Fichtelbergmarsch 2016 – Einmal und nie wieder?!?

    • 2016
    • Fichtelbergmarsch 2016 – Einmal und nie wieder?!?

      Der 28. Mai 2016 – ein besonderer Tag. 03:15 Uhr klingelt der Wecker und ich quäle mich aus dem Bett. Munter bin ich aber eigentlich schon viel eher gewesen, denn ein Gewitter zieht über die Stadt. Heute ist also der Tag der Wahrheit – Fichtelbergmarsch. Von Chemnitz aus 64 Kilometer zu Fuß bis auf den Fichtelberg, dem mit 1.214 Metern immerhin höchsten Berg Sachsens :rolleyes:

      Begonnen hat alles vor knapp drei Jahren, als mich meine Freundin erstmals auf den Fichtelbergmarsch aufmerksam machte. Damals war es nur eine Spinnerei, im Herbst 2015 wurde es Ernst. „28. Mai 2016, verrückt“ schrieb sie in meine Facebookchronik :8o: Nun gut, dann sind wir eben verrückt, dachte ich und im Februar, als sich die 800 Startplätze begannen zu füllen, meldeten wir uns an. 55 Euro Startgeld eingezahlt und nun begann das Warten und gedankliche Vorbereiten. Wir drehten einige Testrunden zwischen 10 und 20 Kilometern und im April stellte ich fest, dass noch mehr bekannte und befreundete Gesichter am Marsch teilnehmen. Zwei Wochen vorm Starttermin begann ich meine Füße allabendlich mit Hirschtalgcreme einzuschmieren. Der Rucksack füllte sich mit Energieriegeln, Blasenpflastern, Wechselsocken und allerlei anderer Sachen, die wir vielleicht gebrauchen könnten... ?(


      Nun ging es also los. Während ich mir mein Haferflockenfrühstück hinein quäle, schüttet es draußen wie aus Eimern. Na super. Das fängt ja gut an... :pinch: Halb fünf holt mich meine Freundin mit dem Auto ab und wir fahren zum Startpunkt in einem Gewerbegebiet. Die Registrierung findet in einem Outdoorladen statt, eine lange Schlange windet sich über den Parkplatz in die zweite Etage hinauf und hinten raus über die Fluchttreppe wieder hinunter – jetzt haben alle eine Art AI-Bändchen am Arm. Zu acht starten wir unser Abenteuer um 5:15 Uhr. Das Gewitter hat sich verzogen und Nebel liegt in den Tälern. Die ersten Kilometer ähneln einer Hasenjagd :girl_witch: Einige Teilnehmer stürzen los, als wenn der Jäger hinter ihnen her wäre. Wir lassen uns überholen und versuchen, unser eigenes Tempo zu finden. Da die Nachfrage so groß war, sind die Startplätze sogar auf 900 aufgestockt worden. Dementsprechend groß ist das Gewusel am Anfang. Unser Grüppchen zerfällt langsam.

      Der erste Anstieg aus Chemnitz hinaus wird mit einem mystischen Lichtspiel belohnt :girl_sigh:



      Durch den Nebel sind meine Haare tropfnass, aber es ist nicht kalt, eher schwül. Gegen 8 Uhr erreichen wir nach ca. 13 Kilometern das Teichhaus Burkhardtsdorf, den ersten Verpflegungspunkt. Wir halten uns aber nicht lang auf, füllen nur die Trinkflaschen auf und gönnen uns ein Nutellabrot.



      Mittlerweile hat sich das Feld in die Länge gezogen und es läuft sich entspannter. Wanderabschnitt zwei ist ebenfalls rund 13 Kilometer lang und bringt uns mit 291 Höhenmetern aufwärts ordentlich ins schwitzen. Etwa 10:45 Uhr sind wir am zweiten Verpflegungspunkt an der Jugendherberge Hormersdorf. Ich gönne mir ein Käsebrötchen und die Schuhe werden gelüftet und vorsorglich zwei Fußzehen abgeklebt. Trotz Wandersocken reibt es etwas, aber alles noch im Rahmen :thumbup: Der dritte Abschnitt ist „nur“ 9,6 Kilometer lang und führt uns durch ein ausgedehntes Waldgebiet zum Schwarzen Teich nach Elterlein. Mitten im Wald knacken wir dann auch die 30 Kilometer und kurz danach ist die Hälfte des Weges geschafft :thumbsup:



      Es ist nun richtig drückend und Gewitterwolken bauen sich auf. Es grummelt immer lauter. Bis zum dritten Verpflegungspunkt hält das Wetter aus und wir machen eine zehn Minuten Pause. Da ich mich weder für Bockwurst noch ein weiteres Käsebrötchen entscheiden kann, esse ich eine Banane und bissel Gurke und solche Sachen, die gut runter rutschen. Und natürlich müssen wir Getränke auffüllen. So, wie man es trinkt, schwitzt man das Wasser wieder raus :wacko: Meine Freundin fühlt sich nicht mehr hundertprozentig fit. Kaum sind wir wieder losgelaufen, beginnt das Gewitter. Wir hüpfen in die nächste Schutzhütte und blicken durch die Tür nach draußen. Es schüttet, blitzt und donnert. Laufen wir weiter oder nutzen wir den hundert Meter weiter wartenden Schuttlebus und brechen ab? Ich bin für weiter laufen, sie schwankt. Nach ein paar Minuten wird der Regen schwächer und der Himmel scheinbar heller. Regenjacke angezogen und Regenschutz über den Rucksack – es geht für uns beide weiter. Keine fünfhundert Meter sind wir gelaufen, als es wieder anfängt zu schütten. Die Hose ist nach wenigen Minuten patschnass, es blitzt und donnert in einem fort und wir müssen mitten über ein Feld laufen...halleluja. Mir ist in diesem Moment echt mulmig zu mute, aber umkehren können wir nicht mehr :/ Der Regen wird noch stärker und am nächsten Berg kommt uns das Wasser als Bach entgegen. Die Schuhe kapitulieren, das Wasser fließt vorne hinein und hinten wieder hinaus. Als sich das Gewitter endlich verzieht, machen wir eine zehnminütige Trink- und Pippipause und laufen weiter Richtung Scheibenberg und dort durch den Ortsteil Oberscheibe. Es geht eine Asphaltstraße hinab... aua rufen meine Beine :sdagegen: Alles ist auf bergauf laufen eingestellt und nun geht es so was von steil bergab... Ab Kilometer 45 zieht es von der linken Hüfte den Oberschenkel hinab bis zum Knie :sdagegen: Meiner Freundin geht es nicht gut, wir sind ziemlich durchgereicht worden und laufen fast am Ende des Feldes. Hinter uns kommen schon die „Auskehrer“, Mitarbeiter des Organisationsteams, die aufpassen, dass keiner verloren geht. Den Rest unserer 8er Gruppe haben wir zuletzt am dritten Verpflegungspunkt gesehen, sie sind längst über alle Berge. Ca. bei Kilometer 47 ist bei meiner Freundin Schluss – sie gibt auf und steigt in den Shuttle-Bus. Ich laufe allein weiter und suche Anschluss an ein Wanderpärchen, das einige Meter vor uns gelaufen ist. Mein kurzer Sprint wird mit erneut schimpfendem linken Oberschenkel bestraft und jetzt schreien auch die Füße Protest :sdagegen: Durch die nassen Socken in den nassen Schuhen bilden sich langsam zwei oder drei nette Blasen. Mit den beiden eingeholten Wanderern laufe ich ein Stück und hole mir in einem kurzen Schwatz neue Motivation. Verpflegungspunkt vier wartet am Unterstaubecken Markersdorf. Die Uhr zeigt 16:50 Uhr als ich dort ankomme. Empfohlene späteste Startzeit dort ist 17 Uhr. Dann hat man noch vier Stunden Zeit, den Gipfel zu erreichen. Nach dem obligatorischen Auffüllen der Trinkflasche, schnappe ich mir ein Nutellabrot und ein Stück Wurst mit Brot dazu und suche eine Bank. Wenigstens fünf Minuten sitzen! Ich wechsle die Socken und versuche, die lästigen Blasen mit einem Pflaster zu beruhigen. Alle vorher geklebten Tapes und Pflaster haben sich durch die Flutung der Schuhe in Wohlgefallen aufgelöst und schwimmen in den nassen Socken herum. Die trockenen Socken tun gut, auch wenn die Schuhe außen herum natürlich immer noch nass sind. Kurz nach 17 Uhr mache ich mich auf den Weg. Die letzten rund 14 Kilometern gilt es, zu bewältigen :hechel:

      Diese letzte Etappe geht es fast 700 Höhenmeter bergauf und dummerweise auch 110 Meter bergab. Zunächst stapfe ich recht flott bergauf und sehe tatsächlich wieder mehrere Wanderer vor mir, die mir als Ansporn dienen. Wäre doch gelacht, wenn ich die nicht einhole! :8): Es läuft super... bis es plötzlich bergab geht... wenn meine Beine reden könnten, würden sie jetzt vermutlich schreien: „bleib endlich stehen du blöde Kuh.“ :sdagegen: oder so was in der Art. Immer wieder stelle ich mir an diesem Tag die Frage: „Warum machst du das eigentlich? Und dann auch noch freiwillig?!? Na ja, die letzten 7 bis 8 Kilometer geht es dann nur noch bergan und siehe da, es läuft! Stück für Stück arbeite ich mich voran und mit jedem Wanderer, den ich überhole, steigt mein Ehrgeiz und mein Trotz. Ich will das schaffen!!! :girl_cray2: Einen kurzen Dämpfer gibt es 4 Kilometer vorm Ziel: erst fängt es an zu regnen und dann stehe ich vor einer zwei Meter breiten Schlammpiste. Da hinauf...?!? :totumfall: die Schuhe versinken im Schlamm und ich bin soooooooo froh, die Wanderstöcke von meiner Arbeitskollegin mitgenommen zu haben. Ich suche mir eine männliche, ca. zwei Meter große Lokomotive und stapfe hinterher. Obwohl die Füße brennen, laufe ich unbeirrt weiter. Es hat sich eine Automatik eingestellt: Gehirn abschalten und einfach Schritt für Schritt vorwärts. Noch 1,8 Kilometer. Der Weg ist wieder fester, aber es geht nur noch steil geradeaus und den Berg hinauf zieht sich eine lange Schlange Wanderer – lauter schnaufende Menschen mit bunten Regenjacken und bunten Rucksäcken hinten dran. Es geht gefühlt nur Millimeterweise vorwärts :hechel: Immer noch 1,5 Kilometer. Die Bäume treten zurück, als ich endlich das Plateau des Berges erreiche. Sofort bläst mir ein kalter Wind entgegen. Noch fünf Stufen – wer zum Teufel hat die hier eingebaut?!? - dann ist es geschafft... ich bin oben... :dance4: und wer steht da direkt beim Ziel? Meine Freunde, mit denen ich heut früh in Chemnitz losgelaufen bin und die ich nun seit über 20 Kilometern nicht mehr gesehen habe :hi: Unterwegs habe ich mich mehr als einmal gefragt, ob sie es geschafft haben oder wo sie gerade stecken. Da sind sie nun. Ein tolles Gefühl! Ich bin regennass von außen und total durchgeschwitzt von innen und der kalte Wind schneidet. 11 Grad zeigt das Thermometer. Es ist 19:55 Uhr. Schnell die Fleecejacke unter die Regenjacke gezogen und eine Mütze aufgesetzt. Zwischendurch spricht uns eine Redakteurin der Freien Presse an und macht ein Foto...



      20:45 Uhr startet unser Bus zurück nach Chemnitz. Eine gute Stunde Fahrt und es zieht mir ganz schön die Augen zu :sleeping: Aber zum Schlafen ist es dann doch irgendwie zu unbequem. Die letzten großen Herausforderungen an diesem langen Tag: nach einer Stunde stillsitzen aus dem Bus steigen – die drei Etagen bis zur Wohnung überstehen – in die Badewanne hinein und wieder hinaussteigen :mosking: Nachdem alles gelungen ist, falle ich ins Bett. Was für ein Tag!

      Der Morgen danach: eigentlich möchte ich ausschlafen, aber ab halb acht geht nichts mehr. Die Blasen an meinen Füßen und die Beine tun weh. Ich watschele ins Bad wie ein Pinguin. Und ich bin mir immer noch sicher: das machst du nie wieder! Trotzdem zwinge ich mich, ein wenig im Garten herum zu laufen und mich leicht zu bewegen. Eine Mütze Mittagsschlaf und abends ein warmes Bad wirken Wunder: Montag früh fühlen sich meine Beine an wie neu, nur die Blasen zicken noch etwas herum.... :thumbsup: Vielleicht laufe ich nächstes Jahr doch wieder mit... Auf Arbeit schlage ich die Freie Presse auf und im Lokalsport prangt ein halbseitiger Artikel mit Riesenfoto vom Fichtelbergmarsch... :rolleyes:

      Die Eckdaten:
      Rund 64 Kilometer Strecke
      Insgesamt 1.700 Höhenmeter
      Start: 5:15 Uhr
      Zielankunft: 19:55 Uhr
      Der Schrittzähler sagt: 89.974 Schritte und 13 Stunden 20 Minuten Laufzeit + Pausen

      Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist: der nächste Fichtelbergmarsch findet am 20. Juni 2017 statt :rolleyes: Mein persönliches Fazit: es gab unterwegs einige Höhen und Tiefen, aber am Ende hat es trotz Quälerei Spaß gemacht :thumbsup:
    • Da kannst du aber wirklich stolz auf dich sein. Meine Grenze liegt bei ca. 20 km (mehr habe ich aber auch noch nie versucht und werde ich auch wahrscheinlich nie :D )
      Deine Fotos sind auch wunderbar, so stimmungsvoll.
      Noch mal Hut ab vor deiner Leistung :thumbsup:
      liebe Grüße Renate :gr-blume:
    • Alle Achtung, tolle Leistung :good3: :clapping: :good3:, ich dachte anfangs ich hätte mich verlesen mit den 64 km :doofy: .

      Das würde ich mir und meinem Körper nicht zutraun ( der Geist wäre ja vielleicht noch willig, aber das Fleisch ist schwach :laugh1: ) Denke meine Schmwerzgrenze läge auch bei 20- 25 km. Mein Knie hat am Freitag schon während unserer 10 km Wanderung gemuckt, sobald es bergab ging. :fie:
      Also ich vermute, dass ich an diesem Termin 2017 auch einen anderen Eintrag im Kalender haben werde :mosking:
      Die Fotos sind toll, diese Licht- und Nebelstimmung - klasse. Und das Gefühl etwas geschafft zu haben, durch das man sich so durchbeißen musste, ist grandios. :dance3:
      LG Sehpferd /Helga :ilhr:

      [/url]