Weihnachten auf der Polarlys: Im Dunkeln ist gut schunkeln! [19.12.-30.12.2021]

    • B-K-B
    • Weihnachten auf der Polarlys: Im Dunkeln ist gut schunkeln! [19.12.-30.12.2021]

      Den Charmetrollen gewidmet.

      Kann Spuren von Zynismus, Sarkasmus und Albernheit enthalten. Bitte nicht alles bierernst nehmen!


      Präludium

      Es war wieder einmal Zeit. Zeit, dem Alltag zu entfliehen und Zuflucht zu suchen im hohen Norden. Der Wunsch bestand schon lange, doch so richtig durchringen konnte ich mich dann doch nicht. Nach der Fahrt 2017 hat sich die Welt weitergedreht, für manch einen zum Besseren, für manch einen zum Schlechteren. So war relativ schnell klar, dass ich diesmal als Solotroll auf Reisen würde gehen müssen. Und um niemandem zu nahe zu treten, erzählte ich fast niemandem von der Fahrt. Die Parameter der Reise waren dabei schnell klar: Abfahrt am 19.12. und Ankunft am 30.12.2021. Alle weiteren Reisen ließ die Arbeit nicht zu, viel wichtiger: auch das Portemonnaie nicht. Das Schiff war mir dabei eigentlich egal, so wurde es die MS Polarlys. Die Buchung gestaltete sich etwas langwierig, denn durch den Feiertagsverkehr waren viele Kabinen während der elf Tage mehrfach belegt und demzufolge wechselte auch die Verfügbarkeit ihrer selbst. Dann endlich gab es noch eine Kabine, innen, aber das war mir auch völlig egal – wenn es Licht (egal ob Tages- oder Nord-) geben sollte, würde ich eh an Deck stehen, wenn Dunkelheit herrscht essen oder schlafen. Von daher war das die richtige Wahl. Nachdem ein paar Bits und Bytes dazu führten, dass meine Reservierung bezahlt und somit gültig wurde, ging es weiter in der Reisevorbereitung. Da ich immer vom Schlimmsten ausgehe, habe ich mich dazu entschieden, schon am 18.12.2021 anzureisen und lieber einen Tag in Bergen zu verbringen, als unterwegs Ängste wegen Anschlussflügen oder anderen Hindernissen durchzustehen. Der große Rucksack brachte zirka 15 kg auf die Waage, der Kamerarucksack sicher nicht viel weniger, aber das muss ja niemand wissen und seitdem mein Sitznachbar im Flugzeug einmal ein ausgewachsener Kontrabass war, bin ich sowieso recht locker, was Masse und Maße anbelangt. Und damit kann die Reise beginnen!

      Tag 0

      Der Tag beginnt morgens um 6 Uhr. Es gibt ein schnelles Frühstückchen und einen ebenso schnellen, aber umso stärkeren Kaffee, bevor der Weg zum Bahnhof beginnt. Der Kilometer ist schnell zurückgelegt, der Zug schnell gefunden und ich bin schon einmal froh, dass ich es so weit geschafft habe. Ständig kreisen die Gedanken um möglicherweise verabsäumte Erklärungen, Dokumente, Ladekabel und so weiter. Die Fahrt beginnt. Unterwegs grüße ich einen Studenten, schwelge auf manchem Bahnhof in Nostalgie und schwitze, als der Lokführer kurz vor Prag durchsagt, dass er sich einmal den Zug anschauen müsse. Aber er hat wohl wirklich nur geschaut, denn es ging sofort weiter.

      Am Prager Hauptbahnhof lasse ich den Flughafenshuttle rechts liegen und begebe mich zur Metro. Zwar muss man so zum Flughafen zweimal umsteigen, spart aber recht viel Geld und verliert gegenüber dem Direktbus nur 7 Minuten Fahrtzeit. Die Reisekette funktioniert sehr gut und ich bin derartig früh am Prager Flughafen, dass der Check In noch nicht einmal begonnen hat. Als er dann beginnt, haben zwar nur zirka 40 Passagiere dasselbe Ziel, aber ungefähr die Hälfte davon hat entweder einen Hund, einen Rollstuhl, einen Rollator, Sperrgepäck oder aber Rollkoffer dabei, die die Körpergröße der Eigentümerinnen um Haaresbreite überragten. Meine Abfertigung ging dann recht schnell vonstatten, auch die Sicherheitskontrolle war schnell überstanden. Nun hatte ich noch Zeit und schlich durch den mir völlig unbekannten Flughafen. In Anbetracht des Ausschankverbotes wanderte dann doch noch ein Fläschchen Becherovka in den Rucksack und das war es auch schon. Alles Weitere war dann völlig unspannend: ein leeres Flugzeug, ein unauffälliger Flug und eine weiche Landung. Meine Anspannung erwuchs sich zu Stress, ungewohnte und ungeplante Situationen sind nun wirklich nicht das Meinige.

      Ich irrlichterte also durch die lichten Gänge von Gardermoen und fand mich in einer irrwitzig langen Schlange wieder. Martin, sagte ich mir, Martin, wenn Du heute nach Bergen willst, führt Dein Weg nicht durch diese Schlange. Ich rief also einen der Assistenten zu mir, zeigte auf meinen Anschlussflug und wie von Zauberhand hoben sich ein paar Absperrungen und ich hatte eine Zeitreise von zirka einer Stunde unternommen. Der weitere Prozess war dann ziemlich unspektakulär. Warum man aber in dem Wartebereich Getränke bekommt und dafür die Masken abnehmen muss hinterfragen wir besser nicht. Ziemlich orientierungslos suchte ich nun den Abflug nach Bergen . Was ich fand, war der Bahnhof, danach ermöglichte es mir gezieltes Schilderlesen, doch noch zum Abflug zu gelangen. In der Sicherheitskontrolle lief es eher schleppend, dazu musste ich diesmal alle Kameras auspacken, alle Objektive und so weiter. Die Flasche Becherovka, obschon nicht gesondert eingepackt war hingegen nicht von Interesse. Und in 10 Minuten schließen die Gates. Ein neben mir stehender Lateinamerikaner fragte, was das Problem sei, worauf ich sagte, dass es kein Problem gebe, außer meinem Anschlussflug. Aber ändern könne ich es ja eh nicht. Er meinte, dass das zwar ein sehr guter Zugang sei, aber für Lateinamerikaner doch eher unbrauchbar. Der Flug ist dann verspätet, dauert netto 38 Minuten und ich bin Regen. Ach, Bergen heißt der Ort. Mit der Bybane fahre ich in die Stadt, suche mein Hostel auf. Viel unternehme ich nicht mehr, doch ein Einkauf tut noch Not: Im REMA1000 gibt es Schokolade zum Schnäppchenpreis! Und etwas zum Frühstück findet sich auch. Und damit endet ein etwas aufreibender, aber doch viel mehr befreiender Tag. Zum Abschluss gönne ich mir meine Lieblingssendung aus der ORF TVthek.




      Tag 1 - 19.12.2021 - Hoch hinaus und grün im Gesicht.

      Es ist um 7. Ich schaue aus dem Fenster und sehe stockdunkle Nacht. Das war zu erwarten. Also keine Hektik und keine Kompromisse. Das Frühstück nehme ich in der Küche ein, den Kaffee habe ich mitgebracht – ich bin, was dessen Geschmack angeht sehr heikel und konnte wirklich nicht damit rechnen, dass ich für die weiteren elf Tage die Jahresernte einer Kaffeeplantage hätte mitnehmen müssen. Aber dazu später mehr. Mich zieht es nach draußen, ich laufe in den Hafen und nach Bryggen .



      Bryggen menschenleer.



      Mondschein im Stadthafen von Bergen .



      Vorweihnachtsdekorationszauber in Bryggen .


      Während mich der Hafen begeistert, werde ich mit Bryggen nicht wirklich warm. Das mag aber auch an meiner Herkunft liegen, sodass Holzhäuser und Speicher nicht unbedingt etwas sind, die mich vom Hocker hauen. Doch entstehen ein paar Bilder und es ist vor allem menschenleer. Erst nach einer Stunde des Spazierengehens fällt mir auf, dass etwas fehlt: der Regen! Mehr noch, es gibt nicht einmal Wolken. Das wäre ja wie geschaffen für einen Ausflug in die Berge. Dazu müsste die Seilbahn auf den 643 m hohen Ulriken fahren. Denn wer Bergen kennt, weiß: entweder es regnet oder es ist neblig oder es ist stürmisch oder die Seilbahn ist in Revision. Möglich sind auch Kombinationen aus diesen Bedingungen. Doch ein Blick zum Berg zeigt: Die Seilbahn fährt. Also zurück zum Hostel, das Gepäck untergebracht und endlich einen Grund gefunden, um einmal mit dem Obus zu fahren.


      Oh, ein Bus = Obus!


      Der Weg zur Talstation der Seilbahn ist gut ausgeschildert, die Straße dorthin ist der reinste Rollerfriedhof, offenkundig versagen die Dinger in der Steigung und werden dann dort abgelegt, wo sie gerade aufhören zu funktionieren. Der Preis für die Seilbahn ist ordentlich, das wusste ich aber vorher. Und so finde ich mich bald windumtost auf dem Ulriken wieder und muss mich erst einmal sortieren, angesichts des überwältigenden Ausblickes. Ich laufe ein bisschen umher und fotografiere recht ausgiebig. Mit mir haben auch viele Einheimische diese Idee, was aber überhaupt nicht stört. Man ist ein bisschen über den Dingen und das gefällt mir schon sehr gut.











      Eindrücke vom Ulrikenberg mit weiter und schöner Aussicht auf Meer, Berge, mehr Berge und Bergen .




      Nach fast zwei Stunden fahre ich wieder hinab zu Tale und fahre zum Hauptbahnhof, Züge gucken und Kaffee trinken. Narvesen hat da ja so eine praktische Stempelkarte. Nun sind es nur ein paar Schritte bis zum Hostel, wo ich mein Gepäck befreie und mich auf den Weg zum Jekteviktsterminal mache. Das Wetter ist immer noch wunderbar, eine lange Dämmerung malt die tollsten Farben an den Himmel und ich denke mir, da könnte abends ja vielleicht noch grün dazukommen?


      Nachmittagsidylle.


      Dort am Terminal angekommen läuft alles wie am Schnürchen. Pass, negativer Test, Selbsterklärung im Tausch gegen einen Briefumschlag mit Bordkarte und eine Vielzahl an Informationen. Meinem Rucksack sage ich erst einmal Lebewohl und verbringe noch ein paar schöne Stunden im Stadtzentrum, immer zusammen mit meiner Kamera. Zu meiner großen Freude haben einige Geschäfte sogar geöffnet und so mache ich vor allem die Buchläden unsicher. Etwas zu lesen fehlt mir noch und aus Interesse findet so eine norwegische Grammatik den Weg in meine Tasche. Mancher mag Krimis, mancher Grammatiken, Lehrbücher, Tabellenwerke. So beseelt gehe ich zurück zum Terminal und werde in die Lounge gebeten.


      Da liegt sie also, die Polarlys.


      Ich getraue mich nicht, irgendetwas vom Buffet zu nehmen, bis es mir von den anwesenden Angestellten nahezu aufgenötigt wird. Bis zur nächsten Sicherheitseinweisung dauert es ein bisschen, auf Deutsch gebe es die sowieso erst, wenn die Busse da seien. Busse?! Wer kommt denn alles? Also Sicherheitseinweisung auf Englisch, dafür hat man das ja mal gelernt und dann baldigst auf das Schiff. Meine Kabine 380 liegt überraschenderweise auf Deck 3, ich finde sie und meinen Rucksack recht bald und bin gespannt, was mich erwartet. Zugegeben, Plüsch und Rüsch aus den 90er Jahren waren es dann doch nicht – sollte nicht überall modernisiert sein? Mir gefiel die schlichte Eleganz von früheren Besuchen her ja schon sehr gut... Später erfahre ich, dass dies vor allem die Decks 5 und 6 und die öffentlichen Bereiche betrifft. Gut, man schläft ja nicht schlechter, nur weil eine grüne Chaiselongue in der Kajüte steht. Der Kleiderschrank ist anders als meine Unterkunft unterste Kajüte, weil man so gar nichts darin unterbringt. Nach ein paar beherzten Griffen konnten dann aber doch Ablageflächen geschaffen werden und nun ruft auch schon das Abendessen.

      Am Eingang des Torget (Hauptrestaurant) steht ein sympathischer Herr, der jeden freundlich begrüßt und mit ein paar Informationen versorgt, Oberkellner Dan Olsen - den Namen werdet Ihr noch öfter lesen. Die Desinfektion ist klar, einmal Temperaturmessen auch und dann nehme ich meinen Sitzplatz und verschiedene Köstlichkeiten vom Buffet ein. Viel mehr als das Essen begeistert mich aber das Interieur des Restaurants, unverkennbar skandinavisch. Ob man das wohl mal fotografieren kann? Die Frage bleibt noch offen.

      Um 20.30 Uhr heißt es dann Leinen los!, auf Deck 7 gibt es dazu unpassende Musik mitsamt vielen Menschen, aber ich kann fotografieren. Bergen liegt bald hinter uns, ich bin gerade dabei, samt meiner Ausrüstung wieder unter Deck zu gehen, als die Durchsage kommt: Nordlicht! Also doch. Ich begebe mich wieder an Deck und tatsächlich, ein schwacher, milchig-weißer Streifen zeigt sich. Die Fotos sind aber eher nicht zeigbar, meine werte Mutter quittierte das Bild mit: Aha. Als ich ihr sagte, dass man es vielleicht vergrößern könnte, hieß es: Oho. Alle sind verzückt. Meine Ahnung, dass das für ziemlich lange Zeit das letzte Nordlicht sein dürfte und wahrscheinlich eine von Hurtigruten bezahlte Projektion ist, um den Touristen etwas zu bieten, bestätigt sich nur zum Teil: Das Nordlicht war echt. Müde von viel frischer Luft begebe ich mich in die Kabine und zu Bett.

      Fortsetzung folgt, dauert aber etwas...
      Martin
      Images
      • HR002.jpg

        147.39 kB, 850×567, viewed 200 times
      • HR004.jpg

        148.01 kB, 850×567, viewed 199 times
      • HR005.jpg

        146.85 kB, 850×567, viewed 194 times
      • HR006.jpg

        147.71 kB, 850×567, viewed 192 times
      • HR009.jpg

        144.78 kB, 850×567, viewed 199 times
      • HR011.jpg

        148.3 kB, 850×567, viewed 197 times
      • HR013.jpg

        145.62 kB, 850×567, viewed 188 times
      • HR016.jpg

        147.45 kB, 850×567, viewed 199 times
    • Ja klasse, ein neuer Bericht, der sich schon mal gut anlässt! Zynismus & Co kommen gut, sowas braucht man in diesen Zeiten ;)
      Beim Handgepäck musste ich grinsen, das kommt mir irgendwie bekannt vor, sowohl das Gewicht als auch das Auspacken aller Kameras und Objektve. Nur einen Kontrabass als Nebensitzer hatte ich noch nie :laugh1:
      Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
      Viele Grüsse, Albatross
      Reiseberichte im Profil
    • Tomoka wrote:

      Was ist ein Charmetroll? 8|


      Hei!

      Charmetrolle sind freundliche Wesen, die sich an Bord von Hurtigrute-Schiffen versammeln um zusammen allerlei Schabernack zu treiben und den Reiseleiter in den Wahnsinn zu treiben:

      Auf der Suche nach den Charmetrollen - MS Vesterålen 24.10. - 04.11.17 1/3

      Unterste Kajüte auf der MS Vesterålen - und keine Charmetrolle (August 2018)

      Viele Grüße
      Martin
    • murmansk84 wrote:

      Charmetrolle sind freundliche Wesen, die sich an Bord von Hurtigrute-Schiffen versammeln um zusammen allerlei Schabernack zu treiben und den Reiseleiter in den Wahnsinn zu treiben:

      Genauso haben uns die beiden Expeditionsleiterinnen Monika und Rebecca auf der Polarlys im Mai 2019 die Anwesenheit und das Wesen der Charmetrolle beschrieben, wenn dann mal der Bildschirm oder ein Kabelkontakt ausfielen oder oder oder. Es gibt genug Charmetrolle auf einem Hurtigrutenschiff !!! Und wenn man nicht an sie glaubt, machen sie sich umso stärker bemerkar :) <3 !
      Liebe Grüße von Trollebo

      Post was edited 1 time, last by “Trollebo” ().