abenteuerliche Wintertage in der Arktis (8.3. - 20.3.2020)

    • Nord
    • Vielen Dank für die einfühlsamen Worte, selbst das Schreiben hat mich nochmal ganz schön "mitgenommen", ich fühlte mich sehr in die Situation zurückversetzt. Insofern brauchte ich etwas Abstand und Schreibpause.

      @LaLuna: Es ist kein ganzes Schaffell, es sind mehrere Stücke zusammengefügt zu einer runden Sitzunterlage. Zusammengerollt passt es gut in den Rucksack.

      @Arctica: Mit dem Gedanken gespielt hatte ich schon, aber aus meiner Sicht war die Situation noch nicht überstanden. Schließlich lag noch ein mehr als einstündiger Weg mit der Raupe zurück vor uns, bei - 10 ° C und schlechter Sicht, und da war ich mir nun nicht mehr so sicher, ob nicht auch auf dem Rückweg eine "Situation" entstehen könnte, dann vielleicht nicht so dicht an Berg- oder Talstation, sondern mittendrin. Alkohol weitet ja bekanntlich die Gefäße...

      Mit dem Bericht geht es weiter, wenn ich den Kurs "Wasserzeichen" bestanden habe. ^^
      LG
      Beate
    • 14.03.2020 Schnee, Sonne, Wind, -9°C

      Gestern habe ich noch erfahren, die aktuelle Schneehöhe beträgt hier 1,42 m. Und ständig kommt neuer Schnee hinzu, dabei weht es. Schnee klebt auch an den Fensterscheiben. Auch die Scheiben der Pistenraupe gestern waren gefroren, dann hat sich durch den Fahrtwind noch eine dicke Schicht Schnee draufgelegt. Beim Frühstück fällt heute auf, wie leer der Speisesaal ist. Und der Ausblick ist zunächst auch sehr begrenzt. Bis zu den nächsten Hütten, vielleicht so 20 Meter. Schneegestöber. Die Sonne kämpft jedoch. Später wird der Blick freier, auch auf den See. Aber nicht so gut wie gestern. Und zieht sich auch immer wieder zu. Es dauert lange, bis ich mich aufraffen kann, das Haus zu verlassen, der gestrige Tag wirkt noch nach. Zumindest zeitlich gesehen verläuft die Reise nach Plan. Das ist nicht selbstverständlich. Aus Norwegen wäre ich gestern hinauskomplimentiert worden, wenn ich nicht schon weggewesen wäre. Die Grenzen wurden quasi geschlossen, Schulen und Gaststätten ebenso, aus Vorsicht vor dem Coronavirus. Ich bin schon froh, dass hier in Björkliden scheinbar alles ruhig ist, erhöhte Aufmerksamkeit der Hygiene vielleicht gewidmet wird. Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof, will den einfahrenden Zug sehen, in Schnee und Sonnenschein sieht das klasse aus. Aber ich fahre nicht mit, überquere die Gleise und halte mich links. Dort ist eine Langlaufspur, daneben Fußspuren. Ein Schild auch: Abisko 8,5 km. Naja, ich brauche ja nicht die ganze Strecke zu gehen. Die Fußspur verläuft in tiefem Schnee und mit langen Schritten. Meine sind kürzer, ich sinke oft ein. Es ist anstrengend zu gehen, aber schön im Sonnenschein. Mir ist total warm. Ein einziger Langläufer kommt des Wegs. Ich frage ihn, ob man auf diesem Weg auch zur E10 kommt - nein. Irgendwann sehe ich rechts von mir eine Scooterspur, da ließe es sich besser laufen. Nur, wie dahinkommen? An einer Stelle sehe ich Tierspuren bis dahin und kann an ihnen ablesen, dass dort der Schnee nicht so tief ist, sodass ich bis zur Scooterspur komme. Sie lässt sich wirklich viel besser gehen, ich achte nur darauf, ob Scooter kommen. Die Spur führt über die E10 hinweg auf den Torneträsk. Ich folge ihr, immer wieder fotografierend. Eiszapfen an Felsen, Berge in der Ferne, die Scooterspur auf dem See, eingeschneite Anglerhütten. Dann gehe ich zurück bis zur E10 und von da weiter auf der Straße. Autos kommen selten. Am Abzweig geht es wieder hoch nach Björkliden, auch auf der Straße. Auf dem See sind etliche Scooter unterwegs, später kommen sie den Weg neben der Straße hoch. Ursprünglich hatte ich damit geliebäugelt, vielleicht selbst irgendwo Scooter fahren zu können, doch nach dem gestrigen Tag ist mein Bedarf an geführten Touren gedeckt. Ich gehe durch Gammelgården, eine Jugendherbergsanlage. An den Wegrändern riesig hoch aufgetürmt der Schnee, glitzernd in der Sonne. Das ist das Wintermärchen, was ich wollte. Weiter geht es den Berg hoch, zum Schluss durch ein Hüttendorf, welches zum Hotel gehört. Eine Familie rutscht gerade auf dem Schnee vor der Hütte herunter auf den Weg. Wenn überhaupt, habe ich solche Schneemassen zuletzt in meiner Kinderzeit gesehen. Im Hotel gibt es dann ein günstiges Lunchangebot, Moussaka, Brot, Butter, Saft, Kaffee. Ich lasse es mir schmecken, wieder mit dem unfassbaren Ausblick. Danach setze ich mich zum Schreiben in die Lobby. Sie wird immer voller, alles Skiausflügler, es ist Wochenende. Das wird mir dann doch zu viel, ich ziehe mich ins Zimmer zurück zum Lesen. In der Nacht beginnt ein Schneesturm, er drückt gegen die Fensterscheiben, sie sind von oben bis unten mit Schnee und Eis bedeckt. Ich stecke mir Ohrenstöpsel rein und schlafe ein. Mitten in der Nacht werde ich jedoch wach, weil Nase und Mund komplett ausgetrocknet sind. Die Klimaanlage läuft offenbar auf Hochtouren. Ich rufe bei der Rezeption an, ob man sie nicht abstellen kann. Ein Mitarbeiter kommt und sucht in meinem Zimmer nach einer Möglichkeit. Es gibt keine, es scheint eine zentrale Anlage zu sein. Aufgrund des Sturms würde die Anlage stärker arbeiten, leider. Ich nehme ein Handtuch, mache es komplett nass und wringe es aus. Das hänge ich dann über die Heizung, das sollte für heute nacht genügend Luftfeuchtigkeit bringen. Am nächsten Morgen ist es trocken.
      LG
      Beate

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    • Kassiopeia wrote:

      Aus Norwegen wäre ich gestern hinauskomplimentiert worden, wenn ich nicht schon weggewesen wäre. Die Grenzen wurden quasi geschlossen, Schulen und Gaststätten ebenso, aus Vorsicht vor dem Coronavirus.

      Damit hattest du wirklich Glück, denn wir mußten ja genau an dem Tag 14.3. die MS Polarlys und am nächsten Tag Norwegen verlassen.
      Was für eine abenteuerliche Reise! Hut ab! Und vielen Dank für die zauberhaften Fotos der märchenhaften Schneelandschaft!
      Björkliden und Umgebung kenne ich nur vom Sommer her.
      Es macht Spaß deine Abenteuerreise mit zu erleben, denn du beschreibst alles so lebendig, daß man direkt mit zittert! :)
      Liebe Grüße von Trollebo
    • Trollebo wrote:


      Damit hattest du wirklich Glück, ...
      Und vielen Dank für die zauberhaften Fotos der märchenhaften Schneelandschaft!
      Es macht Spaß deine Abenteuerreise mit zu erleben, denn du beschreibst alles so lebendig, daß man direkt mit zittert! :)


      Ich bin mir dessen schon bewusst gewesen, dass ich mich glücklich schätzen konnte. Was für ein Zufall, dass ich an genau jenem Tag (12.03.) Norwegen verlassen wollte - und auch konnte! Und dass Schweden sich anders verhalten würde, war zu diesem Zeitpunkt auch nicht absehbar.

      Freut mich, wenn das, was meine Augen sehen durften, auch anderen gefällt. Und dass meine Art zu schreiben ankommt, freut mich auch. Es ist ja mein erster Reisebericht, ich hatte keine Vorstellung davon, wie er auf andere wirken mag.

      Dann weiter viel Freude beim Mitreisen. :)
      LG
      Beate
    • 15.03.2020 teils bedeckt, teils Sonne, Neuschnee, -3°C

      Eiszapfen an den Fensterscheiben, wie heftig hier das Wetter ist! Aufstehen, duschen, zum Frühstück. Der obligatorische Blick aus dem Panoramafenster im Frühstücksraum. Ich frühstücke reichlich, es soll lange anhalten. Im Anschluss packe ich meinen Rucksack und unternehme einen Ausflug zum Silverfallet, einem Wasserfall an der E10. Dabei kämpfe ich mich durch den Tiefschnee voran. Zu sehen ist aber nicht viel, riesige Schneeverwehungen, vermutlich ist darunter der gefrorene Wasserfall. Auf dem Rückweg sehe ich, Richtung Riksgränsen stauen sich die Autos auf der E10. Ungewöhnlich, so viel Verkehr war doch sonst nicht! Ich frage den Fahrer des letzten Autos, ob er weiß, was los ist. Ja, die E10 sei aufgrund des harten Wetters in der letzten Nacht nun gesperrt, es habe Lawinen gegeben. Ich frage, ob er weiß, ob denn der Zug fährt. Das weiß er nicht. Ich gehe durch den Ort zum Bahnhof, denn ich wollte heute eigentlich einen Ausflug mit dem Zug nach Riksgränsen machen. Nicht nur dieser Zug, alle fallen aus. Am Buswendeplatz stehen ca. 20 Reisende mit Koffern und Skiern, die gestrandet sind. Jeden Tag eine neue Herausforderung hier! Ich gehe wieder die Straße hoch, zurück zum Hotel. Bei mir ist es ja nur ein Ausflug, der nicht geklappt hat, aber ein Großteil der Reisenden will nach Kiruna zum Flughafen. Nach einer Weile wird ihr Gepäck geholt, sie kommen zu Fuß nach und essen erstmal im Hotel zu Mittag. Für die beiden Züge 12.11 Uhr und 16.29 Uhr gibt es dann einen Ersatzbus 17.15 Uhr Richtung Stockholm. Richtung Narvik fährt weiterhin nichts. So langsam sollte ich mir Gedanken machen, wie meine Reise weitergeht. Ab morgen habe ich das Zimmer in Abisko...Ich frage an der Rezeption, ob es eine Möglichkeit gibt, dass ich morgen mit einem Auto nach Abisko komme? In diese Richtung ist die E10 jedenfalls frei. Sie selbst könnten so etwas nicht anbieten, aber die Dame versucht, etwas zu finden. Sie nimmt Kontakt mit VisitAbisko auf. Diese bieten eigentlich nur einen Transfer direkt nach Kiruna an, aber da sie sowieso kommen, kann ich mit, für 175 SEK. Ist zwar das Dreifache des Preises für den Zug, dafür aber von Tür zu Tür, das buche ich. Erst dann lasse ich mir auch das Mittagessen schmecken, heute gibt es Lachs mit Kartoffelbrei. Es schmeckt ausgezeichnet, macht mich aber träge, ich lege eine Pause im Zimmer ein. Als die Lebensgeister wiederkehren, beschließe ich, noch ein Stück zu gehen. Erstmal den Berg hoch, in der Spur der Pistenraupe. Irgendwann komme ich über die Baumgrenze, ab da ist alles nur noch weiß und Eisglitzer, höchstens ab und zu schaut ein Stück Felsen raus. Ich bleibe stehen- eine Stille weit und breit! Und Blick auf die Berge an der Nordseite des Torneträsk. Hier oben fühle ich mich richtig frei. Abends gehe ich dann zeitig schlafen, ab Mitternacht soll es wieder stürmen. Und so ist es, bis Mitternacht schlafe ich ausgezeichnet, dann werde ich wiederholt wach, weil der Mund so trocken ist. Das kenne ich ja schon, die Klimaanlage kämpft wieder gegen den Sturm an. Ich trinke was, mache erneut ein Handtuch nass, mit dem Schlafen geht es dann so halbwegs.
      LG
      Beate

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    • @Kassiopeia also dein Bericht ist wirklich sehr interessant und spannend, du hast eine schöne Art zu schreiben. Die Fotos sind super, soooo viiiieeel Schnee, diese verschiedenen Blautöne finde ich bei Schneefotos immer besonders toll.

      Eine kleine, warme Sitzunterlage ist bei Wanderungen immer praktisch. Wir haben immer eine zusammenfaltbare aus dem schwedischen Möbelhaus mit. Ein kleines Schaffell ist natürlich kuscheliger. Ich kenne so etwas nur aus Lammfell als Einlage in den Kinderwagen....25 Jahre her... :rolleyes: .

      Schreib schön weiter, damit wir dir deinem Schneeabenteuer weiter folgen können.
      Viele Grüße LaLuna
    • an alle meine Mitreisenden: :blush: :sdanke:

      16.03.2020 Sonne, Schneesturm, -3°C

      Noch einmal das exzellente Frühstück mit dem fantastischen Ausblick. Zunächst klebt zwar noch Schnee an den Scheiben, aber die Sonne taut ihn weg und gibt damit den Blick auf den See frei. Der Torneträsk ist 70 km lang! Nach dem Frühstück checke ich aus und gehe noch einmal hoch auf den Berg, mit noch besserer Sicht als gestern. Es war schon eine schöne, aufregende Zeit hier. Dann kommt mein Shuttle, deutlich größer als gedacht. Ein richtiger Reisebus! Es stellt sich heraus, dass die Reisegruppe, die gestern am Bahnhof gestrandet war, im Hotel übernachtet hat und nun mit dem Bus nach Kiruna gebracht wird. In diese Richtung ist die Strecke zum Glück frei. Züge fahren immernoch nicht.

      Für mich ist es nur eine kurze Fahrt, Abisko ist ja der Nachbarort. Der Bus bringt mich direkt zur Abisko Mountain Lodge. Der Busfahrer steigt aus, sucht meinen Koffer aus dem Gepäckabteil und bringt ihn direkt bis zur Rezeption. Und obwohl es erst 9.30 Uhr ist, kann ich sogar schon einchecken. Das Zimmer ist klein und dunkel, nicht so schön wie in Björkliden. Ich stelle erstmal nur meinen Koffer ab, ich will gleich wieder los. Zum einen war ich gar nicht darauf vorbereitet, einchecken zu können, zum anderen ist für heute nachmittag der nächste Schneesturm gemeldet, vorher will ich zurück sein. Noch scheint jedoch die Sonne. Ich gehe einen Weg entlang, parallel zur E10, eine Scooterloipe. Bei jedem Schritt sinkt man ein Stück ein. Die Loipe an sich ist fester Schnee, aber obendrauf der sogenannte "Zuckerschnee". An einer Stelle habe ich die Gelegenheit, auf die E10 zu wechseln. Dort lässt es sich viel besser gehen. Und viel Verkehr ist nicht zu erwarten, denn über das Björnfjell ist die E10 erneut gesperrt. Ich komme gut voran, bin dann an der Touristenstation angelangt und gehe den Anfang vom Kungsleden entlang, bis ich zum Canyon komme. Im Spätsommer war ich hier schon einmal, war ganz überrascht von dem mächtigen, tief eingeschnittenen Flussbett. Nun sieht die Landschaft hier natürlich völlig anders aus. Auf die eine Seite fallen die letzten Sonnenstrahlen für heute, die andere Seite liegt im Schatten. Größtenteils ist alles gefroren und von Schnee bedeckt. Ich gehe auf die andere Seite des Canyons, von da kann man einen gefrorenen Wasserfall sehen, 12 m hoch. Drei Eiskletterer sind dort unterwegs. Das kann man in der Touristenstation als Abenteuer buchen. Die Frau verliert das Gleichgewicht und hängt kopfüber am Seil, schreit... Der Guide beruhigt sie und gibt ihr Anweisungen, wie sie wieder die Kontrolle erlangt, sie schafft es auch. Mir reicht das Zuschauen völlig. Ich gehe noch ein Stück weiter runter Richtung Strand, da gibt es eine Brücke, die den Canyon quert. Man steht also direkt über dem Canyon, wirklich beeindruckend. Wie wird das an dieser Stelle im Sommer aussehen, wenn das Wasser hier dahinrauscht?

      Für mich wird es jedoch Zeit, umzukehren, bevor der Schneesturm beginnt. Gleich bei den ersten Metern Rückweg merke ich, es geht schon los. Ich beeile mich, Richtung Abisko Östra zu kommen. Es ist extrem hart, durch den Sturm ist das Gehen schwerer und kälter fühlt es sich außerdem an, dazu die Schneeverwehungen, sogar auf der Straße. Hier hält ja auch nichts den Sturm auf. Auf dem letzten Stück hält ein Autofahrer an und nimmt mich mit. Ich bin erleichtert und sehr dankbar. Hier zeigt sich, dass man sich noch umeinander kümmert und keiner alleingelassen wird. Am ICA lässt er mich raus. Dort stehen schon wieder gestrandete Urlauber, sie wollten vermutlich mit dem Bus weiter. Auch Zugfahrten gibt es heute keine mehr. Ich kaufe im ICA etwas zu essen ein. Die Versorgungslage ist hier noch sehr gut. Dann geht es zurück zur Mountain Lodge. Die Tür zu meinem Zimmer bekomme ich gar nicht auf, so klemmt sie. Ich bekomme stattdessen ein neues Zimmer. Hier gibt es nicht viele Gäste, etliche hätten abbestellt. Die gesamte Tourismusbranche ist vom Coronavirus indirekt betroffen, aufgrund der mittlerweile umfangreichen Reisebeschränkungen. Ich profitiere insoweit, als ich ein schöneres Zimmer bekomme. Ich gönne mir nach der Anstrengung erstmal eine Pause in der gemütlichen Lobby, trinke ein Bier und schreibe. Im Kamin prasselt das Feuer. Draußen fegt der Sturm ums Haus. Einige Urlauber sitzen auch da und warten auf ihren Schneemobilausflug, sind dann sauer, als er abgesagt wird. Dabei hätte man sich das bei einem Blick aus dem Fenster denken können.

      Nach der Pause gehe ich nochmal raus, ein Ausflug bis zum bzw. auf den See. Es bläst immernoch ganz schön, aber im Vergleich zu heute mittag ist es okay. Ich sehe dicke Eisklumpen und unzählige Schneescooterspuren. Von hier aus wird offenbar zum Eisangeln gestartet. Auf dem Rückweg sehe ich beim Abisko Gjestehus vorbei. Von den dort angebotenen Souvenirs gefällt mir jedoch nichts. Stattdessen mache ich mich auf den Rückweg zur Mountain Lodge. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist nicht so besonders gut. Das Zimmer ist einfach, aber in Ordnung, das Bad ebenfalls. Kein TV, keine Getränke, kein Fön. Dazu zweimal meine Bitte, das Leselicht zu reparieren. Dann erst wurde es erledigt. Insofern kein Vergleich mit Björkliden, nur ist der Preis der gleiche.

      Abends sitze ich noch eine Weile in der Lobby. Andere Gäste haben bereits Sorge, wie sie nach Hause kommen, die Entspannung ist dahin. Auch mich erfasst langsam Sorge. Die Behörden in Deutschland haben weitreichende Beschränkungen des öffentlichen Lebens angeordnet. Dadurch wird auch der öffentliche Verkehr beeinträchtigt. Stena Line z.B. hat den Fährverkehr nach Sassnitz eingestellt. Dazu kommt die hiesige Wettersituation. Ich hoffe, am Mittwoch fährt ein Zug. Noch in der Nacht registriere ich mich auf der Krisenseite des Auswärtigen Amtes. Dort können Deutsche im Ausland erfasst werden, um sie ggf. zurückzuholen. Die Registrierung ist sehr aufwendig und langwierig. Allerdings habe ich nicht vor, mich darauf zu verlassen. Bisher bin ich immernoch am besten gekommen, wenn ich mich auf mich selbst verlassen habe. Ich schlafe unruhig, allerdings auch von der trockenen Luft.
      LG
      Beate
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      LaLuna wrote:

      ...soooo viiiieeel Schnee, diese verschiedenen Blautöne finde ich bei Schneefotos immer besonders toll.

      Eine kleine, warme Sitzunterlage... ...aus dem schwedischen Möbelhaus...


      An dem Schnee konnte ich mich auch kaum sattsehen. Es ist auch gar nicht so einfach, sich auf die 20 schönsten Bilder täglich zu beschränken und dabei gleichzeitig die aussagekräftigsten in bezug auf den Text zu wählen.

      Das Schaffell ist aus einem dänischen Bettenl..., war wohl als Sitzauflage im Scandi-Style für Stühle gedacht. Leistet mir gute Dienste. Damit sitze ich immer warm und trocken. Ich kam auf die Idee, weil in Norwegen oft Sitzunterlagen aus Rentierfell benutzt werden. Diese sind jedoch bretthart, weil nicht gegerbt. Also lassen sie sich schlecht in den Rucksack packen. Außerdem riechen sie. Ein gegerbtes Rentierfell (das riecht dann nicht) ist aus meiner Sicht auch nicht das richtige, weil es haart.
      LG
      Beate
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      17.03.2020, bedeckt, Schnee, Sonne, -5°C Teil 1

      Heute ist wieder Haarewaschen dran. Das Duschwasser ist geradeso lauwarm, ich friere beim Duschen. Irgendwie ist es wie beim Camping, gut, dass ich nicht verwöhnt bin. Das Frühstück ist okay, besser als in Harstad , aber nicht so gut wie in Björkliden. Ich suche mir einen Platz am Fenster mit Ausblick zur Lapporten, einer beeindruckenden Bergformation. Nach dem Frühstück checke ich die Lage. Ein Bus fährt wieder nicht, nun nicht mehr wegen Schneesturm, sondern wegen der geschlossenen Grenze nach Norwegen. Ein Zug fährt vermutlich morgen. Ich buche über mein Handy ein Ticket, da erhalte ich vielleicht auch eher Verkehrsinformationen. Ich bin nicht die einzige, die versucht, nach Hause zu kommen, auch einige Amerikaner. Sie stehen bestimmt vor einer noch größeren Reiseherausforderung. Ich habe mit mir selbst Kriegsrat gehalten und beschlossen, sofern möglich, die Reise wirklich bis zum letzten Tag laufen zu lassen. Wenn ich jetzt anfange, einen Flug umzubuchen, laufe ich viel eher Gefahr, dass dann der Anschluss nicht mehr klappt. Es sieht so aus, als ob die Flüge wie geplant stattfinden; ganz klar ist es nicht, aber ich werde es beobachten.

      Inzwischen hat es wieder zu schneien begonnen, sachte fallen die Flocken. In der Handinnenfläche meiner linken Hand bemerke ich einen blauen Fleck, wo kommt der denn her? Wenn ich drauffasse, tut´s auch weh. Ich kann es mir nur erklären mit dem Aufprall bei dem Sturz mit der Pistenraupe. Ich packe wieder meinen Rucksack, gehe heute den Rallarvägen entlang nach Abisko. Im Moment ist er Scooterpiste, bei jedem Schritt sinke ich etwas ein, es ist anstrengend zu gehen. Und obwohl es bedeckt ist, blendet der Schnee. In Abisko halte ich mich nach der Touristenstation rechts, es geht durch Zwergbirkenwald zum Strand. Vom Strand selbst ist nichts zu sehen, alles ist von Schnee und Eis bedeckt. Im Eis ein Loch, ca. 1 x 1m. Eine Frau hackt es gerade wieder frei. Mit einem Nudelsieb schöpft sie Eisbrocken ab, bis nur noch Wasser da ist. Sie sagt, damit es nicht so schnell wieder zufriert. Eine Holzleiter führt in das Loch, mit einem Strick zum Festhalten.Daneben liegt ein gezimmerter Deckel, der kommt später wieder über das Loch, damit keiner hineinfällt. Eine kleine asiatische Reisegruppe steht daneben und ist verzückt über jedes Detail, knipst, was das Zeug hält. Nun geht die Frau tatsächlich auch noch baden! Ohne Zähneklappern! Sie hält sich damit gesund, sagt sie. Sie habe auch schon an den Weltmeisterschaften im Winterschwimmen in Skellefteå teilgenommen. Ich bin sehr beeindruckt, aber auch froh, mit dicker Jacke, Schneehose und Mütze ausgerüstet zu sein.

      Ich gehe zurück zur Touristenstation, esse dort zu Mittag. Es gibt Kartoffelpfannkuchen, gebratenen Speck, gebratenen Tofu, Preiselbeeren, Quinoasalat, Reissalat, Brokkolisalat, Brot und Butter, Saft, Kaffee. Die Zusammenstellung habe ich nicht ganz verstanden, aber naja. Zumindest werde ich satt und es hält lange vor. Ich hätte auch hier übernachten können, allerdings zu einem Preis, der eines Vier-Sterne-Hotels würdig gewesen wäre - für Jugendherbergsathmosphäre.

      Mein Ausflug ist noch nicht beendet. Ich gehe nochmal zum Canyon, zumindest ab und zu scheint die Sonne schön rein.
      LG
      Beate

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      17.03.2020, Teil 2

      Dann noch einmal den Weg zum Strand runter. Ich habe in der Touristenstation nachgefragt, ob ich auch über den See zurück nach Abisko Östra gehen könnte. Aber sicher, heißt es, das Eis sei dick genug, 78 Zentimeter. Und zu meiner großen Freude, ich bin kaum auf dem See, reißt der Himmel auf. Der See liegt im Sonnenschein, auch ein Großteil der umliegenden Berge wird von der Sonne angestrahlt, darunter Lapporten. Aber auch heftige dunkle Schneewolken ziehen immer wieder über die Berge. Der See selbst bleibt jedoch wolkenfrei. Das Gehen fällt aber nicht so leicht wie ich dachte. Über dem Eis liegt Schnee, sogenannter Zuckerschnee, ganz weich. Er wurde durch die letzten Schneestürme über den See geweht, liegt lose. Und obendrauf eine angetaute Eisschicht. Durch diese breche ich immer wieder. Ich versuche, soweit erkennbar, in Scooterspuren zu gehen. Aber auch diese sind größtenteils verweht, nur stückweise zu sehen. Sie verlaufen kreuz und quer, sodass man auch kaum erahnen kann, wohin sie führen. Weit draußen auf dem See sehe ich zwei Männer mit Pulka. Sie halten auf zwei Eisangelhütten zu. Ich biege irgendwann rechts ab, zu einem kleinen Hafen mit Bootsschuppen. Mir kommt unser eigener Hafen in den Sinn. Was wird wohl dieses Jahr mit dem Segeln werden? Werden wir überhaupt die Boote zu Wasser lassen? Soweit ich erfahren habe, sind alle Häfen gesperrt.

      Noch einmal atme ich tief durch, schaue über den See und zu den Bergen , nehme alles wie durch ein Brennglas in mich auf. Es wird wohl für längere Zeit die letzte Reise hierher gewesen sein. Ich genieße es, mich hier frei zu bewegen. Zuhause wird der Bewegungsradius immer kleiner. Aus dem hiesigen Blickwinkel eine groteske Situation! Ich komme mir vor wie ein Vogel, der nun als letzter auch noch eingefangen werden soll, zu den anderen im Käfig. Mit diesen Gedanken geht es, nun wieder an Land, durch eine Art Sommerhüttengebiet wieder ins Oberdorf.

      Zurück in der Unterkunft checke ich erstmal die aktuelle Lage. Wie es aussieht, fährt der Zug morgen, und auch die Flüge scheinen okay. Und eventuell eine Chance auf Polarlicht heute nacht. Ich ziehe mich dick an, Leggings, Jeans und darüber die Schneehose, Shirt, Pullover, Daunenjacke. Und los. Ich gehe bis zur Straße, zwischen den Häusern ist es zu hell. Und tatsächlich, es zeigt sich ganz schwach. Aber immerhin so, dass man die Umrisse der Berge erkennen kann. Fotos gelingen jedoch nicht. Dann gehe ich zurück, inzwischen sind Wolken aufgezogen. Aber etwas oberhalb der Mountain Lodge, wo es stockfinster ist, schaue ich nochmal. Ja, da ist es! Und es wird etwas stärker und tanzt... Was für ein Erlebnis!
      LG
      Beate
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      @Kassiopeia, was für eine ungewöhnliche, ganz individuelle Reise! Ich folge dir begeistert, heute bei der Wanderung über den See.
      Auf meiner Reise mit der Fram nach Spitzbergen (s. Reisebericht) bin ich auf dem Rückweg am 5. Juni am See vorbeigekommen, fast 3 Monate später.
      Selbst da hatte sich der Winter noch nicht ganz verabschiedet, aber über die Eisdecke wärst du sicher nicht mehr gegangen. ;)



      Viele Grüße
      omlia :)

      Reiseberichte im Profil
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      omlia wrote:

      Selbst da hatte sich der Winter noch nicht ganz verabschiedet, aber über die Eisdecke wärst du sicher nicht mehr gegangen. ;)

      Viele Grüße
      omlia :)

      Reiseberichte im Profil


      Nein, ganz bestimmt nicht. Beeindruckend sieht es aber auch aus! Und wie lange der Winter sich hier hält! Aber eine Eisdecke von 78 cm Dicke kühlt eben auch die Umgebung ganz schön ab. Wir erleben es zuhause auch, wenn auf dem Sund eine Eisdecke ist, dass sich auch die Luft viel langsamer erwärmt.
      LG
      Beate
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      18.03.2020, Sonne, 0°C Teil 1

      Nach dem Frühstück checke ich aus, lasse aber den Koffer noch da und gehe noch einmal nach Abisko zum Canyon. Zum einen, weil ich noch Zeit und Bewegungsdrang habe, zum anderen, weil es hier nicht so viele verschiedene Wege gibt, die man zu Fuß gehen könnte. Heute scheint die Sonne besonders schön in den Canyon. Ich gehe noch durch den Straßentunnel auf die andere Seite, dort geht es ins Fjell. Gerne wäre ich auch auf den Nuolja gekommen. Eine Seilbahn führt hinauf, dort oben befindet sich die Aurora-Sky-Station. Verlockend, wenn auch eine 20-minütige Fahrt im Sessellift vermutlich ganz schön eisig sein kann. In der kurzen Zeit, die ich in Abisko war, fuhr der Sessellift aufgrund der Witterungsunbilden jedoch nicht. Und zu Fuß wäre es im Winter wahrscheinlich nicht zu machen. So bleiben auch noch ein paar Wünsche für künftige Reisen offen.

      Ich gehe zurück nach Abisko Östra, hole den Koffer und zerre ihn die 300 Meter durch den Schnee zum Bahnhof. Dann sitze ich eine geschlagene Stunde auf dem Bahnhof in der Sonne, natürlich auf meinem Schaffell. Und beim Einsteigen treffe ich auf zwei deutsche Urlauber, die auch schon mit in der Mountain Lodge waren. Wie sich herausstellt, sind sie in Kiruna in der gleichen Unterkunft wie ich, in der Volkshochschule. Und am Freitag sogar im gleichen Flugzeug. Wir kommen ins Gespräch. Sie sind zwei Polizisten aus Hamburg, sind zehn Tage lang mit Pulkas übers Fjell gewandert, haben in Hütten übernachtet, keinen Kontakt zur Außenwelt gehabt und daher von den dramatischen Veränderungen gar nichts mitbekommen. Bei Ankunft in der Mountain Lodge sind sie daher aus allen Wolken gefallen.

      Ich freue mich riesig, nun doch noch mit dem Zug fahren zu können, zumindest dieses Stück. Und das Wetter spielt ja auch mit, strahlender Sonnenschein, dazu die schneebedeckten Bergketten und der zugefrorene See, später auch mal Nadelwald, gefrorene Flüsse, ein paar Hütten, weite Ebene. Ich schaue fast die ganze Zeit raus.

      Die beiden Hamburger haben in Kiruna ein Taxi vom Bahnhof bestellt, ob ich mit will? Aber gerne. So sind wir recht schnell und problemlos mit dem Gepäck an der Unterkunft, zu Fuß wäre das Geschleppe doch recht anstrengend gewesen. Ich möchte mich revanchieren und lade die beiden auf ein Bier ein. Ich führe sie zum "Spis", aber die Lunchzeit ist schon vorbei. In der Innenstadt finden wir dann "Fika by Spis", ein Café-Restaurant. Wir bestellen etwas zu essen, das Bier gebe ich aus. Wir erzählen einander vom bisherigen Reiseverlauf. Dann sind sie mit ihren Gedanken doch mit der Situation zuhause beschäftigt. Einer der beiden geht im nächsten Monat in Pension, aber der andere muss nächste Woche wieder Streife gehen und ihm ist gar nicht wohl dabei. Hamburg hat derzeit ca. 400 Infizierte und damit in Norddeutschland die meisten; und das in einem so kleinen Gebiet. Er befürchtet, sich anzustecken. Das kann ich gut verstehen. Am liebsten würden beide hier bleiben, wenn nicht ihre Familien wären. Und auch mich streift dieser Gedanke...
      LG
      Beate