Lofoten 2019 - Vom Orkan ans Nordkap getrieben. 12.02. - 25.02.2019

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    • Lofoten 2019 - Vom Orkan ans Nordkap getrieben. 12.02. - 25.02.2019



      Vor 14 Tagen, es war ein Dienstag, habe ich eine Schiffspassage mit Hurtigruten gebucht. Es soll mal wieder im Winter auf die Lofoten gehen. Damit das ganze etwas entspannt verläuft, lege ich einen Teil der Strecke mit dem Postschiff zurück. Aber hier, auf der Autofähre nach Göteborg, mache ich mir Gedanken, ob die Reiseroute richtig gewählt ist. Der Grund ist die Wettervorhersage für die nächsten Tage. Nix mit Schnee. Nee, Plusgrade und heftiger Regen in Verbindung mit einem Orkan machen mir wenig Hoffnung auf einen schönen Winterurlaub.







      Mit meinen Bedenken bin ich nicht allein, denn auf der Schwedenfähre treffe ich jemanden mit dem gleichen Reiseziel. Im Gepäck: Der ausgedruckte Reisebericht meiner Wintertour 2016. Beim Frühstück tauschen wir uns aus und kommen zu dem Schluss, dass eine Tour auf die Lofoten zurzeit ein gewisses Risiko darstellt.



      Tag 2

      Von Göteborg geht es jetzt erst mal zum Dovrefjell. Aber diesmal umfahre ich Oslo, was nebenbei auch einiges an Maut spart und für eine sehr entspannte Tour durch Schweden sorgt. Links und rechts auf den Feldern sind nur wenig Schneereste zu sehen, dafür stehen viele Äcker unter Wasser. Das Tauwetter und viel Regen in den letzten Tagen, haben dafür gesorgt.







      Beim Grenzübertritt bei Charlottenburg gibt es keine Fahrzeugkontrolle, was für meine Einreise nach Norwegen ja eher ungewöhnlich ist.Auf dem Weg nach Elverum kommt mir ein Krankenwagen entgegen, der auch ein Vorbote der ersten Verzögerung ist. Auf kerzengerader Straße sind zwei Fahrzeuge frontal zusammengestoßen. Leider gibt es drei Schwerverletzte, die noch nicht alle aus den Wracks befreit sind.
      Während der Stau immer länger wird, suche ich auf Google Maps eine Möglichkeit zum großzügigen Umfahren der Unfallstelle. Kurz darauf schliddere ich ohne Spikes über spiegelglatte Pisten an Höfen und kleinen Siedlungen vorbei und gelange schließlich wieder auf die Hauptstraße. Das hat mir mindestens eine Stunde Wartezeit erspart.



      Je weiter ich nach Norden komme, um so winterlicher wird es. Als ich die RV3 verlasse um weiter zum Dovrefjell zu fahren, setzt Schneefall ein. Das Schild mit dem Hinweis, dass ab hier nur noch geräumt wird, habe ich schon lange hinter mir gelassen. Deshalb wird es jetzt richtig rutschig auf der Straße. Eigentlich komme ich auch in der Dunkelheit ganz gut durch, - dachte ich, bis ich einen Pickup überholen lasse und der mit über 100 km/h davonzieht. Daraufhin fahre ich gleich rechts ran und putze erst einmal die Scheinwerfer. Das H4 Licht bei unserem Bus ist ein echtes Armutszeugnis für VW und ich hätte nie gedacht, dass solche Funzeln noch eine Betriebserlaubnis erhalten.
      Bei Hjerkinn möchte ich gern hoch auf den Parkplatz Viewpoint Snohetta. Das klappt auch einigermaßen gut, bis ich in den Schneewehen hinter der Bahnüberführung feststecke. Naja, im dritten oder vierten Anlauf bin ich auch schon fast durch, außerdem kommt von oben ein Traktor mit Schneefräse. Bevor ich aber im letzten Anlauf die Verwehungen passieren könnte, mache ich doch wieder kehrt. Denn wie wird es wohl morgen früh aussehen, wenn ich in Trondheim mein Postschiff erreichen will? Vielleicht ist dann alles zu geweht. Also schnell Planänderung und dann doch auf einem Rastplatz an der E6 geparkt.






      Tag 3

      Am nächsten Morgen steht ein Truck direkt hinter mir. Den hatte ich in der Nacht gar nicht bemerkt. Das Thermometer zeigt plus 4 Grad und die Straße ist frei, also hätte ich doch oben auf dem Berg übernachten können.



      Auf der Fahrt nach Trondheim , inzwischen schon so etwas wie Routine, bringen nur ein paar Baustellen etwas Abwechslung. Auf denen wird sogar am Samstagmorgen voll gearbeitet!



      Als ich in Trondheim am St. Olavs Pier entlang fahre, kann ich die auslaufende MS Spitzbergen sehen. Erfreulicherweise liegt „meine“ MS Trollfjord noch am Kai und ich kann ganz in Ruhe meine Sachen packen. Nachdem ich die Kabine bezogen habe, muss jetzt nur noch der Bus an Bord. Das läuft aber wieder sehr unkompliziert, denn ich brauche beim Ladepersonal nur den Schlüssel abgeben, dann verschwindet der Bus im Laderaum. Ach ja, mit Winter wird das nix mehr, denn inzwischen sind es plus 12 Grad und es regnet.





      Die MS Trollfjord ist das größte Schiff bei Hurtigruten und unterscheidet sich im Erscheinungsbild deutlich von den anderen Schiffen. Das Schiff ist hell und die öffentlichen Bereiche sind etwas großzügiger, lediglich die beiden verglasten Fahrstühle wollen nicht so richtig zu meinem Bild von einem Postschiff passen.









      Draußen auf den Außendecks bläst ein kräftiger Wind, der auch für eine bedrohlich wirkende Geräuschkulisse sorgt. Aber das ist ja auch das Spannende bei einer Winterreise mit Hurtigruten, draußen toben die Elemente und im Schiff ist es warm und mollig.





      Auf dem Weg nach Rørvik müssen wir das Seegebiet Folda durchqueren. Dieser Abschnitt ist bekannt für starke Winde und ebenso heftigen Seegang. Daher ist auch die Durchsage, dass es in den kommenden Stunden heftige Bewegung im Schiff gibt, obligatorisch.





      Wenn es draußen stockfinster ist und sich das Schiff hin und her bewegt, ist das Bett ein guter und sicherer Platz. Plötzlich gibt es einen heftigen Schlag und das Schiff neigt sich zur Seite. Alles was in der Kabine beweglich ist, kracht zu Boden, der Tisch fällt um, ebenso wie der recht schwere Sessel.Du meine Güte, das war ja heftig. Ich springe schnell von der Couch, um die umher rutschenden Sachen in den offenen Koffer zu raffen. Dann kommt schon der zweite Schlag und ich rutsche durch die Schräglage auf allen Vieren, zusammen mit Tisch, Sessel, Fotoausrüstung, Getränken und allem, was jetzt auf dem Boden liegt, bis an die Bordwand. Das war ein ganz schöner Schreck, der meinen Puls in die Höhe bringt.

      Es kommen jetzt ein paar Lautsprecherdurchsagen, die ich als Code für die Besatzung interpretiere. Jetzt ziehe ich mich mal besser an und schaue was draußen los ist.Im großen Atrium schlagen die Fahrstühle geräuschvoll hin und her und überall im Schiff ist es am knarzen und ächzen. Auf Deck vier und sechs flitzt Besatzung hin und her. Ab und zu sind auch Passagiere bei Ihnen, die sich offensichtlich verletzt haben. Auch im Panoramasalon, der bei der MS Trollfjord über zwei Stockwerke geht, schaue ich vorbei.
      Es ist stockdunkel wie im Kino, und nur wenige Sitze sind belegt. Mit den zwei kräftigen Suchscheinwerfern wird die See vor dem Schiff ausgeleuchtet. Die dunkle Wasserwand baut sich (gefühlt) immer wieder bis über das Schiff auf und ich muss sofort an Filmszenen aus „der Sturm“ mit George Cloony denken. Im Salon ist es mucksmäuschenstill, nur das schlagen der Wellen und das ächzen des Schiffes sind zu hören. Naja, nicht ganz, denn da sind auch noch die zwei Mitreisenden, die dem Seegang offenbar nichts abgewinnen können. Mit einem Mark erschütternden Röhren füllen sie die „Stormy weather bags“. Jeder Schwall in die aluminiumbeschichteten Tüten ist im gesamten Panoramasalon zu vernehmen. Die Armen.

      Es sind jetzt etwa zwei Stunden im Sturm vergangen, als es ganz plötzlich ruhig wird und die Schiffsbewegungen kaum noch spürbar sind. Wir laufen in Rørvik ein, wo es am Kai zum Treffen mit dem südgehenden Schiff kommt. Im Winter ist es spannend, die Ladegeschäfte am Anleger zu beobachten. Die unterschiedlichste Fracht wird umgeladen. Frischer Kabeljau, Autoreifen, Isoliermaterial, Fischereibedarf, Fernseher, Baumaterialen, eben alles, was in der Region gebraucht wird. Hier lässt sich noch der ursprüngliche Auftrag der Hurtigruten erahnen.











      Nach neuesten Planungen soll es ab Sommer 2019 keine Schiffsbegegnungen in Häfen mehr geben.
      Damit wollen sie auch das Hafenpersonal entlasten.

      Fortsetzung folgt.

      Viele Grüße,
      Gerhard
    • @Mainline wie schön, ein Bericht aus dem Februar! :)
      Ich war zu der Zeit mit der Finnmarken unterwegs und genau aufgrund der o.a. Sturmvorhersage hatte ich südgehend die Kabine getauscht. Von der Kellerkabine im Bug bin ich auf Deck 5 in die Mitte des Schiffs gezogen und kann nur sagen, dass sich jeder Cent für das Upgrade gelohnt hat!

      Ich bin gespannt wie es weitergeht.
      (Das erste Bild gefällt mir sehr gut )
      LG Steffi :)
    • Ich freue mich auch auf die Fortsetzung.
      Wir sind am 10.2. in Trondheim von Bord der Nordnorge gegangen und haben die dann folgende stürmische See glücklicherweise " verpasst ".
      Gruß aus Bonn
      Rainer

      Reiseberichte und meine eigene Hurtigruten-Homepage mit allen sechs Reisen im Profil.
    • Tag 4

      Nach einer ruhigen Nacht bin ich schon früh munter und kann noch bequem vor dem Frühstück duschen. Wobei sich „bequem“ nur auf meinen Zeitplan bezieht, denn die Dusche in meiner Kabine ist schon ziemlich passgenau.
      Dafür ist das Frühstück wie immer gut und reichhaltig. Es macht mir einfach Spaß auf Schiffen zu frühstücken, besonders wenn eine schöne Landschaft am Fenster vorüberzieht.
      So richtig Winter ist es draußen noch nicht. Immer wieder regnet es und es liegt auch nur wenig Schnee. Deshalb verbringe ich diesmal auch nicht viel Zeit draußen an Deck.



      In Ørnes stehen viele Reisende mit Koffern am Anleger. Sie nutzen das Postschiff wie wir den Zug oder einen Linienbus. Wieder ein typischer Postschiff Moment.



      Meine Kabine muss ich bis um 12 Uhr räumen. Für 225 NOK könnte ich bis 19 Uhr verlängern, aber ich ziehe bei Ankunft in Bodö lieber auf eine Zweierbank im Panoramasalon um. Dort werde ich es mir bis zur Ankunft in Stamsund gemütlich machen.



      Im IPad haben ich übrigens die Prepaid Simkarte des großen Nord/Süd Discounter. Damit hatte ich auf der gesamten Reise, also auch auf den Seestrecken, 3G oder LTE Internet Empfang. Während der Schiffsreise prüfe ich immer wieder die Wetterprognosen und es sieht weiterhin richtig schlecht aus. Schwerer Orkan und viel Regen. Dazu die höchste Gefahrenstufe für Lawinen. Also werde ich mich nach Ankunft in Stamsund sofort auf den Weg machen und die Lofoten schnellst möglich verlassen.





      Bei der Fahrt über den Vestfjord kommt wieder etwas Bewegung ins Schiff. Am späten Nachmittag setzten sich ein paar junge Damen in meiner unmittelbaren Nähe zu mir in den Panoramasalon. Etwas hektisch verteilen Sie ihre Reiseutensilien und nehmen schnell nebeneinander Platz. Kurz darauf und ohne Ankündigung röhren alle gemeinsam los und füllen ihre „Stormy weather bags“. Der Platz vorn im Panoramasalon ist natürlich auch der mit der meisten Bewegung im Schiff. Da ist man bei Seekrankheit unten in der Mitte des Schiffes viel besser aufgehoben. Das sehen sie irgendwann auch ein und ziehen wieder davon.

      Das Anlegemanöver in Stamsund ist schnell erledigt, jetzt muss nur noch das Auto aus dem Schiff. Der Laderaum ist gut gefüllt und die Autos stehen sehr dicht nebeneinander. So dauert es noch eine Weile, bis alle Fahrzeuge rausrangiert sind.











      Draußen ist es nass und ungemütlich. Nur noch ein paar Fotos, dann bin ich schon wieder unterwegs nach Svolvaer .

      Heute Nacht um zwei Uhr soll der Sturm zum Orkan werden, bis dahin will ich so weit wie möglich kommen. Die Straße 815 ist verdammt rutschig, zum Glück kommen mir nur ganz wenige Autos entgegen. An den Sehenswürdigkeiten rausche ich vorbei und Svolvaer lasse ich auch links liegen. Inzwischen hat auch noch kräftiger Schneefall eingesetzt.







      Drei Stunden sind vergangen, als ich an dem Abzweig nach Harstad einen geschützten Parkplatz anfahre. Puh, hier werde ich die Nacht verbringen.


      Tag 5

      In der Nacht werde ich kurz nach zwei Uhr plötzlich munter, weil der Bus heftig durchgeschüttelt wird. Haha, auf die Wetter App ist verlass, denn jetzt geht der Sturm los.

      Nach einer knappen Stunde bin ich schon wieder munter, weil irgendwelche Idioten anscheinend den Bus umkippen wollen. Du meine Güte, das ist jetzt wirklich ein Orkan. Eisbrocken schlagen mit einem Höllenlärm an den Bus, der vom Wind hin und her geschüttelt wird. Der Schnee ist auch schon wieder geschmolzen. Weil ich das Gefühl habe, dass der Sturm immer stärker wird, beschließe ich, den Parkplatz zu verlassen um eine geschütztere Stelle zu suchen.

      Die Fahrt auf der E10 wird ein kleiner Höllenritt. Schnee und Regen behindern die Sicht, dazu fallen Äste auf die Fahrbahn. Plötzlich ist vor mir ein gleisend heller Blitz, der überhaupt nicht dunkler wird. Kurz darauf an anderen Stellen die gleichen Blitze. Es sind Stromleitungen, die sich im Sturm berühren und starke Funkenschläge verursachen.
      Unten am Fjord ist es kein Stück besser. Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Berge den Wind etwas bremsen. Jetzt dämmert es mir, dass ich heute Nacht einen kleinen Orientierungsfehler hatte. So schnell wie möglich folge ich der Straße am Fjord. Am anderen Ufer kann ich Blinklichter sehen, das ist bestimmt der Schneepflug, - hoffentlich. Aber nach wenigen Kilometern ist klar, das war kein Schneepflug, sondern ein Auto von Vegvesen, das die östliche Brückenauffahrt über den Tjeldsund absperrt. Tja, und ich stehe jetzt als fünftes Fahrzeug vor der westlichen Auffahrt. Mist, wäre ich in der Nacht noch eine Stunde weiter gefahren, könnte ich jetzt drüben schlafen.







      Ein Blick auf vegvesen.no bestätigt die Brückensperrung, leider ohne Angabe der Dauer. Die Wetter App sagt, dass ab 12 Uhr der Wind kurz nachlässt, also sind mindestens 6 Stunden Wartezeit angesagt. Die verbringe ich aber nicht in der Fahrzeugschlange, sondern auf einem vereisten Parkplatz mit Blick auf die Brücke.





      Die Standheizung hält den Bus schön warm, das Frühstück mit Ei ist schon lange verputzt und der dritte Kaffee gekocht. Eigentlich könnte ich ja mal rausgehen und mit dem Teleobjektiv Fotos machen. Gesagt getan. Auf dem vereisten Parkplatz steht das Wasser und der Wind ist kräftiger als erwartet. Schwups, erfasst mich der Wind und schiebt mich stehend über das Eis. Die ersten Sekunden denke ich „Haha, das ist ja wie auf der Eisbahn“ und finde das lustig. Gleich darauf bin ich schon so schnell, dass ich versuche, mit ein zwei Schritten die Richtung zu beeinflussen um zu stoppen. Im gleichen Moment rutschen mir die Füße weg, ich stürze lang auf das Eis und werde vom Wind weiter geschoben. Mist, Mist, Mist, wie blöd von mir. Ich ärgere mich sofort über meinen Leichtsinn. Der Kamera ist zwar nichts passiert, aber die Hose ist kaputt, mein Schienbein und das linke Knie bluten, ich bin mit Dreck verschmiert und nass bis auf die Unterwäsche. Hier hätte um ein Haar meine Reise zu Ende sein können.






      Webcam Statens Vegvesen


      Um zehn vor zwölf erkenne ich die ersten Autos auf der Brücke, jetzt muss ich schnell los. Gerade als ich vor dem Sicherungsfahrzeug ankomme, sperrt der Typ im Auto wieder die Brücke! Aber nur um den Gegenverkehr durchzulassen, denn die Brücke wird zunächst nur einspurig befahren.

      Endlich kann auch ich fahren und es geht los mit dem Kilometerfressen. Das Wetter wird also die nächsten Tage weiterhin regnerisch und zu warm sein, und das hoch bis über Tromsö . Deshalb lautet mein neues Reiseziel NORDKAPP. Im Sommer sicher kein Wunschziel, aber im Winter ist es ja etwas anders. Ach ja, momentan sind viele Straßen in der Finnmark gesperrt, aber bis ich da bin, haben die Jungs und Mädels auf den Schneepflügen die Straßen bestimmt frei geräumt. Außerdem könnte ich mir sogar 2-3 Tage Wartezeit erlauben.



      Einen Teil der Route kenne ich noch von meiner Sommertour nach Tromsö , dachte ich zumindest. Aber bei diesen Straßenverhältnissen lege ich einen großen Teil der Strecke im Blindflug zurück. Für die erste Fjellüberquerung hänge ich mich an einen Lastwagen, der ein gutes Tempo vorlegt. Dank seiner Nebelschlussleuchte verliere ich ihn auch im dichten Schneetreiben nicht aus den Augen. Je weiter ich nach Norden komme, umso mehr Schnee liegt auf den Straßen.











      Es ist jetzt 20 Uhr und ich stehe an einer Tankstelle in Alta. Mein Knie bekomme ich nach der langen Fahrzeit nur unter Schmerzen gerade, was auch bis zum Ende der Reise so bleiben sollte. Vielleicht kann ich ja eine Runde um die Nordlichtkathedrale laufen.





      In der Nacht und mit dem vielen Schnee ist die angestrahlte Kathedrale ein schöner Anblick. Als ich schon wieder auf dem Weg zum Auto bin, bemerke ich im Augenwinkel eine Veränderung. Wow, da flackern ja Nordlichter auf dem Gebäude. Tatsächlich, alle 30 Minuten werden für kurze Zeit bunte Lichter projiziert, die Nordlichter darstellen sollen.





      Hier gibts einen kurzen Film

      Wenn es das Wetter zulässt, werde ich heute noch bis an den Porsangerfjord fahren. Bei der Fahrt über das Fjell machen mir Schneeverwehungen ordentlich zu schaffen.



      In Skaidi biege ich rechts ab Richtung Fjord. Aber wenige Kilometer später ist die Straße gesperrt. Es steht zwar ein Schneepflug bereit aber so spät in der Nacht habe ich keine Lust auf eine Kolonnenfahrt. Also geht es wieder zurück nach Skaidi auf einen beleuchteten Parkplatz, wo ich die Nacht verbringen werden.
    • Super, "der rote Bus" ist wieder unterwegs! :thumbsup: Habe deine anderen Reiseberichte, auch auf deiner website, mit Interesse verfolgt. Du schreibst klasse mit tollen Fotos! Vielen Dank dass du uns wieder teilhaben lässt, bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung.
      schöne Grüße Tini :ilhr:

    • Tag 6



      Der nächste Morgen ist vielversprechend, denn das Wetter ist viel besser geworden. Auf dem Weg von Skaidi nach Olderfjord kommt sogar die Sonne zum Vorschein. Laut Straßenbericht ist die Europastraße 69 immer noch gesperrt. Davon kann ich mich einige Kilometer weiter auch selbst überzeugen.









      Während man im Sommer die offenen Schranken und deren Hinweisschilder unbeachtet passiert, muss man im Winter schon sehr aufpassen, damit man nicht überraschend in eine geschlossenen Schranke fährt.



      Der Fahrer eines Schneepfluges teilt uns mit, dass die Räumung der Straße noch etwa 5-6 Stunden in Anspruch nehmen wird. Für die beiden Testfahrer von Mercedes ist diese Pause zu lang. Sie wollten mit dem Testwagen als Wochenendausflug vom schwedischen Luleå ans Nordkap. Aber jetzt fahren sie wieder davon.

      Ich genieße derweil die Sonnenstrahlen und mache ein paar Fotos. Plötzlich öffnet sich die Schranke und zwei Schneepflüge brausen heran. Der eine wendet und die beiden Fahrer besprechen sich, dann kommt ein Fahrer zu mir: „English?, yes. - Ok, Twelve fifty we come back, you stay here. You understand? Twelve fifty we come back. Than we start the Konvoi, OK? - Yes, that’s great I am waiting sure“. Und schon brausen beide Schneeflüge durch die geöffnete Schranke davon. Es geht also schon in anderthalb Stunden weiter.





      In der Zwischenzeit treffen weitere Fahrzeuge ein, die sich in einer Reihe vor der geschlossenen Schranke aufstellen. Ich könnte ganz vorne stehen, reihe mich aber wegen besserer Fotomotive in der Mitte ein. Als der Schneepflug wieder zu uns zurückkehrt, hat starker Schneefall eingesetzt. Dann beginnt meine erste Kolonnenfahrt. Vorne weg der Schneepflug, dahinter die Fahrzeuge der Kolonne und ganz am Ende ein weiteres Sicherungsfahrzeug mit Blinklichtern.









      Wir fahren 50-60 km/h, wobei das Tempo häufig durch das erste Fahrzeug, einen Krankenwagen, bis auf 30 km/h gedrosselt wird. So passiert es, dass der Schneepflug manchmal einen Kilometer Vorsprung hat. Die Fahrt ist spannend aber auch anstrengend. Der Mietwagen aus Finnland vor mir hat kein Licht eingeschaltet und so ist er in den Schneeverwirbelungen oft nicht zu erkennen. Wenn er dann plötzlich dicht vor mir auftaucht, muss ich bremsen, was für die folgenden Fahrzeuge blöd ist.







      Auf etwa halber Strecke treffen wir auf den Konvoi aus der Gegenrichtung. Dazu halten wir an und lassen den anderen Konvoi passieren. Diese Fahrzeugschlange ist viel länger als unsere, denn die kommen von der Nordkap Insel und haben schon zwei Tage auf diesen Konvoi gewartet.








      Einige Tunnelportale sind mit automatischen Toren verschlossen. Wenn sich ein Fahrzeug nähert, fährt das Tor nach oben und die Ampel springt auf grün. Danach schließt es sich wieder automatisch.



      Bei den Tunneldurchfahrten kann ich ein wenig verschnaufen, denn es gibt dort keine Schneeverwehungen. Er ist gut beleuchtet und es ist mit plus 7 Grad fast 20 Grad wärmer als draußen. Allerdings rumpelt es nach 5-6 km heftig denn das ist der Punkt, an dem sich im warmen Tunnel die Eisbrocken von den Fahrzeugen lösen und so völlig unerwartet für eine unebene Fahrbahn sorgen.


      Kurz vor Honningsvåg bleibt der Schneeflug in Fahrbahnmitte stehen und die Kolonne kann rechts vorbeifahren.Im Hafen von Honningsvåg treffe ich wieder auf mein Schiff, die MS Trollfjord. Deren Passagiere müssen auf ihren Ausflug zum Nordkap verzichten, denn die Straße zum Plateau ist immer noch gesperrt. Ich schaue mich nur kurz in Honningsvåg um und fahre dann weiter in Richtung Nordkap. An den Webcams der Straßenüberwachung halte ich für ein Foto kurz an.











      Der Abzweig zum Nordkap ist wie erwartet noch geschlossen. Also suche ich mir einen Übernachtungsplatz. Gerne würde ich den Parkplatz auf einem Fjell, nutzen aber vielleicht ist die Straße morgen wieder gesperrt und ich sitze dann fest. Vorhin bei der Kolonnenfahrt habe ich mehrere Fahrzeuge gesehen, die im Straßengraben lagen und mit Schnee zu geweht waren, - so soll es mir nicht ergehen.







      Schließlich fahre ich zurück bis zu dem Parkplatz des im Winter geschlossenen Scanic Hotel. Von hier habe ich auch die erste Straßensperre im Blick und kann mich relativ ungefährdet einschneien lassen. In der Nacht parkt noch ein weiteres Fahrzeug neben mir, dessen beide Passagiere im Auto schlafen.
    • Danke für den außergewöhnlichen und spannenden Reisebericht und die tollen Bilder. Kann's kaum erwarten, bis es weiter geht :D
      LG
      Marianne

      2015 B-K-B mit MS Vesterålen
      2016 B-K mit MS Lofoten
      2017 B-K-B mit MS Kong Harald
      2018 B-K-B mit MS Lofoten
      2019 Spitzbergen-Expedition mit MS Fram
    • Tag 7



      Die Nacht war ruhig und erwartungsgemäß bin ich am nächsten Morgen eingeschneit. Da die erste Kolonne zum Nordkap erst um 11:00 Uhr startet, habe ich genügend Zeit für ein gemütliches Frühstück mit Ei.
      Beim Frühstücken kann ich meinen Nachbarn beobachten, der trotz Schneeketten erhebliche Schwierigkeiten hat, den Parkplatz zu verlassen. Für den Fall der Fälle habe ich auch Schneeketten dabei und einen Klappspaten griffbereit. Zum Abschleppen ist auch die Anhängerkupplung bereits montiert. Außerdem habe ich vor der Reise zwei neue Nokian Winterreifen auf die Vorderräder montiert. So gerüstet hatte ich auf der gesamten Reise keinerlei Schwierigkeiten.
      Weil bis zur Abfahrt des Konvois immer noch genügend Zeit ist, mache ich noch einen Abstecher nach Skarvåg.













      Kurz vor 11:00 Uhr versammeln sich einige Fahrzeuge, die im Konvoi zum Nordkap fahren wollen der Schneepflug wartet bereits auf uns. Um 11:00 Uhr geht es ohne weitere Ankündigung los. Die Schranke öffnet sich und der Schneepflug fährt los, gleich dahinter ein Reisebus und dann die Fahrzeuge unsere Kolonne.













      Meine Helden des Tages sind die beiden Reisenden auf dem Motorradgespann, die sich von Russland auf den Weg zum Nordkap gemacht haben. Die Fahrt zum Nordkap ist nicht anspruchsvoll, dafür gibt es wunderbare Ausblicke bei sonnigem Wetter.









      Am Mauthäuschen für das Nordkapplateau kommt die Kolonne erstmals zum Stehen. Für jeden Insassen müssen umgerechnet 29 € als Eintritt bezahlt werden. Kurz darauf stehen die Fahrzeuge auf dem Parkplatz des Nordkap Plateaus.





      Fast alle Reisenden stürmen sofort zu Weltkugel und starten die üblichen Rituale. Gruppenfoto, Einzelfotos, kleine Gruppe, alle hüpfend, Kussmundfotos, mit freiem Oberkörper, zwei nehmen einen dritten auf die Schultern, geballte Fäuste in den Himmel, mit dem Rücken zur Kamera, Fotos mit Fahnen und jede Menge Selfies. Gefühlt bewegen sich bestimmt alle Mietwagenfahrer in Roald Amundsen Fußstapfen.









      Eigentlich hatte ich vor, mit dem Bus bis an die Weltkugel zu fahren, aber es liegt so viel Schnee, dass mir das Risiko zu groß ist.



      Wer mit dem ersten Konvoi angereist ist, sollte sich zum Fotografieren beeilen denn eine Stunde später ist Ankunft der zweiten Kolonne auf dem Nordkapplateau. Jetzt treffen die Reisenden der Hurtigruten ein und auf einen Schlag sind weitere 400 Personen an der Weltkugel :)
      Daher verlassen die meisten Fahrzeuge der ersten Kolonne das Nordkap gleich mit der ersten Rückfahrt um 13 Uhr.













      Mein spontanes Reiseziel, das Nordkap, habe ich also erreicht. Jetzt geht es zurück nach Tromsö , denn dort wartet am Mittwochabend hoffentlich das Postschiff auf mich. Für Dienstag- und Mittwochnacht ist außerdem starkes Nordlicht angesagt, deshalb will ich versuchen, möglichst rasch nach Tromsö zu fahren. Vorher lege ich aber eine 20-minütige Pause tief unten im Nordkap Tunnel ein. Warum? Weil das eine gute Möglichkeit ist, im warmen Tunnel den Eispanzer vom Bus loszuwerden :D



      Schon auf der Hinfahrt sind mir in der Bucht vor Honningsvåg die großen Tanker aufgefallen, die dort vor Anker liegen. Es handelt sich dabei um LNG Tanker, die flüssiges Erdgas von der russischen Jamal Halbinsel nach Europa bringen. Warum Ankern die bei Honningsvåg ? Bei den blauen Schiffen handelt es sich um Eisbrecher, die das flüssige Erdgas von den Förderstellen hierher bringen. Hier bei Honningsvåg wird das flüssige Erdgas auf normale Gastanker umgeladen, die es dann nach Mittel- und Südeuropa weiter transportieren. Das ganze läuft weitgehend ohne externe Infrastruktur. Für die Schiffsmanöver sind hier vier Schlepper stationiert, denen ein großer Schwimmponton als Anleger dient.



      Die Fahrt auf der E69 am Porsangerfjord entlang ist wieder recht Anspruchsvoll. Einem Reisebus sind die 80km/h aber offenbar zu langsam, den lasse ich an einer Parkbucht lieber vorbei. Bei Gegenverkehr kann ich gut sehen, wie sich das Licht auf der Fahrbahn spiegelt. Es ist also wieder spiegelglatt.





      Zwischen Olderfjord und Skaidi sind schon wieder große Schneeverwehungen auf der Straße. Und weil es nicht besser wird, bleibe ich etwa 20 Kilometer hinter Skaidi an der E6 auf einem geräumten Parkplatz am Goahtemuorjohka Fluss stehen. Der Platz ist im Flusstal einigermaßen geschützt und bestimmt besser als oben auf den Fjell, wobei „oben“ ja lediglich 350 Meter bedeuten. Hier standen wir 2016 schon mal mit einem Wohnmobil und haben uns am Flussufer den Mücken zum Fraß vorgeworfen. Bestimmt warten die schon unter dem Schnee auf neue Touristen.Ich nutze den Abend, mache mir eine warme Mahlzeit und sichere dann die Fotos der letzten Tage. Immer wieder schlagen draußen Autotüren, denn ich bin nicht allein auf dem Parkplatz. Auch hier schlafen Reisende in ihren PKW, was für sie natürlich mit viel hin und herräumen verbunden ist.
    • Vielen Dank für den interessanten Reisebericht; man sieht wieder: im Norden ist es immer gut wenn man flexibel ist :D

      Die Bilder vom Nordkapp und zur Anfahrt darin gefallen mir gut, du bringst die schöne Stimmung gut rüber :thumbup:

      Mainline wrote:

      auf einem geräumten Parkplatz am Goahtemuorjohka

      Den Parkplatz kenne ich, dort lässt sich wirklich wunderbar übernachten, auch ohne Auto ;)

      Viele Grüße
      Noschwefi
      Chor: Wir sind alle Individualisten :)
      Einzelstimme: Ich nicht :P


      Reiseberichte siehe Profil :lofoten2:


    • Tag 8

      Am Morgen lasse ich es langsam angehen, so dass ich erst bei Sonnenaufgang losfahre.



      So kann ich Straßenabschnitte, die ich auf der Hinreise bei Dunkelheit passiert habe, jetzt bei Tageslicht befahren. In Alta tanke ich wieder und schaue noch bei der Kathedrale vorbei. Ich freue mich noch mal, dass ich sie auch bei Nacht gesehen habe.







      Auf den nächsten 500 Kilometern erwarten mich Fjellüberquerungen bei starkem Schneefall, spiegelglatte Fahrbahnen und mehrere Baustellen, die im Kolonnenverkehr befahren werden. Unterwegs finde ich immer wieder schöne Stellen, die sich zur Nordlichtbeobachtung eignen würden. Aber momentan sieht es nicht so aus, als würde der Himmel aufklaren. Laut Wetterapp wird es heute Abend tatsächlich nur westlich von Tromsö wolkenfrei sein. Also muss ich die Etappe bis Tromsö schaffen, auch wenn es zwischendurch wirklich nicht einfach zu fahren ist. An einem Anstieg haben LKW auf der Straße angehalten und ziehen die Schneeketten auf. Ich schaffe es aber ohne Allrad und Ketten nach oben.










      Er bringt das Eis auch in die Häuser.



      Die Fahrt am Lyngenfjord zieht sich wie Kaugummi. Dort sind mehrere Baustellen, durch die auch die Parkplätze belegt sind. Der Himmel ist immer noch wolkenverhangen und zeitweise fällt Schnee. Am Abzweig nach Tromsö habe ich einen kurzen “Hallowach“ Moment, denn beim Abbiegen verlieren die Hinterräder die Haftung und ich rutsche mit dem Heck in einen Schneewall. Passiert ist aber nix weiter, war nur ein kleiner Schreck am Abend.
      Als ich die Lichter von Tromsö sehe, lichten sich tatsächlich die Wolken. Das bedeutet Nordlicht bei Vollmond. Vielen Dank NRK für deine geniale Wetterapp.



      Ich mache mich gleich auf die Suche nach einem geeigneten Standort für Nordlicht. Meine erste Wahl ist unser Übernachtungsplatz vom letzten Sommer. Hier schiebt gerade ein Schneepflug eine Schneise in den Schnee. So können nämlich die Gruppen der kommerziellen Nordlichtbeobachter leichter den Aussichtspunkt erreichen. Mir ist es hier etwas zu voll, deshalb fahre ich durch den Tunnel auf die Straße nach Skulsfjord.



      In einer geräumten Ausweichbucht stelle ich den Bus ab und platziere am Straßenrand die Kamera. Es dauert nicht lange und der Bus einer geführten Nordlichttruppe steht auch in der Bucht. Kurz darauf stehen hier noch zwei Autos. Ständig gehen irgendwelche Lampen an oder Leute laufen umher. Das Fotografieren ist nicht so einfach, trotzdem gelingen mir die ersten Nordlichtfotos. Die Suche nach einem weiteren Fotostandort gestaltet sich schwierig, denn an jeder möglichen Stelle stehen schon Autos und viele Fotografen. Auf den Straßen brausen die Mietwagen mit hohen Geschwindigkeiten von Ort zu Ort.



      Ein weiteres Problem sind die modernen Autos. Häufig bleiben Leute in den Autos sitzen und lassen den Motor laufen, es wird ja sonst kühl. Dabei schaltet sich aber das Tagfahrlicht ein und sorgt in der Dunkelheit für grelle Lichtquellen.

      Ich hatte ja angenommen, dass es auf den Lofoten schon ziemlich voll ist mit Fototouristen, aber hier um Tromsö ist es der helle Wahnsinn. Der Flughafen und die vielen Hotels machen es leicht, mal für vier oder fünf Tage zum Nordlichtgucken nach Tromsö zu kommen. Auch die Anbieter der geführten Nordlichttouren sind zahlreich vorhanden und gut gebucht.









      In Skulsfjord finde ich zwar noch ein paar nette Motive, aber leider wird das Nordlicht schwächer. Nach Mitternacht ist es kaum noch zu erkennen und alle fahren zurück in die Hotels. Jetzt kann ich auch auf dem ursprünglich vorgesehenen Platz in Ruhe übernachten.








      Tag 9

      Heute ist mein letzter Tag in der Region, denn in der kommenden Nacht geht es mit dem Postschiff nach Süden. Vormittags fahre ich rüber an den Kaldfjord. Hier biege ich aber zu früh ab und fahre dann auf der 862 in Richtung Hillesøya, anstatt nach Tromvik. Die Route ist aber auch sehr ansprechend und folglich stark von Mietwagen befahren. Ich muss zugeben, dass das tolle Wetter und die eisige Winterlandschaft den schlechten Start auf den Lofoten wieder wettmachen. Ich verbringe jedenfalls den ganzen sonnigen Tag mit Landschaft gucken und fotografieren.













      Am Abend warte ich auf einem Parkplatz auf das Nordlicht. Dummerweise setzt es heute etwas später ein als gestern. Meinen ersten Standplatz räume ich recht bald, denn ein Berg wirft im Vollmond einen störenden Schatten. Jetzt bin ich also auch einer von denen, die bei anschwellendem Nordlicht über die vereisten Straßen brausen und eine Parkmöglichkeit suchen. Naja, mein Brausen ist mehr ein cruisen.


      Skifahrer in der Nacht.



      Jedenfalls wird das Nordlicht immer kräftiger und meine Zeit immer knapper. Es ist aber auch ergreifend schön, dem Nordlicht in einer klaren Vollmondnacht zuzuschauen. Ich flitze von Motiv zu Motiv, während die Zeit weiter abläuft. Wow, da wabert gerade so ein Nordlicht Schleier vor mir, der könnt vielleicht bis zu der Bergspitze wandern. Schnell am Straßenrand anhalten, Kamera und Stativ raus und los knipsen. HA, das passt, sieht aus wie ein grüner Vulkan.







      Wahrscheinlich hat das Postschiff mittlerweile schon angelegt, aber ich stehe immer noch hier. Jetzt aber schnell auf nach Tromsö . Halt Stopp! Da ist ja schon wieder ein schönes Motiv. Anhalten, Stativ und Kamera raus, nur grob ausrichten, schnell ein paarmal den Auslöser drücken und weiter. Ansehen kann ich mir die Bilder auch auf dem Schiff. Auf diese Weise reize ich die zur Verfügung stehende Zeit maximal aus.











      Als ich endlich in Tromsö ankomme, muss ich mich erst einmal orientieren. Meinen ursprünglichen Plan, mich im Laufe des Tages vor Ort schlau zu machen, habe ich ja nicht befolgt. Anscheinend muss ich mit meinem Gepäck eine lange Treppe hinauf, durch das Terminal, und am Ende wieder eine lange Treppe hinunter zum Schiff. Wie blöd ist das denn?



      Es checken bestimmt 80 Passagiere neu ein, aber ich habe Glück. Weil ich nicht den Fahrstuhl runter zum Anleger genommen habe, sondern die Treppe, bin ich einer der ersten die ihre Kabinenkarte bekommen. Meine Kabine ist auf Deck 2, also gleich bei den Autos.
      Aber wo bekomme ich das Auto an den Ladekai? Es gibt keine Zufahrtsschilder aber dafür überall Schranken. Ich klettere über eine Absperrung und laufe vor dem Schiff hin und her auf der Suche nach Auskunft. Endlich sagt mir jemand, wo ich mit dem Auto warten soll. Am Terminal von Tromsö gibt es jedenfalls noch viel Potenzial für Verbesserungen.
      Nach einiger Zeit geht die Schranke endlich auf und ich kann direkt auf das Schiff fahren. Schlüssel abgeben, einparken lassen, dann schnell die 10 Schritte zur Kabine um Kamera und Stativ zu holen. Vielleicht kann ich ja noch Nordlicht fotografieren.
      Leider ist nur noch ein schwacher Bogen zu sehen, aber ein paar Hafenmotive sehen auch nett aus.







      Um 1:30 Uhr legt die Kong Harald in Tromsö ab. Für mich endlich Zeit für eine heiße Dusche :)


      Tag 10

      Gleich um 7 Uhr gehe ich am nächsten Morgen zum Frühstück. Du meine Güte, hier ist ja die Hölle los. Am Buffet herrscht ein Gedränge und es wird geschoben, getrödelt und unappetitliche Dinge angestellt. Das macht wirklich keinen Spaß. Später erfahre ich auch den Grund für das Gedränge. In Harstad verlassen gegen 8 Uhr viele Passagier das Schiff für einen Landausflug auf die Vesteralen. Da wollen natürlich alle vorher noch frühstücken. An den nächsten beiden Tagen war es übrigens viel entspannter.



      Um kurz nach acht legen wir im Hafen von Harstad an. Vom Schiff aus kann man schön das Treiben in der Stadt beobachten. Mit Radlader und Lastwagen werde großen Schneemengen fortgeschafft.













      Nächster Hafen ist Risøyhamn . Über Bordlautsprecher wird das Durchfahren der Fahrrinne als Attraktion bekannt gegeben. Allerdings muss ich sagen, dass die Durchfahrt des Postschiffes von Land aus wesentlich spektakulärer aussieht als an Bord des Schiffes. Zum Erstaunen der Lade-Mannschaft gibt es in diesem Hafen keine Fracht, wir hätten also auch vorbeifahren können.









      In Sortland steigen die Teilnehmer des Landausfluges wieder zu. Der nächste längere Aufenthalt ist in Stokkmarknes. Hier befindet sich das Hurtigruten Museum mit dem Museumsschiff Finnmarken. Besichtigen kann man das Schiff zurzeit nicht, denn es wird ein Gebäude um das Schiff gebaut.









      Der nächste Abschnitt ist, zumindest laut Reiseleitung, wieder einer der Höhepunkte der Reise - die Fahrt durch den Raftsund mit Blick in den Trollfjord . Auch hier finde ich es allerdings viel interessanter, von der Uferstraße aus aufs Wasser und die Schiffe zu schauen.







      Auf dem Weg nach Svolvaer gibt es noch ein paar schöne Motive bei Sonnenuntergang. Vielleicht klappt es ja heute noch einmal mit dem Nordlicht?



      Tatsächlich! Eine halbe Stunde nachdem wir Svolvaer verlassen haben, gibt es über die Lautsprecher den Hinweis auf Nordlicht. Viele Leute kommen jetzt an die offenen Decks auf der Suche nach dem Nordlicht.



      Ich habe mal gelesen, dass nicht jeder Mensch Nordlicht erkennen kann. Inzwischen denke ich, da ist was dran. Heute morgen hatte ich eine Unterhaltung, bei der auch Nordlicht ein Thema war. „Haben Sie gestern auch das starke Nordlicht bei Tromsö gesehen? Ja, haben wir. Allerdings war es nur auf der Kamera zu sehen, mit bloßem Auge konnten wir es nicht sehen“. Dabei war es gestern wirklich sehr gut zu sehen.
      Auch jetzt laufen ständig Leute umher und sehen nichts. Als ein französischer Mitreisender zum zweiten Mal suchend an mir vorbeikommt, halte ich ihn an und deute mit dem ausgestreckten Arm auf das Nordlicht. Aber er sieht es nichts. Da er auch Stativ und Kamera dabei hat, lasse ich ihn ein Foto in die angegeben Richtung machen. Beim Betrachten seines Kameradisplays ist er höchst erfreut und flitzt gleich zu seiner Begleitung.



      Auf dem offenen Deck am Heck des Schiffes ist jetzt ein kleines Blitzlichtgewitter im Gange. Nun ja, diese Leute sehen selbst auf den Displays kein Nordlicht. Angesichts der vielen Menschen versuche ich erst gar nicht, weitere Nordlichtfotos zu machen. Allerdings sind die Momente mit den Menschen und dem Nordlicht auch nicht schlecht.






      Tag 11

      Die gestrigen Fotos waren auch schon die letzten Fotos an Bord der MS Kong Harald, denn heute regnet es den ganzen Tag wie aus Eimern. Da kann ich mir ja mal Gedanken über den letzten Teil der Reise machen. Über die Brücken von Schweden nach Dänemark wird mir der Heimweg zu lang und mit den Fähren nach Kiel verliere ich einen ganzen Tag. Wäre noch die Fähre von Göteborg nach Frederikshavn. Aber dann ist es Samstagnacht und vielleicht Halligalli an Bord, wie schon einmal, vor ein paar Jahren. Bei der Fähre von Larvik nach Hirtshals passen Fahrzeit und Preis. Also buche ich auf der norwegischen Seite von Color Line für 695 NOK die Fähre für Übermorgen um 22:15 Uhr. Das sollte passen.

      Am Abend kündigt uns die Reiseleitung das Treffen mit einem zweiten Postschiff an. Als wir Rørvik erreichen wird es sogar noch mal wiederholt. Erst als wir angelegt haben, kommt der Hinweis, dass das andere Schiff noch gar nicht eingetroffen ist. Auf Marine Traffic hatte ich schon gesehen, dass sich das Schiff durch die Folda kämpft.
      Ihr erinnert euch, Folda , die offene Seestrecke mit dem schweren Seegang. Da müssen wir jetzt wieder durch. Meine Kabine liegt auf Deck 2, also ziemlich weit unten im Schiff. Bei diesem Seegang stehen die beiden Bullaugen immer wieder komplett unter Wasser und ermöglichen einen gespenstischen Blick unter Wasser. Ich kann gerne darauf verzichten und lege mich schlafen. In der Nachbarkabine schließen sie die Klappen vor den Bullaugen.


      Tag 12

      Wir kommen mit Verspätung in Trondheim an. Auch gut, denn so bleibt mehr Zeit für das Frühstück. Ich verlasse kurz das Schiff, um zu schauen ob der Bus schon draußen steht. Tut er nicht, aber danach lässt mich das Zugangssystem nicht mehr an Bord. Also bekomme ich für die letzten 10 Minuten einen Besucherausweis.
      Den Bus fahre ich selbst von Bord, dann folgen noch ein paar Fotos vom Schiff und schon bin ich auf der Heimreise. Das Navi habe ich auf Mautvermeidung eingestellt, denn so lerne ich auf dem Weg nach Larvik auch noch neue Regionen kennen. Color Line bringt mich nachts um zwei Uhr pünktlich ins dänische Hirtshals. Von da aus schaffe ich noch eine Stunde Fahrzeit bis zur Nachtruhe auf einem Parkplatz. Frühstück gibt es erst in Deutschland und am Sonntagnachmittag bin ich nach 12 spannenden Tagen wieder Zuhause.

      Viele Grüße,
      Gerhard

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