Sturmreise mit der MS Finnmarken im Herbst vom 17. – 28.09.2018 – BKB

    • B-K-B
    • @Nanook
      Einfach phantastisch deine Beschreibung des Polarlicht-Erlebnisses.Du wärest nicht der erste und einzige, der vor lauter Gucken und Staunen vergißt, zu fotografieren oder seine Kamera nicht mehr zu bedienen weiß. Wie oft hier im Forum gesagt, sind die Bilder im Kopf ja die wichtigsten.
      Mutig, mutig so knapp zum Schiff zurückzukommen ( in Finnsnes ).
      Ich freue mich auf die Fortsetzung deines Berichtes :dance4:
      Liebe Grüße von Trollebo
    • Polarlichtfan wrote:

      Ganz besonders finde ich auch , dass ihr als doch so grosse Familiengruppe reist - das hat bestimmt lange Vorplanung und Abstimmung erfordert ... :thumbsup:


      Das hat sich ganz lustig ergeben, meine Frau und ich haben uns einen Termin ein Jahr im Voraus ausgesucht, im Familienkreis davon erzählt und da wollten alle mit. Innerhalb von zwei Tagen war alles gebucht. Was die Auswahl des Schiffes und der Kabinen betraf haben sie uns freie Hand gelassen und es hat keiner bereut. Kurz und schmerzlos. :D

      @an Alle - ich freue mich, dass es euch gefällt

      LG Gilbert
      :)
    • Sturmreise mit der Finnmarken im Herbst vom 17. – 28.09.2018 – BKB

      Samstag, 22.09.2018



      Obwohl ich gestern so spät in der Koje war, bekanntlich hatte ich kein grünes Gold mehr gefunden, wachte ich gegen 06:00 Uhr auf, ein Blick aus dem Fenster zeigte mir einen Hafen. Mein suchendes Auge erhaschte ein Schild mit dem Namen Hammerfest . Was tun, anziehen, Fotosachen schnappen und vom Schiff runter? Wer weiß wie lange die Finnmarken hier schon liegt. Nee, zu stressig also wieder zum Pool und Sauna, aber diesmal mit Münze für die Wertbox. Unglaublich, dass ich daran gedacht hatte, vielleicht gab es doch noch Hoffnung für mich, dass der Honig im Kopf flüssig bleibt. Die Kamera nahm ich auch mit, mit etwas Glück entdecke ich einen Meeressäuger. Auf Deck 7 angekommen, wir hatten Hammerfest längst wieder verlassen, guckte ich kurz um die Ecke und sah mit Freuden einen vollen Pool. Einen kleinen Nachteil gab es doch, denn das Wasser in ihm war sehr unruhig mit vielen Wellen.

      Wir hatten zwar nicht so einen Seegang wie vorgestern, doch um den Pool überschwappen zu lassen, reichte es. Kurz habe ich überlegt, dann gewann der männliche Stolz, selbstbewusst vertraute ich meinen Schwimmkünsten. Umgezogen, geduscht und hinein ins Vergnügen, ab in den Wellenpool. Bloß nicht an den Rand kommen, immer schön in der Mitte bleiben, sonst eckt man an. Ganz schön anstrengend, auf der Stelle zu schwimmen immer gegen die Wellen, ob von hintern, vorn oder der Seite. Wieder war ich etwas leichtsinnig, denn obwohl ich als ehemaliger Rettungsschwimmer mich im Wasser zu Hause fühle, so war mir klar was passiert wenn ich gegen den Beckenrand knalle. Aber Spaß hat es gemacht, es hatte was von Bullenreiten im Wasser. Misstrauisch schaute ich zu der Kamera, die in einer Ecke über dem Pool hängt, und überlegte ob ich wohl missbilligende Zuschauer habe. Als ein Mitglied der Besatzung kam saß ich in einem Whirlpool zum Ausruhen. Das gibt jetzt eine Standpauke, dachte ich. Doch er schöpfte nur mit zwei Tassen etwas Wasser und verschwand wieder. Das gab der Unvernunft wieder Aufwind und ich bin wieder in den Pool geklettert um mich noch ein wenig zu verausgaben. Die anschließende Dusche und diesmal nur ein Sauna Gang, ich war spät dran, waren reine Erholung, das Schwimmen hatte Kraft gekostet.

      Diesmal wählte ich ein herzhaftes Frühstück, mit dunklem Brot belegt mit Lachs und Käse, etwas Obst, Kaffee und Apfelsaft. Am Tisch meiner Frau, Schwester und Schwager war noch ein Platz frei. Mal nebenbei bemerkt, den Kaffee mochte ich, doch die Säfte waren nicht der Bringer.
      Nach dem Frühstück sind wir Vier rauf zum Expeditionsteam, um uns zu erkundigen was unser Luxusausflug macht. Fünfmal hatte meine Frau bereits nachgefragt und fünfmal wurde sie vertröstet. Das Meer sah zwar nicht aus wie ein Baggersee, doch für ein Nordmeer war es recht friedlich. Beim Reiseleiter Holger machte sich Ernüchterung breit, der Superausflug fällt aus! Wir waren enttäuscht, meine Chancen auf Fotos von anderen Vögeln als immer nur Möwen und Kormoranen waren bei null. Meine Frau konnte eine gewisse Erleichterung kaum verbergen, es hat ihr von Anfang an nicht gefallen so viel Geld für einen Ausflug zu bezahlen und der hätte jetzt noch in strömendem Regen stattgefunden. Stattdessen fuhren wir mit dem Bus zum Nordkap. Die Enttäuschung kann ich heute noch kaum in Worte fassen. Man kann es ungefähr so vergleichen, du bekommst das Angebot mit einem Porsche über den Nürburgring zu fahren und dann kriegst du ne’ Mofa. Es war nur noch die Frage ob wir es überhaupt sehen können, das Nordkap. Zu dem Regen gesellte sich ein schöner tuffiger Nebel. So sieht es bei uns zu Hause Ende November aus und nicht im September.

      Um den Frust abzukühlen habe ich mich erst mal warm angezogen, weil ich natürlich wieder meinen Aussichtspunkt auf dem Bug beziehen wollte. Eine Schiffsbegegnung war wieder angekündigt, und für einen Hurtigruten Fahrer ist das ein wichtiges Ereignis. Diesmal kam uns die letzte der drei Stralsunder Schwestern durch das unruhige Meer entgegen.

      Die Nordlys war es, die anderen Schwestern Richard With und Kong Harald waren uns ja schon begegnet. Nach Getröte und sehr mäßigem Gewinke hinterließ jedes Schiff seine Kielwasser Spur für kurze Zeit im Nordmeer. Um 08:40 erreichten wir den Hafen Havøysund . Ich blieb an Bord, fotografierte und schaute dem Be- und Entladen zu. Bei einer halben Stunde Aufenthalt wäre ein von Bord gehen zwar möglich gewesen, doch alles was in 15 Min. Fußweg erreichbar war, sah nicht besonders interessant aus.

      Nach dem Auslaufen konnte man in eine Bucht mit einem hübschen Ortsteil schauen, ich sah darin ein lohnendes Motiv trotz des Nebels und grauem Himmel. Tolle Fotomotive gibt es nicht nur bei schönem Wetter.

      Irgendwann bin ich runter in die Kabine gegangen, um mich für das Nordkap noch dicker anzuziehen. Wir fuhren zwar mit dem Bus, aber man weiß ja nie. Ich bin ja überhaupt kein Freund von Busausflügen und wenn es nicht das Nordkap gewesen wäre…, Busausflug hat so was von Schafsherde. Alle aussteigen, fotografieren und wieder einsteigen, das hatten meine Frau und ich schon 1986 auf Gran Canaria erlebt und seitdem vermieden. Wir hatten an einer Inselrundfahrt teilgenommen und der Bus hielt an einem Obststand, Teppichfabrik und einer Keramikwerkstatt. Ach ja, Landschaft haben wir auch gesehen. Wieder trauerte ich dem ausgefallenen RIB-Boot und Wanderausflug nach. Aber das Nordkap wollte ich ja wenigstens einmal sehen. Das in der kurzen Zeit selbst zu organisieren kann schwer in die Hose gehen.

      Bis es so weit war habe ich mich in den Panoramasalon zurückgezogen, um in meinem Tablet Stichpunkte für mein Tagebuch zu machen. Die ersten drei Tage hatte ich nicht angefangen zu schreiben, dann habe ich zwei Tage gebraucht um wenigstens die wichtigsten Stichpunkte zu notieren, damit ich Erlebtes nicht vergaß. Jetzt war ich auf dem Laufenden und die Schreiberei machte mir Freude. Gut, dafür bin ich nicht zum Lesen gekommen, wobei ich zweifle ob ich die Ruhe dazu gehabt hätte. Es wäre ja auch schade gewesen die norwegische Küstenlandschaft, die an einem vorbeizieht, zu verpassen. Beim Schreiben schaut man schon mal eher auf und lässt den Blick schweifen. Damals 1983, als ich in Kalifornien war, hab ich es genau umgekehrt gemacht, ausführlich mit dem Schreiben begonnen und dann stark nachgelassen. Beides ist natürlich suboptimal aber ein Tagebuch ist nicht jedermanns Sache. Prima das ich die Kurve gekriegt habe, sonst wäre es schwer möglich gewesen diesen Bericht zu verfassen.

      Es war 10:15, es gab schon wieder Lunch, das Nordkap kam näher. Kurz vor Honningsvåg ging ich zum Fotografieren aufs Vorschiff.

      In der grauen Nebelsuppe sah der Ort sehr verschlafen aus, nur die zahlreichen Reisebusse zeugten von touristischer Geschäftigkeit. Lieber wäre ich mit meiner Frau durch den Ort gestreift und auf eigene Faust auf Entdeckungsreise gegangen. Doch wie schon gesagt, wenn man schon mal hier ist…, das gemeinschaftliche Familienerlebnis…, also bin ich wie ein Todesspringer von Acapulco mit einem Köpper hinein in die Touristenherde. Da hieß es nur Augen auf und durch. Die Kamera nahm ich mit dem Allround Zoom mit, denn ein Objektivwechsel bei dem Wetter ist wenig ratsam. Ich glaub ich brauch ein zweites Gehäuse. Ach ja, ist es nicht schön Luxusprobleme zu haben? Aber ich schweife ab. Beim Ausgang gab es ziemliches Gedränge, was zwei Silberköpfe veranlasste sich in die Wolle zu bekommen. Da hatte sich wohl einer vorgedrängelt. Ich hab es doch gewusst, sind Schafe nicht auch leicht silberfarben und haben Wolle? Ich weiß ich bin böse!!! Wir mussten eine ziemliche Strecke zu den Bussen gehen, es war für meine Mutter mit Krücke aber gut zu schaffen. Die rein deutschsprachigen Busse waren schon alle voll, jetzt weiß ich warum die Silberköpfe es so eilig hatten, das waren Profis. Es gab noch Platz in einem deutsch-französischen Bus was mich mit meinen bescheidenen französischen Sprachkenntnissen freute. Der Schweizer Reiseleiter sprach schön langsames Französisch und war ein sehr sympathischer Typ.

      Nach einiger Fahrzeit und umfangreichen Erklärungen zur Insel Magerøya , den Samen und Rentieren, wenn ich mich recht erinnere kommen auf jeden Samen 3 Rentiere, 4 Zelte und 5 Blockhütten (dies ist ein abgewandeltes Zitat von Hape Kerkeling), kam das Unvermeidliche, eine geschickt aufgebaute Touristenbus Falle. Ein Stopp bei einem Samen Outlet mit Fototermin von einem Sámi mit Rentier.

      1 Blockhütte, 2 Zelte, 3 Rentiere und 3 Samen, tja Hape, deine Gleichung stimmt nicht. Die Samen zeigten Teile ihrer Kultur und boten in ihrem Shop eigene Handwerkskunst an, jedenfalls teilweise, unter einem Keramikbecher stand: Made in China. Und wieder ich bin böse, ich kann es nicht lassen! Das Volk der Samen ist bestimmt froh, diese Verdienstmöglichkeiten zu haben, also habe ich nicht darüber zu urteilen(Punkt). Ich stieg aus dem Bus und sah unweit der Hütte ein Rentier grasen.

      Vorsichtig näherte ich mich, dann schaute es auf, guckte erstaunt als ich den Auslöser drückte und verschwand in weite Ferne. Sein Blick drückte regelrechtes Entsetzen aus, oh Gott Touristen schien es zu denken. Ich sah mir die anderen Ausstellungsgegenstände an, erfüllte meines Schwiegervaters Wunsch nach einem Foto mit dem älteren Sámi und seinem Rentier an der Kette und dachte gleich wieder, wie im wilhelminischen Zeitalter die Naturvölker im Zoo. Dem Rentier war es egal, es kaute genüsslich auf seinen Moosen herum. Es ist halt wie es ist, also wieder raus aus der Hütte, rein in den Regen, raus aus dem Regen und rein in den Bus dem nächsten Touristenmagneten entgegen.

      Die Ankunft am Nordkap wurde von grauenvollem, stürmischem Wetter begleitet. Der Regen kam von unten und wir beeilten uns den Zwischenraum vom Bus zum Gebäude schnellstens zu überwinden. Für diesen kurzen Moment war die Zwiebelschicht Kleidung gut, als ich dann im Kino saß habe ich sie verflucht. Ich saß auf dem Rasiersitz und schwitzte. Da kein anderer so weit vorne sitzen wollte hatte ich genug Platz meine überflüssige Kleidung links und rechts von mir zu verteilen. Der Film war ganz nett, aber noch einmal würde ich ihn nicht anschauen, es war ein Werbefilm für das Nordkap. Die Schaufenster mit den Dioramen auf dem Weg zur Grotte mit den Polarlichtern hinunter waren wie ein Märchen Garten für Kinder, aber trotzdem irgendwie schön ich bin schließlich Modellbahner. Eine kleine hübsche Kapelle, der Schrein für den thailändischen König und wieder ausgestopfte Tiere waren weitere unterirdische Attraktionen. Das ist jetzt wirklich rein räumlich gemeint also nicht falsch verstehen. Ein riesiger Souvenirshop rundete das Bild über das Gebäude ab.

      Dann haben meine Frau und ich uns zur Nordkap Kugel gekämpft, ein vernünftiges Gehen war bei dem Sturm gar nicht möglich, wir wären bald weggeflogen, dazu noch reichhaltig Regen, hoffentlich bleibt mein chinesisch japanischer Fotoapparat dicht, dachte ich. Wir haben an der Kugel die obligatorischen Erinnerungsfotos gemacht, immerhin allein. Auf dem Podest musste man sich festhalten, sonst wäre man heruntergeweht worden. Der Wind war so stark, dass mein schwerer Fotoapparat von meinem Brustkorb abhob. Die Sichtweite betrug gerade 10 Meter, man war weit von einem Panorama Ausblick entfernt. Wieder in der großen Halle hat uns Alle ein Mitreisender freundlicherweise vor den Trollen fotografiert, dann ging es wieder zu den Bussen.

      Ich bin noch zu dem Mitternachtssonnen-Denkmal mit Rückenwind gesegelt, habe ein Foto gemacht, einen Stein aufgesammelt, um dann gegen den Wind anzukreuzen zum Bus zurück. Die Busfahrt wurde wieder mit schönen deutsch-französischen Informationen über die Region untermalt. Nach Verlassen des Busses ging es durch den Regen an geparkten Quads und Schneemobilen vorbei, mit Fotostop beim Bernhardiner, zurück zum Schiff.

      Es fuhr mit Verspätung los und ich bin schnell in die Kabine um meine lange Unterhose loszuwerden, was wohl die beste Schnapsidee dieser Reise war.

      Abermals hieß es Schlange stehen, diesmal für einen Kaffee, weil nach dem Ausflug jeder einen wollte. Ich bin dann nach oben zum Panoramadeck gegangen zum Schreiben, da habe ich die Landschaft im Blick, denn ich hatte den unbändigen Wunsch die Finnkirche im Regen und Nebel zu fotografieren. Im Moment haben wir wieder ordentlich Seegang, aber kein Vergleich zu vorgestern. Wir schaukelten grade auf eine Gischt umtoste Klippe zu, sollte jetzt etwa die Finnkirche kommen? Dicke Linse drauf, Sessel aufgeben und los oder warten? Jo, los geht´s da isse!

      So, geschafft mit triefender Nase und eiskalten Fingern sitze ich wieder in meinem Sessel, den eine freundliche Norwegerin für mich freigehalten hatte. Langsam wurde ich Profi, ich stand nicht mehr stundenlang am Bug, sondern hakte die Sehenswürdigkeiten von der Panoramakanzel ab. Man könnte es auch Faulheit und Wetterscheu nennen. Jetzt erreichten wir Kjollefjord , ich wurde so richtig faul und fotografierte nur aus den Panoramafenstern.

      Es sah wie so oft herrlich aus, eine ca. 1 km breite Bucht von hohen Hügeln umschlossen und rings um das Wasser drängen sich kleine bunte Häuser und Holzgestelle, mit Fischköpfen daran befestigt. Soll das etwa räuberische Fische abschrecken? Nein, das sind natürlich Stockfischgestelle, doch was sollten die Fischköpfe? Das Schiff drehte zum Anlegen und wir hatten 15 Minuten Aufenthalt, ich blieb sitzen. Nach dem Ablegen erzählte uns Reiseleiterin Marte, dass an Steuerbordseite zwei Felsen mit den Namen Svartnakken und Kvitnakken kommen. Ein Foto lohnt sich, mit Sonnenlicht wäre der Farbunterschied der Felsen schöner.

      Jetzt geht es wieder raus aufs offene Meer und die Finnmarken muss gegen breite hohe Wellen arbeiten, es schaukelte sich ganz schön auf hier oben und ein leichtes Kribbeln machte sich bei mir im Magen bemerkbar. Musikalisch untermalt wurde diese Auf- und Abbewegung von dem Krachen der Stabilisatoren jedesmal wenn das Schiff in das Wasser zurück fiel. Wenn das so weiter geht wird das Abendessen wieder lustig. Nein, das war nicht lustig, es war ganz schön beängstigend ein Spielball der Elemente zu sein.

      Die Gischt spritzte sehr hoch, ich stellte mich ganz vorn an die Scheibe und fotografierte den Bug wie er überspült wurde, allerdings nur mit dem Iphone, da ich mich mit einer Hand festhalten musste.

      Das Abendessen war diesmal in Buffetform , mein Bruder haderte mit sich ob er ein Bier bestellen solle, ich machte es ihm noch schwerer, weil ich ein dunkles Mack Bayer bestellte, da konnte er nicht mehr widerstehen. Ein Kellner war sehr freundlich und kam mit einem Tablett Schnaps rum und fragte, ob ich einen möchte. Höflich wie ich bin sagte ich ja, im gleichen Moment dachte ich das war ein Fehler, weil ich unterschreiben durfte. Für einen Moment glaubte ich an eine Aufmerksamkeit. 100 Kronen weg und das für einen scheußlichen Aquavit, das hat man von seiner Höflichkeit.

      Nach dem Abendessen setzten wir uns an einen Tisch bei der Cafeteria zum Kniffeln, mein Schwager wollte lieber den Film über die Sami sehen. Viertel nach neun, nach einer Runde, ich hatte sagenhaftes Würfelbecher Glück, waren alle müde und die Gruppe löste sich auf. Wir haben noch eine Weile mit Schwester und Schwager gesessen und über die Möglichkeit des Nordlichtes diskutiert.
      Dann sind auch wir ins Bett gegangen, hatten uns hingelegt und noch einmal aus dem Fenster geschaut, ist das nicht ein grüner Schimmer am Himmel? Tatsächlich, Nordlicht aber ohne Alarm. Schnell haben wir uns notdürftig angezogen, ich habe die Kamera vorbereitet, dass mir das Chaos vom Vortag nicht noch mal passiert. Meine Frau hat noch ihren Vater geweckt, damit er das auch mal sieht und ich bin hoch zum Umlaufdeck. Na sowas, nach links zum Bug war abgesperrt. Wahrscheinlich wollte es die Besatzung, bei dem starken Wind und Seegang, nicht riskieren ein Mann-über-Bord-Manöver zu fahren, deshalb kein Nordlicht Alarm. Die Leute, ich allen voran, werden alle panisch und hektisch und schmeißen sich gegenseitig über Bord wenn sie Nordlicht Alarm hören. Durch das kleine Treppenhaus fuhr ich mit dem Aufzug zum Deck 8 und hatte super Platz meine Fotokünste zu verbessern. Diesmal gleich mit Stativ, es auf diese Reise mitzunehmen hatte sich als Quatsch herausgestellt, da es die Schiffsbewegungen nicht ausgleichen kann. Die Canon Fotogruppe kam erst viel später, als fast alles vorbei war, trotzdem blieb ich und spitzte die Ohren, um den ein oder anderen Ratschlag des Dozenten an seine Schüler aufzuschnappen.

      Das Fotografieren klappte besser, aber es war ein sehr starker kalter Wind, ich hielt nicht lange durch.

      Auf dem Rückweg ging ich noch am Pool vorbei, der machte einen traurigen Eindruck wie er so leer und trocken dalag. Ich vermutete, dass die Besatzung mich am Morgen gesehen hatte bei meiner halsbrecherischen Schwimmerei. Dem legen wir das Handwerk, war bestimmt der Vater ihrer Gedanken, sonst müssen wir ihn noch von der Poolwand kratzen.
      Dann ab in die Schaukel-Koje.
    • @Nanook
      An diesem heißen Sonntagmorgen genieße ich deinen unterhaltsamen " kalten und windigen" Bericht. :mosking: Bitte richtig verstehen !!!
      Du schreibst so anschaulich und spannend, daß dein Tagesbericht mir richtig kurz vorkommt. Da wir ja mit der Polarlys nur einen Tag hinter euch waren, kann ich mir alles sehr gut vorstellen, allerdings waren unsere Wetterbedingungen nicht so extrem.
      Das Nordkap hatten wir auf unserer ersten HR -Reise im Sommer 2015 und auf der zweiten im Winter, nämlich Februar 2017, besucht, letzteres war einmalig und deshalb sind wir bei der Herbstfahrt 2018 und Mai-Reise 2019 nur an Deck bzw. im Hafen von Honningsvag geblieben. Daß ihr sogar Polarlicht gesehen habt, ist ja super. Das war uns nicht vergönnt. Ich finde es toll, wie du dein Solo-Programm absolvieren kannst und gleichzeitig immer wieder ein Meeting mit deinen Familienangehörigen einschiebst. Ich brauche auf so einer Reise viel Freiraum und das Gute ist ja, daß ich meinen GöGa mit und ohne Verabredung immer mal wieder irgendwo treffe, sei es im Restaurant oder bei einem Vortrag und die Polarlys ist ja auch kleiner als die Finnmarken und man kennt inzwischen die Lieblingsplätze des anderen.
      Nun freue ich mich :) auf die Fortsetzung deines Berichtes, denn jetzt geht es "ganz obenrum" bis Kirkenes .
      Liebe Grüße von Trollebo
    • Trollebo wrote:

      ... " kalten und windigen" Bericht. :mosking: Bitte richtig verstehen !!! ...
      Ich finde es toll, wie du dein Solo-Programm absolvieren kannst und gleichzeitig immer wieder ein Meeting mit deinen Familienangehörigen einschiebst. Ich brauche auf so einer Reise viel Freiraum und das Gute ist ja, daß ich meinen GöGa mit und ohne Verabredung immer mal wieder irgendwo treffe, sei es im Restaurant oder bei einem Vortrag und die Polarlys ist ja auch kleiner als die Finnmarken und man kennt inzwischen die Lieblingsplätze des anderen. ...


      Hallo Trollebo,
      keine Sorge ich verstehe so schnell nichts falsch, denn wie du sicher gemerkt hast liebe ich Wortspiele. :D
      Es ist schon richtig, dass jeder die gleiche Reise anders erlebt. Wenn meine Frau von dieser Reise einen Bericht schreiben würde, so stünde sicher etwas ganz anderes darin. Es wäre auch nicht gut wenn man sich auf dem Schiff nur auf der Pelle hocken würde. Jeder Mensch hat nun mal andere Vorlieben, und ich habe den Bug und den Pool der MS Finnmarken geliebt! ;)
      LG Gilbert :)

      @ allen Lesern - vielen Dank 4all
    • Sturmreise mit der Finnmarken im Herbst vom 17. – 28.09.2018 – BKB

      Sonntag, 23.09.2018


      Es war Sonntagmorgen, da will doch jeder normale Mensch mal richtig ausschlafen, oder? Auch ich wollte das heute, schon allein aus dem Grund, weil ich durch die Polarlicht Jagd wieder spät ins Bett gekommen bin. Es gehen einem so viele Sachen durch den Kopf und man überlegt auch ständig was passiert draußen während ich hier im Bett liege. Also aufstehen und waschen, zum Pool ging ich nicht, da ich schon ahnte, dass er nicht wieder gefüllt worden war.

      Trotzdem stand ich gut gelaunt an Deck als wir ca. 06:50 in Vadsø einliefen. Der Aufenthalt war mit einer halben Stunde angegeben. Na mal rausgehen, dachte ich, und die Beine vertreten schließlich gibt es heute keinen Schwimmsport. Vielleicht findet sich ja das ein oder andere Fotomotiv bei dem doch recht guten Wetter. Leider Fehlanzeige, ich hatte den Eindruck, dass das Schiff an der falschen Seite der Stadt liegt, denn es gab hier nur Industrieanlagen und die Natur war auch recht spärlich, nicht mal ein armseliges Blümelein war zu finden. Nach einer viertel Stunde rumlaufen bin ich zurück zum Schiff, um von der erhöhten Position des Decks 8 die andere Seite des Hafenbeckens in Augenschein zu nehmen. Das war auch die richtige Entscheidung, denn mit dem Sonnenaufgang ergaben sich wunderschöne Fotoaufnahmen von dem bunten Häusermeer und dem Jacht- und Fischereihafen.



      Auch die Brücke mit Wolkenstreifen am Horizont im Gegenlicht ließen das Fotografenherz höher schlagen. Wo war denn nur die Fotogruppe? Da lagen die in der Pofe und ließen diese phantastischen Lichtverhältnisse sausen. Gut dass meine innere Uhr mich auf Trab hielt. Ich habe dann noch einen Blick auf den traurigen, leeren Pool geworfen.



      Das war schade dass ich nicht schwimmen konnte, ich hatte mich schon sehr daran gewöhnt. Die Crew wollte sich meine riskante Schwimmerei wohl nicht länger anschauen und ein leerer Pool war das effizienteste Mittel mich davon abzuhalten. Ist ja gut, ich hab´s verstanden. Aber man darf mich auch nicht so in Versuchung bringen, zum Beispiel mal die Tür zum Maschinenraum auflassen, da könnte ich nicht widerstehen.

      Mein knurrender Magen gab mir schließlich den Befehl umgehend den Weg zum Speisesaal einzuschlagen und die Aussicht auf ein tolles Frühstück, das dort auf mich wartete, ließ mich umgehend meine trüben Gedanken vergessen. Die drei Senioren waren schon fleißig am Spachteln und ließen sich von mir auf den neuesten Stand bringen, was es da draußen zu sehen gab.



      Nach dem Frühstück haben wir uns fertig gemacht für den Landgang in Kirkenes , ein kleiner Ort in der Nähe der russischen Grenze. Dieser Ort ist seit 1908 nördlicher Wendepunkt der Hurtigruten und der Name leitet sich von Kirke, norwegisch für Kirche, ab. Wir standen schon vor der Personenluke des Schiffes, als ich plötzlich ein komisches Gefühl am linken Fuß hatte. Irgendwie stehe ich wackelig und schief, hatte ich etwa Kreislauf? Oh Schreck, die linke Sohle meiner Bergstiefel löste sich in Wohlgefallen auf. Der rechten Sohle war eine Wanderung zum Kahlen Asten auch nicht mehr zuzutrauen. Die guten Meindl, sie waren zwar schon recht alt, doch nicht so viel benutzt. Da sieht man mal wohin das führt, Material zu schonen. Ich habe die Stiefel regelrecht kaputt geschont. Das war jetzt ein echtes Problem, nicht für unseren Landgang in Kirkenes , denn das Wetter war kalt aber sonnig, da sollten die Halbschuhe reichen, doch im Trollfjord wollte ich ja noch an der Adler Safari teilnehmen und da sind wasserdichte Schuhe vielleicht ganz ratsam. Da musste ich wohl in Norwegen für Ersatz sorgen.

      Heute in Kirkenes aber nicht, denn so etwas wie ein verkaufsoffener Sonntag war den Norwegern sicher unbekannt. Zumal wir hier fast am Ende der Welt waren, und das Warenangebot wahrscheinlich dementsprechend ist. Meine Eltern machten die Bustouristik zur russischen Grenze mit. Mein Vater fragte bei der Buchung des Ausfluges den Reiseleiter, was man denn dort zu sehen bekäme. Der stutzte kurz bei der Frage und antwortete ihm darauf hin: die russische Grenze. Ah ha, da war er um ein vielfaches schlauer. Mein Schwiegervater wollte an Bord bleiben und bei Sonnenschein im Whirlpool sitzen, und wir Anderen hatten vor den Ort zu Fuß zu erkunden.

      Mein Schwager hatte mich zu Hause und zu Beginn der Reise noch mal auf eine Quad Safari angesprochen, doch ich hatte nicht so recht Interesse gezeigt. Ich finde Quads eigentlich ziemlich langweilig, obwohl ich noch nie eins gefahren habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich Motorrad Fahrer bin und demzufolge das Quad nicht so spannend finde. Im Winter mit einem Schneemobil, das wäre etwas ganz anderes, da wäre ich Feuer und Flamme gewesen. Und dann ist ja auch wieder das Problem, dass man in einer Gruppe unterwegs ist und an gewisse vorgegebene Haltepunkte gebunden ist.

      Das Schiff machte an dem Pier fest und es war ganz klar ersichtlich, dass ein großer Wechsel stattfand. Viele Leute verließen das Schiff und machten anderen Platz die hier ihre Hurtigruten Reise begannen. Als wir diese Reise buchten, haben wir an diese Möglichkeit nicht den Hauch einer Sekunde verschwendet, denn die Rückfahrt ist schon sehr unterschiedlich zur Fahrt in den Norden. Nachdem die Passagiere die das Ende ihrer Schiffsreise erreicht hatten, von Bord waren konnten wir auch starten. Wir fünf liefen los, und blieben gleich bei dem Souvenir Shop hängen.

      Doch da half kein Jammern und kein Klagen,
      die Frauen wollten hinein in den Laden.

      Na ja, es gab nicht nur Nepp, sondern auch schöne Mitbringsel und Textilen zu kaufen, aber das haben wir auf später verschoben. Wir sind durch das Hafengelände hindurch, um in ein Wohngebiet hinein eine Straße zu einer Anhöhe zu laufen. Vorbei an bunten Holzhäusern, an einer lustigen Spatzenbande die eine Pfütze zu einem Vollbad nutzte, blieben wir eine Weile stehen um dem niedlichen Treiben zuzuschauen.



      Einen kleinen Kreisverkehr mit Stein Stehlen, der aussah wie ein Lilliput Stonehenge, nutzten wir als Motiv für Portraits von uns. Der Weg führte uns weiter bis zu einem Kriegerdenkmal mit einem russischen Soldaten in einem kleinen Park. Damals waren die Russen die Befreier und heute sind sie eine Bedrohung. So ändern sich die Zeiten. Die Deutschen waren die Besatzer und heute sind sie die Touristen die ihr Geld im Land lassen.
      Auf dem Weg zur City hinunter kamen wir an der „Andersgrotta“ vorbei.



      Die war geöffnet, kein Mensch weit und breit zu sehen, also sind wir hinein. Sie stellte sich als ein Bunker heraus in dem die Bevölkerung im 2. Weltkrieg Schutz gesucht hatte. Wieder einmal waren wir mit der dunklen Vergangenheit des deutschen Volkes konfrontiert. Wir gingen eine Treppe, mit einer norwegischen Fahne am Eingang, hinunter und ein Stück in den Gang hinein, der wie ein Bergwerksstollen aussah. Links und rechts waren schwarzweiß Fotos aus der Zeit des 2. Weltkrieges aufgehängt die wir uns anschauten, bis plötzlich ein erregter, älterer Herr auf uns zukam. Er sprach uns auf englisch an und klärte uns auf, dass für uns der Zutritt nicht erlaubt sei, weil wir nicht zu einer angemeldeten Gruppe gehörten. Wir machten mit einer Entschuldigung kehrt und wiesen ihn darauf hin, dass nichts auf ein Eintrittsverbot hindeutete. Er sprach von einem Schild, welches wir draußen umgedreht auf der Nase liegen sahen. Hat ein Schild eine Nase? Entweder hatte es der nicht vorhandene Wind umgeschmissen oder ein Tourist weil er sich nicht daran halten wollte. Nein, liebe Leser, wir waren es nicht. Non nostra culpa! Mein Vater der die Führung mitmachte erzählte hinterher, dass der ältere Herr während seines Vortrages durchblicken ließ, dass er auf die Deutschen nicht gut zu sprechen sei. Verstehen kann man es, wer weiß was er erlebt hat, aber besser wird das Miteinander dadurch nicht.

      Ich machte noch ein Foto von dem Wegweiser, der die Entfernungen zu anderen Städten auf der Welt zeigte, wahrscheinlich das „most wanted“ Objekt für Touristen in Kirkenes , deswegen werde ich mein Fotolimit damit auch nicht belasten! Wir gingen weiter und kamen auf einen großen Platz, der wohl mit den ihn umgebenden Häusern die City darstellen sollte. Ein leider geschlossenes Kaufhaus und eine Seitenstraße, mit ebenso geschlossenen Geschäften und Restaurants, vervollständigten das Bild einer kleinen verschlafenen Stadt am Ende der Welt. Anschließend gingen wir noch zu dem Fischereihafen hinunter, dort wurden an einem, natürlich geschlossenen Restaurant, Walsafaris und andere Aktivitäten angeboten. Durchaus eine Möglichkeit seine Freizeit zu gestalten, wenn man als Tourist in diese Gegend verschlagen wird und einen längeren Aufenthalt hat als wir.



      Es lagen russische Trawler im Hafen, also scheint das Verhältnis zwischen Russen und Norwegern gar nicht so schlecht zu sein. Es ist halt immer ein Unterschied wie die Regierungen kommunizieren und wie die kleinen Leute sich untereinander verhalten. Hier trennte sich unsere Gruppe, während die Einen am Wasser Richtung Schiff zurück gelaufen sind, wollten meine Frau und ich noch mal in die Fußgängerzone. Die Auslage in den leider geschlossenen Geschäften war aber sehr schön anzuschauen. Total modern und gespickt mit Dingen , die Frauen Freude machen, von allen nordischen Firmen mit Rang und Namen. Daran sieht man mal was für ein wohlhabendes Land Norwegen ist, dass auch in so einem entlegenen Ort, ganz im Gegensatz zu meiner ursprünglichen Meinung, so ein großes Warenangebot vorhanden ist.

      Wir fanden dann einen Kiosk der geöffnet hatte und enterten ihn, um noch etwas Nervennahrung zu erwerben. Zwei Softeis haben wir für 100,- NOK gekauft, da war er wieder der norwegische Standardpreis. Die beiden Mädchen hatten leichte Schwierigkeiten bei der Herstellung, was aber nach einer Fehlproduktion schließlich doch gelang. So war der Rückweg leichter mit einem Eis auf der Hand und Sonnenschein am Himmel, was wollte man mehr. Wir kamen zum Anlieger wo die Finnmarken lag und trafen wieder mit den Anderen zusammen. Und was soll man sagen, der Souvenir Shop hatte uns wieder. Was wäre die Welt eines Touristen ohne Souvenir Shops!

      Wieder an Bord der Finnmarken begaben meine Frau und ich uns nach einem Kleidungswechsel sogleich in den Speisesaal und hatten Glück denn wir konnten den besten Tisch ergattern. Das ist der, der mittig ganz achtern liegt. So erlebten wir ein Mittagessen mit Ausblick, wobei sich das Wetter weiterhin von seiner guten Seite zeigte, während die MS Finnmarken ihre Südtour begann. Der Hafen von Vadsø wird südgehend ausgelassen, also fuhren wir gleich durch bis Vardø . Satt und zufrieden stöberten noch ein wenig im Bord Shop, um zu guter letzt zwei Postkarten, mit der Finnmarken als Motiv, samt Briefmarken zu kaufen. Wir hatten uns angewöhnt uns selbst eine Postkarte aus dem Urlaub zu schreiben, da man sonst kaum noch eine bekommt. Leider hat heutzutage fast keiner mehr Lust eine Urlaubskarte zu schreiben, sondern es gibt nur noch eine doofe, unromantische Whats App. Die kann man schlecht an eine Pinnwand hängen.

      Nach dem Kaffee trinken ging ich zum Aussichtsdeck um in Stichpunkten den Tag festzuhalten. Meine Frau blieb bei ihrem Vater an seinem Lieblingsplatz auf der Steuerbord Seite. Mir sagte es dort nicht zu, da ich Angst hatte an der Backbordseite was zu verpassen. Da ich meine Kamera mit zwei Objektiven und meine Jacke dabei hatte, konnte ich schnell auf Fotomotive reagieren. Eigentlich sollten wir um 15:45 Uhr in Vardø sein um nach einer Stunde Aufenthalt weiterzufahren. Der Ort kam aber schon um zehn vor drei in Sicht, woraufhin ich meinen Sessel im Panorama Salon räumte und mich nach draußen begab. Weithin sichtbar waren zuerst der ungewöhnliche Kirchturm und die große Radarstation mit ihrer mächtigen weißen Kugel, ein weiteres Indiz dafür, dass sich Russland von der damaligen Befreier Rolle weit entfernt hat. Als wir um die Landzunge herum kamen schob sich ein für mich besseres Fotomotiv vor die Linse.



      Der viereckige, weiß gemauerte Leuchtturm von Vardø mit seinem roten Hütchen und angebauten Leuchtturmwärterhäusern vor blassblauem Himmel gaben mir und der inzwischen angerückten Canon Fotogruppe die Gelegenheit, die Verschlüsse unserer Kameras auf Betriebstemperatur zu bringen. Der Leuchtturm stand auf dem Bergrücken einer kleinen Insel, die unweit der Hafeneinfahrt von Vardø liegt und zu seinen Füßen, am Meer gelegen, ein kleines rotes Haus mit Bootsanleger. Zum Leuchtturm hinauf führten 2 Kabel an zahlreichen Masten befestigt, vielleicht Strom- oder Telefonkabel. Das Schiff schwenkte mittlerweile herum und hielt auf die Hafeneinfahrt zu und so wandte ich mich dem neuen Ziel zu. Meine volle Aufmerksamkeit galt nun den zahlreichen bunten Booten, Häusern und Kormoranen.



      Diese lustigen Gesellen, die auf dem Land so plump wie Pinguine wirkten und im Wasser grazil wie ein Fisch sind, hatten sich wie ein Begrüßungskomitee auf den Mauern der Hafeneinfahrt aufgestellt und ließen sich ungerührt fotografieren, nicht ahnend dass ihr Datenschutz verletzt wurde.



      Beim Anlegen stellte sich heraus dass nur mein Schwager und ich den Landgang nutzen wollten. Die Reiseleitung empfahl die alte Festung, die auf einem Hügel hinter der Stadt liegt, als Ausflugsziel. Sie heißt Vardøhus festning, ist achteckig und sollte, wie kann es anders sein, die Provinz Finnmark vor russischen Angriffen schützen. Erbaut wurde sie im 14. Jahrhundert, bekam 1734 seine achteckige Sternform und ist natürlich die nördlichste Festung der Welt.



      Die MS Finnmarken spuckte ungefähr 50 Passagiere, bewaffnet mit Fotoapparaten, aus und diese stürmten sogleich die Festung, nicht mit Gebrüll sondern mit schnatternder Unterhaltung, untermalt wurde dies von einem leichten Herbstregen. Mein Schwager begleitete mich eine Weile und ging dann eigene Wege, da er die Festung schon kannte. Vorbei an einem Kinderspielplatz mit selbst gebauten Geräten lag sie am Ende der Straße. Ich machte ein paar Fotos und ging meinen Mitreisenden nach zum Eingang, doch dann zögerte ich, denn die Sonne kämpfte sich durch die Wolken und der Regen ließ nach. Die Aussicht auf super Licht zum Fotografieren hielt mich von einem Abenteuer, durch muffige Gänge zu laufen, ab. Also machte ich kehrt, um zum Hafen zurückzugehen auf der Suche nach Motiven der anderen Art.

      Dabei hatte ich Glück, denn zwischen alten Lagerhäusern fand ich einige sehr interessante Graffitis, Schrott und anderes Dekoratives, wie zum Beispiel ein altes, sehr reparaturbedürftiges Holzboot. Graffitis faszinieren mich, aber nur solche die, wie ein Gemälde, etwas darstellen und nicht die, die nur aus ein paar zugegebenermaßen recht geschwungenen Buchstaben bestehen und viele Gebäude verunzieren. Die Graffitis die ich fand waren von der besseren Sorte.



      Sehr phantastische Figuren, die einem Fantasy- oder Comicfilm entsprungen sein konnten. Vielleicht könnte ich mal ein Fotobuch nur mit Graffitis machen, wie sieht es da eigentlich mit dem Datenschutz aus? Wie ich so herum stromerte traf ich meinen Schwager wieder und er empfahl mir am anderen Ende des Hafens mal zu schauen, denn dort liegt das ehemalige Handelszentrum der Pomoren.



      Die Pomoren („Menschen die am Meer leben“) waren eine russische Volksgruppe die Handel und Seefahrt betrieben. Doch sie waren kein Volk für sich wie die Samen, sondern eher eine Berufsgruppe. Sie hatten ein ungeheuer großes Wissen von der Natur und waren auch die ersten Menschen die in Spitzbergen (Svalbard) überwinterten. Ich las mir die Schautafeln draußen durch, für einen Besuch des Museums war nicht genug Zeit. Im Außenbereich gab es genug zu sehen und das Licht mit der Sonne im Rücken war optimal, vor allen Dingen der Ausblick auf die andere Hafenseite, denn die Häuser und Boote leuchteten sehr farbenprächtig im Sonnenlicht.



      Sogar die Finnmarken schien nicht mehr weiß lackiert zu sein sondern strahlte wie poliertes Silber. Auf dem Rückweg zum Schiff führte der Weg am Wasser vorbei. Am mit Kies und großen Steinen gesäumten Strand tollten lustige kleine Gesellen herum. Ein Blick ins Internet später verriet mir dass es Strandläufer waren, die so geschäftig zwischen den Steinen herum sprangen. Was für eine Gelegenheit, endlich mal andere Vögel fotografieren als immer nur Möwen und Kormorane. Nicht das ich etwas gegen sie hätte doch das Auge des Betrachters sehnt sich nach Abwechslung.



      Wieder einmal hatte ich das falsche Objektiv auf der Kamera und musste auf das Telezoom wechseln. Was sich aber lohnte, denn die kleine Bande war so sehr mit sich selbst und den zwischen den Steinen herum laufenden sechsbeinigen Proteinen beschäftigt, dass sie mich gar nicht bemerkten. Ich konnte in aller Ruhe wundervolle Strandläufer Aufnahmen machen. Nach einiger Zeit musste ich mich von dieser Rasselbande trennen und zurück zum Schiff. Lustigerweise kam ich noch an einer Schautafel mit heimischen Vogelarten vorbei und konnte somit gleich den norwegischen Namen, sie heißen Fjæreplytt, der kleinen lustigen Kerlchen ablesen.

      Wieder an Bord begab ich mich gleich zum Heck, um bei der anschließenden Abfahrt die Silhouette von Vardø in der untergehenden Sonne mitzubekommen. Während dieser Ort so langsam am Horizont verschwand, erschallte plötzlich der laute Schrei einer Frau. Sollte da jemand von Bord gefallen sein? Nein, vom Ton und der Phonstärke war das ein Schuh- oder Handtaschenschrei, also mehr ein fröhlicher und entzückter Schrei. Das totale Gegenteil zu einem furchtsamen und panischem Spinnen- oder Mäuseschrei. Andere Schuhe und Handtaschen von weiblichen Mitreisenden sind doch als Beute eigentlich tabu?

      Sehr gespannt und erwartungsvoll drehte ich mich zu ihr um und sah sie wie sie erregt in den Himmel zeigte. Mein Blick folgte ihrer Armrichtung und sah, wie eine göttliche Erscheinung am Firmament stand. Zwei Regenbögen, komplett von links nach rechts, leuchteten riesengroß am Himmel und verschwanden mit ihren Enden im Wasser. Mein 24er Weitwinkel reichte nicht aus, um diese Pracht komplett zu fotografieren.



      Ein unglaublicher Anblick, Nordlicht in der Nacht und Regenbögen am Tag, wir waren in Norwegen, dem Land der leuchtenden Himmelserscheinungen. Und wo war die Fotogruppe? Erst als nur noch kleine Reste zu sehen waren stand plötzlich der Meister mit seinem blonden Schützling neben mir. Ein wenig neidvoll schielte ich zu seiner EOS 5D Mark irgendwas herüber, doch was nützt der schnellste Sportwagen, wenn man mit ihm nicht zurecht kommt.



      Auch der Sonnenuntergang in den bizarren Wolkenformationen war nicht zu verachten. Alles in Allem war das ein schöner Herbsttag mit meist gutem Wetter und vielen Eindrücken. Nach dem wieder kulinarisch und optisch hervorragendem Abendessen haben wir uns alle in dem Panoramasalon zum Quatschen und Trinken getroffen. Um 19:40 erreichten wir fast pünktlich Båtsfjord . Ich habe ein paar Fotos mit Langzeitbelichtung gemacht, doch außer dem Lichtermeer und Hafenanlagen waren nur noch einige Windkraftanlagen auf einem Höhenzug zu sehen.



      Kurz vor dem ins Bett gehen war wieder Nordlichtalarm, diesmal war ich aber noch angezogen und musste nicht mit dem Schlafanzug als Unterwäsche raus. So wurde dieser abwechslungsreiche Tag zum Abschluss durch das Polarlicht gekrönt. Am Besten war es diesmal von Achtern aus zu sehen.

      Sehr romantisch leuchtete und tanzte das grüne Band über dem Kielwasser der Finnmarken, die unbeirrt ihren Weg nach Süden fortsetzte.