Zu Besuch bei Nils – Mit dem Schiff von Kairo nach Assuan (16.-30.04.2019)

    • 2019
    • Zu Besuch bei Nils – Mit dem Schiff von Kairo nach Assuan (16.-30.04.2019)

      Ägypten und die Kultur der Pharaonen haben mich schon in der Schule fasziniert. Irgendwann will ich da mal hin, war mir klar. Es dauerte dann etwas länger und ich musste dem Jens gut zureden, aber nach einigen Jahren getreu dem Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“, hatte ich ihn 2018 soweit. Wir buchten über Phoenix Reisen eine 14-tägige Nilkreuzfahrt. Der Reisetermin fiel so günstig, dass wir direkt die Osterfeiertage und den 1. Mai mitnehmen konnten, hihi. Großartig. Das aus dem „Nil“ ein „Nils“ wurde, beruht auf einem charmanten Versprecher von Jens. Wenn uns also jemand fragte, wohin wir in den Urlaub fahren, sagten wir immer: Wir fahren zum Nils. Die ratlosen Gesichter... unbezahlbar. Das soll aber bereits genug der Vorrede sein, es kommt nämle noch genug Text, für den ich mich im Vorfeld schon mal ausdrücklich entschuldige... :ssorry:

      19. April 2019 – Unterwegs auf dem Nil

      Ca. 12 Uhr irgendwo zwischen Kairo und Beni Suef. Die Moscheen am Ufer beschallen den Fluss, unterbrochen vom Knattern der Wasserpumpen. Ich dachte erst, es sind Traktoren, bis ich die erste Pumpe entdecke. Die stehen unter oder in einem Gebüsch, knattern und über und um das Gebüsch steht eine Abgaswolke. Heute Vormittag passierten wir einen Ort, in dem die Frauen am Ufer saßen, Wäsche wuschen und das Geschirr. Direkt daneben kippte der Nachbar seinen Müll an den Fluss und machte die idyllische Szene zunichte. Heute ist Freitag und das Boot wird überall von winkenden und jubelnden Kindern begrüßt. Das ganze Geschehen hat etwas Unwirkliches. Wir sitzen auf dem Sonnendeck, im Hintergrund dudeln die Instrumentalversionen sämtlicher musikalischer Welterfolge und am Ufer scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ich bin bisher noch gar nicht dazu gekommen, etwas aufzuschreiben. Das liegt schlichtweg daran, dass ich nicht dazu gekommen bin... :rolleyes:

      Was bisher geschah...

      16. April 2019 – Anreisetag

      Da wir erst nachmittags ab Schönefeld fliegen, können wir den Tag entspannt angehen. Etwa 13 Uhr sind wir am Parkplatz, kurz danach am Flughafen. Irgendwas ist komisch. Der Fahrer vom Shuttlebus hat schon so komisch gefragt, ob unser Flugzeug überhaupt fliegen wird...?! Kaum haben wir das Flughafengebäude betreten, da hält mir ein ARD-Reporter ein Mikrofon vors Gesicht. Ob er mir ein paar Fragen stellen darf...? Ich bin echt ratlos. ?( Wir haben unterwegs keine Nachrichten gehört und nüscht mitbekommen. Also lasse ich den armen Mann einfach stehen. Jens verschwindet in den Menschenmassen und ist auf dem Weg zum Schalter, um das Gepäck loszuwerden. Dort erfahren wir, dass unser Flieger erst 17:30 Uhr geht, weil der Flughafen am Vormittag gesperrt werden musste. Aber warum denn nun eigentlich? Erst mal wieder raus und das Handy bemüht, um Licht ins Dunkel zu bringen... Regierungsmaschine musste notlanden... aha. Nun gut. Dann müssen wir jetzt irgendwie die Zeit rumbringen. Kaffee geht immer, also suchen wir uns ein sonniges Plätzchen vorm Bäcker. Jens geht rein, um Kaffee zu holen und kommt kurz darauf mit zwei Kaffee, einer Bockwurst und einem lilafarbenen Osterei zurück?! Vermutlich hatte ihn die Panik gepackt, dass es in Ägypten keine Eier gibt. Vielleicht ist es auch einfach eine ungewöhnliche Protestaktion. Man weiß es nicht genau :mosking:
      Im Flughafengebäude ist es völlig überfüllt. Überall sitzen Menschen in den Gängen und warten auf das Boarding. Wir starten tatsächlich halbwegs pünktlich und sind sehr angenehm überrascht vom Service bei Egypt Air. Es gibt mehrmals Getränke, etwas (lau-)warmes zum Essen und sogar Kissen und Decken. Wow. Dafür ist es unglaublich eng. Ich kann kaum meine Beine bewegen und auch der Jens weiß gar nicht, wie er sich die vier Stunden bis Kairo setzen soll. Habe ich schon erwähnt, dass vorm Start gebetet wurde? Mein Sitznachbar ist jedenfalls voll dabei.
      Nachdem wir die Einreiseformalitäten erledigt haben, sammeln wir unser Gepäck ein (kurz Panik bekommen, weil ewig nichts kam). Der Flughafen sieht sehr neu aus und wegen der fortgeschrittenen Stunde ist nichts mehr los. Ein ganzes Heer an Phoenix- bzw. Reiseagenturmitarbeitern lotst uns durch das leere Gebäude und teilt uns nach dem Gepäck aufsammeln in zwei Gruppen. Der größere Teil (mit uns) fährt zum Schiff und ein kleinerer Teil fährt ins Hotel. Die absolvieren ein reines „Landprogramm“, wie wir heraushören. Die Busfahrt dauert noch mal eine Weile. Mitternacht steigen wir am Schiff aus. Die HS Nile Vision versteckt sich hinter der Monica, durch deren Foyer wir laufen müssen. In der Lobby hat die Crew für uns ein kleines Buffet mit Schnittchen und Getränken aufgebaut, wie nett ^^ Aber eigentlich bin ich einfach nur kaputt. Um 1 Uhr fallen wir schließlich ins Bett, nachdem wir noch geduscht und schnell das Gepäck ausgeräumt haben. Die Nacht ist kurz...

      17. April 2019 – Kairo

      … denn der Wecker geht früüüüüüh. Um 7 Uhr startet der erste Ausflug. Es geht zu den Pyramiden von Gizeh. Das Schiff ist übrigens ausgebucht und man hat uns in drei Gruppen aufgeteilt. Wir sind in Gruppe 1 mit Ahmed 1 als Reiseleiter. In Gruppe 2 gibt es noch einen Ahmed, dass ist logischerweise Ahmed 2. Gruppe 3 gehört zu Aladin (ohne Lampe, wie er immer betont :pardon: ). Diese Einteilung bleibt bis zum Ende der Reise so.
      Das Verkehrschaos hält sich um diese Zeit noch in Grenzen. Ich frage mich allerdings mehrfach, ob es ein System gibt. Trotz allem Durcheinander funktioniert es ja irgendwie. Auf den Straßen ist auch alles unterwegs, was Räder hat, inklusive Eselskarren und sogar einige todesmutige Radfahrer. Kairo reicht mittlerweile bis an die Pyramiden heran. Wenn das Gebiet nicht zum Grabungsfeld erklärt worden wäre, hätten die Ägypter die Pyramiden wahrscheinlich schon mit eingebaut.
      Die Pyramiden – zigmal im Fernsehen und in Büchern gesehen. Und plötzlich stehe ich davor und kann sie anfassen. Kennt ihr das? Eigentlich müsste man denken: Wahnsinn! Aber irgendwie will sich das Hochgefühl nicht gleich einstellen :/



      An den Touristen liegt es eher nicht. Die halten sich eigentlich noch im Rahmen. Vielleicht liegt es an den aufdringlichen Händlern. Oder an den nervigen Kamelreitern und Kutschenfahrern, die einen teilweise fast umfahren. Ich brauche jedenfalls eine ganze Weile, um zu realisieren, wo ich hier bin. Die geschäftstüchtigen Ägypter kennen alle gängigen Instagram-Posen und vor allem die Asiaten nehmen das Angebot gern an und lassen sich in Position bringen und fotografieren. Gegen ein ordentliches Bakschisch natürlich. Was wir sehr schnell lernen, ist, dass hier wirklich nichts ohne Geld läuft. Die Ägypter wollen für alles Bakschisch. Klar habe ich das vorher im Reiseführer gelesen, aber das so live und in Farbe zu erleben, ist doch viel eindrücklicher :S
      In eine der Pyramiden von Cheops Frauen kann man die Grabkammer besichtigen. Schon nach zwei Metern wird mir klar: das ist eine bescheuerte Idee X/ Zurück geht aber nicht, weil gerade Einbahnstraße nach unten ist. Wir krabbeln also in gebückter Haltung eine Art Hühnerleiter in die Tiefe, In der Grabkammer ist es eng und es gibt nicht wirklich was zu sehen, aber zumindest können wir aufrecht stehen. Leider müssen wir den Weg ja auch wieder nach oben kriechen. Tolle Wurst. Wie sagt Ahmed hinterher grinsend: der Weg ist das Ziel. Danke dafür... :nono: Anschließend fahren wir mit dem Bus zu einem kleinen Aussichtspunkt, von dem wir alle drei großen Pyramiden im Blick haben. Dahinter liegt Kairo im Dunst.



      An der Chephren-Pyramide kann man gut die Reste der Kalksteinverkleidung erkennen. Wegen ihres erhöhten Standorts wirkt sie größer als die Pyramide des Cheops. Ist sie aber nicht. Ganz zum Schluss bestaunen wir noch die Sphinx. Die habe ich mir immer viel größer vorgestellt! Wir lernen, dass die Sphinx eigentlich nur dasteht, weil der Fels im Weg war :cool: Im Moment wird sie offenbar "saniert", denn an ihrem Popo steht ein abenteuerliches Gerüst. Und ja, es trägt, denn wir sehen so eine Art Bauarbeiter (?) mit Badelatschen darüber laufen :fie: Klettern ist ansonsten natürlich verboten ;)



      Zurück zum Bus müssen wir noch einmal eine Straße mit Händlern über uns ergehen lassen. Auf der Rückfahrt zum Schiff liegt auf einem der allgegenwärtigen Müllhaufen in der Mitte der Straße ein schon recht abgenagtes und vertrocknetes Skelett. Spontan tippe ich auf ein Pferd o.ä. An den Rippen versucht ein Straßenhund noch ein paar Reste abzunagen. Puh. Die Armut und der Schmutz, den wir entlang der Straßen sehen, haben etwas Bedrückendes :verysad:
      Das Mittag auf dem Schiff haben wir uns nach diesem ersten Ausflug in Kultur und Geschichte verdient. Frühstück ist ja auch schon bissel länger her. Nach dem Mittag geht es weiter zum Ägyptischen Museum. Auf die Fotoerlaubnis (50 Ägyptische Pfund) verzichte ich. Deswegen gibt's nur ein Bild von außen :D



      Stattdessen konzentriere ich mich auf die kompetenten Ausführungen unseres Reiseleiters. Man merkt, dass das Museum wegen des Neubaus bei den Pyramiden zuletzt wohl etwas vernachlässigt worden ist. Einige Exponate fehlen schon, andere werden gerade verpackt, so dass wir uns wie in einem großen Umzug vorkommen. Und es ist fürchterbar staubig. Man sollte lieber nicht husten oder niesen, um keine Staubexplosion auszulösen :oops: Trotzdem ist es beeindruckend, dem Grabschatz von Tutanchamun gegenüber zu stehen und den Mumien seiner Großeltern ins Gesicht zu schauen. So lebensecht mit Haaren und Fingernägeln. Wir blicken in Gesichter, die tausende Jahre vor uns gelacht und geweint haben. Das ist jetzt aber wirklich Wahnsinn! Ahmed läuft mit uns gezielt einige Punkte ab und trotzdem sind wir über zwei Stunden unterwegs. Ohne seine Erklärungen wären wir chancenlos. Die kleinen, vergilbten oder fehlenden Erklärungszettel an den Exponaten sind wahrscheinlich genauso alt wie das Museum (eröffnet 1902) :thumbdown:
      Nachdem ich schon die einstündige Hinfahrt zum Museum verpennt habe, ergeht es mir auf dem Rückweg nicht besser. Das sind einfach zu viele Eindrücke für die kleine Tanja. Nach dem Abendessen sinken wir dann auch sang- und klanglos ins Bett. Unsere Kabine 202 ist übrigens gaaaaanz vorne. Wir haben daher zwei Fenster: eins nach vorn und eins nach Steuerbord. Nach dem Urlaub stellen wir fest, dass das eigentlich eine kleine Suite ist oder so was in der Art.



      Im Restaurant hat man einen festen Tisch für die ganze Reise. Wir sitzen mit einem Ehepaar aus Bautzen und einem Ehepaar aus Pößneck zusammen. Das passt gut mit uns, denke ich.

      Abendstimmung auf dem Sonnendeck:

    • Die Müdigkeit ist nach der Anreise nicht ganz unbegründet. :thumbup:
      Deine Aussage zu der Hühnerleiter in der Pyramide hat bei mir gleich das Gefühl von Platzangst ausgelöst. Warum haben so große Gebäude , egal ob Pyramiden oder die Sacre Cœur in Paris, so superschmale Treppen? :8o:
      Ich bin gespannt, wie die Reise weiter geht.
      Lynghei

    • lynghei wrote:

      Warum haben so große Gebäude , egal ob Pyramiden


      Vielleicht weil Pyramiden dafür gebaut sind, dass man einmal rein, aber dann nie mehr raus ....... :pardon: Immerhin sind es Grabmäler .... :pleasantry_1: :mosking:
      Gruß Jobo,

      Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.
      - Alexander von Humboldt -

      (Links zu meinen Reiseberichten finden sich im Profil/über mich)

    • Tanja wrote:

      In der Grabkammer ist es eng und es gibt nicht wirklich was zu sehen

      Die Erfahrung hab ich 1990 auch gemacht aber unser Bootsmann meinte "das muss man unbedingt mal gesehen haben" und dabei waren wir ein paar Stunden zuvor in Kairo im Museum, wo das ganze Gedöns was da mal drin war Ausgestellt wird... :whistling:
      MfG aus dem Harz, Micha. :gr-cool:

    • Schön, dass ich nicht mehr alleine reise :girl: Weiter geht's mit Tag 2...

      18. April 2019 – Kairo

      Tag zwei in Kairo ist nicht minder spannend und anstrengend. Wir haben uns für den Ausflug ins Koptische Viertel entschieden. Die Kopten sind die ägyptischen Christen. Der Ausflug fängt netterweise erst 08:30 Uhr an :D Zur Wahl stand außerdem noch ein Ausflug zu den Pyramiden von Sakkara und Dashur sowie Memphis (Beginn 7:00 Uhr). Wir wollten aber noch etwas von Kairo sehen. Unsere kleine Gruppe wird heute von Aladin behütet. Die beiden Ahmeds sind mit nach Sakkara gefahren. Wir stürzen uns also wieder ins Verkehrschaos. Ampeln gibt es kaum, viel regelt sich über Hupen und einfach fahren, gelegentlich gibt es so was wie Verkehrspolizisten. Vor einigen Häusern stehen große Amphoren aus Ton. Aladin erklärt, dass die Krüge im Sommer mit Wasser gefüllt werden und jeder der vorbeiläuft und Durst hat, kann sich was raus schöpfen. Aber für uns Mitteleuropäer ist das wohl nicht so geeignet, hihi :laugh1: Während unserer halbstündigen Fahrt passieren wir nicht fertig gebaute Wohnhäuser mit eingestürzten Treppenhäusern. Da Kairo stetig wächst, werden oft Häuser einfach schwarz gebaut. Trotzdem wohnen in einigen Etagen Menschen darin. Gruselig. Im alten Kairo steigen wir aus und machen uns zu Fuß auf den Weg ins Koptische Viertel.



      Dabei laufen wir an einer Gruppe junger Leute vorbei, die Aladin kurzentschlossen anspricht. Es sind Jura-Studentinnen. Am Ende wollen die Mädels ein Foto mit uns machen. Verkehrte Welt, hihi. Wir stellen uns also alle um sie herum und Aladin macht ein Handyfoto :hi:
      Erster Stopp ist die „Hängende Kirche“, die nach der Zerstörung im 9. Jahrhundert im 11. Jahrhundert wieder aufgebaut worden ist und zwar auf den Mauerresten einer römischen Bastion, daher der Name. Es gibt im Gebäude ein Fenster im Fußboden, da kann man sehen, dass die Kirche auf anderen Mauern oben drauf steht. Im Inneren ist fotografieren verboten, deswegen gibt es nur zwei Bilder aus dem Vorraum. Die Gestaltung der Wände mit Holzschnitzereien und Intarsienarbeiten ist unglaublich schön.



      Nach der hängenden Kirche steigen wir eine Treppe hinab in eine enge Gasse, in die ich nie im Leben hinab gestiegen wäre :hmmz: Zwischendurch verlieren wir eine Ehefrau, was den sonst absolut gut gelaunten und tiefenentspannten Aladin kurz aus der Fassung bringt. Verständlicherweise. Er parkt uns in der schattigen Gasse, geht sie suchen und findet sie zum Glück auch. Weiter geht’s durch die engen Gassen...



      ...und als wir Kinderstimmen hören, lotst Aladin uns spontan in einen koptischen Kindergarten. Die anderen reißen ihre Kameras hoch und ich muss sofort an die DSGVO denken. Berufskrankheit. Ich mache jedenfalls keine Bilder, dass ist mir in dieser Situation unangenehm :blush2:
      Aladin führt uns jetzt in die Kirche St. Sergius, deren älteste Teile aus dem 4./5. Jahrhundert stammen, damit ist sie eine der ältesten koptischen Kirchen Ägyptens. Die Kirche ist über der Höhle errichtet, in der sich die heilige Familie nach ihrer Flucht hierher versteckt haben soll. Er macht uns darauf aufmerksam, dass die Säulen unterschiedlich aussehen, weil sich die Bauherren der Kirche bei den antiken Bauwerken bedient haben. Der Innenraum ist wie schon die hängende Kirche mit tollen Holz- und Intarsienarbeiten verziert ^^ Von Außen ist die Kirche gar nicht als solche zu erkennen. Während wir bei der hängenden Kirche eine Treppe nach oben steigen, müssen wir hier einige Stufen nach unten gehen.



      Außerdem besuchen wir noch eine Synagoge (älteste jüdische Gebetsstätte Ägyptens) und das koptische Museum. Das ist sehr schön gestaltet, aber am allerbesten gefällt mir das Gebäude an sich, dass ehemals einem reichen Kopten gehört hat. Eigentlich ist es schon eher ein Palast mit wunderschönen Holzdecken und Erkern. Mit uns besucht eine lärmende Schulklasse das Museum und einige der Schüler testen ihr Schulenglisch an uns. Als sich unser Grüppchen im Pavillon vorm Museum trifft, kommt eine Kindergartengruppe dazu. Die haben offenbar Ostersachen gebastelt. Das Betreuungsverhältnis ist traumhaft. 12 Kinder werden von 3 Frauen betreut. Ansonsten sind sie wie deutsche Kinder und fordern laustark: Mc Donalds – Mc Donalds :S
      Mittag gibt es wieder auf dem Schiff. Allerdings müssen wir vorher kurz warten, weil die Monica gerade ausparkt. Neben uns liegt noch ein weiteres, kleines Schiff, dass auch so lange im Fluss wartet. Als die Monica weg ist, parkt die Nile Vision wieder ein.



      Wer „normale“ Anlegemanöver gewöhnt ist, muss schon etwas schmunzeln. Ein Crewmitglied steht am Ufer, macht die Leinen fest und kümmert sich um die „Gangway“ mit Alibigeländer (wer sich ernsthaft daran festhalten möchte, stürzt vermutlich mit Geländer in den Nil). Auf dem Schiff stehen währenddessen die anderen Crewmitglieder und plappern den armen Mitarbeiter an Land voll. Mangels Arabisch-Kenntnisse bleibt uns der Inhalt leider verwehrt ?( Als wir verzurrt sind, macht auch das andere Schiff wieder an uns fest.
      Viel Zeit zum Ausruhen haben wir nicht, denn nach dem Mittagessen geht es zurück ins Verkehrschaos mit Ziel Zitadelle und Alabaster-Moschee. Jetzt wieder mit Ahmed 1 und unserer "normalen" Gruppe. Die Alabaster-Moschee heißt eigentlich Muhammad Ali-Moschee und wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Als Vorbild diente die Blaue Moschee in Istanbul. Ihren Namen hat sie von der Alabasterverkleidung im Inneren.



      Im kleinen Park davor macht ein Hochzeitspaar Fotos. Drumherum steht die Familie und viele schick angezogene Kinder, vor allem Mädchen. Einer aus der Gruppe fragt Ahmed, was die Mädchen machen, ob das Blumenmädchen sind. Ahmed kann offenbar mit dem Begriff nichts anfangen und es entsteht folgender Dialog:
      Mann: Sind das Blumenmädchen?
      Ahmed guckt verständnislos: Was?
      Mann: Na die Mädchen dort bei der Hochzeitsgesellschaft. Sind das Blumenmädchen?
      Ahmed: Das sind Kinder der Schwestern oder Brüder der Brautleute.
      Mann: Aber was machen die denn? Streuen die Blumen?
      Ahmed (im eindeutigen Tonfall): Die streuen nichts!
      Damit war das Gespräch für Ahmed beendet. Der Mann sah aber irgendwie immer noch unzufrieden aus. Und ich stehe daneben und tobe innerlich :laugh1:
      Von der Zitadelle hat man einen tollen Blick auf Kairo und kann zumindest die Dimensionen erahnen (in der Metropolregion leben ca. 22 Millionen Menschen!). Allerdings ist es extrem diesig. Ganz weit hinten sieht man die Pyramiden aus dem Dunst gucken.



      Die größte Herausforderung des Tages liegt aber noch vor uns: der Gang durch den Basar Khan el Khalili. Nach dem Kampf durch den üblichen Verkehrswahnsinn hält der Bus an einem der alten Tore, die den Zugang markieren. Offenbar darf der Bus hier nicht halten, denn ein dienstbeflissener Polizist zückt sofort sein A4-großes Strafzettelbuch und beginnt emsig zu schreiben :nono: Ahmed und der immer anwesende, bewaffnete Sicherheitsmann, stecken ihm ein paar Scheine ins Buch und klappen es zu. Aha, so wird das hier also geregelt *lach*.
      Im Bazar wird es schwierig, Ahmed im Blick zu behalten, er ist leider nicht sehr groß gewachsen. Hier sieht man auch noch alte bzw. "traditionelle" Häuser. Am Anfang ist es noch nicht so schlimm, aber mit der Zeit nehmen das Gedränge und der Lärmpegel zu und sind für den gemeinen Mitteleuropäer kaum zu ertragen :fie: Damit erledigt sich das Fotografieren für mich. Ich will ja meine Herde nicht velieren :pupillen:



      Mitten durchs Gewühl schieben sich Lastkarrenschieber (die zischen wie eine Schlange, um auf sich aufmerksam zu machen) und Mopeds, Motorroller und Pick Ups, die lautstark hupen. Es ist Donnerstag und das islamische Wochenende steht bevor. Abends soll es noch schlimmer werden, sagt Ahmed. Wie, noch schlimmer?! Die Rückfahrt zum Schiff in der einsetzenden Dunkelheit ist wieder abenteuerlich. Mittlerweile fühle ich mich aber im Bus recht sicher (auch wenn ich öfters auf einen Aufprall warte, der dann doch nicht eintritt). Der Bus quetscht sich durch eine enge Straße des Basars, um wieder zur Hauptstraße zu kommen. Dort stehen wir dann wie üblich eine ganze Weile, um uns einfädeln zu können. Fahrbahnmarkierungen werden völlig überschätzt und aus einer Straße mit eigentlich nur Platz für drei Fahrspuren macht der Ägypter problemlos fünf. Ich hatte ja gedacht, nach Istanbul schockt mich nichts mehr, aber das war, bevor ich Kairo kennenlernte... :wacko1:
      Nach dem Abendessen ist dann jedenfalls wieder Schicht im Schacht und ich sinke ins Bett.
    • Jetzt mal etwas weniger Text :D

      19. April 2019 – Unterwegs auf dem Nil

      Zurück zum 19. April, unserem ersten Flusstag. Der Streckenabschnitt scheint gefährlicher zu sein, denn wir werden von drei Polizeibooten bewacht. Das Erscheinen des Schiffes ruft am Ufer nach wie vor lautstarkes Rufen und Winken hervor. Ich bin selten so bejubelt worden. Es ist fast 17 Uhr, d.h. gleich gibt es Tee auf dem Sonnendeck. Die Sonne steht schon tief und die Farben werden intensiver. Seit wir Kairo verlassen haben, sind meine lästigen Kopfschmerzen wie weg geblasen :rolleyes:
      Vom Ablegen heute früh (ca. 5 Uhr) habe ich nicht viel mitbekommen. Kurz etwas arabisches Geplapper vom Nachbarboot, das ja gezwungenermaßen auch ablegen musste und dann bin ich schon wieder eingebutzelt. Übernachtungsstopp ist heute in Beni Suef. Gegen 19 Uhr sollen wir dort ankommen.

      Nachfolgend ein paar Eindrücke vom heutigen Tag:

      Warten auf eine der vielen Fähren...


      ... die so aussehen


      Manchmal liegen kleine Inseln im Fluss.


      Heute ist Waschtag.


      Wir werden in den Ortschaften überall freundlich begrüßt. Der Lebensstandard ist einfach und man kann auf den Bildern gut erkennen, wie hoch der Nil ansteigen kann.


      Am Nil entlang ziehen sich Felder, mal schmaler und mal breiter.


      Schöner Wohnen für Tauben.
    • Kailash wrote:

      Lese auch mit, war schon 7x individuell in Ägypten, das letzte Mal intensiv 2016


      Respekt, dass würde ich mir, glaube ich, nicht zutrauen. Habt ihr das auch als Rundreisen gemacht oder wart ihr jeweils an einem Standort?

      Weiter geht's mit Tag vier... :girl:

      20. April 2019 – Unterwegs auf dem Nil (Beni Suef bis Minya)

      9:15 Uhr: Sind in etwa bei El Fashn. Beni Suef haben wir heute morgen um 4 Uhr verlassen. Heute Abend erreichen wir Minya (Entfernung von Beni Suef ca. 130 Kilometer). Dort werden wir über Nacht liegen. Es sind einige Wolken unterwegs und im Schatten ist es kühl, finde ich. Dieses langsam über den Fluss gleiten ist unglaublich entschleunigend :girl_sigh: Im Moment fahren wir durch Felder, auf denen die Männer mit Sicheln das Getreide ernten. Dazwischen sind Grünstreifen mit Kühen, Eseln und Wasserbüffeln.



      Gestern Abend gab es den Begrüßungscocktail (wirklich ein Cocktail, nicht nur Sekt wie sonst üblich) und die Crew wurde vorgestellt. „Unser“ Ahmed 1 ist sogar studierter Ägyptologe und Germanist. Seit 40 Jahren ist er als Reiseleiter unterwegs. Der Steuermann Ali sieht bissel aus wie ein Bewohner aus dem nächsten Dorf, weil er ein traditionelles Gewand, eine Dschallabija trägt. In Ägypten ist es so, dass der Steuermann nicht die Verantwortung für alles auf dem Schiff trägt, erklärt man uns. Das verteilt sich hier auf mehrere Schultern.

      10:50 Uhr: Eben eine Brückenführung mitgemacht. Die Brücke ist sehr spartanisch. Es gibt eigentlich nur drei Hebel für die drei Motoren am Heck und darüber eine Anzeige für die eingestellte Geschwindigkeit (in km/h). Es gibt kein Ruder, es wird nur mit den drei Motoren gesteuert. Die Steuermänner (im Moment ist ein „Praktikanten-Steuermann“ mit an Bord) erkennen an der Farbe des Wassers, ob es tief genug ist. Deswegen versucht man, möglichst tagsüber zu fahren. Manchmal fahren wir aber auch im Dunkeln. Scheint also trotzdem zu funktionieren ;) Die Nile Vision hat 1,7 Meter Tiefgang. Reisegeschwindigkeit flussaufwärts ist 16-18 km/h, flussabwärts bis zu 20 km/h. Ausbildung zum Steuermann heißt hier learning by doing. Manchmal wird der Beruf auch einfach vererbt. Direkt angrenzend ist der gut einsehbare Schlafraum, der ist, sagen wir, eher unordentlich oder so... Der Jens hat sogar ein Handyfoto gemacht, aber ich traue mich nicht, dass hier einzustellen... :blush2:



      16:00 Uhr: Das Leben am Nil zieht langsam vorbei. Direkt hinter dem schmalen grünen Streifen am Fluss beginnt die Wüste. Die knatternden Wasserpumpen begleiten uns weiterhin. Sobald der Wind nachlässt, brennt die Sonne. Ich bin gespannt, was die kommenden Tage bringen. Es soll Richtung Luxor bedeutend heißer werden.



      Das Licht am späten Nachmittag ist wieder besonders schön :girl_sigh: Ein Fischer ist mit seinem Holzboot bei der Arbeit.



      Auf die Nile Vision passen 112 Passagiere. Wegen einiger Alleinreisender sind wir aber nur 97 Gäste und 75 Mitarbeiter (alles Männer). Es fahren aber nicht alle bis Assuan mit. Gruppe 2 verlässt uns bereits in Luxor. Eben haben wir eine Brückenbaustelle passiert und die Bauarbeiter haben uns mit ihren Handys fotografiert. Die Steuermänner grüßen alles und jeden mit der Schiffshupe. Ich schreibe bewusst Hupe, weil jeder Bus voller und tiefer klingt.
      Vor dem Abendessen haben wir uns einen Vortrag von Ahmed 1 über Ägypten angehört. Er spricht u.a. über Ostern (das bei den Kopten eine Woche später beginnt als bei uns). An Ostern essen wohl alle Ägypter (egal ob Moslems oder Christen) Salzfisch und Frühlingszwiebeln, so dass es im ganzen Land ganz fürchterbar riecht. Ostern markiert außerdem den Beginn des Sommers. Dann dürfen die Polizisten ihre dunkle Winterkluft mit der weißen Sommeruniform tauschen :cool: Ein weiteres Thema ist die Armut im Land. 38 Prozent der Bevölkerung gelten als arm, verdammt viel, finde ich.

      Am Abend folgt dann ein Beitrag für das Kapitel kuriose Erlebnisse einer Ägyptenreise. Während des Abendessens legen wir in Minya an (ca. 200.000 Einwohner). 20:45 Uhr wird ein Abendspaziergang durch den Basar angeboten. Da sind wir dabei, denken wir und finden uns mit den anderen (vielen) Interessierten an der Rezeption ein. Ahmed 2 warnt uns vor: wenn Sie allergisch auf Polizisten reagieren, dann bleiben sie lieber an Bord. Dann bekommt jeder ein Landgangskärtchen vom obligatorischen Sicherheitsmann und los geht es. Wir kommen uns etwas vor wie beim Staatsbesuch: Polizeiauto vorneweg und hinterher und weil das nicht reicht auch noch ein paar Polizeimotorräder und Fußpolizisten mit Sturmhaube und automatischen Waffen. Wegen uns bricht der ohnehin chaotische Verkehr vollkommen zusammen, weil uns im Basar niemand überholen darf und alle Straßen und Kreuzungen abgeriegelt werden, wenn wir auftauchen. Wir flanieren also vom Schiff über die Hauptstraße zum Basar und hinterher über die Hauptstraße und die Promenade zurück. Im Basar winken uns alle freundlich zu und wir winken huldvoll zurück :hi: Da die Kopten nächste Woche Ostern feiern, ist morgen Palmsonntag und in den Straßen werden Palmwedel kunstvoll geflochten.



      Jens freut sich und macht ein Foto vom flechtenden Ägypter. Der Ägypter freut sich auch und drückt dem Jens das bügelbrettförmige Palmblatt als Geschenk in die Hand :mosking: Großartig. Jetzt laufen wir mit einem geflochtenen Palmwedel durch die Gegend. Als wir an einer Bank vorbeikommen, wollen einige aus der Gruppe Geld abheben. Der Straßenabschnitt wird also komplett gesperrt, bis alle fertig sind. Die Ungeduld der Ausgebremsten hinter uns äußert sich im gesteigerten Hupkonzert. Irgendwann haben es alle geschafft. Jens übergibt unser Bügelbrett unter Gelächter an die Rezeption. Wir haben es danach nie wieder gesehen, vermutlich ist es bei der nächsten Gelegenheit im Nil gelandet.

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    • Interessanter Bericht!

      Die Sicherheitsvorkehrungen scheinen ja enorm zu sein!

      Ich war in jungen Jahren einige Male in Ägypten, deine Schilderungen lesen sich für mich bis jetzt so, als ob sich seither nicht viel verändert hätte.....außer den Sicherheitsvorkehrungen natürlich, das war damals nicht wirklich ein Thema! Ich war allerdings individuell unterwegs und habe das vielleicht nicht so mitgekriegt.

      Freue mich auf die Fortsetzung!

      :)
    • Tanja wrote:

      Respekt, dass würde ich mir, glaube ich, nicht zutrauen. Habt ihr das auch als Rundreisen gemacht oder wart ihr jeweils an einem Standort?


      Das war unterschiedlich. Wir, meine Frau und ich, waren auch einige mal auf dem Sinai zum Bergsteigen und Tauchen.
      Unsere letzte Reise 2016 habe ich mir speziell zusammengestellt, Transfers mit Flugzeug und Auto. Mit diesen gemachten Bildern habe ich auch einen Vortrag gehalten
      Zur Sicherheitslage: Die hat sich zu früheren Zeiten doch eher verschlechtert. Man denke nur an die letzten, gehäuft vorkommenden Anschläge im Koptischen Viertel Kairos. Obwohl früher gab es auch schon Anschläge, unvergessen das grauenhafter Massaker 1997 an Touristen am Hatschepsut Tempel in Theben-West.
      Was mich 2016 verwundert hat, bei der Autofahrt zu den Tempeln von Abydos und Dendera standen gefühlt an jeder Ecke Polizisten mit ihren Gewehren. Die letzten 20 Kilometer nach Abydos durften wir nur mit Polizeischutz zurück legen.
      Bei unserer ersten Reise 1989 empfand ich die Sicherheitslage, völlig entspannend.
      Eigentlich schade, dieses Land so unendlich viel zu bieten.
    • @Kailash: Von Reisen auf den Sinai wird mittlerweile sogar ganz abgeraten, so weit ich weiß. Kurz, nach dem wir wieder zu Hause waren, gab es in Gizeh einen Anschlag auf einen Bus. Das war für uns ein ziemlich merkwürdiges Gefühl. Zwischen Kairo und Luxor waren tatsächlich extrem viel Polizisten zu sehen. Laut Reiseführer musste man sich zeitweilig in einigen Orten als Tourist sogar bei den Behörden anmelden und sagen, wann man zu welchem Tempel o ä. fahren möchte. Das lockert sich wohl gerade wieder etwas. Zwischen Luxor und Assuan war es dann generell etwas entspannter.
    • 21. April 2019 – Von Minya nach Tell el Armana

      Irgendwann zwischen 16 und 17 Uhr: Wir haben unseren Stammplatz auf dem Sonnendeck bezogen. Heute Vormittag besuchten wir die Felsengräber von Beni Hassan. Halb neun ging es los, ca. eine Stunde dauert die Fahrt von Minya nach Beni Hassan, natürlich mit Polizeieskorte. 240 Stufen müssen wir erklimmen, bis wir die Eingänge der Gaufürsten-Gräber erreichen, die zwischen 2040 bis 1650 v. Chr. entstanden sind. Vier Gräber sind geöffnet. Äußerlich vollkommen unscheinbar sind die Bilder im Inneren beeindruckend :8o: Mit Ahmeds Erklärungen entdecken wir Kampf- und Jagdszenen, spielende und tanzende Kinder, verschiedene Tiere und eine Hochzeit (inklusive Hochzeitsnacht). Auf die Fotoerlaubnis verzichte ich und höre lieber zu. Der Ausblick auf das Flusstal ist toll von hier oben, aber es geht ein frischer Wind, der uns etwas einstaubt.



      Auf der Rückfahrt mit dem Bus winken die Menschen auf der Straße uns wieder euphorisch zu. Wahrscheinlich verirren sich nicht so viele Touristen hierher. Zurück auf dem Schiff verteilt die Crew Schokolade, weil heute ja Ostern ist (also „unser“ Ostern). Bei Rückkehr auf die Nile Vision werden wir sowieso immer toll begrüßt: es gibt Tee und außer dem obligatorischen Desinfektionsspray auch nach Minze duftende, warme kleine Handtücher zum Frischmachen ^^
      Kaum ist der letzte Gast an Bord, legen wir ab und setzen die Fahrt Richtung Tell el Armana fort (ca. 70 Kilometer). Den Nachmittag verdaudeln wir nun auf dem Sonnendeck und beobachten das vorbeiziehende Ufer. Besser als Fernsehen, wirklich!



      Einen Mitfahrer gibt es auch ;)



      Wir sind offenbar ein Teil der Minderheit ohne AI an Bord. Das ist ungünstig gelöst. Man bestellt ein Getränk und ca. eine Stunde später läuft der Oberkellner (von uns liebevoll Zettelschreiber genannt) umher und lässt die Quittungen unterschreiben. Man ist also gezwungen, so lange sitzen zu bleiben, bis er auftaucht. Einmal war es uns zu blöd und wir sind aufgebrochen. Der Kellner hat uns ja schon fast mit dem Geschirr raus tragen wollen. Am nächsten Tag wurden wir vom Oberkellner gerügt, ob wir am Vortag gar nichts getrunken haben... boah. Jetzt winken wir ihm immer, sobald er zu sehen ist, um den blöden Zettel unterschreiben zu können :pinch:

      Eine der interessanten Ortsdurchfahrten. Was ein kleiner Esel so alles tragen kann... Gibt immer was zu sehen und während ich fotografiere, ist der Jens fürs Winken verantwortlich :hi:



      Heute müssen wir übrigens wieder eher ins Bett, weil der Ausflug morgen um 7 Uhr startet. Nach dem Abendessen legen wir in Tell el Armana an, einer relativ neu gebauten Anlegestelle mit Besucherzentrum. Es gibt aber keinen Abendspaziergang, denn Tell el Armana liegt in der Walachei, sagt Ahmed :laugh1:
      Das Anlegen ist wieder speziell. Ein Crewmitglied läuft über die Hühnerleiter an Land und macht unter Beobachtung der örtlichen Offiziellen (?) die Leinen fest. Beim Ablassen der Gangway wird fast eine der Lampen am Geländer der Anlegestelle abrasiert, was einen der Offiziellen etwas aus der Fassung bringt. Es folgt ein lauter arabischer Redeschwall, bis er sich wieder beruhigt :wacko1: Direkt vor uns legt die Fähre an, die über den Nil pendelt. Es gibt hier sehr wenige Brücken und mit den Fähren wird wirklich alles transportiert. Zementmischer und Esel inklusive. Da wir ohne ein anderes Schiff hier liegen, ist die Nacht wunderbar ruhig :sleeping:
    • 22. April 2019 – Von Tell el Armana bis Assiut (120 km)

      Gegen 16:00 Uhr: Den heutigen Staatsbesuch haben wir absolviert. Gestern Abend haben uns die Kabinenstewards ein Krokodil aufs Bett gebastelt. Dafür haben wir heute mal 5 € aufs Kopfkissen gelegt. Nach dem Frühstück ist das Geld weg, dafür liegen im Bad zwei Extra-Rollen Klopapier?! Was mich zum Thema Klopapier bringt... es ist total weich und man hat immer das Gefühl, es zerfällt einem in der Hand. Außerdem sind wahrscheinlich nur 30 Blatt auf einer Rolle, denn ich muss sie gefühlt ständig wechseln. Von daher sind die zwei Extra-Rollen vielleicht gar nicht so schlecht :laugh1:



      Der Begriff Kreuzfahrt bekommt hier auch eine neue Qualität. Um den Sandbänken und Untiefen auszuweichen, fährt das Schiff immer von links nach rechts und wieder zurück und eher selten in der Mitte. Der Nil ist ohnehin viel schmaler, als ich ihn mir vorgestellt habe. Manchmal fahren wir nur wenige Meter am Schilf oder an den Häusern in den Dörfern vorbei. Nun aber zurück zum heutigen Staatsbesuch. Um 7 Uhr ging es in den Bus. Ich finde ja die Busfahrten mindestens genauso spannend und interessant wie die eigentlichen Besichtigungen, vor allem wenn es durch die Dörfer geht und alles so eng ist. Die Menschen kommen aus den Häusern gelaufen oder bleiben stehen, lächeln und winken. Aber der Müll, der überall herumliegt... :doofy:
      Ahmed erzählt unterwegs, dass es in Ägypten nur für die Grundschule eine Schulpflicht gibt (bis 6. Klasse). Allerdings sind die Klassen in den staatlichen Schulen so überfüllt (teilweise 60 Kinder) und die Lehrer sind überfordert, so dass die Kinder kaum etwas lernen. Die Analphabetenquote liegt bei fast 40 Prozent. Es gibt in Ägypten z.B. auch keine Versicherungen für Autos. Nach einem Verkehrsunfall gibt es daher öfters mal eine kleine Schlägerei zwischen den Beteiligten... Eine weitere interessante Aussage von Ahmed heute: Die Ägypter lösen keine Probleme, sie versuchen, damit zu leben...

      Einen ersten Zwischenstopp machen wir in Al Ashmunein. Dort schauen wir nur kurz die beiden großen Paviane an (bzw. den einen, der noch ganz ist). Eigentlich war der Halt nicht vorgesehen, denn die historische Stätte ist aus irgendwelchen Gründen für Besucher ab sofort gesperrt. Aber wie Ahmed schmunzelnd erklärt: Diese Info ist noch nicht bei der örtlichen Polizei angekommen :mosking:



      Von hier geht es weiter nach Tuna el Gebel, der Nekropole von Al Ashmunein. Der Ort liegt schon mitten in der Wüste. Wir besuchen das Grab der Isidora inklusive Mumie des griechischen Mädchens. Ich finde es verblüffend, ihr Gesicht zu sehen mit den weißen Zähnen, die sich deutlich vom Rest abheben Isidora ist ein griechisches Mädchen, dass im Nil ertrunken ist. Danach besichtigen wir das Grab des Petosiris, einem Hohepriester aus dem 3./4. Jahrhundert vor Christus. Hier ist besonders interessant, dass sich die ägyptischen Darstellungen mit griechischen Einflüssen vermischt haben, erklärt man uns. Da in den beiden Gräbern nicht so viel Platz ist, können immer nur kleinere Grüppchen hineingehen. Dadurch kommt alles bissel durcheinander und wir finden uns in der Gruppe von Aladin wieder. Am Eingang zu den Katakomben müssen wir kurz warten (natürlich wieder gut bewacht) und Aladin sagt: „Wenn ägyptische Polizisten lachen, dann regnet es am nächsten Tag“. Gut, dass die das nicht verstanden haben... Als die Gruppe vor uns etwas Vorsprung hat, steigen wir hinunter in die Katakomben. Hier wurden viiiieeele mumifizierte Ibisse und Paviane bestattet. Ich verstehe immer „die Ibisse wurden eingeweckt“... Bitte was?! Ach nee, die wurden eingewickelt... ach sooooo :lol: Wir bekommen nur einen kleinen Einblick in das weit verzweigte Gangsystem. Hier werden immer noch Ausgrabungen gemacht und in den höheren Räumen verstecken sich etliche Fledermäuse. Auf dem Rückweg zum Bus bewähren sich meine neuen Trekkingsandalen: der Sand, den ich mir vorne hinein schaufle, fällt an den Seiten direkt wieder heraus.



      Es geht zurück zum Schiff, wo wir kurz Pause machen. Es gibt ein Süppchen. Nach 30 Minuten setzen wir den Ausflug fort und besuchten die Felsengräber von Armana. Das Grab von Aton-Hohepriester Merire I. ist sehr schön ausgestaltet. Man sieht sehr gut, dass Echnatons und Nofretetes Abbildungen alle zerstört sind und sogar die Namen in den Kartuschen fehlen. Drin ist wieder Fotoverbot, es sei denn, man kauft sich ein Fototicket. Möchte ich aber nicht, ich will gucken und zuhören :pardon:



      Besser könnte ich es auch nicht zusammenfassen :mosking:



      Nicht weit entfernt liegt Echnatons Residenz Achet-Aton. Nach seinem Tod ist sie rasch verfallen und die Archäologen haben zumindest die Grundrisse rekonstruiert, damit man sich eine Vorstellung von der Größe der Anlage machen kann.



      Unser letzter Stopp ist das Besucherzentrum an der Anlegestelle. Hier gibt es u.a. ein Modell der Anlagen und Fragmente von Stelen und Statuen sowie andere Fundstücke aus der Zeit Echnatons. Die Art, wie er dargestellt wird, gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf.



      14 Uhr sind wir zurück auf dem Schiff und entstauben erst mal unsere Füße und Beine, bevor es zum Mittag geht.
      Jetzt sitzen wir wieder auf dem Sonnendeck, während die Nile Vision weiter in Richtung Assiut fährt. Dort sollen wir gegen Mitternacht ankommen und es gibt eine Schleuse, die wir passieren müssen. Ahmed erzählt unterwegs immer so viele interessante Dinge, die ich mir kaum alle merken kann. Er meinte heute, dass 1/3 des ägyptischen Haushalts verbraucht wird, um das Staatspersonal zu bezahlen. Bei dem Aufgebot an Polizei und den vielen Offiziellen, die uns ständig „betreuen“, kann ich mir das gut vorstellen :D

      Das wunderbare Abendlicht :girl_sigh:



      Es geht auch heute wieder ein frischer Wind, den ich im Schatten sogar als kühl empfinde. Das hätte ich vorher auch nicht gedacht, dass es mich hier fröstelt...
      18:30 Uhr erreichen wir ein interessantes Stück: am linken Flussufer reicht eine Felswand bis an den Fluss heran. Es wird schon dunkel und das Licht reicht gerade so zum Fotografieren. Die Sonne geht hier total schnell unter, es gibt kaum eine Dämmerung.



      18:50 Uhr geht es weiter mit Ahmeds Bildungsprogramm zum Thema Land & Leute in Ägypten. Heute erzählt er über Traditionen zur Geburt, Tod und Hochzeit. In Ägypten ist es nicht üblich, jährlich Geburtstag zu feiern. Es gibt 7 Tage nach der Geburt des Kindes ein großes Fest und das war's. Hier kauft man Gräber auf Lebenszeit und nicht nur für ein paar Jahre, wie es bei uns üblich ist. Die Gräber werden nicht irgendwann aufgelöst, Ahmed sagt: „Die Wüste ist groß, wir haben genug Platz.“ Etwas speziell wird es, wenn in den Gräbern kein Platz mehr ist. Dann geht ein Familienmitglied hinein und räumt die Knochen beiseite, um einen „neuen“ Toten herunterschaffen zu können. Das gilt übrigens für Moslems wie für Christen. Mit dem Unterschied, dass bei den Christen die Knochen aus dem Sarg genommen werden müssen. Die Knochen bleiben unten, der Sarg wird mit raus genommen und verbrannt. Die Moslems werden zur Bestattung nur in ein Tuch gewickelt. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Ahmeds Vorträge sind wirklich sehr interessant und unterhaltsam. Am ersten Tag dachte ich noch: das ist aber ein ernster kleiner Reiseleiter, aber neeee, mittendrin haut er immer ein paar trockene Kommentare aus heiterem Himmel dazwischen, einfach wunderbar. Während des Vortrages sagte er z.B.: „Ab morgen wird es jeden Tag heißer. Freuen Sie sich? Ich nicht. Ich bin im falschen Land geboren.“ :mosking: Ich hätte nie gedacht, dass ich im Urlaub so viel lerne. Das ist fast schon eine Bildungsreise, hihi.
      Nach dem Abendessen setzen wir uns noch ein Stündchen mit unseren Tischnachbarn aufs Sonnendeck. Halb zehn geht ein rötlicher Mond auf. Kurz danach verkrümeln wir uns in die Kabine.
    • 23. April 2019 – Von Assiut bis Sohag (150 Kilometer)

      Zwischen 0 und 1 Uhr erreichen wir die Schleuse von Assiut, in der wir 6 Meter gehoben werden. Ich werde munter, weil es ein paar mal rumpelt. Ein Blick aus dem Fenster offenbart eine Betonmauer. Wir sind also schon drin. Einen Moment überlege ich, ob ich raus gucken gehe, die Wege sind ja so wunderbar kurz :hmm: Aber... ach...nee...irgendwie...nee, ich bleibe im Bett. Ruck zuck bin ich wieder eingebutzelt. Im Unterbewusstsein bekomme ich noch mit, dass wir nach der Schleuse an einem anderen Boot anlegen. Damit ist die Ruhe vorbei, denn das andere Boot liegt anders herum und wir haben das Heck mit Motor vorm Fenster :pinch:
      6 Uhr werde ich von lauten arabischen Stimmen munter. Gefühlt stehen die Männer in unserer Kabine. Aha, wir legen ab. Jetzt stehe ich aber wirklich auf, bummle ein bissel im Bad herum und ziehe mich an. Zwischendurch wird der Jens munter und schaut mich völlig entgeistert an. Jaaaa, ich bin heute ein früher Vogel, jawoll ja :rolleyes: Das Jensl dreht sich um und schläft weiter und ich gehe hoch aufs Sonnendeck. Eine herrliche Ruhe ist draußen. Nur wenige andere sitzen oben. Ich hole mir einen Tee und genieße die Morgensonne. Der Nil ist offenbar angestiegen, denn einige Flächen am Ufer sind überschwemmt. Auf den Feldern arbeiten die Bauern und die ersten Wasserpumpen tuckern los. Einfach genießen und treiben lassen. Herrlich :love:



      Gegen 8 gehe ich wieder runter in die Kabine. Der Jens ist mittlerweile ansprechbar und im Bad fertig. Also ab zum Frühstück. Hinterher erklärt Ahmed 2 das Programm in Luxor und Assuan und die fakultativen Ausflüge, die wir zusätzlich buchen können. In Luxor entscheiden wir uns für die abendliche Kutschfahrt und für den zweiten Tag in Assuan buchen wir Abu Simbel. Wenn wir schon mal da sind... :D
      Vielleicht hätten wir doch eine Badeverlängerung buchen sollen. Die zweite Woche der Reise hat es echt in sich. Heute ist der letzte reine Flusstag zum Entspannen. Ich weiß gar nicht, wie ich das dann mit dem Schreiben mache, wenn kaum Zeit bleibt?!

      Am Vormittag heißt es: Brücke voraus...



      Und immer schön nah am Ufer entlang...



      Den Tag verbringen wir mit sitzen, gucken und lesen.



      Nach der Teestunde um 17 Uhr erreichen wir Sohag, unseren Übernachtungsstopp. Wir machen mit der Backbordseite an einem ägyptischen Restaurantschiff fest. So haben beide Seiten was zu gucken. Vor uns liegt eine ziemlich flache Brücke. Diese wird nur einmal während der Nacht für Schiffe geöffnet, irgendwann um 2 Uhr herum. Das entscheidet die Polizei und gibt dann Bescheid. Wir werden also, sobald die Brücke offen ist, durchfahren und auf der anderen Seite bis 4 Uhr liegen bleiben. Dann geht es weiter.



      18:30 Uhr folgt die Fortsetzung von Ahmeds Bildungsprogramm. Heute geht es um die Zeit vom 1. Weltkrieg bis etwas dem Ende der Regierungszeit Nassers. Dabei sagt er stets, was belegbare Fakten, was Vermutungen und was seine eigene Meinung dazu ist. Ich glaube, er ist vollkommen überqualifiziert für diese Stelle als Reiseleiter. Glück für uns, dass er es trotzdem macht :D
      Nach dem Abendessen sitzen wir mit den Tischnachbarn noch eine Weile oben. Die Nacht ist bedeutend milder als die Nächte zuvor. Der Zettelschreiber-Kellner scheint Geschäfte mit dem Personal vom Restaurantschiff zu machen, denn er steht an der Reling und bekommt kleine Päckchen zugesteckt. Er ist offenbar sowieso ein geschäftstüchtiger Typ, denn uns hat er angeboten, dass wir das Bier billiger bekommen, wenn wir ihm das Geld bar geben. Nee, ist klar :nono:
      20:45 Uhr wird wieder ein geführter Spaziergang angeboten, aber uns ist heute Abend nicht nach Staatsbesuch. Das haben wir ja morgen schon wieder :mosking:
    • Sehr spannender und auch teilweise amüsant geschriebener Bericht mit sehr schönen Fotos!!!!

      Vielen Dank

      Bin schon neugierig wie es weiter geht.

      Sicher dient der teilweise massive Polizeischutz zu eurer Sicherheit.
      Aber löst dies nicht trotzdem ein mulmiges Gefühl aus? Oder gewöhnt man sich an diese Situation??

      Gruß seealpe
    • @seealpe: an die vielen Polizisten und Sicherheitsleute haben wir uns tatsächlich gewöhnt. Wir haben uns deswegen auch nicht unsicher gefühlt. Die Ägypter sind einfach nur sehr sehr sehr vorsichtig, denke ich. Der Tourismus ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Wirtschaftsfaktor für das Land.

      24. April 2019 – Von Sohag bis Nag Hamadi (100 Kilometer)

      Viertel 5 werde ich munter, da sind wir bereits weiter auf dem Weg Richtung Süden. Also drehe ich mich noch einmal um und butzel wieder ein. Halb sieben stehe ich dann aber auf und mache mich langsam fertig, packe die Sachen für den Ausflug heute zusammen und lege die erste Schicht Sonnencreme auf. Heute sollen es tatsächlich bis zu 37 Grad werden laut Programm. Halb acht werfe ich den Jens aus dem Bett, Heute heißt es nicht „Tod auf dem Nil“ sondern „Frühstück auf dem Nil“ ^^ Die rührige Crew hat das Buffet auf dem Sonnendeck aufgebaut. Wunderbar. Wir trinken Kaffee und betrachten die Landschaft, die vorbeizieht. Die Bauern sind schon wieder bei der Weizenernte und dreschen das Getreide vor Ort. Danach wird auf den Feldern u.a. Mais angebaut. Es gibt aber auch Zuckerrohrfelder, Melonen, Wein und Bananen. Und Zwiebeln, die sind teilweise so groß wie Kinderköpfe. Wegen des warmen Klimas sind drei Ernten im Jahr möglich. Zwischen den Feldern liegen Streifen mit Grünfutter für die Tiere. Sieht aus wie Klee.
      Vorhin sind wir an Giga vorbei gefahren. Etwa halb elf erreichen wir Balyana. Von dort aus geht es mit dem Bus nach Abydos zum Sethos-Tempel. Ich bin schon sehr gespannt, was uns außer Hitze, Sonne und Sand alles erwartet. Wir haben etwas Verspätung, weil der Nil angestiegen ist und sich die Strömung dadurch verstärkt hat. Geschätzte Ankunftszeit in Balyana ist jetzt 11:15 Uhr. In der Sonne ist es schon ziemlich warm, im Schatten erträglich. Die Luftfeuchtigkeit bewegt sich laut Anzeige immer zwischen 11 und 17 Prozent.

      16:30 Uhr: Sitzen auf dem Sonnendeck und schwitzen vor uns hin. Zum Glück geht ein wenig Wind, sonst wäre es schon im Schatten so gut wie unerträglich. Ich frage mich, wie das die Leute machen, die den ganzen Tag am Pool in der Sonne liegen. Die müssen doch innerlich verkochen. Das kann einfach nicht gesund sein! :wacko:

      Wir saßen heute Mittag halb zwölf im Bus und los ging es nach Abydos, natürlich mit Polizeieskorte. In den Straßen von Balyana herrscht etwas Durcheinander. Marktstände und alle möglichen Fahrzeuge verstopfen hin und wieder den Verkehr. Vor allem die Tuk Tuks sind überall und verursachen Chaos. Ohne Polizeieskorte würden wir vermutlich nie ankommen :mosking: Die Schranken am Eisenbahnübergang sind geschlossen und wir müssen warten bis ein Güterzug durchgefahren ist. Ahmed erzählt, dass sich an Bahnübergängen oft ein richtiges Knäuel bildet, weil alle zuerst losfahren wollen. Während wir hoheitsvoll winkend durch den Ort fahren, sehe ich, dass auf vielen Balkonen riesige Bündel mit Knoblauchzehen hängen und auf den Straßen liegen große Haufen mit Zwiebeln.



      In Abydos erwartet uns tatsächlich die erste Hitzeschlacht des Urlaubs. Im Sethos-Tempel ist es angenehm schattig und kühl. Auf dem Weg zum Tempel von Ramses II., der etwas abseits steht, kracht allerdings die Sonne auf uns nieder. Mir läuft das Wasser den Rücken hinunter. So viel kann ich gar nicht trinken 8| Dennoch lohnt sich die Mühe und ich bin beeindruckt, wie farbig die Reliefs sind. Alles noch so intensiv, obwohl über 3.000 Jahre alt und kein Dach auf dem Tempel ist.



      Im Sethos-Tempel kommt bei mir sofort der Wow-Effekt. Allein die Vorstellung, dass hier vor so vielen Jahrhunderten Menschen so etwas Gigantisches errichtet haben (Sethos I. lebte von 1323 bis 1279 v. Chr. ). Und wir stehen auf demselben Boden, sehen dieselben Steine und Bilder. Wen so etwas kalt lässt, der ist hier definitiv verkehrt. Ahmed weist uns im Tempel wieder auf die Besonderheiten hin und erklärt einige Hieroglyphen. Besonders die Reliefs aus Sethos' Regierungszeit sind unglaublich fein gearbeitet :)



      Bei seinem Sohn Rames II., der am Tempel weiterbaute, ist es nicht mehr so filigran. Da geht es eher um Größe und Stärke.



      Auf dem Rückweg zum Bus werden wir noch einmal ein paar Minuten geröstet. 15 Uhr sind wir wieder auf dem Schiff und es gibt Mittag. Kaum ist der letzte Gast an Bord, legt die Nile Vision ab Richtung Nag Hamadi. Nachmittags steht die Luft auf dem Sonnendeck :wacko: Erst ab halb sechs wird es spürbar angenehmer. Da taucht vor uns die Schleuse auf, in der wir 7 Meter gehoben werden sollen.



      Das Manöver verläuft reibungslos und recht flott, aber wie immer stehen etliche Männer herum (teilweise mit Waffen) und „überwachen“ den Vorgang von der Schleusenanlage aus. Kurz nach 18 Uhr stürze ich in die Kabine, um vorm abendlichen Bildungsprogramm noch schnell zu duschen. Jens bleibt draußen, weil gleich noch die alte Schleuse kommt (heute eine Drehbrücke). Während ich also weitere interessante Dinge über Ägyptens Geschichte in den 60ern und 70ern lerne, rumpelt es einige Male etwas. Dann hört man lauten Jubel. Jens erzählt mir hinterher, dass die Crew die Brücke mit Armkraft aufgedreht und wieder zugedreht hat. Langweilig wird es an Bord definitiv nicht!
      Nach dem Abendessen sitzen wir mit den anderen oben auf dem Sonnendeck, wo es sich mittlerweile gut aushalten lässt. Wir haben neben einem Restaurant oder so was in der Art festgemacht. In einem großen TV-Gerät läuft Fußball. Die Polizisten, die eigentlich das Schiff bewachen sollen, sitzen gebannt davor. Vor uns ist die Eisenbahnbrücke, auf deren Öffnung wir warten. Regelmäßig rattern Züge hinüber. Laut Durchsage fährt der letzte Zug gegen 23 Uhr und dann wird aufgedreht. Wider Erwarten scheint der Zug halbwegs pünktlich zu sein, denn kurz nach elf geht das Geplapper draußen los und wir legen ab. Dank unseres Panoramafensters nach vorn kann ich aus der Kabine heraus alles beobachten :8o: Wir haben nämle eben Zähne geputzt, weil wir dachten, dass es noch länger dauert. Südlich der Brücke legen wir wieder an bis zum frühen Morgen.



      In meinem Bett lag heute Abend ein Fremder... :mosking: