Diskriminierung bei Hurtigruten?

    • Diskriminierung bei Hurtigruten?

      Anne Marie Sandvik wollte 2019 eine Reise von Longyearbyen nach Reykjavík machen, viele Jahre schon träumte sie davon mit ihrer Tochter eine solche Reise zu unternehmen. Die Reise wurde gebucht, bestätigt und bezahlt, aber die 86-Jährige durfte nie mitfahren da sie im Rollstuhl sitzt.
      "Sie hielten es für problematisch mich zu evakuieren wenn ein Eisbär käme, obwohl ich gesagt hatte dass ich nicht an Land gehen würde", sagt Anne Marie Sandvik.

      Sicherheit wird oft als Argument verwendet um Menschen mit Behinderungen von der Teilnahme auszuschließen, so der norwegische Handicap-Verband. Sie haben ihr auch geraten sich beim Diskriminierungsgericht über Hurtigruten zu beschweren. Und dieses hat nun ein Urteil gesprochen und bestätigt das Hurtigruten in mehreren Punkten diskriminiert hat.

      Hurtigruten selbst schreibt in seinem Bericht an das Gericht, Anne Marie Sandvik nicht diskriminiert zu haben. Sie erklären, dass einige Fahrten für Menschen mit Behinderungen nicht geeignet sind. Hurtigruten Expeditions reist zu einigen der einsamsten und unzugänglichsten Gebieten der Welt, in denen es oft an der nötigen Infrastruktur mangelt. "Viele unserer Reisen sind für Menschen mit Behinderungen geeignet, aber nicht alle" sagt Øystein Knoph, Pressesprecher bei Hurtigruten Expeditions. Er räumt auch ein, dass es in diesem Fall Kommunikationsprobleme gegeben habe. Laut Knoph haben sie sich bei Anne-Marie Sandvik entschuldigt und sie zu einer alternativen Reise zu einem ermäßigten Preis eingeladen. Sandvik bestätigt, dass ihr eine weitere Reise angeboten wurde an der sie aber nicht teilnehmen wollte.

      Hurtigruten akzeptiert die Entscheidung des Gerichtes, und will daraus in Zukunft lernen. Klarer und besser kommunizieren und die Reisebeschreibungen anpassen.
      Nordlicht :flower:

    • Ich kann beide Seiten verstehen und ich denke , dass die Kommunikation von Seiten der Hurtigruten etwas *hüstel* suboptimal gelaufen ist . Ich gebe aber dennoch mal etwas zu bedenken : Ich bin aufgrund meines beruflichen Hintergrundes ( Kapitän AG und seit knapp 20 J. bei der Lotserei ) "vom Fach" und habe hoffentlich etwas Sachverstand . Im Rahmen beruflicher Fortbildungen nehme ich natürlich auch an Schiffssicherungslehrgängen teil , um im Rettungswesen "Up to date" zu bleiben . Auch für einen zwar mit 10 Kilo überschüssigem Hüftgold gesegneten , ansonsten aber laut neuestem Belastungs-EKG im Rahmen der Seelotstauglichkeitsuntersuchung kardiologisch noch recht fitten 53 jährigem wie mir artet es durchaus in Arbeit aus , ein Rettungsfloß aufzurichten , bei bewegtem Wasser aus 5 Metern Höhe auf oder in selbiges zu springen , aus dem Wasser ein Solches zu erklimmen , ein Rettungsboot zu besteigen , auszubooten oder mich mich bei rollendem und stampfendem Schiff - sowas soll es ja an der norwegischen Küste durchaus geben- zu bewegen . Ich habe auf einem im Ballast befindlichen und daher extrem stabilen Containerschiff von 183 m Länge im Orkan nach Ausfall der Hauptmaschine einen Rollwinkel von ca. 60 Grad erlebt , da fällt jeder aus der Koje und eine Rollstuhlfahrerin kommt sicher nicht mehr aus eigener Kraft wieder in selbige hinein , sofern das Schiff nicht sowieso bereits gekentert ist . Wenn es einem leidlich beweglichen Passagier schwerfällt , solchen Situationen zu begegnen : wie soll es dann erst einer 86 jährigen Rollstuhlfahrerin ergehen ?! Es geht ja nicht nur darum , ob eine Rollstuhlfahrerin den Eisbären auf dem Packeisgürtel "guten Tag" wünschen möchte oder nicht . Es geht auch um einen eventuell auch bei Hurtigruten durchaus eintreten könnenden Notfall , der eine schnelle Evakuierung des Schiffes erforderlich macht und da ist eine extrem stark mobilitätseingeschränkte hochbetagte Dame natürlich in einer schlechten Position . Hurtigruten und die Besatzungen -insbesondere die Schiffsführungen- übernehmen die Verantwortung für Schiff , Ladung und die Menschen an Bord und möchten / müssen dieser Verantwortung gerecht werden . Jeder , der seinen ( oder ihren ) Willen nicht bekommt beschuldigt erst einmal das Gegenüber der Diskriminierung , statt zu versuchen , die andere Sicht der Dinge nachzuvollziehen . Hurtigruten hat der Dame sicher nicht die Mitfahrt verweigert , weil sie mit Vergnügen hochbetagte Rollstuhlfahrerinnen diskriminiert , sondern aus sehr guten Gründen , die allerdings PR-technisch dilettantisch kommuniziert worden sind . Ich kann den Groll der alten Dame nachvollziehen , aber Manches geht eben in ihrem speziellen Fall nicht mehr , so bedauerlich und menschlich tragisch das auch sein mag .
    • Da hast du natürlich recht, nur kommuniziert man das zu Beginn, bei Buchung der Reise. Allerdings wissen wir nicht, wann die Dame mitteilte, dass sie im Rollstuhl sitzt. Ausserdem muss man ihr das Recht zugestehen, das Risiko einzugehen, dass sie sagt, im unwahrscheinlich Fall, dass etwas passiert, wars das halt und ich überlebe nicht. Da könnte man sich notfalls mit einer Erklärung als Reederei absichern.
      Jan09 FM B-K ~ Jan10 NL B-K-B ~ Jan11 FRAM (Antarctica) ~ Apr11 NN B-K-B ~ Mrz12 LO B-K-B ~
      Jan13 LO B-Alta ~ Feb14 KH B-K ~ Jan16 LO B-K-B ~ Feb18 LO B-K ~ Jan20 LO B (T)-Alta-B

      Reiseberichte siehe Profil !

    • Arctica wrote:

      Allerdings wissen wir nicht, wann die Dame mitteilte, dass sie im Rollstuhl sitzt.

      Soweit ich weiß, wird man nicht bei der Buchung, sondern erst relativ kurz vor der Reise zur Abgabe des Gesundheitsfragebogens aufgefordert. Woher hätte HR das vorher wissen sollen, wenn die Kundin nicht von sich aus vor der Buchung darauf hingewiesen hat?

      Arctica wrote:

      Ausserdem muss man ihr das Recht zugestehen, das Risiko einzugehen, dass sie sagt, im unwahrscheinlich Fall, dass etwas passiert, wars das halt und ich überlebe nicht. Da könnte man sich notfalls mit einer Erklärung als Reederei absichern.
      Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich eine Reederei auf so etwas einlassen würde. Das könnte sie ihren Kapitänen nicht zumuten.
      Stell Dir mal eine solche Schlagzeile vor: "Kapitän lässt Passagierin auf sinkendem Kreuzfahrtschiff in der Grönlandsee zurück" :sdagegen:


      Nachtrag:

      Hab nochmal in dem von Nordlicht verlinkten NRK-Artikel nachgesehen.
      Demnach hätte die Kundin bereits vor der Buchung darauf hingewiesen, dass sie einen Rollstuhl benötigt.

      NRK wrote:

      Anne Marie Sandvik hadde på forhånd i bestillingen opplyst om at hun bruker el-rullestol, at hun trenger handikap-lugar og at turer på land ikke var aktuelt for henne. Det var først greit, før Hurtigruten avslo Sandvik.

      Gibt es auf der Fram (und den anderen reinen Kreuzfahrtschiffen von HR ) eigentlich eine Rollstuhlfahrerkabine?

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    • HR hat auf der oben genannten Seite zur FRAM AUhc den Hinweis " Für Reisen mit Ein- und/oder Ausschiffung in Longyearbyen akzeptieren wir nur Buchungen für Rollstuhlfahrer auf Anfrage.", d.h. es ist jeweils eine individuelle Angelegenheit.

      Leider storniert!!!
    • Meines Wissens nach werden Rollstuhlfahrer nicht mitgenommen, wenn der Start- oder Zielhafen nur via Tendern erreichbar ist.
      2014 war auf meiner Reise von Longyearbyen nach Reyklavik (Ostgrönland) eine Rollstuhlfahrerin dabei. Klar konnte die unterwegs keine Landgänge machen - was aber schon vor Buchung bekannt war.
      2015 bin ich mit meiner Mutter (auch im Rollstuhl) mit der Fram rund um Island gefahren. Ein Landgang mit Tendern ging via eines Holzanlegesteges, da hab ich dann Mutter sogar im Tenderboot mitgenommen (natürlich vorher alles ab- und besprochen, also z.B. nach allen anderen Passagieren übergesetzt).

      Frage ist natürlich auch, wie stark man auf den Rollstuhl angewiesen ist. Beide oben genannten Rollifahrerinnen konnten sich noch allein ohne Hilfe umsetzen und ein paar Schritte (mit Festhalten) laufen.

      Was auch bei Hurtigruten auf wenig Gegenliebe stößt ist, wenn man glaubt, die Besatzung würde einen als Pflegekraft ablösen.
      Grüße
      Uwe
    • Auf der Infoseite von HR steht auch noch:

      Gäste mit einem Rollstuhl sind angehalten, ihren eigenen, normalgroßen, zusammenklappbaren Rollstuhl mitzubringen.

      Im NRK-Artikel steht, die Kundin brauche/benutze einen e-Rollstuhl

      NRK wrote:

      ....hadde ... opplyst om at hun bruker el-rullestol,..
      und auf dem Foto ist sie in ihrer Wohnung in einem e-Rollstuhl zu sehen.
      Ich gehe mal davon aus, dass der nicht zusammenklappbar ist und auch nicht so einfach aufs Schiff mitgenommen werden kann. Oder doch? Der Akku des Rollstuhls müsste dann ja auch in der Kabine regelmäßig geladen werden. ?(

      Eventuell waren die Art des Rollstuhls und die gewünschte Art der Nutzung auf dem Schiff in diesem Fall das Problem und HR hat als Reaktion auf das Gerichtsurteil die obige Formulierung in die Infoseite eingefügt.

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    • Also ich gönne ja jedem Rollifahrer noch seine Reise. Allerdings habe ich bei meiner Tour auf der VASCO DA GAMA im Herbst 2019 gesehen, mit welchen Erschwernissen dies verbunden ist, vor allem für die Besatzung. Auf dem Schiff war auch eine ältere Dame im Rollstuhl. Die Dame war auch nicht gerade zierlich.
      Beim Austendern mussten teilweise vier Besatzungsmitglieder die Dame samt Rollstuhl die Außentreppen zum Tenderboot runtertragen und später auch wieder hinauf. Auf den Orkneys hatten wir ja ziemlich heftigen Wind. Um vom Kai ins Schiff zu gelangen musste dort so eine Art Hühnerleiter wie bei der LOFOTEN benutzt werden, nur dass diese erheblich länger war. Mir taten die Crewmitglieder wirklich leid, die die Dame samt Rollstuhl bei dem Sturm diese "Gangway" herunter und auch wieder herauf tragen mussten.

      Meine Mutter benötigt inzwischen selbst einen Rollstuhl und kann nur für ganz kurze Strecken noch den Rollator nutzen. Meine Mutter käme gar nicht auf den Gedanken, noch einmal eine Seereise zu buchen, obwohl sie immer gerne gereist ist. Es ist ihr dann einfach selbst zu beschwerlich.
      Gruß Jobo,

      Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.
      - Alexander von Humboldt -

      (Links zu meinen Reiseberichten finden sich im Profil/über mich)