, weil alle anderen sich lieber ins Warme und Trockene verziehen, weil „draußen sieht man ja sowieso nix!“. Für mich aber gehört auch diese graue Nebelsuppe zu Norwegen dazu! Man muß auch so was mal gesehen haben, und man muß es auch an sich heranlassen! Oder wann hat man denn in seinem normalen Alltag mal die Gelegenheit, so etwas zu erleben. Ich bin halt einer von den „Verrückten“, die wirklich alles erleben wollen, und dazu gehört in Norwegen halt auch der Nebel. Und so stehe ich hier oben unterhalb der Brücke in meiner Nische und lasse anstatt sattgrüner Berge und Uferwiesen eben graue Nebelschwaden an mir vorbeiziehen. Natürlich weiß ich, daß dies heute mit Sicherheit nicht der letzte Nebel war, weiter oben im Norden wird´s mit Sicherheit noch genug Nebel und Regen geben. Aber heute ist´s halt das erste Mal, daß ich so was erlebe, es ist etwas neues und noch nie da gewesenes für mich. In ein paar Tagen wird es wohl auch für mich nichts mehr außergewöhnliches sein, durch Nebel zu fahren ...

      Nach etwa einer halben Stunde jedoch ist´s auf einmal vorbei mit dieser Nebelsuppe. Der Himmel reißt unvermittelt auf, die Wolken zerteilen sich in kleine Fetzen, teilweise ist sogar blauer Himmel zu sehen, und auch die Sonne bricht ab und zu mal durch. So schnell geht das hier oben mit dem Wetter, vor einer Minute noch Nebel und Regen, und auf einmal Sonnenschein. Als ob man plötzlich von der dunklen Unterwelt in die leuchtend helle Oberwelt kommt. Plötzlich liegt alles wieder klar und deutlich vor mir, die grünen Berge, die Häuser am Ufer, das graublaue Wasser, die Schiffe die auf dem Fjord unterwegs sind...






      Fortsetzung im nächsten Beitrag - den gibt´s dann morgen! Mein Bett ruft ... :D
    • Shiplover wrote:

      Nicht selber fahren, sondern „gefahren werden“ und dabei etwas zur Ruhe kommen, das ist es was wir gerade an einem solchen Tag wie heute ausprobieren können.

      Die Entschleunigung hat ja promt eingesetzt :) :) :) . Danke für deinen ausführlichen Bericht, welcher besonders am ersten Tag wirklich genau meine Gedanken und Gefühle wiederspiegelt! Sehr schön beschrieben und vielen Dank dafür! Ich werde diese Gefühle hoffentlich in 3 Tagen wieder haben. Denn dann will ich fürs Jahr auftanken, mir Kraft und Energie holen und Entschleunigung pur erleben... :) :) :)
      Viele Grüße Antonia :) :) :)






    • Hallo zusammen!

      und "weida" geht´s!

      Sessel-Test im Salon Trollfjorden

      Anscheinend hat auch Bine im Panorama-Salon festgestellt, daß sich draußen wettermäßig so einiges getan hat, und daß man sich das ganze auch mal von draußen ansehen könnte. Auf einmal steht sie nämlich neben mir an der Reling - „hab mir schon gedacht, daß Du da oben stehst!“. Gemeinsam lassen wir nun diese völlig veränderte Szenerie an uns vorübergleiten. Mittlerweile sind wir schon an der Stelle vorbeigefahren, wo sich der Storfjord in seine beiden Seitenarme Norddalsfjord und Sunnylvsfjord verzweigt. Linker Hand erkennen wir bereits das kleine Städtchen Stranda, einen der Hauptorte in diesem Gebiet. Eine Autofähre hat gerade dort drüben abgelegt und überquert hinter uns den hier etwa 3 Kilometer breiten Fjord. Gut die Hälfte der Rückfahrt haben wir also bereits geschafft, jetzt sind´s „nur noch“ etwa 70 Kilometer bis nach Ålesund .

      Wir aber beschließen, diese Zeit bis zur Ankunft in Ålesund im „Salon Trollfjorden“ zu verbringen, den hatten wir bis jetzt noch nicht ausprobiert. Mal sehen, wie es sich in diesen edel anmutenden Ledersesseln und Ledersofas so fährt. Da um diese Zeit eh nur etwa die Hälfte der Passagiere an Bord ist und die sich meistens in der Cafeteria oder im Panorama-Salon beim Nachmittagskaffee befinden, sind wir im Salon so quasi „unter uns“. Und wie wir schnell feststellen, sind diese Sessel und Sofas wirklich gemütlich, man hat durch die Scheiben einen schönen Ausblick nach vorne über den Bug hinaus, und man merkt hier vorne am ehesten, daß man sich auf einem Schiff befindet: Es schaukelt nämlich ganz sanft, fast unmerklich – vor allem wenn man sich in einen Sessel setzt, die Augen zumacht und sich ganz auf das Schiff und seine Bewegungen konzentriert. Bis jetzt hatten wir ja weitestgehend ruhige See, man hätte nicht meinen können, daß man sich auf einem Schiff befindet. Aber jetzt merke ich, daß es auf diesem Schiff auch bei absolut ruhiger See gaaaaanz leicht auf und ab geht...


      Und so „schaukeln“ wir ganz sachte wieder auf den Ort zu, von dem wir heute früh um halb zehn losgefahren sind. Mittlerweile knie ich auf einem der Sofas, das sich direkt unter einem der Frontfenster befindet. Mit den Armen auf der Rückenlehne des Sofas aufgestützt, habe ich nun den gleichen Blick nach vorne hinaus wie ihn die Schiffsführung von der Kommandobrücke eine Etage über uns hat. Immer weiter öffnet sich der Fjord, die Berge treten immer weiter zurück und lösen sich schließlich in hunderte von Inseln auf, durch die wir uns nun unseren Weg nach Ålesund bahnen. Und kurz nach Viertel sechs Uhr abends kommt dann auch schon in der Ferne dieser charakteristische, bewaldete Buckel mit dem Sendemast und dem Panorama-Restaurant in Sicht, die „ Aksla “ mit der darunter liegenden Stadt Ålesund ...

      Mini-Stadtbesichtigung in Ålesund

      „Mine Damer og Herrer...“ erschallt es nun wider aus dem Lautsprecher – die mittlerweile wohlvertraute Stimme von Else-Karin hat uns wieder etwas wichtiges mitzuteilen. Um 17.45 Uhr Ankunft in Ålesund , Aufenthalt bis 18.45 Uhr. Also eine Stunde Zeit für eine kurze Stippvisite in der Stadt des Jugendstils, die wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollen. Schließlich wollen wir wenigstens einen kleinen Teil von dem sehen, was uns heute morgen wegen des Regens durch die Lappen gegangen ist! Jetzt am Nachmittag ist es immerhin trocken. Und außerdem tut es vielleicht auch ganz gut, nach mittlerweile fast 24 Stunden auf dem Schiff mal wieder festes Land unter die Füße zu bekommen, auch wenn es aufgrund der bisher ruhigen See fast keinen Unterschied zwischen Land und Schiff gab.

      Ab in die Kabine. „landgangfertig“ gemacht, und nach fünf Minuten stehen wir nun mit etlichen anderen Passagieren im Rezeptionsraum vor der Einstiegsluke und warten, bis die schwere Stahltür aufgeht und die dahinter befindliche Gangway ausgefahren wird. Obwohl das Schiff für das Anlegen am Kai wegen der in der Backbord-Schiffswand installierten Ladeluken eine 180-Grad-Kehre machen muß und sich dann seitlich an den Kai herandrücken muß, ist hier in der fensterlosen Rezeption vom Anlegemanöver überhaupt nichts zu spüren. Kein Rütteln, kein Schaukeln, kein Stoß ist zu spüren, daß wir nun angelegt haben merken wir erst, als die Tür aufgeht und wir zusammen mit vielen anderen Mitreisenden von Bord gehen dürfen. Das sind halt echte Profis dort oben auf der Brücke!

      So, nun stehen wir hier am Kai von Ålesund . Das Festland hat uns nun für eine knappe Stunde wieder. Um uns herum nur schmucklose Lagerhäuser und Hafengebäude, ein Ambiente das wir nun schnell hinter uns lassen und mit der „Hurtigruten-Schar“ Richtung Innenstadt stürmen. Wir haben nur eine Stunde Zeit, da ist etwas Eile geboten, wenn man wenigstens einen kleinen Eindruck von dieser berühmten „Stadt des Jugendstils“ erhaschen will...

      Beim Marsch in die Innenstadt habe ich den Eindruck, daß außer den etwa 80 Hurtigruten-Passagieren fast kein Mensch auf den Straßen unterwegs ist. Die Stadt scheint schon „Feierabend“ zu haben, eine beschauliche Ruhe liegt über den Dächern der Stadt, außer dem Geschrei der Möwen ist fast nichts zu hören. Keine fünf Minuten dauert es, und wir sind bereits in der Stadtmitte angelangt. Diese Stadtmitte besteht hier nicht wie in anderen Städten aus einem großen Platz oder einer großen Prachtstraße, sondern aus einem Gewässer, dem „Brosundet“, der die eigentliche Stadt Ålesund vom Festland trennt. An den Ufern dieses Sundes ziehen sich Skansegata, Nortenesgata und Apotekergata entlang, gesäumt von wirklich wunderschönen Steinhäusern. Erker, Giebel, Türmchen, verspielte Ornamente und Verzierungen, soweit das Auge reicht. Ein Farben- und Formenreichtum, wie man ihn in dieser Homogenität wohl selten in einer Stadt findet.




      „Wenn man sich´s genau überlegt, haben sie das alles hier auch unserem Willi II. zu verdanken“ sag ich leicht scherzhaft, aber doch auch ernst gemeint zu Bine, während wir am Ufer der Nortenesgata entlang schlendern. Natürlich wissen wir, daß das „alte“ Ålesund im Jahr 1904 von einem Feuer zerstört wurde, und natürlich wissen wir daß der damalige deutsche Kaiser Wilhelm II damals beim Wideraufbau der Stadt sehr tatkräftig geholfen hat. Und es ist natürlich ein etwas seltsames, fast bedrückendes Gefühl zu wissen, daß all diese Pracht und Schönheit dieser Stadt nur entstehen konnte, weil zuvor so eine katastrophale Feuersbrunst alles in Schutt und Asche gelegt hatte. Ohne diesen Stadtbrand von damals würde es dies alles heute wohl nicht geben, und wer weiß ob Ålesund heute so bekannt und berühmt wäre. Wer weiß, ob diese alten Holzhäuser von damals heute noch stehen würden, oder ob nicht heute auch solch schmucklose Holz- und Betonkästen hier die Ufer säumen wurden wir in so vielen anderen norwegischen Städten, die nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut werden mussten.

      Die Rolle die Kaiser Wilhelm II. damals spielte, war natürlich auch eine ganz besondere. Mag er auch noch so ein „verrückter Kerl“ gewesen sein, mag er mit seiner damaligen Großmachtspolitik auch noch so viel Schaden angerichtet haben, ein Verdienst bleibt ihm: Er war ein Wegbereiter für die damals tief empfundene Freundschaft zwischen Norwegen und Deutschland. Er hatte für dieses Land und seine Menschen offensichtlich so viel übrig, daß es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, damals beim Wiederaufbau von Ålesund mitzuhelfen. Noch bevor von anderswoher nennenswerte Hilfe kam, waren die kaiserlichen Hilfslieferungen bereits im Hafen der Stadt angekommen. Diese Hilfe blieb bei den Norwegern und insbesondere bei den Ålesundern lange unvergessen und sorgte mit dafür, daß Norwegen und Deutschland damals eng freundschaftlich verbunden waren. Bis dann 30 Jahre später dieser „böhmische Gefreite“ mit seiner Besetzung Norwegens und dem brutalen Terror-Regime all das kaputtmachte, was sein Vorvorvorgänger Wilhelm II. mit aufgebaut hatte. Das sind halt so Gedanken, die mir durch den Kopf gehen und mir immer wieder vor Augen halten, daß norwegische Geschichte auch hier in Ålesund in manchen Teilen auch deutsche Geschichte ist ...

      Nach kaum einer Viertelstunde sind wir bereits so ziemlich am unteren Ende des Brosundets angekommen. Auf dem Wasser der Mastenwald der Fischerboote und Segelyachten, auf der anderen Straßenseite entdecken wir das „Jugendstil-Museum“ in einem wunderschönen Granitsteinbau, jede Menge Hotels und Gaststätten umgeben uns. Hier ist – neben dem Aussichtsberg „ Aksla “ – das touristische Zentrum der Stadt, aber zur Zeit ist hier nur wenig los. Auch hier scheint im September die Hauptsaison vorbei zu sein...

      Auf dem Rückweg läuft uns am Ufer der Nortenesgata eine Imbissbude über den Weg, die neben Hot-Dogs und den allbekannten „Chef-Pølsern” auch „Soft-Is“, also Soft-Eiskrem in Waffeln anbietet. Soviel Zeit haben wir zum Glück noch, daß wir uns so ein „Soft-Is“ genehmigen können, und eisschlürfend geht es nun wieder zurück zum Schiff, das wir kurz nach halb sieben wieder erreichen. Gerade lässt es sein Horn ertönen, damit auch wirklich jeder, der jetzt noch an Land ist merkt, daß es jetzt Zeit ist an Bord zu gehen. Genau das tun wir jetzt auch... und wenige Minuten später stehen wir wieder oben auf dem Achterdeck und beobachten das Ablegemanöver. Die zentnerschweren Halteleinen klatschen ins Hafenwasser und werden von den elektrischen Seilwinden langsam an Bord gezogen, wieder ein lautes Tuten des Horns, das sich über die ganze Stadt ausbreitet, ein leises Plätschern von den Bug.- und Seitenstrahlrudern unter uns, und langsam entfernt sich das Schiff von der Kaimauer. Endlich geht´s wieder hinaus auf See! Unter uns wird das Brummen und Vibrieren wieder lauter, die Schiffsschrauben sorgen achtern für mächtig Schaum und Strudel, „Ruder hart Steuerbord“, und wir legen eine schneidige 90-Grad-Kurve hin, die uns auf Kurs Nordost führt. Unser zweites Ablegemanöver das wir erleben, über 60 stehen uns in den nächsten elf Tagen noch bevor ...

      Während wir nun mit voller Fahrt entlang großer und kleiner Inseln nach Norden schippern, ist es mittlerweile 19 Uhr geworden. Das Abendessen steht an. Das erste „richtige“ Abendmenü an Bord, mit Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise. Großen Hunger habe ich eigentlich nicht, viel lieber würde ich jetzt hier draußen an Deck bleiben. Aber Essen muß sein, und außerdem wollen wir doch unsere Tischnachbarn kennen lernen! Das Holländerpärchen und die anderen, die wir noch nicht kennen. Also gut, dann gehen wir halt zum Abenddiner ...

      Lustige Holländer und "sehr reservierte" Norddeutsche ...

      Kurz nach sieben Uhr betreten wir – mit unserer gestern abend erworbenen Wasserflasche bewaffnet – den Speisesaal, der mittlerweile fast komplett gefüllt ist. Auch unsere Tischnachbarn sitzen schon am Sechser-Tisch gleich neben dem Buffet, das Holländer-Pärchen am einen Ende, am anderen Ende ein älterer, grauhaariger Herr und eine etwa 35jährige Frau. Wir setzen uns auf die mittleren, freien Plätze, Bine zwischen die zwei Herren, ich zwischen die zwei Damen. Die Holländer empfangen uns mit einem fröhlichen „Hello, how are you?“, und schnell entspinnt sich zwischen uns ein netter Small-Talk. Das übliche „wer seid Ihr, woher kommt Ihr, usw“ ist in wenigen Minuten absolviert, und schnell erkenne ich, daß es sich bei den beiden um recht angenehme und auch lustige Zeitgenossen handelt. Beide sind wohl so Mitte bis Ende 20 und auf Hochzeitsreise. Sie machen die ganze Tour mit, so wie wir. Seine Frau war zwar anfänglich nicht so sehr begeistert von einer Schiffsreise, aber er wollte sie unbedingt machen, und da gab sie halt ihm zuliebe klein bei. Die Unterhaltung erfolgt hauptsächlich auf Englisch, aber ein paar Brocken Deutsch hat er auch im Repertoire. Und da er wirklich den Schalk im Nacken hat und wir ja auch gerne a paar Späßle mitmachen, haben wir recht schnell eine richtige Gaudi am Tisch! Vor allem, als uns von der jungen Kellnerin (die gleiche die uns gestern vom Kapitänstisch verscheucht hatte!) das Abendmenü serviert wird: Gedünsteter Lachs mit Kartoffeln. Ich mag keinen Fisch, und er mag auch keinen Fisch! Ein Leidensgenosse! Das Ende vom Lied: Unsere Frauen essen unseren Fisch mit, und wir essen dafür ihre Kartoffeln. Zwischendurch jede Menge Gags und internationales „G´schmarri“ auf englisch, holländisch und deutsch – es macht richtig Spaß mit den beiden!

      Vom anderen Ende des Tisches aber – dem älteren Herren und der Dame – kommt nichts außer Schweigen! Außer einem kurzen „Hallo“ am Anfang haben die beiden mit uns noch kein Wort geredet. Mürrisch sitzen sie da und nehmen ihre Vorspeisen und Hauptgerichte ein. An unserer Unterhaltung beteiligen sie sich mit keinem Wort, obwohl wir grad am Anfang versuchen. sie in unseren Small-Talk mit einzubeziehen. Grad als ob sie mit uns nichts zu tun haben wollen. Als ob es unter ihrer Würde wäre, sich zu einer Unterhaltung mit uns herabzulassen An Sprachschwierigkeiten kann es nicht liegen, denn sie sind auch Deutsche wie wir. Und daß sie Englisch können habe ich auch gemerkt, als sie ihre Getränkebestellung beim Oberkellner aufgegeben haben. „Spaßbremsen!“ ist zunächst unser vernichtendes Urteil über die beiden... aber wir haben ja zum Glück unsere beiden Holländer zum Ratschen! Die sind wenigstens auf unserer Wellenlänge ...

      Tja, meine Befürchtungen über das Abendmenü an Bord der Hurtigruten haben sich nun natürlich bestätigt: Es gibt nur Fisch. Und da das Abendmenü ja festgelegt ist, muß man nehmen was man serviert bekommt. Aber ein großes Problem ist das für mich heute eigentlich nicht, denn ich bin vom Mittagessen noch so gut gefüllt, daß mir zum Abendessen die 4 Kartoffeln mit Sauerrahmsoße völlig ausreichen. Und wenn mich heute abend wirklich noch der Hunger packen sollte, kann ich ja in der Cafeteria noch eine kleine Pizza einnehmen ...

      Anmerkung:

      Daß man als "Nicht-Fischesser" beim Abendmenu auch Fleischgerichte bekommen kann, wußte ich damals noch nicht. Vielleicht hab ich mich damals auch nur nicht getraut danach zu fragen ...

      So vergeht die Zeit zu Tisch wie im Fluge, schon ist es halb neun Uhr. Unsere „Spaßbremsen“ vom rechten Tischdrittel haben sich längst verabschiedet – immerhin haben sie uns einen „schönen Abend“ gewünscht! – und auch wir brechen nach Einnahme der Nachspeise auf – raus an Deck ...

      Volldampf voraus nach Molde !

      Welche Wohltat, wieder draußen an Deck zu sein! So angenehm es drinnen im Speisesaal mit unseren holländischen Tischgenossen auch war, ich laß mir doch viel lieber den kühlen Fahrtwind um die Nase pfeifen! Mit 15 Knoten gleiten wir durch das absolut ruhige, spiegelglatte Fahrwasser des Moldefjorden, es ist wie ein „Dahinschweben“ über dem Wasser. Die Abenddämmerung ist mittlerweile hereingebrochen, im Südosten schimmern die Berge des Festlandes dunkelblau herüber, auf manchen Gipfeln sieht man sogar Schnee. Sind das Gletscher? Ist das vielleicht sogar der Jostedalsbreen, der größte Gletscher Norwegens? Oder sind es doch „nur“ die Romsdals-Alpen, die ja auch an die 2000-Meter-Grenze herangehen? Egal, was auch immer das für Berge da drüben sind, der Anblick bleibt wohl unvergesslich. Eine „Symphonie in Blau“ könnte man das nennen, türkisfarbener Abendhimmel, dunkelblaue, teils schneebedeckte Berge und Hügel darunter, und davor wiederum das dunkeltürkisblaue Meer...





      Ein anderes Farbenschauspiel bietet sich beim Blick nach Westen, Zwischen Wolkenfetzen leuchtet der orangefarbene Abendhimmel über dunklem Wasser und dunklen Inseln, die wie tiefschwarze Brocken auf dem Wasser zu schwimmen scheinen. Das ist Hurtigrute live! Das ist es, was diese Fahr entlang der norwegischen Küste doch ausmacht, das Erlebnis Natur! Das Erleben von Farben, von Stimmungen, von Landschaften im wechselnden Licht von Tag und Nacht. Hier an der Reling zu stehen oder zu sitzen und einfach zu schauen, einfach genießen, einfach an sich ranlassen... eigentlich bin ich in einem andauernden Jubelzustand! Und dabei durchqueren wir jetzt gerade ein eher unspektakuläres Teilstück der Hurtigruten-Strecke: Der Fjord ist breit, die Inseln und Berge am Fjordufer nicht allzu hoch und allzu schroff. Aber die Landschaft muß nicht immer spektakulär und aufregend sein, um diese Hurtigruten-Fahrt genießen zu können...

      Ich bin mittlerweile allein an Deck, Bine hat sich wieder ins Schiffsinnere verzogen und wartet wohl im warmen Panorama-Salon auf unsere Ankunft in Molde . Auch sonst lassen sich nur wenige Fahrgäste draußen sehen. Es geht mittlerweile auf 21 Uhr zu, bald müsste doch Molde schon zu sehen sein. Ich nehme meinen Standplatz auf der Backbordseite in der Nische unterhalb der Brücke ein und schaue nach vorne. Tatsächlich, dort drüben am Ufersaum am Fuß einer Hügelkette, noch ganz weit entfernt, breitet sich ein Meer von Lichtern aus. Mit voller Fahrt fahren wir darauf zu, zwei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten lang. Der Himmel über dem Fjord und dem Festland ist mittlerweile stockdunkel, da sich ein mächtiges Wolkenband über den Ford und die Berge an der Küste ausbreitet. Nur im Westen sind noch Wolkenlücken zu sehen, wo der orange Abendhimmel durchleuchtet. Es fängt auch leicht zu tröpfeln an - kein gutes Vorzeichen für unseren Aufenthalt in Molde ...

      ... und wieder Erinnerungen an 2002...

      Da mittlerweile auch Else-Karin über Lautsprecher unsere Ankunft in Molde angekündigt hat, lässt sich auch Bine wieder draußen blicken, und gemeinsam verfolgen wir nun die Ankunft in Molde von der Reling aus. Mittlerweile haben wir die Fahrt verlangsamt, die Häuser in den Vororten am Ufersaum sind auch in der Dunkelheit mittlerweile deutlich erkennbar und gleiten langsam an uns vorüber. So langsam kommt auch die Stadt Molde selbst ins Blickfeld, die Hauptstraße, diese Großtankstelle dort drüben, dieses riesige „Rica Seilet Hotel“, das Hotel das aussieht wie ein Segelboot, das supermoderne „ Molde Stadion“ ... all das kennen wir doch bereits aus dem August 2002! Damals hatten Bine und ich doch diesen wunderschönen Abendspaziergang am Hurtigruten-Kai entlang gemacht, dann weiter nach Westen am Ufer entlang, vorbei an dieser Großbaustelle, woraus heute dieses „Rica Seilet Hotel“ entstanden ist. Also auch heute wieder jede Menge Erinnerung an 2002... und die schönste Erinnerung an damals ist das Schiff, auf dem wir uns heute befinden. Damals hatten wir hier am Kai in Molde unser allererstes Hurtigruten-Schiff gesehen! Zuvor hatten wir noch absolut keine Ahnung, wie diese Hurtigruten-Schiffe aussehen, ob´s wirklich so „kleine Dampferchen“ sind wie ich sie mir beim Begriff „Postschiff“ eigentlich vorstellte. Nun aber sahen wir damals hier unten an dem Kai, den wir jetzt gerade ansteuern, unser erstes Postschiff... und es war die „MS Vesterålen”, das Schiff, mit dem wir heute fahren. So schließt sich nun der Kreis...

      Die Anlegestelle ist erreicht, die Haltetaue werden auf die Pier geworfen, wo die Männer des Hafenpersonals sie an den Pollern festmachen... und schon ist das Schiff am Kai „verzurrt“! Alltagsgeschäft ...

      Ein kleiner Abendspaziergang in Molde muß natürlich sein. Wir haben zwar nur 45 Minuten Aufenthalt, aber das reicht für einen kurzen Marsch in die Innenstadt, die hier ja nur ein paar Meter hinter dem Kai beginnt. Zwar nieselt es leicht, aber das hält uns nicht ab. Ruck-zuck sind wir auf „altbekannten Wegen“ an der Hauptstraße angelangt, die nahe am Ufer durch die ganze Stadt führt. Dort drüben auf er anderen Straßenseite sehen wir auch wieder unser Hotel von damals, das „Quality Hotel Alexandra“. Ein absoluter Nobelschuppen, eines der besten Hotel das wir damals hatten. Von dort aus nach rechts die Hauptstraße entlang kommen wir bald zu diesem modernen Rathauskomplex, wo dieses bronzene „Rosenmädchen“ aufgestellt ist, eines der Wahrzeichen von Molde als der „Stadt der Rosen“. Natürlich geht´s im Eilschritt dorthin, das wollen wir nochmal sehen. Mittlerweile ist der Regen auch etwas stärker geworden, somit ist Eile angesagt. Außer ein paar Hurtigruten-Fahrgästen ist fast niemand mehr unterwegs in den Straßen der Stadt, immerhin ist´s ja fast schon halb zehn. Das Rosenmädchen haben wir schnell gefunden, leider steht es ziemlich im Dunkeln...

      Dann geht´s etwas langsameren Schrittes wieder zurück zum Kai – der Regen hat wieder aufgehört. Und dort sehen wir, daß zwischenzeitlich hinter unserem Schiff ein weiteres Postschiff angelegt hat, eines aus der 90er-Jahre-Generation. Beim Näherkommen erkennen wir den Namen: „MS Nordkapp“. Wieder eine alte Bekannte, sie hatten wir im Jahr 2002 bereits im Geirangerfjord angetroffen, als sie uns damals so schön schneidig überholt hatte auf ihren Weg zurück nach Ålesund . Beide Schiffe liegen nun hintereinander am Kai, und bei beiden sind die Ladearbeiten in vollem Gange. Gabelstapler flitzen emsig über den Kai, Lkw´s stehen bereit zum Be- und Entladen. Und das alles im gelben Licht der Scheinwerfer und Lampen am Kai, eine ganz besondere Hafenatmosphäre! Zum Glück gelingt es mir, einige brauchbare Bilder davon zu schießen, mit Auflegen der Kamera und einer ruhigen Hand klappt es ganz gut...



      Nun aber ist´s wieder Zeit an Bord zu gehen, es geht auf 22 Uhr zu. Das Schiff hat schon einmal „gehupt“, und etliche Passagiere eilen bereits auf die Gangway zu. Also rein mit uns und gleich rauf auf´s Deck, damit ich auch von oben noch ein paar Fotos schießen kann. Und wieder gelingen mir ein paar ganz gute Aufnahmen. 21.57 Uhr – die große Klappe in der Bordwand schließt sich langsam, auch die Gangway weiter vorne klappt sich wie ein Zollstock zusammen, die Leinen werden gelöst.. und weiter geht die Fahrt. Wieder muß das Schiff eine 180-Grad-Wende machen, um den Bug in Fahrtrichtung zu bekommen. Und so sagen wir leise „Servus“ zur Rosenstadt Molde und stürmen mit bald 15 Knoten wieder aufs Meer hinaus. In gut drei Stunden werden wir dann in Kristiansund ankommen, zu nachtschlafender Zeit ...

      Nächtliche Seefestigkeitsprüfung auf der „ Hustadvika

      Mit der Abfahrt aus Molde ist der heutige Tag eigentlich gelaufen. Unser erster voller Tag an Bord der „MS Vesterålen” hat wirklich alles gehalten was wir uns von ihm versprochen hatten, trotz Regen und Nebel. Geiranger war eine Reise wert, Ålesund war ebenfalls den Besuch wert, und auf dem Schiff fühlen wir uns mittlerweile richtig heimisch. Unsere Müdigkeit hält sich auch noch in Grenzen, was liegt also näher, um diesen Tag bei einem kleinen Gute-Nacht-Kaffee in der Bar „Vesterålstuen” ausklingen zu lassen? Also nichts wie nach achtern in die Bar, wo wir gestern abend unsere Seenot-Instruktionen erhalten haben. Aber... die Bar ist geschlossen. Wieso das? Es ist doch erst viertel elf Uhr abends! Seltsam... aber nix zu machen. Vielleicht sind nicht genug Passagiere an Bord, daß sich das Öffnen der Bar lohnt. In Cafeteria und Panorama-Salon ist ja sich er auch genug Platz, und einen Kaffee bekommt man dort auch. Also ab in die Cafeteria!

      Und wen treffen wir dort? Unseren Holländer! Er hat sich jetzt um viertel elf doch tatsächlich eine Pizza bestellt, nachdem es ja heute als Abendessen nur Fisch gab. Eigentlich komisch, daß es mir nicht genauso geht, immerhin hab ich ja heute abend auch nur die Beilage-Kartoffeln gegessen. Aber ich habe im Moment wirklich keinen Hunger, ein kleines Kaffeechen reicht mir vollkommen als Schlummertrunk...

      Als wir da nun so in dieser gemütlichen Sitzgruppe sitzen und unseren Kaffee schlürfen, merken wir, daß die Fahrt so langsam etwas „unruhig“ wird. Der Fußboden geht immer mehr auf und nieder, und manchmal hört man von unten ein leises Grollen. Es scheint jetzt tatsächlich etwas Seegang zu geben, die Wellen schlagen teilweise recht heftig gegen die Bordwand. Verwunderlich wär´s nicht, immerhin steht uns in den nächsten 3 Stunden die Durchquerung der „ Hustadvika “ bevor, eine offene, ungeschützte Meeresstrecke, wo die Nordatlantikdünung voll hereinbrechen kann. Ich habe gelesen, daß die Durchquerung dieser Meerespassage desöfteren etwas „unruhig“ sein kann und bei manchem etwas „zarter besaitetem“ Fahrgast zur Seekrankheit führen kann. Jetzt wird sich´s also zeigen, ob Bine und ich „seefest“ sind! Immerhin hatten wir bisher noch nie eine Fahrt bei richtigem Seegang ...

      Um diese Probe auf´s Exempel auch wirklich eingehend absolvieren zu können, stürmen Bine und ich das Achterdeck. Immerhin schaukelt es ja gewöhnlich an den Schiffsenden am meisten. Und tatsächlich: Hier hinten ist das Schlingern, Rollen und Stampfen so heftig, daß wir uns beim Hochsteigen der Treppen ganz schön festhalten müssen. Und auf dem Achterdeck angelangt, müssen wir uns doch ziemlich an der Reling fest"krallen", um nicht den Halt zu verlieren. Das ist wirklich „Action pur“! Unseren Mägen macht es aber anscheinend nichts aus, keine Übelkeit, kein flaues Gefühl, wir können die Schaukelei anscheinend ganz gut ab. Im Gegenteil: Je länger wir auf dem Achterdeck sind, desto übermütiger werden wir! Wie kleine Kinder tollen wir über das Achterdeck, springen über das schwankende Deck von einer Seite zur anderen, balancieren das auf- und niedergehende Deck mit unseren Kniegelenken aus und genießen diese „Sturmfahrt“ in finsterer Nacht durch die „ Hustadvika “. Wobei es allerdings kein Sturm ist, sondern „nur“ eine etwas heftigere Dünung, die das Schiff, diese kleine Nussschale auf dem großen Meer, schwanken und schaukeln lässt. Von hier hinten kann man das ganz gut beobachten, wie es das Schiff auf den Wellen hin- und herwirft. Wirklich faszinierend, aufregend, herrlich! Wobei es jetzt sicher einige an Bord geben dürfte, die uns jetzt mal wieder für verrückt halten ...

      Bis fast um Mitternacht halten wir es hier hinten auf dem Achterdeck aus, dann begeben wir uns in unsere Kojen. Mal sehen, ob es mit dem Schlafen bei Seegang funktioniert... und tatsächlich, wir schlafen schnell tief und fest. Diese Feuertaufe haben wir also bestanden, die nächsten Stürme können kommen!

      Anmerkung:

      Im Jahr 2004 war die "Vesterålen" bekanntlich noch ohne Stabilisatoren unterwegs, was bei höherem Seegang natürlich zu einer recht "unruhigen" Fahrt führen konnte. Vor allem die seitlichen Rollbewegungen hatten es dabei ganz schön in sich, wie wir im weiteren Verlauf der Reise feststellen durften. Bei unserer zweiten Fahrt im Februar 2010 waren die Stabilisatoren nachgerüstet, was die Fahrt "bewegungstechnisch" zwar bedeutend ruhiger, aber für unseren Geschmack auch um einiges langweiliger werden ließ...

      @Antonia:

      Das mit der "Entschleunigung" auf Hurtigruten ist für uns wirklich jedesmal ein Phänomen. Sobald man an Bord ist, die Kabine bezogen hat und die sonstigen "Formalitäten" wie z.B. den "Coffee-Deal" erledigt hat, merkt man schon vor der eigentlichen Abfahrt wie der ganze bisherige "Lebensrhythmus" ein paar Takte runterschaltet. Auch nach mehrmaligen Fahrten ist das immer wieder faszinierend festzustellen...

      Ich bin mir sicher, auch Du wirst dieses wunderschöne Gefühl der "Entschleunigung" in nunmehr zwei Tagen auch wieder haben! Ich wünsch Dir auf jeden Fall eine wunderschöne Reise und nur so viel Seegang, wie Du ohne Probleme ertragen kannst! Im Moment geht´s dort oben im Nordmeer ja wieder etwas turbulenter zu, hoffentlich legt es sich etwas bis Du dort oben unterwegs bist ...
    • :sdanke: Na, das nenn' ich ja mal ausführlich. Deinen Bericht kann man ja glatt als Reiseführer verwenden. :thumbsup: Da habe ich sofort das Gefühl, ich würde gerade selber wieder fahren. :girl_witch:

      Shiplover wrote:

      dafür gibt´s auf jeden Fall einen Live-Bericht von der "Finnmarken" (so das W-LAN an Bord nicht spinnt ...)
      Da würde ich mich sehr drüber freuen, ist doch die Finnmarken 3 Touren später auch "mein" nächstes Schiff. :girl_sigh: :dance:
      Liebe Grüße, Goldfinch
      :ilhr:


      Links zu meinen Reiseberichten: siehe Profil ...
    • Hallo zusammen!

      @Goldfinch: Jetzt wird ich mal wieder etwas rot ... :blush:

      @Sanne: Danke für´s Kompliment, auch für mich ist´s nach mehreren Jahren wieder echt wieder interessant die eigenen "alten" Reiseberichte zu lesen. Man hatte damals als kompletter Neuling irgendwie eine ganz andere Sicht auf die Reise als man sie heute hat...



      @troll rb: Ja, die "Goldfinch" ist wirklich eine ganz Nette! Macht für meinen Bericht sogar "Werbung" im Forum - hoffe nur daß die Provisionsforderung an mich nicht zu hoch wird ... :D


      Jetzt aber weida im Text - und schon mal :sdanke: daß Ihr bis jetzt durchgehalten habt bzw. noch weiter durchhaltet.



      Frühstück in nicht gerade angenehmer Gesellschaft
      6.30 Uhr. Pünktlich piept der Wecker und beendet eine Nacht, die nach Mitternacht zunächst noch ziemlich unruhig war. Die Hustadvika hatte uns, nachdem wir uns in unsere Kojen begeben hatten, noch eine gute Stunde lang im Griff, und es war das erste Mal in unserem Leben, daß wir richtig in den Schlaf hineingeschaukelt wurden. Aber dennoch habe ich sehr gut geschlafen, das Schaukeln und das immerwährende Knarzen und Knirschen der Kabinenwände und -schränke wirkt auf Dauer doch ziemlich einschläfernd.

      Jetzt aber springe ich auf, putzmunter und frisch. Die See ist ruhig, das Schaukeln hat längst aufgehört. Erster Blick aus dem Fenster: Bewölkter Himmel, aber trocken. Sieht ganz annehmbar aus, soweit man das durch die salzverkrusteten Scheiben beurteilen kann. Das Fahrwasser ist breit, die Hügel am Ufer flach und von Wald und Wiesen überdeckt. Wir müssten jetzt am Beginn des Trondheimsfjordes sein.

      Um 8.15 ist planmäßige Ankunft in Trondheim , also genug Zeit, um vorher schön gemütlich zu frühstücken, bevor wir an Land gehen. Als wir „pünktlich“ um sieben Uhr (wo ja die Welt bekanntlich noch „in Ordnung“ ist) den Speisesaal betreten, sehen wir unsere beiden Holländer bereits am Tisch sitzen. Sie sind nicht allein, eine ältere Dame sitzt mit dabei und redet gerade auf Englisch sehr intensiv auf die beiden ein. Oh nein! Es ist genau diese Dame, die wir gestern schon im Panorama-Salon "von weitem" kennenlernen „durften“, als sie ein paar Tische weiter einige andere Leute zugetextet hatte. Schon gestern hatten Bine und ich beschlossen, uns von dieser Dame soweit wie möglich fern zu halten. Da wir jetzt aber nicht unhöflich sein wollen, setzen wir uns unseren Holländern zuliebe trotzdem mit an den Tisch, obwohl noch genügend andere frei wären. Natürlich werden auch wir von der Dame ausführlichst interviewt und zugetextet, wir lassen´s halt über uns ergehen und sind uns umso sicherer, um diese Dame künftig einen weiten Bogen zu machen...


      Zum Glück ist es zwischenzeitlich acht Uhr geworden, Trondheim ist nicht mehr weit, wie eine entsprechende Durchsage unserer „Tante Else“ bekanntgibt. Also überlassen wir die „niederländisch-kanadische Gesprächsrunde“ sich selbst und machen und fertig zum An-Land-Gehen. Ruck-zuck parkt unsere "Vesterålen" rückwärts hinter einem anderen Hurtigruten-Schiff ein. Es ist die MS Polarlys“, die auf ihrem Weg nach Süden hier Station macht. Ein Schiff aus dem Jahr 1996, um einiges größer und auch im Styling „moderner“ als unsere alte „Vesterålen”. Seit viertel sieben Uhr früh liegt dieses Schiff bereits hier vor Anker, um 10 Uhr wird es seine Reise fortsetzen. Wir aber halten uns am Kai nicht lange mit der Betrachtung dieses Schiffes auf, schließlich haben wir uns für den Landgang etwas besonderes vorgenommen...

      Durch´s morgendliche Trondheim
      Die Innenstadt von Trondheim hatten wir ja bereits vorletzte Woche besucht, als wir auf unserer „Inlandstour“ hier Zwischenstation auf unserem Weg Richtung Norden gemacht hatten. Heute soll es etwas „höher hinaus“ gehen – ein Besuch auf der Festung „Kristiansten“, die am östlichen Ufer des Nidelven etwa 80 Meter über der Stadt thront. Trondheim von oben zu sehen ist sicher auch ein Erlebnis, und die Festung dürfte so in einer halben Stunde zu Fuß erreichbar sein.

      Bei über drei Stunden Aufenthalt in der Stadt ist es natürlich klar, daß nur wenige der Mitreisenden an Bord bleiben, und so tigern wir zusammen mit etwa 100 Passagieren durch das uns schon bekannte Hafengelände auf der Halbinsel Brattøra nach Süden Richtung Innenstadt. Bald erreichen wir die Brücke über den Kanalhafen, und der Blick geht die Nidelva entlang hinunter nach Süden, wo wir die „Bakke Bru“ und die „Gamle Bybrua“ sowie die Speicherhäuser und die dahinter aufragenden Türme des Nidaros-Domes erkennen können. Für uns ein schon bekannter, aber dennoch auch jetzt zu dieser etwas trüben Morgenstunde wunderschöner Anblick. Durch die „Kjøpmannsgata” geht es vorbei an den „Olavshallen“ mit unserem Hotel von vor zwei Wochen, dem „Grand Olav“-Hotel. Kurze Erinnerung an lauwarmes Duschwasser, an eine Bettdecke für zwei Personen und dem strengen Duft vom „Tiger Balm“ im Hotelzimmer. Für diesen Duft konnte das Hotel allerdings nichts, er resultierte aus der Behandlung meines verknacksten Fußes ...

      Anmerkung:
      Auf unserer vorangegangenen "Inlandstour" hatte wir schon zwei Wochen vorher Station in Trondheim gemacht. Dabei hatte ich mir beim Stadtrundgang meinen (schon "vorgeschädigten") rechten Fuß ziemlich schwer verknackst - Außenbanddehnung. Durch Tape-Verband und jeder Menge "Tiger-Balm"-Salbe bekamen wir sie Sache allerdings recht schnell wieder in den Griff. Wir wissen allerdings nicht, wie lange sich der intensive Duft des "Tiger Balm" nach unserer Abreise noch im Hotelzimmer gehalten hat ...

      Über die bekannte „Gamle Bybrua“ geht es kaum 20 Minuten nach dem Abmarsch vom Schiff über die Nidelva hinüber ans andere Ufer. Die wunderschönen Holzhäuser des „Bakklandet“, die uns damals so sehr gefallen hatten, lassen wir links liegen und folgen der Festungsstraße, die in ziemlich starker Steigung bergan führt. Dieser starken Steigung ist es wohl auch zu verdanken, daß sich im Rinnstein dieser Straße ein ganz besonderes Kuriosum befindet: Ein Fahrradaufzug! Eine Rille neben der Straße, wo ein Stahlseil mit Hakenkrallen verläuft, wo man als Radlfahrer seinen Drahtesel einhaken kann und sich dann für 3 norwegische Kronen auf dem Rad sitzend in die Höhe schleppen lassen kann. Sowas hab ich ja wirklich noch nicht gesehen! Was hat dieses Land denn noch für Verrücktheiten in petto? Naja, wer für a paar hundert Einwohner auf einer Insel gigantische Hängebrücken und Unterwassertunnels baut, dem ist auch so etwas zuzutrauen, auch wenn dieser „Sykkelheisen“ eigentlich mehr ein Ding zum Schmunzeln ist ...

      Da wir gerade kein Fahrrad zur Hand haben, müssen wir auf die Hilfe dieser ganz speziellen Aufstiegshilfe verzichten und den Berg zu Fuß erklimmen. Dies ist jedoch recht schnell erledigt, kaum zehn Minuten dauert es, und wir stehen vor den Mauern dieser Festungsanlage aus dem 16. Jahrhundert, die damals vom Dänenkönig Christian IV. (daher der Name „Kristiansten“) zum Schutz vor den damals oft und gern umhermarodierenden Schweden erbaut wurde. Tatsächlich wurde diese Festung nie erobert, was aber die Schweden trotzdem nicht daran hinderte, zweimal die Stadt Nidaros zu Füßen dieser Festung einzunehmen. Man fragt dann natürlich nach dem Sinn einer solchen Festungsanlage, denn der Schutz, den sie doch eigentlich nicht den Festungssoldaten, sondern der darunterliegenden Stadt bieten sollte, war unter diesen Umständen eher vernachlässigbar ...





      Auf der Festung Kristiansten
      Der eigentliche Weg hinein zur Festung führt durch ein ziemlich dichtes Gestrüpp, durch das sich der etwa einen Meter breite Schotterweg hindurchschlängelt, bis wir vor einem kleinen Mauerdurchlaß stehen, der mit einem mächtigen Holztor gesichert ist. Zum Glück für uns steht dieses Tor offen, so daß einer Besichtigung des Festungsinneren nichts im Wege steht.. Nach Passieren dieses Durchlasses geht es über einige ausgetretene Treppenstufen nach oben, und dann stehen wir auf der Festungsmauer...





      Der Ausblick, der sich von dort bietet, ist einfach herrlich. Die Stadt Trondheim breitet sich direkt zu unseren Füßen aus, man kann fast das gesamte Stadtgebiet von hier oben überblicken. Im Süden die Schleife der Nidelva mit der Elgeseter-Brücke, auf der sich gerade die Autos stadteinwärts stauen – auch in Trondheim gibt es wohl so etwas wie „morgendlichen Berufsverkehr“! Gleich im Anschluß daran entdeckt man hinter dichten Bäumen die roten Ziegeldächer der erzbischöflichen Palais, und gleich daneben die grünen Kupferdächer des Nidaros-Domes. Daran schließt sich dann die fast vollständig von der Nidelva umschlungene Halbinsel an, auf der die Altstadt von Trondheim sich ausbreitet, bis dann oben im Norden sich der Trondheimsfjord mit den Hafenanlagen, dem Bahnhof und der dahinter mitten im Fjord gelegenen Insel Munkholmen das Bild abschließt. Wieder mal herrliche, unvergessliche Ausblicke, die die Mühen des zwar kurzen, aber knackigen Aufstieges allemal wert sind! Bisher hatten wir die Stadt Trondheim ja nur von unten bzw. von „innen“ gesehen, da ist so ein „Gesamtüberblick“ von oben schon sehr interessant.

      Interessant ist auch die Festung selbst, wie wir beim Rundgang auf den alten Festungsmauern feststellen. Außer den Mauern hat sie nicht viel von dem gemein, was man sich im allgemeinen von einer „Festung“ vorstellt. Keine „Ritterburgromantik“, keine turmbewehrte Burg mit Zinnen, Giebeln, Gräben und Zugbrücken, sondern nur ein grüner, mit Bäumen und Sträuchern übersäter Innenbereich, der von den sternförmig umlaufenden Mauern abgegrenzt ist. Lediglich ein weißer, klobiger „Kasten“ dicht hinter dem westlichen Mauerbereich mit Schießscharten in den meterdicken Mauern deutet ein kleines bisschen darauf hin, daß wir es hier mit einer militärischen Einrichtung des späten Mittelalters zu tun haben. Ansonsten ist außer einem weißen Holzhaus , das wohl erst in der Neuzeit gebaut wurde, kein weiteres Gebäude zu sehen. Nur einige scheinbar wahllos im Grünen verstreute Eingangstore deuten darauf hin, daß sich unter diesen Mauern und Wällen noch ein ziemlich umfangreiches „Innenleben“ von Gängen, Kavernen und Bunkern verbirgt. Leider bleibt uns dieses Innenleben heute versperrt, eine Besichtigung dieser Anlage ist nur von außen möglich. Die Tore sind versperrt, ebenso wie der Eingang zu dieser weißverputzten Zitadelle. Also bleibt uns nur ein Rundgang auf dem etwa zehn Meter hohen Festungswall, den wir dann auch in schön gemächlichem Tempo unternehmen .





      Was uns bisher von der Stadt Trondheim verborgen blieb, zeigt sich nun beim Blick von den Festungsmauern nach Osten in die stadtabgewandte Richtung. Überall breiten sich Wohngebiete, Wohnhäuser und „neue“, uns bisher unbekannte Stadtteile in den grünen Wäldern aus. Jetzt sieht man erst, wie weit sich die Stadt Trondheim wirklich ausbreitet. Im Süden das gleiche Bild – Wohnsiedlungen, soweit das Auge reicht. Der Bauart der Häuser zufolge dürften diese Siedlungen etwa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sein, als die Stadt erst so richtig expandierte. Jetzt sieht man erst, wo die 151 000 Einwohner alle unterkommen, und man erkennt, daß die eigentliche Innenstadt von Trondheim auf dieser von der Nidelva umschlungenen Halbinsel nur einen sehr kleinen Teil der gesamten Stadtfläche ausmacht. Wie so oft eröffnen Ausblicke von oben ganz neue Horizonte ...

      Eigentlich macht diese Festungsanlage auf uns bisher einen eher friedlichen Eindruck. Jede Menge Grün, dazwischen vereinzelt ein paar hölzerne Sitzbänke und Tische, schöne Ausblicke auf die Stadt und ihr Umland. Dazu diese Ruhe hier oben – außer uns ist kein Mensch in der Festung zu sehen. Von der Stadt hört man ab und zu – je nach Windlage – das Rauschen des Straßenverkehrs, das ist aber auch alles! Daß es ich aber in Wirklichkeit um eine militärische Einrichtung mit einer militärhistorischen Vergangenheit handelt, wird uns beim Anblick der vereinzelt aufgestellten Kanonen und Geschütze bewusst. Gusseiserne Vorderladerkanonen auf hölzernen Fundamenten und Fahrgestellen, wohl aus der Anfangszeit dieser Festung (17. Jahrhundert), laufen uns beim Rundgang auf den Festungswällen immer wieder über den Weg. Die Rohre über die Mauerkrone hinaus Richtung „Feind“ gerichtet, verbreiten sie heute einen nur „optischen“ Schutz. Aber nicht nur solche alten Kanonen sind hier zu sehen, auch neuzeitliche Artilleriegeschütze und Granatmörser aus dem Zweiten Weltkrieg hat man hier aufgestellt. Eigentlich passen sie hier nicht hierher, sie bilden einen allzu krassen Gegensatz zu der antiquierten, aber eben historisch zutreffenden Militärausstattung dieser Festung. Natürlich war auch diese Festung im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Besatzern okkupiert und als örtliches Hauptquartier genutzt worden, aber standen diese modernen Kanonen wirklich dort? Wohl eher nicht ... wahrscheinlich stehen sie auch nur deshalb heute dort, weil es wohl nicht schaden kann, wenn man zu den alten Kanonen einfach ein paar neue dazustellt, egal ob das jetzt „historisch korrekt“ ist oder nicht. Und außerdem machen sie ja den Besucher dieser Festung auch darauf aufmerksam, daß diese Festung auch im Zweiten Weltkrieg eine gewisse militärische Bedeutung zukam. Es ist bekannt, daß im zweiten Weltkrieg hier viele norwegische Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Norwegisch-deutsche Kriegsgeschichte also auch hier an diesem Ort ...

      Es dauert kaum eine Viertelstunde, und wir haben den Rundgang auf den Festungsmauern vollendet. Wir sind nun wieder am Ausgangspunkt unseres Festungsausfluges angekommen. Es ist kurz nach neun Uhr, also noch knapp drei Stunden Zeit bis zur Abfahrt. Hier oben gibt es für uns wohl nicht viel mehr zu sehen, nachdem man in das Innere der Festungsgebäude nicht reinkommt. Was nun tun mit dem angebrochenen Vormittag? Von hier bergab in die Stadt über die „Gamle Bybrua“ zum Nidaros-Dom ist es ja nicht allzu weit, und bei unserem Besuch vorletzte Woche kamen wir ja für eine Innenbesichtigung des Domes zu spät. Um 16 Uhr wurde der Dom geschlossen, und wir waren halt erst um 16.15 Uhr da. Also eine gute Gelegenheit, die Dombesichtigung nachzuholen, Zeit dafür haben wir genug.


      Nidaros-Dom zum zweiten ...
      Ein paar Meter geht es nun über die „Bispegata“, und dann stehen wir wieder vor diesem schmiedeeisernen Gittertor das Domparks. Schnurstracks nehmen wir wieder den schon altbekannten Weg zum Dom, wie schon erstmals 2002 und wie auch am Freitag vorletzter Woche. Es ist halb zehn Uhr, und es ist um diese Tageszeit einiges mehr los als vorletzte Woche. Etliche Touristen sind im Park unterwegs, einige stehen auch vor den Eingangstoren des Domes, die noch geschlossen sind. Eine große Tafel am Info-Kiosk klärt uns auf: „Nidarosdomen åpent kl. 10.00“ ist dort zu lesen, also um 10 Uhr ist er erst offen. Eine knappe halbe Stunde Wartezeit also noch, diese ist aber schnell mit Klobesuch von Bine und dem Besorgen der Eintrittskarten für den Dom-Besuch, dem Beobachten der Grabungsarbeiten gleich neben dem Dom sowie einem schnellen Rundgang um den Dom herumgebracht. Und dann sind wir auch schon im Inneren des Domes...

      Anmerkung:
      Das uns heute bekannte "Besucherzentrum" gleich neben dem Nidaros-Dom stand zum Zeitpunkt unseres Besuches im Jahr 2004 noch nicht, vielmehr hatte man damals erst begonnen die Baugrube für diesen Bau auszuheben. In dieser Baugrube, abgetrennt durch einen Bauzaun, waren damals etwa zwei Dutzend Geologen und Altertumsforscher dabei, mit kleinen "Sandkastenschaufeln" nach alten Spuren aus dem Mittelalter zu suchen. Sie dürften wohl so einiges historisch und archäologisch Wertvolle zutage gefördert haben ...

      Wieder erinnere ich mich an den August 2002, als wir mit unserer damaligen Reisegruppe diese wirklich hochinteressante Führung durch dem Dom genießen konnten – und das sogar auf Deutsch! Heute sind wir ohne Führung im Dom, aber dennoch ist es hochinteressant, dieses an Bedeutung und Geschichte so reiche Gotteshaus nochmals in Ruhe, ohne Gruppenzwang, zu erleben. So eindrucksvoll dieser Bau von außen wirkt, so imposant ist er auch im Inneren. Langschiff, Querschiff, Wagner-Orgel, Oktogon, Altar, der Schrein des „heiligen Olav“ etc. ... alles strahlt so etwas wie „heilige Magie“ aus. Dies ist nicht nur ein einfacher Kirchenbau aus Stein, dies ist ein Bau mit Seele, mit Geschichte, mit einer „Aura“, der sich ein Besucher, der sich für diese Materie wirklich interessiert, nur schwer entziehen kann.

      Zurück zum Schiff
      Nach einer halben Stunde sind Bine und ich fertig mit unseren Kirchenrundgang. Unser Ticket wäre zwar auch für den Besuch des Museums im erzbischöflichen Palais nebenan gültig, aber dieses macht erst um 11 Uhr auf. Da aber um 12 Uhr unser Schiff wieder weiterfährt, wird die Zeit dafür zu knapp. So bleibt nichts anderes, als auf diesen Museumsbesuch, so interessant er auch sein mag, zu verzichten. Stattdessen wenden wir uns so langsam – es ist mittlerweile halb elf Uhr durch – wieder Richtung Stadt und Schiff.
      Entlang der bereits wohlbekannten Munkegata geht es nun am größten Holzhaus Norwegens, dem „Stiftsgården” vorbei in die Innenstadt, vorbei am Marktplatz mit seinen vielen Läden und Kaufhäusern, wo wir so „im Vorbeigehen“ mal in einer Apotheke (Erkältungsmittel für Bine) sowie in einem Buch- und Plattenladen (evtl. ein paar Bücher und CD´s für mich) reinschauen. Bine hat Erfolg, ich gehe leer aus...
      Durch einige Seitengässchen gelangen wir in die zweite große Straße der Altstadt, die „Søndregate”, die uns wieder zum Hauptbahnhof führt. Auf der Bahnhofsbrücke lege ich an der Stelle, wo ich mir vorletzte Woche so böse den rechten Fuß verknackst hatte, einige kurze „Gedenksekunden“ ein („Bine, guck, da an der Stelle war´s passiert!“). Ein Glück daß alles glimpflich abging und ich heute keine Beschwerden mehr habe!
      Kurz nach halb zwölf sind wir dann – überpünktlich – wieder am Schiff angekommen, das nunmehr alleine am Kai liegt, die „Polarlys“ ist bereits Richtung Süden unterwegs.. Auch die anderen Passagiere tröpfeln so nach und nach ein, während wir vom Achterdeck aus dem Treiben am Kai zusehen. Die Minuten vor dem Ablegen eines Schiffes sind doch immer irgendwie spannend!
      Welche Wonne, endlich wieder an Bord zu sein! Endlich wieder diese rotbraunen Teakholzplanken des Bootsdecks unter meinen Füßen zu sehen. Endlich wieder an der Reling lehnen und einfach an der Bordwand hinuntersehen, was für ein Treiben da etwa zehn Meter unter uns auf dem Kai herrscht... und dabei voller Spannung auf die Abfahrt in den „wirklich hohen Norden“ zu warten! Es heißt immer so schön „Vorfreude ist die schönste Freude“ – hier trifft´s mal wieder zu! Vorfreude und ein großes „Gespanntsein“ auf das, was uns nun in den nächsten Stunden nach der Abfahrt aus Trondheim erwarten wird. Die längste Etappe zwischen zwei Häfen liegt vor uns, in achtdreiviertel Stunden erst werden wir im nächsten Hafen Rørvik anlegen.

      Kurz vor 12 Uhr mittags – „High Noon“. Die Schiffssirene ist schon zweimal laut ertönt – ich erschrecke jedesmal wieder wenn ich diesen durchdringenden Klang höre. Die große Seitenklappe in der Bordwand und die Personengangway werden eingefahren, die Leinen gelöst, die Dieselmaschinen tief unten im Schiff geben wieder ihr leises Brumme und Vibrieren von sich, der Kai entfernt sich Meter für Meter von der Schiffswand. Es geht wieder hinaus auf See – Hoher Norden, wir kommen!

      Kalorienreiches Sündigen am Mittagsbuffet
      Schon treibt die „Mönchsinsel“ Munkholmen an unserer Steuerbordseite vorbei, während wir langsam Fahrt aufnehmen. Wie gerne würde ich in den nächsten Stunden hier draußen bleiben und die Ausfahrt aus dem Trondheimsfjord beobachten, aber ... Zeit zum Mittagessen! So schön´s an Deck auch ist, aber die Nahrungsaufnahme sollte nicht vernachlässigt werden! Am schwarzen Brett neben dem Eingang zum Speisesaal war nämlich heute früh schon die Menüfolge für heute abend angeschrieben – natürlich Fisch! Das bedeutet für mich mal wieder „Bauch voll schlagen am Mittagsbuffet!“, also den Magen jetzt schon so sehr zu füllen, daß er heute abend nicht mehr so viel braucht. Und diese Magenbefüllung fällt mir bei diesem Mittagsbuffet natürlich besonders leicht... Rentierschnitzel in Rahmsoße mit Bratkartoffeln, Hackfleischbällchen in Weinsoße mit Reis, davor eine leckere Grießklößchensuppe, als Nachtisch das berühmte „Rømmegrøt“, Kuchen, Mousse au Chocolat und Wackelpeter mit Himbeergeschmack ... wer hier nicht satt wird ist selber schuld. Offen gesagt hat das Mittagessen hier mit „Hunger stillen“ nichts zu tun, es ist vielmehr ein „genußvolles Sündigen“ Der Hunger ist eigentlich schon nach der Hälfte der Mahlzeiten, nach Suppe und Rentierschnitzel gestillt, aber die Hackfleischbällchen müssen unbedingt auch noch probiert werden, und alles andere auch! Reine Lust, aber kein Hunger! Fast bin ich froh darum daß wir heute allein am Tisch sitzen, die anderen müssen mich ja wirklich für total verfressen halten. Viermal gehen ich zum Buffet und hau mir den Teller voll... - aber sch...egal, dann hab ich halt die Pfunde wieder drauf, die ich in den ersten zwei Wochen Norwegen verloren habe! Und so hau ich mir den Magen derart voll, daß er danach schon ziemlich heftig drückt. Aber da muß er durch!
      Eine gute Stunde dauert nun dieses Sündigen am Mittagsbuffet. Nun aber geht wirklich nix mehr rein in diesen Hohlmuskel im Bauchraum, der sich „Magen“ nennt So langsam wird´s wieder Zeit an Deck zu gehen... mittlerweile müssten wir den Trondheimsfjord schon fast wieder verlassen haben.

      Hinaus aus dem Trondheimsfjord
      Der Fjord ist breit, die Hügel an den Ufern flach, grüne Wiesen und Felder mit kleinen Dörfern und Bauernhöfen. Ein eher lieblicher Anblick, der irgendwie so rein gar nichts mit der typisch norwegischen Fjordwelt gemeinsam hat. Der Trondheimsfjord ist eben von den landschaftlichen Gegebenheiten her eben ein für Norwegen eher „untypischer“ Fjord..Die Fahrt geht zunächst Richtung Nordwesten, bis es in einem scharfen Knick um eine Landspitze herum auf einmal wieder südwestwärts geht. Auf dieser Landspitze an Backbord ist in etwa zwei Kilometer Entfernung ein Leuchtturm zu sehen..., das müsste das Leuchtfeuer von Agdenes sein. Agdenes... da hab ich doch auch schon was drüber gelesen... genau, dort drüben ist doch auch eine Küstenfestung in den Fels reingebaut, mit etwa einem Dutzend 20-cm-Kanonen. Vom Wasser aus ist sie gar nicht zu erkennen. Diese Festung sollte hier die Einfahrt in den Trondheimsfjord gegen Eindringlinge verteidigen... nun ja, am 9. April 1940 war hier die deutsche Kriegsmarine als Eindringling unterwegs, die „Admiral Hipper“ mit einer Gruppe Zerstörer. Es ist überliefert, daß seitens der deutschen Marineführung gewisse Befürchtungen herrschten, es könnte bereits an dieser Küstenfestung etwa 70 Kilometer vor Trondheim zu ernsthaften Gefechten kommen und die Weiterfahrt nach Trondheim eventuell gefährdet sein. Aber... sie kamen unbehelligt an dieser Festung vorbei, kein Schuß hinderte sie an der Einfahrt in den Fjord... die Norweger wurden wirklich total überrumpelt! Die deutschen Schiffe konnten so unbehelligt nach Trondheim weiterfahren und die Stadt nahezu kampflos besetzen.

      Kurs Nord – eine „neue“ Reise beginnt!
      Kurz nach Passieren der Festung von Agdenes wieder eine scharfe 135-Grad-Wende in Richtung Norden. Jetzt sind wir endgültig auf Nordkurs. Land gibt es jetzt nur noch auf der Steuerbordseite im Osten zu sehen, an Backbord ist nur noch Meer zu sehen, durchsetzt mit unzähligen kleinen Inselchen, Felskuppen und Schären, die teilweise nur wenige Meter aus dem Wasser herausschauen. Auf einer solchen Felskuppe ein feuerroter Klotz, bereits aus einer Entfernung von mehreren Kilometern erkennbar. Was soll denn das sein??? Erst beim Näherkommen erkenne ich, daß es sich hierbei um einen Leuchtturm handelt. Um keinen gewöhnlichen Leuchtturm, eher um ein Wohnhaus mit Leuchtfeuer. Ein vierstöckiges Haus, mitten auf so einer Schäre im Meer gebaut, kilometerweit nur von Wasser umgeben. Die einzige Verbindung nach außen ist ein Bootssteg. Was muß das für ein Leben für den Leuchtturmwärter sein! So weit draußen im Meer, allein und abgeschieden, mit dem Festland nur durch einen Bootssteg verbunden. „Einsame Leuchtturmromantik“ möchte man das vielleicht nennen, und es hat vielleicht auch etwas romantisches an sich, so allein und einsam da draußen sein Leben zu verbringen. Nur... wenn hier draußen mal die Nordatlantikstürme toben, wenn Wind und Brandung an den Wänden dieses Turmes rütteln..., wenn man durch den Seegang mal tagelang gehindert ist, mit dem Boot zum Festland zu gelangen ... wer weiß, ob dann das Leben hier draußen wirklich so erstrebenswert ist. Einfach Wahnsinn, wenn man sich das mal aus Sicht einer „mitteleuropäischen Landratte“ vorstellt. Aber diese rauen Zeiten dürften heute wohl vorbei sein, dieses Leuchtfeuer – es handelt sich lt. Atlas hierbei um das Leuchtfeuer von Kjeungskjær - wird heute wie alle anderen Leuchtfeuer an der norwegischen Küste von Land aus ferngesteuert. Die Wohnung dort drüben dürfte also heute leer stehen ... oder sie wird als Ferienwohnung genutzt. „Urlaub auf dem Leuchtturm“ das wär doch wirklich mal was besonderes!



      Während wir nun so gemächlich an diesem Leuchtturmgebäude vorbeigleiten und mir diese oben beschriebenen Gedanken durch den Kopf gehen, wird mir irgendwie klar, daß jetzt irgendwie eine völlig neue Reise beginnt. Mir kommt es so vor, als beginnt jetzt eine Reise in eine andere Welt, in ein anderes Norwegen. Bisher waren wir meist nur in geschützten Fjordgewässern unterwegs, hohe Berge und bewaldete Hügel begrenzten bisher unseren Ausblick. Jetzt aber sehe ich im Westen nur noch Wasser, soweit das Auge reicht. Kein Berg verstellt den Blick, nur diese unzähligen kleine Schären, die wie Buckel von Walen im Wasser „schwimmen“, sorgen für etwas Abwechslung Ein Gefühl von „unendlichen Weiten“ macht sich in mir breit, ein Gefühl daß ich bisher hier an Bord eigentlich in dieser Form noch nicht hatte. Dazu noch die frische Brise von Westen her, dieser trübe graue Himmel über uns, vor dem sich der silbergraue Meeresspiegel fast nicht unterscheiden lässt... ein völlig neues „Hurtigruten-Gefühl! Und während ich nun schon seit einer Stunde allein hier an der Reling stehe und hinausblicke – Bine hat sich zwischenzeitlich wieder in den Panorama-Salon verdrückt - gerate ich unwillkürlich ins Sinnieren, was sich denn hinter dem Horizont dort draußen verbirgt. Was kommt dahinter? Amerika? Grönland? Island? Oder vielleicht auch ein paar von den Hunderten norwegischer Ölbohrinseln? Lt. Atlas ist doch dort draußen die „Haltenbank“, ein Öl- und Gasfeld, das seit den 80er Jahren ausgebeutet wird und auf dem einige der größten norwegischen Ölbohrinseln stehen. Einige von diesen Ungetümen, die ich letzte Woche in Stavanger im Ölmuseum als Modell gesehen hatte, stehen dort draußen. Von hier sieht man diese Bohrinseln trotz ihrer Größe jedoch nicht, sie dürften wohl etwa 50 bis 80 Kilometer weit draußen im Meer liegen...

      Ich verlege nun meinen Standplatz auf die Steuerbordreling und erlebe beim Blick nach Osten zunächst eine kleine Überraschung. Ein kleines, graues Boot liegt dort drüben bewegungslos im Wasser. Beim näheren Hinsehen entpuppt es sich als ein Schnellboot der norwegischen „Kystvakt“ (Küstenwache), das hier offensichtlich Patrouille fährt. Ist hier wohl irgendetwas „schützenswertes“, was bewacht werden muß? Die Erklärung folgt auf dem Fuß, dort drüben steigt aus dem Binnenland auf einmal ein Düsenjet auf und fliegt über uns Richtung Meer hinaus. Lautlos zunächst, dann mit dem immer lauter werdenden typischen Jaulen und Rauschen der Düsentriebwerke dreht er über uns eine Kurve und verschwindet dann Richtung Norden aus unserem Blickfeld. Ah ja, dort drüben muß wohl ein Militärflugplatz liegen. Der Atlas belehrt mich wieder: Dort drüben liegt „Ørlandet”, ein NATO-Militärflughafen, der auf der gleichnamigen Halbinsel liegt.

      Bisher unbekanntes „Nordland-Feeling“
      Dort drüben an der Küste erkennt man zwar noch einige kleine Bauernhöfe, die von Wiesen und Feldern umgeben sind, aber dennoch wirkt diese Landschaft hier irgendwie anders als alles andere, was wir bisher auf dieser Fahrt gesehen haben. Es wirkt hier alles irgendwie „nordischer“, das heißt nach unserem allgemeinen Verständnis kahl, öde, kalt, grau, unwirtlich. Anders als das, was wir bisher auf dieser Fahrt gesehen haben. Kahle, graue, unbewaldete Felsklötze, die sich hinter den schmalen Uferlinien immer höher auftürmen, immer weniger Vegetation, immer weniger grün, immer mehr grau, je weiter wir nach Norden kommen. DAS ist Nordland! Das ist die Küste von Helgeland, an deren südlichem Anfang wir jetzt stehen. Das ist das, was man sich unter dem kargen, kalten Norden so vorstellt. Um diesem Klischee auch noch vollends zu entsprechen, hat uns der Wettergott ein richtig schön typisch nordisches Wetter beschert, das diese „nordische“ Stimmung perfekt macht. Nichts für Schönwettertouristen, aber perfekt für diejenigen, die diese typisch nordische Atmosphäre erleben und genießen wollen.

      Kurzes Intermezzo im Panorama-Salon
      So, mittlerweile ist es kurz vor drei Uhr nachmittags, ein kleiner Nachmittagskaffee auf dem Panorama-Deck wär jetzt nicht schlecht. Die frische Seeluft ist zwar schön, aber etwas innere Aufwärmung kann nicht schaden. Sabine hat zum Glück einen Tisch für sich alleine am Fenster, so daß ich mich – ausgestattet mit einer Tasse heißer Schokolade – zu ihr setze und die vorbeigleitende Helgelandsküste vom Panoramafenster aus bewundern kann. Jede Menge „alter Bekannter“ sind hier oben zu sehen, die beiden englischen Ladies, das ältere Ehepaar das während der ganzen Tour bisher scheinbar nur mit Lesen beschäftigt ist, eine Mutter mit etwa 5jährigem Kind sitzt auch dort drüben am Tisch, ihr Sohn sitzt brav mit dabei und malt in einem Malbuch. Alles ist andächtig still - oder anders gesagt: es könnte eine andächtige Stille herrschen, wenn nicht zwei Tische weiter ein paar besonders „gesprächige“ Gäste diese Ruhe stören würden mit ihrem "Kaffeekränzchen-Gespräch"...

      Diese Dauerbeschallung von nebenan ist allerdings nicht der Grund daß ich es hier oben nicht länger als eine halbe Stunde aushalte... vielmehr ist es die Sehnsucht nach der nordischen Seeluft, die mich wieder an Deck treibt...

      Weiter im nächsten Beitrag.

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    • „Kaiserlicher Nervenkitzel“ im Stokksund
      Draußen an Deck empfängt mich dann wieder diese nordische Welt mit ihrer kalten und kahlen Schönheit. Wir schlängeln uns etwa ein, zwei Kilometer von der Küste entfernt durch unzählige kleine Inseln und Schären hindurch. Die Berge an der Küste sind mittlerweile doch etwas höher – und kahler – geworden, und die Landschaft scheinbar noch karger und öder. Die Felder und Äcker, die ich vor einer Stunde noch sehen konnte, sind mittlerweile verschwunden. Nur noch Wiesen und Büsche sind am Ufersaum zu sehen, durchsetzt von kleinen Weilern, Dörfern und unzähligen Bootshäusern. Es wird irgendwie immer „nordischer“..., mit diesem Begriff ist dies alles wohl am besten umschrieben.



      Nördlich vor uns, mitten in unserem Kurs, kommt so allmählich ein dunkelgrüner Gebirgszug in Sicht. Wie ein Wall liegt er mitten in unserem Weg... na ja, sicher wird der Käpt´n gleich „Ruder Backbord“ legen, damit wir diesen Wall links – das heißt westlich – umfahren. Aber weit gefehlt... wir halten gerade auf diesen „Wall“ zu. Und je näher wir kommen, desto deutlicher erkenne ich, daß dieser scheinbar zusammenhängende Hügelzug in Wirklichkeit aus einer großen Anzahl von Inseln besteht, durch die sich unser Schiff mitten hindurchschlängeln muß. „ Stokksund “ kommt mir da in den Sinn. Ein Blick in den kleinen Atlas bestätigt mich. Vor uns liegt der „ Stokksund “, diese abenteuerliche Engstelle, um die sich so viele Anekdoten und Erzählungen ranken und von denen ich schon vorher so einiges gelesen hatte. Die bekannteste davon ist die Geschichte von unserem alten Kaiser Wilhelm II, der irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner Yacht „Hohenzollern“ hier oben unterwegs war und auch durch diese Inselwelt durchschippern wollte. Er hatte damals einen ortskundigen norwegischen Lotsen an Bord und stand neben ihm auf der Brücke, als es durch diese Engstelle ging. Der „Willi Zwee“, der sein Schiff ja für gewöhnlich selbst steuerte, stand neben dem Lotsen auf der Brücke und bekam es beim Passieren dieser Engstelle so mit der Angst zu tun, daß er dem Lotsen selbst ins Steuerrad griff. Die überlieferte, mittlerweile weitbekannte Antwort des Lotsen war darauf: „Mein Kaiser, Du magst vielleicht Herrscher in Deinem Reich zu Hause in Deutschland sein, aber hier bin ich Herrscher! Also pfusche mir nicht ins Handwerk!“: Der Dank des Kaisers für diese „Abfuhr“ soll eine goldene Uhr für den Lotsen gewesen sein...

      Mittlerweile sind wir völlig von Inseln umgeben, unsere Geschwindigkeit ist mittlerweile auf nur noch etwa 5 Knoten zurückgegangen. Das Achterdeck hat sich mittlerweile auch ziemlich mit Leuten gefüllt, jeder ahnt daß jetzt etwas interessantes bevorsteht. Beinahe minütlich wird der Kurs geändert, immer enger wird das Fahrwasser. Drüben im Westen erstreckt sich am Ufer der Insel eine kleine Ortschaft – muß wohl der Ort Stokksund selbst sein. Und gerade voraus ... na ja, jetzt kann ich den alten Kaiser verstehen, daß er´s damals mit der Angst bekommen hat! Etwa 300 Meter voraus eine „brutale“ Engstelle, links eine felsige Schäre, rechts ein riesiger Felsklotz, dazwischen vielleicht gerade mal 50 Meter Platz zum Durchfahren Halb so viel, wie unser Schiff lang ist. Und durch dieses Nadelöhr führt unser Kurs! Else-Karin macht gerade ihre Lautsprecherdurchsage und weist uns darauf hin, daß hier „die engste Stelle auf dem ganzen Hurtigruten-Kurs“ ist und unter dem Kiel des Schiffes vielleicht gerade mal „ein bis zwei Meter Platz zum Meeresboden“ ist.




      Langsam schiebt sich das Schiff immer näher auf den Felsen zu, man meint die Felswand mit Händen greifen zu können. Atemlose Stille unter den Leuten, etliche von ihnen wechseln zwischen Backbord- und Steuerbordreling hin und her um sich zu vergewissern, ob auch wirklich noch genug Platz ist. Auch ich pendle hin und her... aber nicht aus Angst, sondern um Fotos von beiden Seiten machen zu können. Natürlich geht alles glatt, die Enge wird ohne Probleme passiert. Trotzdem meine ich einige Steine plumpsen zu hören, ein kleines bisschen „Nervenkitzel“ war´s schon!

      Mit der Passage dieser Engstelle ist diese Schlangenlinienfahrt aber noch lange nicht vorbei Vielmehr geht´s gleich im Anschluß unter eine ziemlich große Straßenbrücke durch, die die westlich liegende Insel „Stokkøya“ ans Festland anbindet. Wieder so eine Riesenbrücke für vielleicht gerade mal 1000 Leute, die dort drüben wohnen. Und dann geht für die nächsten Minuten weiter im Slalom mit langsamer Fahrt durch Inseln, Inselchen und Felsbuckel hindurch, wirklich faszinierend zum Anschauen. Allerdings frage ich mich insgeheim doch: Muß die Hurtigrute wirklich hier durch? Könnte sie nicht auch „außenrum“, westlich über´s offene Meer vorbeifahren?




      Entlang der südlichen Helgelandsküste
      Glücklich sind wir nun dem Stokksund „entronnen“, jetzt stürmen wir erleichtert und mit voller Fahrt wieder Richtung offenes Meer hinaus. Die hinter uns liegende Stunde war schon wirklich sehr abenteuerlich, aber nochmal gefragt, muß die Hurtigrute sich wirklich hier durchzwängen wie ein Faden durch´s Nadelöhr? Natürlich gibt es die Möglichkeit, westlich an der Insel Stokkøya vorbei zu fahren und diesen Stokksund sozusagen „rechts liegen" zu lassen – der dabei allerdings in Kauf zu nehmende Umweg ist aber doch beträchtlich. Westlich der Inseln sind zahlreiche Untiefen, so daß der Bogen schon ganz schön groß sein muß, um gefahrlos vorbei zu kommen. Da ist der direkte, küstennahe Weg durch den Stokksund wohl doch etwas schneller, was aber nicht heißt, daß die Hurtgrute bei stürmischem Wetter oder Nebel nicht doch den für diese Fälle sichereren „Umweg“ um die Insel herum machen...

      Mit voller Geschwindigkeit geht es jetzt an der Küste entlang geradlinig wieder nach Norden. Im Westen wieder offene See, mit Holmen und Schären durchsetzt, und im Osten das kahle, graue Küstengebirge. Ganz nah fährt unsere ”Vesterålen” nun unter Land, die Küste ist kaum weiter als einen Kilometer vom Schiff entfernt. Und auch die grauen Buckelberge auf dem Festland scheinen nun immer weiter an die Küste heranzurücken, der flache Ufersaum scheint immer schmaler zu werden. Oder kommt es mir nur so vor? Liegt es nicht vielleicht auch daran, daß die Berge nun immer höher werden, je weiter wir nach Norden kommen? Mittlerweile gehen sie doch schon an die 600-Meter-Marke heran. Eine optische Täuschung sozusagen. Aber wie auch immer, die Bilder die sich mir nun bieten, sind einfach sagenhaft schön. So schön, daß man sich von diesem Anblick nicht mehr trennen kann, nicht trennen will. Man blickt auf eine Landschaft wie aus dem Märchen, die wie eine Theaterkulisse an einem vorüberfährt. Und jede Minute tun sich neue Anblicke auf – dort mal ein besonders wildzerklüfteter Felsen, dort mal eine wunderschönes Ferienhütte direkt am Wasser, dort auch mal ein Getreidefeld, so hoch im Norden! Man blickt, schaut und genießt... und kommt dabei ins Träumen. Schade für diejenigen, die sich das ganze nicht von hier draußen ansehen wollen, die lieber im warmen Panorama-Salon oder in der Cafeteria sitzen. Schade auch für Bine, die jetzt auch wieder drinnen sitzt und sicher wieder schmökert. Das hier draußen, was ich hier jetzt sehe, ist wirklich ein absolutes Highlight unserer bisherigen Fahrt! Schon oft habe ich in Büchern und Reiseführern gelesen, daß die Fahrt entlang der Helgelands-Küste besonders schön und abwechslungsreich sein soll... dieses Urteil kann ich wirklich voll und ganz bestätigen! Und diese Fahrt entlang dieser Traum-Küste hat noch etwas anderes für sich: Sie beruhigt ungemein! Diese immer wieder wechselnden Anblicke sind wie Balsam für die Seele. Man wird frei im Kopf, man wird ruhig und gelassen, jede Hektik, jede Hast, jede Sorge erscheint unnötig wie ein Kropf, wenn man hier, so wie ich jetzt schon stundenlang an der Reling steht oder über die Decks streift und einfach nur "in die Gegend schaut". Bereits jetzt weiß ich: Diese Nachmittagsstunden entlang der Helgelandsküste werden mir unvergesslich bleiben, was auch immer in den kommenden Tagen noch kommt...



      Und so bin ich jetzt gewiß schon über zwei Stunden draußen, streife über alle Decks des Schiffes, bleibe ab und zu mal stehen, setze mich ab und zu mal in einen Decksstuhl oder unter den Rettungsbooten auf die Kiste mit den Rettungswesten. Nur wenige Leute begegnen mir, ich bin anscheinend wirklich einer der wenigen, der diese Fahrt entlang der Küste Helgelands als Freiluftvergnügen genießt. Es ist natürlich in den letzten Stunden auch merklich kälter geworden, aber es ist weiterhin trocken von oben.. Wir rücken dem Polarkreis nun tatsächlich immer näher, man merkt es sowohl an der Vegetation als auch an den Temperaturen. Etwas über fünf Grad Celsius dürften´s jetzt wohl sein...

      Hinein in die „ Folda
      Auf halb sechs Uhr geht es mittlerweile schon zu. Wieder erreichen wir ein Stück offene Meeresstrecke, das leichte Stampfen des Schiffes verrät es. Die „ Folda “ liegt vor uns, ein berüchtigtes Stück Meer an der norwegischen Küste. Keine Inseln, keine Schären schützen das Fahrwasser, die Nordatlantikdünung prallt hier nahezu ungebremst auf´s Festland. Es ist zwar heute stille See, aber die Dünung des Meeres, die ja immer vorhanden ist, lässt unsere kleine Nussschale doch etwas vernehmlicher stampfen und rollen, als es in den geschützten Gewässern der Fall war. Wäre jetzt mehr Wind und Seegang, würde es uns sicher ganz schön herumschaukeln...

      Die Folda ... ein berüchtigtes Meer für alle Seefahrer. So kommt es mir auch in den Sinn, daß in diesem Seegebiet ja auch das größte Schiffsunglück der Hurtigrute in Friedenszeiten passierte. Im Jahr 1962 ging hier draußen in der Folda der Hurtigruten-Dampfer „Sanct Svithun“ verloren. Nicht im Sturm, wie man meinen könnte, sondern bei vergleichsweise ruhiger See kam das Schiff über 15 Seemeilen vom Kurs ab, prallte auf eine Schäre und ging innerhalb von 20 Minuten unter. 43 Tote waren zu beklagen, darunter auch die komplette Schiffsführung, Kapitän und Steuermann. So konnte nie geklärt werden, warum das Schiff so weit vom Kurs abkam. Solche Ereignisse und die Erinnerung daran machen einem doch immer wieder klar, daß nichts auf der Welt selbstverständlich und sicher ist, daß immer irgendetwas unvorhergesehenes, schicksalhaftes passieren kann, auch und vor allem hier auf dem Meer. Hier vertraut man sich doch mit seinem Leben und allem was man hat dem Können und der Erfahrung von Kapitän und Steuermann an, man gibt sozusagen sein Leben und seine Gesundheit in ihre Hand. In den vergangenen 111 Jahren haben das nun schon Millionen Hurtigruten-Passagiere getan, über 40000 Hurtigruten-Fahrten haben seit der Gründung 1893 stattgefunden, und nur ein Schiff ging in dieser Zeit durch menschliches Versagen verloren, eben die „Sanct Svithun“. Eine ziemlich „beruhigende“ Bilanz, würd ich mal sagen...

      So kann man sich in seinen Mitreisenden täuschen ...
      So schön es jetzt auch hier draußen an Deck ist, es geht leider doch schon wieder auf 18 Uhr zu. Das Abendmenü ruft... und schweren Herzens folge ich diesem Ruf. Hunger habe ich ja - dank des üppigen Mittagessens - eigentlich keinen, aber dennoch begeben wir uns zu Tisch, nachdem ich meine durch die stundenlangen Decksaufenthalte doch etwas verschwitzten und von der feuchten Seeluft durchfeuchteten „Outdoor-Klamotten“ gegen ein frisches Hemd und eine andere Hose eingetauscht habe. So kommen wir wieder zu Tisch, wo unsere holländischen Nachbarn bereits Platz genommen haben. Gleich nach uns kommen auch schon unsere Tischnachbarn zur Rechten, unsere beiden „Spaßbremsen", die gestern ja bekanntlicherweise den Mund nicht aufgebracht hatten. Aber jetzt – oh Wunder, was ist das? Beide begrüßen uns mit einem netten, fröhlichen „Hallo!“, fangen auf einmal frei von der Leber weg mit uns zu reden an über Gott und die Welt, machen auf einmal Späße und Gaudi, daß es eine wahre Freude ist. Wir fragen uns wirklich, was mit den beiden passiert ist, die sind ja im Vergleich zu gestern wirklich wie ausgewechselt! Innerhalb weniger Minuten entspinnt sich zwischen uns eine lebhafte Unterhaltung, in der wir u.a. erfahren, daß es sich bei den beiden um Vater und Tochter handelt, daß sie direkt aus Kiel stammen und diese Reise auch zum ersten Mal machen. Da wir uns in unserer Unterhaltung nun natürlich mehr auf diese beiden Nordlichter" konzentrieren, müssen sich unsere beiden holländischen Freunde fast etwas „vernachlässigt“ vorkommen. Sie wenden sich zu ihrer Unterhaltung jetzt ab und zu den beiden englischen Ladies am Nachbartisch zu. Das Essen wird fast zur Nebensache, für mich gibt´s eh wieder nur die Beilagen, während Bine meinen Fisch essen darf. Auf jeden Fall haben wir uns über unsere beiden Nachbarn zur Rechten ganz schön getäuscht, die beiden sind in Wirklichkeit richtige Stimmungskanonen! Besonders er hat wirklich den Schalk im Nacken sitzen, wie wir im Laufe des Abends noch feststellen: „Wissen Sie, warum der deutsche U-Boot-Admiral Karl Dönitz an seinen U-Booten vorne am Bug so große Radiergummis hinmontiert hat? Er wollte damit, England ausradieren...“ Solche Witze und ähnliches Seemannsgarn gibt es nun den ganzen Abend lang, und wir brechen schon über die trockene Art wie der Alte diese Witze erzählt wiederholt in großes Gelächter aus. Ich glaube, unser Tisch ist, wie schon am vorigen Abend, der Tisch wo am meisten gelacht wird, nur ist es heute kein deutsch-holländisches, sondern meistens ein "rein innerdeutsches" Gelächter...

      Seeluft macht müde ...
      Bis halb neun Uhr dauert unser Abendessen mit den beiden lustigen Kielern, dann brechen sie auf, und wir mit. Unsere beiden Holländer haben sich schon zehn Minuten vorher verabschiedet, überhaupt hat sich der Speisesaal schon ziemlich geleert, wir sind so ziemlich bei den letzten dabei. An einigen Tischen sind die Kellner und –innen schon fleißig dabei, für´s morgige Frühstück aufzudecken. Kaum zu glauben, wie schnell die letzten neunzig Minuten vergangen sind! Und daran sind wirklich diese beiden Nordlichter aus Kiel "schuld", wer hätte gedacht daß wir mit denen so ´ne Gaudi haben würden! Das verspricht ja für den Rest der Fahrt noch einige sehr lustige Abendessen ...

      Nun aber ist es doch Zeit, noch etwas raus an Deck zu gehen. In etwa einer halben Stunde müssten wir in Rørvik ankommen, unserem nächsten Anlaufhafen. Also noch etwas Zeit, um die Fahrt entlang dieser herrlichen Helgelandsküste genießen zu können. Mittlerweile nimmt man dieses Küstengebirge jedoch mehr als Schattenriß wahr, die Dämmerung hat längst eingesetzt. Sie setzt in diesen Breiten um diese Jahreszeit etwa zur gleichen Zeit ein wie bei uns in Mitteleuropa, die Länge der Tage und Nächte dürfte mittlerweile ziemlich identisch sein.

      Auch Bine will jetzt zusammen mit mir noch einige Zeit an Deck verbringen. Da sie aber im Gegensatz zu mir ein ziemlich verfrorenes Mädchen ist (ich z.B. bin da eher unverfroren...) bringt sie aus unserer Kabine eine Decke mit, breitet sich auf zwei Decksstühlen aus und wickelt sich schön gemütlich in die Decke ein. Wirklich nicht dumm - ich bin aber mal gespannt wie lange sie es so aushält...


      Zu Beginn unserer Postschiffreise hatte ich mir ja fest vorgenommen, so lang wie möglich wach zu bleiben und soviel Zeit wie möglich draußen an Deck zu verbringen. Im normalen Leben komme ich schließlich auch mit nur 4 bis 5 Stunden Schlaf pro Nacht aus, gegen Mitternacht ins Bett und früh um fünf raus aus die Federn. Aber das hier ist ein großer Unterschied zum normalen Leben daheim. Hier bin ich fast die ganze Zeit draußen an der frischen Seeluft, und was die für eine Wirkung hat bemerke ich in diesen Minuten überdeutlich. Ich werde müde, die Augen fallen mit fast von selbst zu, während ich an der Reling stehe. Bevor ich diesmal allerdings wieder einschlafe, begebe wir uns doch lieber freiwillig in unsere Kabine. Die Ankunft in Rørvik lassen wir jetzt einfach sausen. Es ist mittlerweile eh ziemlich dunkel draußen, und der Aufenthalt dauert nur eine halbe Stunde. Der Körper verlangt sein Recht in Form von Schlaf, und so soll er auch sein Recht und auch seinen Schlaf bekommen. Morgen früh um sieben steht schließlich die Polarkreisüberquerung an...
    • Shiplover wrote:

      hoffe nur daß die Provisionsforderung an mich nicht zu hoch wird ...
      Da bin ich von der ganz bescheidenen Sorte: :mosking: ein Reisebericht Eurer nächsten Reise reicht als Provision. :laugh1:

      Macht echt Spaß, Deinen kurzweilig geschriebenen Bericht zu lesen. :sdanke: :sdafuer:
      Liebe Grüße, Goldfinch
      :ilhr:


      Links zu meinen Reiseberichten: siehe Profil ...
    • Hallo Frank,

      danke für Deinen bisher so ausführlichen, detailreichen und begeisternden Bericht. Er weckt Erinnerungen zu meinen bisherigen 3 Herbstreisen. Deine Eindrücke, Gefühle, Ansichten und Aussichten sind nahezu gleich mit meinen, nur kann ich diese leider nicht schriflich so festhalten wie es Dir gelingt.

      Aber er verstärkt noch weiter die Vorfreude auf die anstehende Reise auf der Finnmarken, die wir ja gemeinsam erleben werden. Heute in genau 2 Wochen werden wir dann ja im ausgehenden Winter die von Dir so eindrucksvoll geschilderte südliche Hegelandsküste erleben. Insbesondere dazu teile ich Deine vielen Meinungen und Eindrücke. Mich hat zB immer wieder gewundert das nach der Durchfahrt des Stokksundes fast alle Decksgäste wieder ins warme strömten, und nur die ganz unentwegten die Sicht auf die beginnende Helgelandsküste weiter im freien auch bei jedem Wetter genießen wollen( bei meiner letzten Fahrt war das Goldfinch) . Also wundere Dich nicht, wenn sich auf der Finnmarken ab dem 28.3. neben Dir noch ein graubärtiger Troll unentwegt auf den Außendecks rumtreibt, könnte ich das sein.

      Jetzt freue ich mich auf die Fortsetzung Deines Reiseberichtes, zumal die nächste anstehende Etappe vom Polarkreis bis Bodö für mich ( auch in beiden Richtungen) eine der schönsten und eindrucksvollsten Etappen ist. Aber darüber können wir uns ja dann auch morgen in 2 Wochen (hoffentlich in der Bugspitze der Finnmarken) auch direkt austauschen.

      Bis dahin

      Troll RB (Rüdiger)
    • Prima, dann werden wir uns bestimmt schnell finden. Auf unserer ersten Reise war ich auch immer dort zu finden und ich kann mir keinen schöneren Platz auf dem Schiff vorstellen. Daher haben wir uns auch für eine Kabine auf Deck 5 entschieden, damit wir ja nichts verpassen.
      Heute in zwei Wochen sind wir auch auf dieser traumhaft schönen Strecke unterwegs. Freu mich riesig! Bin allerdings auch gespannt ob unsere Tochter meine Begeisterung versteht und vielleicht sogar auch teilt......


      Lieben Gruß, Sanne
    • Goldfinch wrote:

      Da bin ich von der ganz bescheidenen Sorte: ein Reisebericht Eurer nächsten Reise reicht als Provision.
      Na, Du bist aber leicht zufrieden zu stellen! :D Es macht Dir aber hoffentlich nichts aus, wenn dieser Live-Bericht nicht so umfangreich ausfällt wie dieser...

      troll rb wrote:

      Also wundere Dich nicht, wenn sich auf der Finnmarken ab dem 28.3. neben Dir noch ein graubärtiger Troll unentwegt auf den Außendecks rumtreibt, könnte ich das sein.
      Okay, dann sind ja zumindest schon mal zwei Bartträger an Bord - bin nämlich auch einer. Zwar noch nicht grau, aber - vielleicht - auf dem Weg dorthin... :D

      Freut mich, daß Dir mein Bericht so gut gefällt :thank_you: . Es ist auch für mich nach so langen Jahren im Rahmen der Überarbeitung für´s Hurtigforum auch recht interessant ihn wieder zu lesen. Vor allem bin ich selbst ziemlich erstaunt, zu welch "schriftstellerischen Leistungen" ich damals kurz nach der Reise in der Lage war. Muß wohl daran gelegen haben, daß diese Reise damals noch so intensiv bei mir nachgewirkt hat ...

      Sanne wrote:

      Prima, dann werden wir uns bestimmt schnell finden
      Da hab ich keine Zweifel, soooo groß ist die Finnmarken schließlich auch nicht :D Und wenn´s nicht grad regnet oder Windstärke 10 hat, bin ich mit großer Wahrscheinlichkeit am Bug zu finden - eine - die Wiedererkennung fördernde - Äußerlichkeit von Rüdiger und mir kennst Du ja nun schon... :laugh1:

      Sanne wrote:

      Bin allerdings auch gespannt ob unsere Tochter meine Begeisterung versteht und vielleicht sogar auch teilt......
      Also, wir haben auf unseren letzten Reisen (grad bei den Winter-Touren) an Bord einige - auch jüngere - "Erst-Täter" kennengelernt, die schon Tage vor der Ankunft in Bergen die nächste Reise fest geplant hatten - neue Opfer des Hurtigruten-Virus. Würde mich nicht wundern, wenn es Deine Tochter auch so erwischen würde...

      Ich wünsche Euch jedenfalls noch jede Menge Vorfreude bis zum 28. März! :dance3: :dance4:
    • Shiplover wrote:

      Na, Du bist aber leicht zufrieden zu stellen! Es macht Dir aber hoffentlich nichts aus, wenn dieser Live-Bericht nicht so umfangreich ausfällt wie dieser
      :laugh1: :laugh1: :laugh1: ... wenn der nach dem Live-Bericht anstehende Reisebericht (mit Bildern) so umfangreich ist wie dieser, ist alles i.O. :laugh1:

      Spaß beiseite: Mach es so, wie Du es für richtig hältst :!: Muss einem selber ja auch Spaß machen. Freue mich über jede wie auch immer geartete Meldung Eurer Reise (live oder auch später). ;)
      Liebe Grüße, Goldfinch
      :ilhr:


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