Antarktis mit Vor- und Nachprogramm: MS Polar Star (12.01.- 29.01.2007)

    • 2007
    • @lynghei- dass da so viel Farbe ist, hatte ich auch nicht erwartet! Eisberge sind wie Wolken, sie regen die Fantasie an :)


      Fortsetzung Samstag, 20. Januar- Lemaire Channel

      Wir nahmen Kurs auf den Lemaire Channel. War es tagsüber bedeckt gewesen und hatte geschneit (der Schnee war wie Nadelstiche), so rissen nun die Wolken auf und wir konnten die Fahrt im schönsten Abendlicht geniessen. Viele waren auf dem begehbaren Bug, ich stand gerne auf der Nock.



      Wieder sahen wir Buckelwale und die eine oder andere Krabbenfresserrobbe, die auf einem Eisberg faulenzte. Wie der Name sagt, ernähren sie sich hauptsächlich von Krill. Bei fast allen sah man lange Narben von Seeleopardenangriffen, nur 20% erreichen überhaupt das Erwachsenenalter und trotzdem sind sie mit geschätzt 30 Millionen Exemplaren die weltweit häufigste Robbenart.



      Der Lemaire-Kanal zwischen den steil aufragenden Felsen und Gletschern von Booth Island und der Kiev-Halbinsel war im Licht der immer tiefer gehenden Sonne unglaublich schön, oft herrschte andächtige Stille und man hörte nur das Knirschen und Rumpeln der vielen kleinen Eisschollen.







      Die vereisten Basaltspitzen von Cape Renard/ Una Peaks hatten gerade noch letztes Sonnenlicht, als wir den Kanal verließen. Umgangssprachlich werden die Gipfel übrigens seit langem Una's Tits genannt, nach Una Spivey, einer Mitarbeiterin vom British Antarctic Survey auf den Falklands.

      Viele Grüsse, Albatross
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    • @Albatross Ich begleite Dich sehr gern auf dieser virtuellen Reise, vor allem wegen deiner anschaulichen Texte und den wie immer hervorragenden Bildern, aber auch, weil ich meine erste Seereise 2009 mit der Polarstar gemacht habe. Sie war damals immer im Sommer von HR für Spitzbergen gechartert worden. Schade, dass es dieses Schiff nicht mehr gibt.
      Wie hieß eigentlich Euer Kapitän? Wir hatten damals auch einen polnischen Käpten.
    • @sternengucker - so eine Reise vergisst man nie!
      @Noschwefi - sehr zu empfehlen, aber je kleiner das Schiff, desto besser :)


      Sonntag, 21. Januar – Jougla Point/ Port Lockroy, Neumayer Channel, Paradise Bay

      Als wir aufwachten, lagen wir vor Port Lockroy vor Anker. Auf der Polar Star hüpften mir unbekannte weiße Vögel herum, auf deutsch sehr sperrig Weißgesichts-Scheidenschnabel genannt, das spanische paloma antarctica klingt doch viel besser ;) Bei näherer Betrachtung sehen die weißen Vögel oft verkleckert aus, denn sie belegen in der Antarktis die ökologische Nische, die anderswo die Geier belegen, d.h. sie ernähren sich von Aas und sind auch sonst nicht wählerisch, sie picken gerne alles auf, was die Pinguine fallenlassen...



      Nach dem Frühstück kam der Leiter der Station in Port Lockroy an Bord und erzählte uns über die Geschichte der im Zuge der Operation Tabarin gegründeten Station, die heute nur noch im Sommer als Museum besetzt ist.

      Wir teilten uns wieder auf, ich war bei denen, die zuerst am Jougla Point auf Wiencke Island anlandeten. Am Strand war ein Walgerippe drapiert, allerdings dem Vernehmen nach aus verschiedenen Arten zusammengeschummelt.



      Die Eselspinguine waren äußerst aktiv, es war eine wahre Freude, den verfressenen Küken bei der Fütterung zuzuschauen- angedauter Krill oder Tintenfisch, lecker :whistle3:





      Ein Pinguin war ein Spätzünder- zu der Zeit noch ein Ei bedeutet, dass der Nachwuchs wahrscheinlich nicht überlebt. Meist hat ein Brutpaar zwei Küken, von denen in der Regel nur das größere überlebt, es ist also durchaus normal, auch mal ein verhungertes Küken zu sehen.



      Was ich zuerst für einen Felsen im Schnee hielt, stellte sich als Weddellrobbe heraus. Diese Robbenart hat keine sehr hohe Lebenserwartung, sie strapazieren ihre Zähne damit, im Winter Eislöcher freizubeißen. Mit dem runden Kopf sind sie unverkennbar. Auch Blauaugenscharben brüteten am Jougla Point.



      Fortsetzung folgt...
      Viele Grüsse, Albatross
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    • Wenn ich mich direkt nach Ushuaia beamen könnte, wäre ich sofort dabei!
      Unglaubliche Landschaftsbilder. Toll! Und die Pinguinbilder sind herzerwärmend. :thumbsup:
      Das sind dir ja zwei besondere Vögel vor die Linse geflogen. Haben die Blauaugenscharben eigentlich
      auch so eine Federtolle auf dem Kopf wie die Krähenscharben? Das kann man auf den beiden Bildern nicht genau erkennen. ?(

      Viele Grüße

      omlia :)

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    • @omlia - die Pingus hatten sich allen ins Herz geschlichen! Da war eine ständig Bridge spielende amerikanische Dame aus besseren Kreisen, die saß an Land einfach mit glücklichem Lächeln im Gesicht auf einem Stein und hat den Frackträgern zugeschaut. Dabei saß sie so still, dass ein neugieriges Küken ihr an der Jacke gezupft hat :)
      Die Blauaugenscharben (Phalacrocorax bransfieldensis) haben während der Brutzeit auch eine Tolle, aber die stellen sie offenbar nicht so oft auf.


      Fortsetzung Sonntag, 21. Januar – Port Lockroy, Neumayer Channel

      Nach gut einer Stunde stiegen wir in die Zodiacs und wechselten rüber nach Goudier Island und Port Lockroy. In der liebevoll restaurierten Station war natürlich wieder eine Postkarte Pflicht, diese ging mit dem nächsten Schiff auf die Falklands und von dort über GB nach Deutschland, sie kam innerhalb weniger Wochen an.



      Die Pinguine dort hatten sich erst angesiedelt, als die Station schon bestand. Wissenschaftliche Untersuchungen mit Vergleichsgruppen ohne menschlichen Kontakt haben gezeigt, dass die Eselspinguine sich von den Menschen nicht gestört fühlen, sondern dass ihre Bruterfolge sogar besser sind als die der Vergleichsgruppe. Vermutlich liegt das daran, dass die Skuas nicht so ungestört räubern können, wenn Menschen da sind.



      Die Pinguine waren auch hier sehr aktiv, Futterrennen und Gerangel gab es reichlich, auch Steinchenklauen war im Schwange.



      Erst als der Lunch anstand, rissen wir uns los und stiegen in die Zodiacs zurück zum Schiff.



      Danach schloss sich die Fahrt durch den wunderschönen Neumeyer- Kanal an, der zwischen den großen Inseln Anvers und Wiencke liegt- rechts und links hohe, dunkle und schroffe Berge (Mt. Francais auf Anvers ist über 2700m hoch) und überall Gletscher.





      wird fortgesetzt...
      Viele Grüsse, Albatross
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    • Während ich über unseren Aufenthalt im tropischen Indien schreibe, empfinde ich deinen Bericht über die eisige Antarktis als wohltuende Abwechslung. Da ich nicht immer zeitnah lese, ist mir erst jetzt das Bild Nr. 64 auf Seite 1 aufgefallen. Danke dafür, die beiden Braunalgen dürften der Gattung Laminaria angehören. ;)

      Albatross wrote:

      ich staunte, wieviel Muscheln und Seetang doch zu sehen waren, das hatte ich nicht erwartet.


      Auf felsigem Untergrund können sich auch in der Antarktis kleine Tangwäldchen bilden. Allerdings darf die Strömung am Standort nicht zu stark sein, da die Algen sonst keinen Halt finden.

      Die Natureindrücke, die du beschreibst und auf großartigen Fotos zeigst sind einfach umwerfend! :clapping:

      Viele Grüße
      Laminaria


      Reiseberichte sind in meinem Profil verlinkt.
    • Hallo liebe Albatross,

      mit Begeisterung lese ich hier deinen Reisebericht und genieße die tollen Fotos. :8o: Jetzt weiß ich wieder, warum die Antarktis auf meiner Wunschliste ziemlich weit vorne steht. :thumbup: Nur das Vor- und Nachprogramm wäre vermutlich nichts für mich. :wacko1: Vor allem die extremen Temperaturunterschiede auf einer Reise wären mir zu anstrengend. Aber um die vielen Pinguine mal in Freiheit zu erleben, werde ich irgendwann den langen Flug in Kauf nehmen. :good3:
      Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.
      Viele Grüße
      Seemaus
    • @Laminaria, du hast dich nach eine Braunalge benannt? Oder etwa sie nach dir?
      Die äußere Schönheit kann es kaum sein, da müssen schon innere Werte mit im Spiel sein. ;) ;)

      @Albatross, es wird ja immer atemberaubender. Was für eine grandiose Landschaft und tolle Fotografien! :thumbsup: :thumbsup:
      Und noch einmal die Pinguine: Die Frackträger auf Bild 36 treffen sich wohl zu einer wichtigen Versammlung. Sicher veschwinden sie gleich hinter der roten Tür.
      Und erst der Rundtanz um die Flagge! Wurde dabei die Nationalhymne gespielt? ;) :D ;)

      Viele Grüße

      omlia :)

      Reiseberichte im Profil
    • omlia wrote:

      du hast dich nach eine Braunalge benannt? Oder etwa sie nach dir?


      Ich habe als Studentin für meine Diplomarbeit auf Helgoland mit dem Palmentang, einer Laminarienart, gearbeitet. Das sind unvergesslich schöne Erinnerungen. Wir haben damals immer gewitzelt, dass viele Braun- und Rotalgen so schöne Namen haben, dass man sie glatt auch Mädchen geben könnte. Göga und ich haben aber nur Söhne. :D


      Reiseberichte sind in meinem Profil verlinkt.
    • Ich habe gerade mit Staunen festegestellt, dass es auch so weit im Süden Trolle gibt :D
      Auf Bild 51 ist eindeutig eine Person zu erkennen, die aus der Abbruchkante heraus sehnsüchtig aufs Meer schaut und darauf wartet, aus dem Gefängnis entkommen zu können ;)
      Das Kinn wird sogar von hinten mit einem strahlend blauen Licht beleuchtet ^^

      Viele Grüße
      Noschwefi
      Chor: Wir sind alle Individualisten :)
      Einzelstimme: Ich nicht :P


      Reiseberichte siehe Profil :lofoten2:


    • @Laminaria- freut mich, dass ich zufällig deine namensgebende Braunalge gefunden habe :thumbup: Manche der botanischen Namen sind wirklich schöner als echte Namen ;)

      @Seemaus @Nordlicht - irgendwann geht wieder was und dann nichts wie hin! Ich fürchte nur, der Temperaturschock wird keinem erspart bleiben, man fliegt im deutschen Winter los und kommt im südamerikanischen Hochsommer an, ob Buenos Aires oder Santiago de Chile, das gibt sich nichts und einmal übernachten muss man in der Regel immer. Nach meiner unerheblichen Meinung ist Buenos Aires allerdings wesentlich schöner und interessanter als Santiago.

      @omlia - Ringelreihen um den Union Jack ist eines meiner Lieblingsbilder, vor allem das Küken, das am Fahnenmast steht wie am Marterpfahl ;) Ich bin sicher, die haben "God save the Queen"geschnattert und getrötet :laugh1:

      @Noschwefi- oh ja, eindeutig! Der Troll könnte ein Indianerhäuptling sein, es fehlt nur noch der Federschmuck ;)


      Fortsetzung Sonntag, 21. Januar – Paradise Bay

      Angekommen in der Paradise Bay, ankerten wir nachmittags vor Bryde Island. Auf dem Programm stand eine Zodiac-Tour in Alvaro Cove, umgeben von (kalbenden) Gletschern. Das war das einzige Mal, dass ich die volle Montur mit 2 Satz langer Unterwäsche angelegt habe, denn die Sonne war weg und längere Zeit im Zodiac würde etwas kühl werden.



      Wir konnten dicht an die Gletscherkanten und Eisberge heranfahren. Nur einmal wurde Alarm gegeben, worauf alle mit Vollgas in die Mitte der Bucht fuhren, bis der kleine Tsunami wieder vorbei war. Bei dem bedeckten Himmel leuchtete das Eis ganz intensiv, der Formenreichtum war faszinierend.





      Während wir im Zodiac herumkurvten, rauschte die Marco Polo vorbei, dagegen sah unsere Polar Star winzig aus. Dem Vernehmen nach fuhr die Marco Polo ihre vielen Paxe nur spazieren...



      Am Abend gab es statt Dinner ein Antarctic BBQ. Auch wenn man sich mit dem Teller gleich nach drinnen verzog, waren Fleisch und Garnelen natürlich schnell lauwarm, aber es war ein Spass, zwischen Eisbergen zu grillen.


      Viele Grüsse, Albatross
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    • Montag, 22. Januar – Neko Harbour, Danco Island, Cuverville Island

      Am Morgen erwachten wir zu absolut ruhigem Wetter, die Wolken lösten sich auf und die Sonne kam heraus.





      Wir steuerten Neko Harbour an, unseren einzigen Landepunkt auf antarktischem Festland (alles andere waren Inseln), und beeilten uns, nach dem Frühstück schnell in die Zodiacs zu kommen. Eindringlich wurden wir ermahnt, nach dem Aussteigen sofort etwas Höhe zu gewinnen, da der Gletscher sehr oft kalbt und der Strand dann von Tsunamis überschwemmt wird.
      Es war ein Weg den Berg hoch ausgeflaggt, den fast alle gingen, weil man von dort oben einen unglaublichen Blick auf Andvord Bay hatte. Die See rundum war so ruhig, dass alles spiegelte und man teilweise bis auf den Grund schauen konnte. In der Ferne erhoben sich die mächtigen Berge von Anvers Island, rundum waren hohe Gletscher und jede Menge Eis im Wasser. Der Gletscher kalbte gleich mehrfach, allerdings habe ich das immer erst mitbekommen, als ich das Knacken und Rumpeln hörte, da schwappte auch schon die Welle auf den Strand. Alle zogen die Jacken aus, denn die Sonne schien bei +6 Grad. Einer war so verwegen, mit nacktem Oberkörper die Sonne anzubeten. Keine gute Idee, der hatte am nächsten Tag einen ganz üblen Sonnenbrand.








      wird fortgesetzt...
      Viele Grüsse, Albatross
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    • @Kauderwelsch - bei den Eisbergen macht fehlende Sonne nichts, das Blau leuchtet immer!
      @Nordlicht - wir müssen einige Engel an Bord gehabt haben ;)


      Fortsetzung Montag, 22. Januar – Neko Harbour

      Wir rissen uns vom Aussichtspunkt los und gingen wieder den Berg runter, schließlich gab es auch noch eine Pinguinkolonie.
      Manchen von den Frackträgern war es wohl etwas warm, sie lagen mit dem Bauch im Schnee zum Abkühlen, alle viere von sich gestreckt. Die Küken konnte man gut in ihren „crèches“ (Kindergärten) beobachten, wo sie in der Gruppe durch die Gegend rannten, allenfalls von wenigen adulten Tieren beaufsichtigt. Rennen macht müde, also sah man sie auch ermattet rumliegen.
      Wir konnten uns nur ganz schwer von den Pinguinen trennen, aber irgendwann riefen die Zodiacs zum Lunch.







      Die argentinische Schutzhütte existiert übrigens inzwischen nicht mehr.



      Fortsetzungen folgen...
      Viele Grüsse, Albatross
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